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GESUNDSEIN: RENATE KNOBLAUCH: Das offene Meer des Ungewissen


Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 27.09.2018

„Er hätte den Nobelpreis in Physik bekommen können, stattdessen ist er Masseur geworden!“ ,


Es war sicherlich nicht leicht, im beginnenden 20. Jahrhundert als Jude in einem russischen Dorf aufzuwachsen. Moshe Feldenkrais war 14 Jahre alt, als er beschloss, die standigen Angriffe und Demutigungen nicht mehr hinzunehmen. Allein machte er sich auf den Weg nach Palastina. Er kampfte sich durch den russischen Winter, er ermutigte weitere judische Kinder, sich ihm anzuschliesen, bis es uber zweihundert waren, die Italiens Kuste erreichten, um von dort die Uberfahrt nach Palastina – damals britisches ...

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... Mandatsgebiet – zu wagen.

Auch in Palastina war das Leben alles andere als einfach. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Juden, viele wurden getotet. Feldenkrais begann, sich intensiv mit dem Thema der waffenlosen Selbstverteidigung auseinanderzusetzen.


Sein Denkansatz war, die Abwehrreflexe des Menschen zu nutzen und daraus eine effiziente Verteidigungsmethode zu schaffen, also mit dem Körper und nicht gegen ihn zu arbeiten.


1930 ging Feldenkrais nach Paris, wo er nicht nur seinen Abschluss in Ingenieurswissenschaften mit Schwerpunkt Mechanik samt Doktorarbeit machte, sondern auch einer der Lieblingsschuler von Jigaro Kano, dem Begrunder des Judo, wurde. Diese Beschaftigung mit der Kampfkunst sollte seine spatere Arbeit als Therapeut wesentlich beeinflussen.

Als junger Mann hatte sich Feldenkrais beim Fusballspielen eine Knieverletzung zugezogen. In seiner Pariser Zeit wurden diese Knieprobleme immer schlimmer. Manchmal waren die Schmerzen so gros, dass er wochenlang nicht auftreten konnte. Die Arzte empfahlen eine Operation, wiesen aber gleichzeitig darauf hin, dass die Aussicht auf Besserung nur bei funfzig Prozent liege. Feldenkrais lehnte dankend ab. Eines Tages sturzte er unglucklich und verletzte sich zu seiner grosen Besturzung an seinem gesunden Knie. Doch statt volliger Bewegungsunfahigkeit geschah das Unerwartete: Feldenkrais konnte am nachsten Tag – nach einer Nacht der Erholung mit tiefem Schlaf – beinahe schmerzfrei auf seinem kaputten Knie stehen.

Hier zeigt sich das Genie des wissenschaftlichen Geistes: Statt die Tatsache einfach erfreut hinzunehmen, suchte Feldenkrais nach einer Erklarung und fand diese in seinem Gehirn.

Um den Korper nach der Verletzung zu schonen, schien der fur die Motorik zustandige Teil der Gehirnrinde jene Muskeln auszuschalten, die weitere Verletzungsgefahr brachten, und dafur jene zu aktivieren, die kompensatorisch unterstutzen sollten.

Moshe Feldenkrais


© International Feldenkrais® Federation Archive

Sein eigener Korper wurde sein Experimentierfeld. Als die Nazis Paris besetzten und sein Knie daraufhin dick anschwoll, war dies fur ihn nur ein Beweis dafur, welchen Einfluss unser Geist auf den Korper hat. Seine Angst vor Verhaftung, diese gewaltige innere Anspannung, zeigte sich auch auf der korperlichen Ebene.


„Ich bin überzeugt, dass die Einheit von Geist und Körper eine objektive Realität ist. Das sind nicht nur einzelne Teile, die irgendwie miteinander in Beziehung stehen; sie bilden in ihrer Funktion ein untrennbares Ganzes.“


Feldenkrais gelang die Flucht aus Frankreich nach England, wo er als Physiker arbeitete. Ab Kriegsende schrieb er mehrere Bucher, beschaftigte sich mit Judo, Kernphysik und seiner Heilmethode, mit der er Kollegen und Freunde behandelte. 1950 kehrte er nach Israel zuruck, leitete dort fur eineinhalb Jahre die Elektronikabteilung der israelischen Armee und behandelte nebenbei fast die gesamte israelische Regierung wegen Ruckenproblemen, Gelenksschmerzen und Kopfweh. Der damalige Premier David Ben Gurion wurde enger Freund und Schuler.

Letztendlich jedoch musste Feldenkrais sich entscheiden: Kernphysik oder Heilung. Er entschied sich dafur, kranken Menschen zu helfen.

Die Feldenkrais-Methode geht davon aus, dass Menschen lernfahig sind. Egal, in welchen Problemen wir stecken, wie aussichtslos die Sache oft scheint: Es gibt Moglichkeiten, es anders zu machen.„Ich schaffe Bedingungen, in denen Menschen herausfinden können, was sie brauchen, um ein besseres Leben zu leben.“ Indem wir unsere Bewegungen bewusst wahrnehmen, langsam mit der Bewegung experimentieren, kleine Veranderungen vornehmen und die Wirkung auf das ganze System spuren, konnen wir Bewegungsprobleme und die damit verbundenen Schmerzen lindern.

1984 starb Moshe Feldenkrais im Alter von 80 Jahren in Tel Aviv.

Was er der Menschheit gegeben hat, war nicht nur eine grosartige neue Therapiemethode, sondern auch ein Beispiel fur echten wissenschaftlichen Geist: Niemals durfen wir in einer Gewohnheit, in einer starren Denkweise oder in einer Haltung gefangen bleiben. Leben ist Bewegung, Leben ist Veranderung. Es braucht viel Mut, alte Konzepte fallen zu lassen und neue, bessere Wege zu suchen und zu gehen. Es verlangt von uns, den sicheren Hafen der Schulweisheit zu verlassen und sich auf das offene Meer des Ungewissen zu wagen.

Literaturhinweis:
•„Wie das Gehirn heilt“, Norman Doidge, Campus Verlag 2015
•Fur alle, die Angst vor Demenz, Parkinson, Schlaganfall und dem Altwerden an sich haben: Unbedingt dieses Buch lesen! Die Seiten 213 bis 222 fassen die Feldenkrais- Methode in unubertrefflicher Weise zusammen.