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GETS THE BLUES


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 28.02.2019

Mit dem OSCAR-gekrönten Drama „MOONLIGHT“ ist BARRY JENKINS berühmt geworden. Jetzt legt er mit der James-Baldwin-Verfilmung „BEALE STREET BLUES“ nach. Ein Gespräch über Berlin, Harlem und Black Cinema


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Bildquelle: Monopol, Ausgabe 3/2019

TISH (KIKI LAYNE) UND FONNY (STEPHAN JAMES)


Die Zeit drängt. Vor dem Berliner Soho House wartet schon der Wagen, der Barry Jenkins zum Flughafen bringt. Der 1979 in Miami geborene Regisseur ist gefragt, berühmt, ausgebucht, seit er 2017 drei Oscars für „Moonlight“ bekam. Der nächste Film kommt jetzt in die deutschen Kinos: „Beale Street Blues“ spielt in den 70ern in Harlem. Fonny, ein 22-jähriger Bildhauer, ...

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... und die 19-jährige Verkäuferin Tish sind ein Paar. Er sitzt unschuldig im Knast, sie erwartet ein Kind von ihm. Wie James Baldwin in seinem Roman „If Beale Street Could Talk“ von 1974 erzählt Jenkins von zwei schwarzen Familien unter dem Joch des Rassismus. Doch die Liebe von Tish und Fonny ist unzerstörbar, sie bestimmt den ruhigen Puls des Films. Im Gespräch über Baldwin, Black Cinema und afroamerikanische Kunst antwortet Jenkins schnell, ausführlich und eloquent.

Barry Jenkins, Sie sind ja nicht zum ersten Mal in Berlin. Stimmt es, dass sogar ein Teil des Scripts von „Beale Street Blues“ hier entstanden ist?

Ich habe den kompletten ersten Entwurf des Drehbuchs in Berlin geschrieben. Es war eine ziemlich dunkle Zeit für mich. Ich wollte gewissermaßen meinem Leben entkommen. Zunächst war ich in Brüssel und beendete das Script für „Moonlight“. Über Berlin hatte ich so tolle Dinge gehört und stieg also, im Sommer 2013, in den Zug. Und ja, es war ein sehr besänftigender, sehr harmonischer Ort, an dem ich gut arbeiten konnte. Ob Berlin einen kulturellen oder dramaturgischen Einfluss auf das Script hatte, weiß ich nicht. Ich konnte hier jedenfalls schöpferisch sein.

Beale Street Blues“ spieltin New York. Hat Berlin Sie ein bisschen an Manhattan erinnert?

Interessanterweise existiert gar keine Beale Street in New York, nur in Memphis. James Baldwin hat seine Geschichte aber in Harlem angesiedelt. Der Autor sagt eigentlich, dass es Beale Streets auf der ganzen Welt gibt. Überall existieren Orte, an denen man Gemeinschaft, Brüderlichkeit, Liebe, Familie finden kann. Insofern fühlte ich mich durchaus umarmt von Berlin, als ich das Drehbuch schrieb. Ich habe damals nicht darüber nachgedacht, aber jetzt stelle ich fest: Ich habe meine eigene Beale Street erfunden.

Sie sagten, dass die Drehbücher von „Moonlight“ und dem neuen Film kurz hintereinander entstanden sind. Bildlich gesprochen: Wie viel Mondlicht scheint denn in der Beale Street?

Ich sehe es umgekehrt. In „Moonlight“ steckt schon viel Baldwin-Lektüre, vor allem „Giovannis Zimmer“ und „Nach der Flut das Feuer“. Es sind keine direkten Referenzen, eher hat sich die Emotion auf den Film übertragen. Baldwin war der erste Schriftsteller, bei dem ich begriff, dass es die Worte eines schwulen Autors sind. „Giovannis Zimmer“ war der erste Roman mit schwulen Charakteren für mich. Ein Einstieg in vielerlei Hinsicht.

Wie haben Sie James Baldwin gefunden oder er Sie?

Als ich in Florida zur Schule ging, war ich total verliebt in eine College-Studentin, die anderthalb Jahre älter war als ich. Leider gab sie mir einen Korb, aber auch den Tipp, James Baldwin zu lesen. Zuerst las ich „Giovannis Zimmer“ und war wie vom Schlag getroffen. Ich hatte nie von diesem Autor gehört, kein Lehrer hatte mir je empfohlen, Baldwin zu lesen. Ich war 21, es war das Jahr 2000. In dieser Zeit war Baldwin noch tabu – ein Schwarzer, der homosexuell war. Ich war geradezu schockiert darüber, dass jemand, der ähnlich aufgewachsen war wie ich, sich so ausgedrückt hat. Diese Sprache, dieser emotionale Reichtum. Ich habe mich in seine Stimme verliebt.

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»Es war nicht mein Ziel, immer wieder LOVESTORYS zu schreiben, ich wolt von universellen Erfahrungen erzählen » –Barry JENKINS


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1./2.Szenen aus „MOONLIGHT“
3.JAMES BALDWIN 1955
4.BARRY JENKINS (Mitte) inszeniert „BEALE STREET BLUES“
5.Sharon (REGINA KING) in Costa Rica
6.Ernestine (TEYONAH PARRIS), Tish (KIKI LAYNE) und ihre Mutter Sharon (REGINA KING)

Angefangen mit Ihrem Kurzfilm „My Josephine“ (2003) über den ersten, mit winzigem Budget gedrehten Spielfilm „Medicine for Melancholy“ (2008) bis zum Oscar-Gewinner „Moonlight“ und jetzt „Beale Street Blues“ – Sie erzählen immer Liebesgeschichten. Hat das einen besonderen Grund?

Interessant, nicht? Es war nicht mein Ziel, immer wieder Lovestorys zu schreiben, es ging eher um das Bedürfnis, von universellen Erfahrungen zu erzählen. Eine Sache, mit der sich die meisten Menschen identifizieren können, ist die Suche nach Liebe. Mal werden wir von Liebe erdrückt, mal leiden wir unter ihrer Abwesenheit. Fonny, die männliche Hauptfigur meines neuen Films, sitzt im Gefängnis. Wir identifizieren uns mit dieser Figur, denke ich, weil er ein Liebender ist – von der Frau, die ein Kind von ihm erwartet, durch eine Glasscheibe getrennt.

Tish und Fonny leben wie in einer Blase. Natürlich sind sie mit Rassismus konfrontiert, aber es gibt da eine Innigkeit, an der alle Zumutungen abprallen. Dagegen setzen Sie dokumentarische Fotosequenzen, was natürlich nicht aus dem Buch kommt. Hat Street Photography eine Kontrastfunktion?

Nein, es geht mir da nicht um einen Kontrapunkt. Auch nicht darum, die Story in der Realität zu erden. Der Film besteht letztlich aus Erinnerungen, Tish erzählt die Geschichte. Was du hörst und siehst, wird durch die Art und Weise vermittelt, in der sich eine 18-Jährige erinnert, an das Verliebtsein, an den ersten Sex. Ich habe mich da mit der Hauptfigur verschworen, ich zeige ihre Erlebnisse auf eine erhabene Weise. Als ich den ersten Entwurf hier in Berlin schrieb, erinnerte ich mich an einen Dokumentarfilm über Gordon Parks mit dem Titel „Family Portrait“. Der Film kreist um einen Beitrag, den Parks 1968 für das „Life Magazine“ schrieb, er lieferte auch die Fotos dafür. Der Artikel erzeugte eine gewaltige Resonanz damals. In Harlem fotografierte er eine bitterarme afroamerikanische Familie. Knapp 40 Jahre später erzählen in der Dokumentation die beiden überlebenden Kinder der Familie von ihren Erlebnissen. In „Beale Street Blues“ zeige ich Parks Porträts von armen Schwarzen im Zusammenhang mit Fonnys Freund Daniel, der von seinen Knasterfahrungen erzählt. Damit will ich zeigen: Aus diesen Kindern werden diese Männer.


»Warum erzählen wir nicht von normalen Schwarzen, die sich als KÜNSTLER betrachten? Du musst doch kein Basquiat sein » –Barry JENKINS


Wie wichtig ist es für den Film, dass Fonny ein Künstler ist – ein Bildhauer, wie auch im Roman?

Ich möchte nicht, dass die Leute denken, ich hätte eine kulturelle Mission. Ich sehe mich mehr als Künstler und Geschichtenerzähler. Aber was mich echt stört, ist dieses eindimensionale Bild von schwarzer Kultur. Das Wissen darüber sollte vertieft werden. In den meisten Büchern oder Filmen kommen bloß schwarze Künstler vor, die berühmt sind. Nur Basquiat, sonst niemand. Okay, jetzt kennen wir noch Kerry James Marshall oder Jack Whitten. Aber sie müssen berühmt sein! Deshalb war es für mich ein wichtiger Punkt zu fragen: Warum erzählen wir nicht von einem normalen Schwarzen, der sich als Künstler betrachtet? Du musst doch kein Basquiat sein, um als Künstler zu arbeiten! Jeder kann Künstler sein, der den Wunsch hat, sich auszudrücken. Fonny ist ein Künstler und ansonsten ein Kerl wie jeder andere. Bildhauerei ist einfach ein Teil seines Lebens.

Was ist Ihr Ideal von „Black Cinema“? Gibt es das überhaupt im Sinne einer gemeinsamen Ästhetik?

Interessanterweise denken wir nicht an ein „asiatisches Kino“ in Bezug auf eine einheitliche Ästhetik, sondern höchstens kulturell, im Sinne einer thematischen gemeinsamen Wellenlänge.

Immerhin sprechen wir vom „amerikanischen Kino“ …

Aber was soll das sein? Es gibt die Filme von Martin Scorsese und von Steven Spielberg, die man kaum miteinander vergleichen kann. Aber reden wir vom schwarzen Kino. Sicher existiert ein definierbares Gefühl, ein spezifischer Ausdruck in den Arbeiten von afroamerikanischen Filmemachern. Es gibt einige Solitäre wie Spike Lee, die seit Jahren stilprägend Filme machen. Aber letztlich befinden wir uns in einer so frühen Phase des „Black Cinema“, dass Aussagen darüber schwierig sind. Das ist wie beim Jazz. Ich hatte einmal eine Diskussion mit argentinischen Freunden darüber, was Nordamerika der Welt geschenkt hat. Uns fiel erst mal nichts ein, weder stilprägende Komponisten wie Bach, Mozart, Beethoven noch berühmte Mathematiker, herausragende Wissenschaftler und so weiter. Aber es gibt den Jazz! Und wie ist Jazz entstanden? Die Instrumente sind aus den Händen der Oberschicht in die Hände der schwarzen Arbeiterklasse gewandert, und die Schwarzen schufen den Jazz. Und daraus entwickelten sich Blues, Rock, Soul, alle diese Richtungen. Vielleicht wird das auch mit dem Kino passieren. Die Technologie des Kinos gelangt aus den oberen Klassen in die Hände von Menschen wie mir, die in Armut aufgewachsen sind. Da entsteht vielleicht ein anderes Kino, als wir es heute kennen. Es ist möglich. Wie es aussehen wird, wissen wir noch nicht.

„BEALE STREET BLUES“ läuft ab 7. März in den Kinos


Fotos: © Tatum Mangus Annapurna Pictures DCM (vorherige Doppelseite). © A24 - DCM. © Carl Van Vechten, Photographs collection at the Library of Congress

Fotos: © Tatum Mangus Annapurna Pictures DCM (3)

Foto: SteveSands/NewYorkNewswire/MEGA TheMegaAgency