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Gewaltfreie Kommunikation


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 07.12.2018

SOZIALKOMPETENZ Mit klarem Ziel vor Augen und den besten Argumenten gehen Sie in ein Gespräch – und scheitern kläglich. Woran liegt das nur?


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 1/2019

OSTILL / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELLEN)

Auf einen Blick: Empathisch kommunizieren

1 Um in schwierigen Konfliktgesprächen zu einer Einigung zu kommen, empfiehlt es sich zunächst, Verbundenheit zwischen den Parteien aufzubauen. Dies gelingt, wenn alle Teilnehmer das Gefühl haben, dass in der Diskussion ihre Bedürfnisse gehört werden.

2 Die »gewaltfreie Kommunikation « (GFK), begründet durch den klinischen Psychologen Marshall B. Rosenberg ...

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... (1934–2015), beschreibt den Gesprächsprozess zum Aufbau der Beziehung. Die Methode wird von zertifizierten Trainern unterrichtet.

3 Lange war nicht belegt, ob GFK-Schulungen überhaupt etwas bewirken. Inzwischen ergaben kontrollierte Studien: Teilnehmer können ihre Empathiefähigkeit verbessern und emotional belastende Situationen besser bewältigen.

Der Freund meiner Schwester hatte sie wieder einmal geschlagen, und sie rief mich weinend an. Ich bin schnell dabei auszuteilen und hätte normalerweise geschrien: ›Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich nicht mit ihm einlassen. Ich hab’s dir gesagt!!!‹ Aber damit war ich nie wirklich zu ihr durchgedrungen … Also, dieses Mal sagte ich: Wie fühlst du dich deshalb? Sie war vollkommen von den Socken. Das hatte ich sie noch nie gefragt. Wir redeten eine Weile, und ich hatte immer die gewaltfreie Kommunikation dabei im Kopf … und ich glaube, ich half ihr, weil … es fühlte sich so an, als wenn sie mir zuhört.« (J. S.*, entlassen auf Bewährung) Hin und wieder trifft man auf Menschen, die die Welt verbessern wollen. Elizabeth Marlow gehört zu ihnen.

Die Pflegewissenschaftlerin von der University of San Francisco setzt sich für Menschen am Rand der Gesellschaft ein: arme Familien, Obdachlose, Drogenabhängige, Gefängnisinsassen. Um sich wirklich ändern zu können, so ihr Kredo, müsse man manchmal ganz am Boden gewesen sein. Vielleicht auch deshalb ist sich Marlow sicher, dass gerade Straffällige von den Kursen zur »gewaltfreien Kommunikation« profitieren.

J. S. ist einer von 30 Exhäftlingen, die an ihrer Studie teilnahmen. »Das Problem seiner Schwester verschwand natürlich nicht einfach, weil er die GFK einsetzte, aber seine Verbundenheit zu ihr wuchs«, erklärt die Forscherin. Und das sei wichtig, denn je stärker das soziale Netzwerk der Entlassenen, desto seltener werden sie rückfällig. Außerdem: Nach dem achtwöchigen Training war seine Empathiefähigkeit messbar gestiegen.

Der Begriff »gewaltfreie Kommunikation«, kurz GFK, weckt unterschiedliche Assoziationen. Manche denken an Mahatma Gandhis gewaltlosen Widerstand, andere vielleicht an die Hippie-Bewegung, an antiautoritäre Erziehung oder an Eheberatung. Worum handelt es sich bei der GFK genau – um eine Methode zur psychologischen Gesprächsführung, um Selbsterfahrung, Therapie oder um den Schlüssel zum Weltfrieden? Irgendwie vereint sie ein bisschen von allem.

Es geht darum, wie man etwas ausdrückt, also um Worte und Formulierungen. Jedoch ist GFK keine bloße Kommunikationstechnik, wie Trainer immer wieder betonen. Vielmehr komme es darauf an, ein neues, empathischeres Bewusstsein zu schaffen – aufmerksam zu sein dafür, was der andere fühlt und was er braucht, die eigenen Emotionen und Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken – und damit auch persönlich zu wachsen. Und der Begründer der GFK, Marshall B. Rosenberg (1934–2015), versuchte tatsächlich zeitlebens ganz im Sinn Mahatma Gandhis weltweit Frieden zu stiften. Er arbeitete nicht nur als Therapeut mit psychisch Kranken, verzweifelten Paaren und Familien, sondern vermittelte auch in der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und half, die Rassentrennung an den Schulen zu überwinden. Später gründete er eine gemeinnützige Organisation und rief Lehrgänge für Konfliktlösung in mehr als 60 Ländern ins Leben. Nicht zuletzt reiste er selbst immer wieder in Kriegsgebiete wie Palästina, Serbien oder Ruanda, wo er verfeindete Volksgruppen miteinander ins Gespräch brachte.

Rosenbergs Wunsch nach einem friedlicheren Miteinander kam nicht von ungefähr. Als Neunjähriger zog er mit seiner Familie um, von Ohio nach Michigan in ein armes Viertel von Detroit. Dort herrschten Arbeitslosigkeit, Überbevölkerung und Wohnungsnot, die Neid und Hass zwischen den Ethnien schürten. In der zweiten Woche nach seiner Ankunft, am 20. Juni 1943, brachen blutige Rassenunruhen aus. 34 Menschen starben, 433 wurden verwundet. Franklin Roosevelt beorderte schließlich 6000 Soldaten in die Stadt, um den Ausschreitungen Einhalt zu gebieten. Kaum hatte nach den Ferien die Schule wieder begonnen, beschimpften und verprügelten zwei Mitschüler Rosenberg wegen seiner jüdischen Abstammung. All das nahm den Jungen stark mit. Bereits als Teenager, so schreibt der Psychologe später, habe er sich mit der Frage beschäftigt, wodurch die mitfühlende Natur des Menschen derart verschüttet werden kann.

UNSERE AUTORIN

Katja Gaschler ist Redakteurin bei »Gehirn&Geist«. Sie ist von der Vorstellung einer gewaltfreien Kommunikation in ihrer Familie begeistert. Leider holpert es noch bei der Umsetzung.

Ist es möglich, auch unter widrigsten Umständen empathisch miteinander umzugehen? Rosenberg war davon überzeugt und wollte möglichst vielen Menschen einen Weg dorthin aufzeigen. Zunächst aber studierte er Psychologie mit klinischem Schwerpunkt. Während seiner Promotion arbeitete er zusammen mit dem humanistischen Psychologen Carl Rogers (1902–1987), der in den 1940er Jahren die klientenzentrierte Psychotherapie entwickelt hatte. Vieles davon floss in Rosenbergs »gewaltfreie Kommunikation« ein, die in den 1960er Jahren Konturen annahm. So baute er etwa auf Rogers’ Konzept des aktiven (empathischen) Zuhörens auf. Dazu gehört es, nachzuvollziehen, was eine vorgebrachte Idee für den anderen bedeutet, die Gefühle des Gegenübers zu erspüren sowie dessen Motive und Werte zu begreifen, erklärt die Sozialpädagogin und GFK-Trainerin Anne-Claire Museux von der kanadischen Université Laval in Québec. Wir neigen dazu, uns in Konfliktgesprächen sofort auf das gewünschte Ergebnis zu konzentrieren. Doch zuallererst müsse man eine Beziehung herstellen, die jedem die Sicherheit gibt, dass seine Bedürfnisse berücksichtigt werden.

Bitten, nicht fordern
Dazu braucht es die richtige Ausdrucksweise – offen und klar, aber keinesfalls urteilend oder wertend. Will man eine Bitte vorbringen, lohnt es sich zu überlegen: Was genau soll (und kann) der andere für mich tun (siehe »Konflikte ansprechen, ohne zu verletzen«, S. 29)? Wird das Anliegen zu vage oder anklagend formuliert, etwa: »Ich würde mir wünschen, dass du dich mehr für den schulischen Erfolg unserer Tochter engagierst«, reagiert der Angesprochene vermutlich verletzt und abwehrend. Besser wäre es zu fragen: »Ich mache mir wirklich Sorgen, dass Lina wegen Mathe nicht versetzt wird: Wärst du bereit, mit ihr für die nächste Klassenarbeit zu üben?« Außerdem muss die Bitte verhandelbar sein – sie ist ein Wunsch, dem der andere nachkommen kann, keine Forderung, die bei Nichterfüllen bestraft wird! Niemand, auch kein Kind, so Rosenbergs Überzeugung, wird etwas gerne und mit vollem Einsatz tun, nur weil man es von ihm fordert.

Alles in allem keine leichte Aufgabe. Selbst wenn man Rosenbergs Standardwerk »Nonviolent Communication « genau studiert oder an einem Kurs teilgenommen hat, ist es oft schwierig, die Ideen konsequent umzusetzen. Rosenberg schlägt beispielsweise vor, im empathischen Gespräch zu »paraphrasieren«, also in eigenen Worten zu wiederholen, was wir verstanden haben (»Wenn du sagst, dass …«), und eventuell eine Vermutung anzuschließen (etwa: »Könnte es sein, dass du verletzt bist und mehr Wertschätzung brauchst?«). Manche Kursteilnehmer finden diese Ausdrucksweise künstlich, oder sie fürchten, man könnte ihnen vorwerfen, eine »Technik« anzuwenden.

STECKBRIEF GEWALTFREIE KOMMUNIKATION (GFK)

Synonyme: einfühlsame Kommunikation, Sprache der Liebe, Sprache der Einfühlsamkeit, Giraffensprache

Begründer: Marshall B. Rosenberg (1934–2015), klinischer Psychologe

Verbreitung: weltweit; etwa 500 Trainer derzeit im deutschsprachigen Raum

Schulungen: zunehmend im Gesundheitswesen und in angeschlossenen Studiengängen, in der Weiterbildung von Mediatoren, in größeren Firmen und Konzernen, in der Jugend- und Familienhilfe sowie bei der Resozialisierung von Straftätern

Marshall Rosenberg benutzte zur Verdeutlichung der GFK oft zwei Handpuppen: Wolf und Giraffe.


ETAN J. TAL (COMMONS.WIKIMEDIA.ORG/WIKI/FILE:MARSHALLROSENBERG1990.JPG) / CC BY-SA 3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/3.0/LEGALCODE)

Rosenberg reagierte auf diese Einwände. Wenn jemand zu uns sage »Lass mich bloß in Ruhe mit dem Psychomist«, brauche er offenbar zunächst ein besseres Verständnis unserer Absichten. Auch gelte es den kulturellen Hintergrund zu berücksichtigen: Ein chinesischer Kursteilnehmer hatte ihm einmal eindringlich vor Augen geführt, wie undenkbar es für ihn sei, seinen Vater direkt auf dessen Gefühle anzusprechen. GFK beruhe nicht auf mechanisch anzuwendenden Regeln, betonte Rosenberg. Sie sei eine Haltung, und die könne man sogar ohne Worte üben, mit einem Blick, einem Lächeln, einer Umarmung … Gern erzählte er seinen Zuhörern auch von Situationen, in denen er selbst falsch reagierte. Und er stellte klar: Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern es besser als bisher zu machen.

Rosenberg war Psychologe, Therapeut und besaß eine charismatische Persönlichkeit. Niemand bezweifelt seine Erfolge. Aber reagieren »Laien« nach einem Training in GFK wirklich empathischer? Ändern Menschen nachhaltig ihren Kommunikationsstil? Können sie nach einem Kurs Konflikte besser lösen? Die Datenlage zur Wirksamkeit einer GFK-Intervention war bis vor Kurzem noch äußerst dünn. Carme Juncadella von der University of Sheffield nahm 2013 in ihrer Masterarbeit die existierenden Veröffentlichungen unter die Lupe. Lediglich 14 erfüllten die bescheidenen Mindestanforderungen, und nur drei waren überhaupt in Journals publiziert worden. Fast alle Forscher beschränkten sich auf qualitative Beobachtungen an eher wenigen Teilnehmern, und bloß zwei nutzten quantitative Methoden.

Elizabeth Marlows Studie von 2012 stellte bereits eine positive Ausnahme dar: Von den 30 ehemaligen Häftlingen beendeten immerhin 19 das Training und füllten einen psychologischen Fragebogen aus. Auf einer neunstufigen Skala markierten sie jeweils ihre Zustimmung oder Ablehnung zu 30 Aussagen wie: »Wenn ein Kinofilm traurig endet, verfolgt mich das noch Stunden später « oder »Wenn jemand für sein Unglück selbst verantwortlich ist, kann ich ihn nicht sehr bedauern«. Allerdings fehlte bei der Auswertung ein Vergleich mit einer Kontrollgruppe von Exhäftlingen, die keinen Kurs besucht hatten. Dennoch folgerte die Forscherin, dass die Männer bei der zweiten Empathiemessung auf Grund der GFK besser abschnitten und nicht etwa, weil sie dieses Mal (bewusst oder unbewusst) mitfühlender antwortenwollten .

In den vergangenen Jahren kamen jedoch einige aussagekräftigere Studien hinzu. Meist stammten die Probanden aus dem Heil- und Pflegebereich. Personen, die Kranken helfen wollen, brauchen einerseits ein besonderes Einfühlungsvermögen, andererseits drohen ihnen emotionaler Stress sowie häufig auch Konflikte mit Patienten und Kollegen. 2014 boten Marcianna Nosek und ihre Mitarbeiter von der University of Francisco 55 Studierenden der Krankenpflege im ersten Ausbildungsjahr ein GFK-Training an. Nach der Intervention reagierten die Versuchsteilnehmer laut einem validierten Fragebogen (Interpersonal Reactivity Index, IRI) tatsächlich empathischer. Allerdings fehlte auch hier eine Kontrollgruppe.

Diesen Mangel behoben die Psychologinnen Renata Wacker und Isabel Dziobek von der Freien Universität Berlin 2016 in einer Studie mit Mitarbeitern einer Gesundheitsorganisation. 29 Personen durchliefen ein dreitägiges GFK-Training, 27 weitere füllten lediglich Fragebogen aus. Nach dem Kurs fiel es den Teilnehmern in einem inszenierten Konfliktgespräch leichter als zuvor, ihre eigenen negativen Emotionen mit Worten auszudrücken. Zudem konnten sie besser gewaltfrei kommunizieren als die Kontrollpersonen. Die Empathiemessung (mit der deutschen Variante des IRI) zeigte bereits einen positiven Trend, jedoch zu diesem Zeitpunkt noch kein klares Ergebnis. »Die Teilnehmer lernen in der GFK zunächst, ihr Innenleben achtsamer wahrzunehmen und präziser auszudrücken«, erklärt Wacker. Dies sei aber erst die Voraussetzung dafür, andere besser zu verstehen. Ein größerer Effekt stelle sich möglicherweise erst später ein, so die Psychologin. Deutlich gesunken war dafür bereits der emotionale Stress, den die Probanden empfanden, wenn sie mit den negativen Gefühlen anderer konfrontiert wurden.

Dem Burnout in der Pflege vorbeugen
Tatsächlich sind Pflegekräfte überdurchschnittlich burnoutgefährdet. »Kann man seine eigenen Gefühle nicht klar von den Gefühlen des anderen unterscheiden, verringert dies die eigene emotionale Stabilität«, vermutet der Psychologe Tobias Altmann von der Universität Duisburg-Essen. Dies kann zu depressiven Verstimmungen, Unsicherheit, Ängsten und psychosomatischen Beschwerden beitragen. Zusammen mit Kollegen hat Altmann 2015 das Ergebnis einer größeren randomisierten Studie veröffentlicht: Rund 320 angehende Krankenschwestern und -pfleger nahmen nach dem Zufallsprinzip entweder an einem viertägigen GFK-Kurs teil oder landeten in der Kontrollgruppe.

Drei Monate nach der Schulung kamen die Auszubildenden mit negativen Emotionen messbar besser zurecht. Sie stimmten in Tests etwa Aussagen wie »In den vergangenen Wochen … wusste ich, wie ich mich im Moment fühle« oder »… fühlte ich mich in der Lage, auch mit negativen Emotionen umzugehen« eher zu als vor dem Training und auch stärker als die nicht geschulten Studienteilnehmer. Zugleich ließen sie sich nicht mehr so leicht von den Gefühlen anderer anstecken: Aussagen wie »In vielerlei Hinsicht fühle ich mich ähnlich wie meine Patienten« bejahten sie nun seltener. »In der gewaltfreien Kommunikation richten wir die Aufmerksamkeit gezielt einmal auf die Gefühle des Gesprächspartners und einmal auf die eigenen Gefühle – das kann helfen, sie voneinander abzugrenzen«, sagt Altmann. Er freut sich zudem über erste Ergebnisse einer noch laufenden Studie mit 400 Krankenpflegekräften: »Bisher zeigt die Trainingsgruppe über zwölf Monate hinweg signifikant weniger Burnout, weniger Depressivität und weniger psychosomatische Belastungen als die Kontrollgruppe.«

Konflikte ansprechen, ohne zu verletzen

Das Ziel der gewaltfreien Kommunikation besteht nicht darin, andere dazu zu bringen, das zu tun, was wir gerne hätten. Vielmehr geht es darum, eine Beziehung herzustellen, in der sich das »naturgegebene « Einfühlungsvermögen entfalten kann und die gegenseitigen Bedürfnisse erkannt und anerkannt werden. Eine Mediation ist erfolgreich, wenn die Lösung die Bedürfnisse aller erfüllt und niemand sich dadurch benachteiligt erlebt. Dazu müssen wir einerseits »empathisch aufnehmen«, was andere sagen, andererseits uns selbst offen ausdrücken. Wollen wir ein Anliegen vorbringen, so lässt sich der Prozess in seiner kürzesten Form so beschreiben:

Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerned.

Für jeden Teilschritt hat Rosenberg detaillierte Vorschläge erarbeitet. Folgende stark verkürzte Beschreibung an einem Beispiel soll das Prinzip verdeutlichen:

a = Beobachtung

Dies bedeutet zum einen die Situation zu betrachten, ohne zu urteilen. Oft bewerten wir andere, ohne uns dessen bewusst zu sein. Sagen Sie etwa zu Ihrem Kind oder Partner: »Jetzt hast du im Bad schon wieder deine schmutzige Unterwäsche auf den Boden geschmissen!«, dann beurteilen Sie damit das Verhalten als zu oft (»schon wieder«), absichtlich (»geschmissen«) und die Kleider als schmutzig (vermutlich sind sie nur getragen). Die GFK verbietet nicht jede Bewertung, sie drängt aber darauf, diese von der reinen Beobachtung zu trennen. Letztere könnte zunächst einmal so formuliert werden: »Ich sehe, dass im Bad deine Unterwäsche auf dem Boden liegt.«

b = Gefühle

Identifizieren Sie die Gefühle, die Sie selbst verspüren, und drücken Sie diese aus, etwa: »Ich bin sehr verärgert.« »Ich fühle mich unwohl.« Oder vielleicht sogar: »Ich bin verunsichert.« Geben Sie nicht den anderen die Verantwortung für Ihr Gefühl (»Ich bin traurig, weil du …«). Laut Rosenberg ist das Verhalten der anderen nur der Auslöser, niemals die Ursache Ihres Gefühls. Sätze wie »Ich habe das Gefühl, du machst dir keine Gedanken darüber / dir ist das egal« drücken kein Gefühl aus, sondern beschreiben nur, wie wir das Verhalten anderer interpretieren.

c = Bedürfnisse

Erkennen und akzeptieren Sie das Bedürfnis, das hinter Ihrem Gefühl steht, und übernehmen Sie dadurch die Verantwortung dafür. Vielleicht haben Sie Angst, dass Ihr Kind später seinen Haushalt nicht auf die Reihe bringt und als Messie endet? Dann haben Sie das Bedürfnis nach mehr Sicherheit. Möglicherweise fühlen Sie sich verletzt, weil Sie Ihre Bemühungen, den Haushalt in Schuss zu halten, missachtet sehen. Dahinter könnte ein Bedürfnis nach mehr Wertschätzung stecken. Oder Sie hassen nun einmal den Anblick von unaufgeräumten Zimmern, weil Sie ein Bedürfnis nach Schönheit haben. Dann könnten Sie sagen: »Deine Unterwäsche liegt auf dem Boden im Bad. Wenn ich das sehe, fühle ich mich unwohl, weil mir eine ordentliche Wohnung wichtig ist.«

d = Bitten

Wie können wir so bitten, dass bei anderen die Bereitschaft steigt, einfühlsam auf unsere Bedürfnisse zu reagieren? Zum einen gilt es, diese in positiver, konkreter Sprache formulieren. Dazu muss man sich darüber im Klaren sein, welche genaue Handlung man sich vom anderen wünscht. Statt: »Kannst du dich nicht besser um deine Klamotten kümmern?« könnten Sie sagen: »Könntest du bitte nach dem Duschen die Wäsche in dein Zimmer mitnehmen oder am besten gleich in die Waschmaschine tun?«

nach Rosenberg, M. B.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Junfermann, Paderborn 2016, Konfliktbeispiel von der Autorin (KG)

Keine verbale Gewalt gegenüber Kindern
Für Rosenberg war es selbstverständlich, dass auch mit Kindern in der »Sprache der Liebe« kommuniziert werden muss. In seinen Büchern schildert er eindrucksvoll, wie er mit Hilfe der GFK sogar Zugang zu Jugendlichen fand, die als äußerst schwierig galten. Inzwischen interessieren sich viele Lehrer für das Thema gewaltfreie Kommunikation. Aber selbst wenn Schulen heute mehr Wert auf die sozialen Kompetenzen ihrer Schüler legen und konsequenter gegen Mobbing vorgehen – das Lernen und Lehren basiert mit wenigen Ausnahmen schon durch die Notengebung auf dem Belohnungs- und Strafprinzip. Manche Grund- und Gemeinschaftsschulen verzichten zwar für einige Jahre auf eine Ziffernbewertung im Zeugnis. An ihre Stelle tritt dann allerdings oft eine detaillierte Bewertung des Arbeits- und Sozialverhaltens, wie sie vermutlich auch nicht im Sinn von Rosenberg gewesen wäre.

Und was können Eltern von der GFK lernen? Bei einem Kurs ließ Rosenberg einmal zwei Gruppen einen Dialog in einer festgelegten Konfliktsituation aufschreiben. Die einen sollten dabei mit einem (fiktiven) Kind kommunizieren, die anderen mit einem Nachbarn oder einer Nachbarin. Alle waren nachträglich beim Lesen erstaunt, wie viel weniger respektvoll und mitfühlend mit dem Kind umgegangen wurde. Formulierungen, die wir uns gegenüber einem Erwachsenen nie herausnehmen würden, um ihm nicht »auf den Schlips zu treten «, scheinen wir im Dialog mit Kindern offenbar für angemessen zu halten.

Mehr Respekt gegenüber den Jüngsten fordert auch der dänische Familientherapeut Jesper Juul. Er plädiert für einen »gleichwürdigen« Umgang zwischen Eltern und ihren Kindern: Wünsche, Anschauungen und Bedürfnisse beider »Partner« sollen gleichermaßen ernst genommen werden. Ermahnungen und Anweisungen sind dabei fehl am Platz, so der Experte, sie würden das Selbstwertgefühl der Kinder untergraben. Viele Eltern fragen sich allerdings, ob sie damit ihren Nachwuchs langfristig einen Gefallen tun. Leidet ein Kind, das von Mama oder Papa nie angepflaumt wird, nicht umso mehr unter dem harscheren Ton in Kindergarten, Schule oder überhaupt im »späteren Leben«?

Rosenberg übernahm übrigens persönlich die GFK-Ausbildung der Lehrer an der Montessori-Grundschule seiner Kinder. Und machte sich durchaus Sorgen, als sein Sohn an die weiterführende Schule wechselte. Tatsächlich traf der Neunjährige gleich am ersten Tag auf einen Lehrer, der ihn wegen seiner langen Haare abfällig als »kleines Mädchen« bezeichnete. Doch der pfiffige Junge, ganz der Vater, nahm es nicht persönlich. Das unbefriedigte Bedürfnis des Lehrers lag ja auf der Hand: »Papa, ich fühlte mich traurig für diesen Mann. Er hat eine Glatze und scheint ein Problem in Bezug auf Haare zu haben.«

LITERATURTIPP

Rosenberg, M. B.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens.Junfermann, Paderborn, 12. Auflage 2016 Das Standardwerk wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. In dieser Ausgabe hat Rosenberg das Kapitel »Konfliktklärung und Mediation« hinzugefügt.

QUELLEN

Altmann, T. et al.: Evaluation of an Empathy Training Program to Prevent Emotional Maladjustment Symptoms in Social Professions.In: Psychology 6, S. 1893–1904, 2015

Marlow, E. et al.: Nonviolent Communication Training and Empathy in Male Parolees.In: Journal of Correctional Health Care 18, S. 8–19, 2012

Museux, A., Bouchard, R.: La communication non violente.In: Cerveau&Psycho 95, S. 64–69, 2018

Nosek, M. et al.: Nonviolent Communication (NVC) Training Increases Empathy in Baccalaureate Nursing Students: A Mixed Method Study.In: Journal of Nursing Education and Practice 4, 10.5430/jnep.v4n10p1, 2014

Wacker, R., Dziobek, I.: Preventing Empathic Distress and Social Stressors at Work through Nonviolent Communication Training: A Field Study with Health Professionals.In: Journal of Occupational Health Psychology 23, S. 141–150, 2018

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1606802

WEBLINK

Listet die GFK-Trainer in Deutschland, Österreich und der Schweiz: www.gewaltfrei.de

» AUF DEN FOLGENDEN SEITEN FINDEN SIE EINE SONDERPUBLIKATION DER DAIMLER UND BENZ STIFTUNG »