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GIPFEL DER ENDGEGNER


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 7/2018 vom 12.06.2018

Wenige schießen präziser aufs Tor als sie: Nationalstürmer TIMO WERNER mit dem Fuß, Red Bull-E-Sportler CIHAN YASARLAR mit dem Controller. Beide wollen in ihren Disziplinen Weltmeister werden – und haben auch sonst mehr gemeinsam, als du denkst.


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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 7/2018

Bullen unter sich: Timo und Cihan spielen beide für RB Leipzig – in der Fußball-Bundesliga bzw. auf E-Sport-Turnieren.


DER E-SPORTLER

Name: Cihan Yasarlar
Alter: 25
Sportart: „FIFA 18“
Größter Erfolg: Europameister 2017
Markenzeichen: verschleißt die Vorwärts-Taste als Erstes (aus Liebe zum Offensivspiel)

DER PROFI-KICKER

Name: Timo Werner
Alter: 22
Sportart: ...

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... Fußball
Größter Erfolg: Confederations-Cup-Sieg 2017
Markenzeichen: sprintet jedem Verteidiger davon (auf 30 Metern fast so schnell wie Usain Bolt)

Durchstarter: Im Alter von 17 Jahren und 164 Tagen spielte Timo Werner zum ersten Mal in der Bundesliga.


Ausdauer-Athlet der anderen Art: Cihan trainiert bis zu acht Stunden am Tag.


„WENN ICH MEINE FREUNDE JUBELN HÖRE, IST DAS DER GEILSTE SOUND DER WELT.“
CIHAN YASARLAR


Den Stuttgarter, 22, und den Berliner, 25, verbindet viel mehr als der gemeinsame Verein RB Leipzig (ja, Leipzig spielt auch in der virtuellen Bundesliga): Beide hatten als Jugendliche von einer Karriere als Profi-Fußballer geträumt, beide erfüllten sich den Traum – jeder auf seine Weise. Der Schwabe Timo Werner debütierte mit 17 Jahren in der Bundesliga-Elf des VfB Stuttgart, gewann 2017 mit der deutschen Nationalmannschaft den Confederations Cup und gilt auch bei der Weltmeisterschaft in Russland als Sturmhoffnung der DFB-Auswahl. Der Deutsch-Türke Cihan Yasarlar trainierte, nachdem er seine Nachwuchskarriere auf dem Rasen verletzungsbedingt hatte beenden müssen, wie besessen für eine Karriere als E‑Sport-Profi, im virtuellen Fußballspiel „FIFA“ von EA Sports. Er wurde 2015 bei einem Show-Spiel auf der Internationalen Funkausstellung entdeckt und gewann seither zweimal deutsche ESL Meisterschaft und die Europameisterschaft. Ach ja, eine weitere Gemeinsamkeit: Keiner der beiden zockt auf „FIFA 18“ mit dem virtuellen Timo Werner.

THE RED BULLETIN: Timo, Cihan, ihr gehört in euren Bereichen zu den Besten der Welt. Eine herausragende Stärke, die euch verbindet: auf den Punkt genau fokussieren zu können. Ist diese Fähigkeit angeboren?
TIMO: Im Gegenteil! In der Schule konnte ich nie stillsitzen. Mir war alles zu langweilig.
CIHAN: Ich war nach außen hin in der Schule ganz artig, ganz ruhig. Dafür war ich manchmal innerlich höchstens zu 30 Prozent anwesend(lacht) .

Wie habt ihr diese einstigen Schwächen in Stärken verwandelt?
TIMO: Das geht von selbst. Vor 50.000 Zuschauern schießt Adrenalin durch deinen Körper, das gibt dir einen extremen Fokus. Dein Körper funktioniert anders, du nimmst alles anders wahr.

Inwiefern?
TIMO: Du bist völlig im Moment, dein Körper reagiert in dieser Extremsituation eher instinktiv als rational. Lücken in der Abwehr oder freistehende Mitspieler erkennst du binnen Millisekunden.

Cihan, bei dir ist das mit dem Adrenalin wohl ein wenig schwieriger, oder? Du spielst deine Matches maximal vor ein paar hundert Zuschauern.
CIHAN: Dafür schauen Hunderttausende online zu – das hab ich jederzeit im Hinterkopf. Und allein das zu wissen, pusht mich unglaublich.


„ADRENALIN GIBT DIR EINEN EXTREMEN FOKUS, DU NIMMST ALLES ANDERS WAHR.“
TIMO WERNER


Auf Augenhöhe: Mit 22 Jahren gilt Timo bereits als einer der besten Stürmer der Welt.


Aber der Stadionsound fehlt dennoch …
CIHAN: Der kommt aus meinen Kopfhörern. Über die höre ich den Gamesound oder Hip-Hop, zum Beispiel Berliner Rap oder Klassiker wie 2Pac. Da geht es mir ganz ähnlich wie Timo, ich kann alles um mich herum vergessen.

Einfach Adrenalin triggern? Reicht das wirklich für Fokus, der Höchstleistungen möglich macht?
TIMO: Nein. Um wirklich fokussiert sein zu können, brauchst du davor vor allem eines: Leidenschaft für das, was du tust. Es war immer mein Traum, Fußballprofi zu werden. Deswegen war ich schon als Jugendlicher 90 Minuten bei der Sache – und da gab es kein Stadion-Getose, da waren vielleicht 50 Zuschauer. Aber wenn du mit Leib und Seele für etwas brennst, fällt dir Konzentration leicht.
CIHAN: Auch da geht’s mir ähnlich. Ich habe mit Anfang zwanzig alles auf eine E-Sport-Karriere gesetzt, wollte unbedingt mein Geld mit „FIFA“ verdienen. Da bin ich im Spiel versunken, habe Stunde um Stunde um Stunde gezockt. Konzentration war da nie ein Problem, nur Müdigkeit, wenn es plötzlich vier Uhr früh war.

Timo, kaum jemand weiß, dass du unter den analogen deutschen Fußballern tatsächlich zu den besten digitalen Kickern zählst. Spielst du bei „FIFA 18“ ab und zu auch mit deinem virtuellen Gegenpart?

TIMO: Nein, nie! Da würde ich mich viel zu sehr aufregen, wenn der virtuelle Timo nicht trifft oder einen entscheidenden Fehlpass spielt(lacht) .
CIHAN: Für mich kommt Timo bei „FIFA 18“ leider auch noch nicht in Frage, ich spiele schließlich im Ultimate-Team-Modus. Das bedeutet, ich stelle mir die elf besten Spieler der Welt zusammen – inklusive Legenden wie Patrick Vieira, die im wahren Leben schon lange nicht mehr auf dem Platz stehen, virtuell aber überragende Wertungen haben. In diesen Sphären befindet sich leider noch kein Spieler von RB Leipzig.

Wie viel habt ihr in eurer Jugend an der Konsole gezockt?
TIMO: Zwei bis drei Stunden pro Tag, nicht mehr, dann haben meine Eltern an die Tür geklopft. Aber Cihan, so gut, wie du spielst, haben deine Eltern wahrscheinlich nicht geklopft, oder?
CIHAN: Doch, aber ich habe nicht aufgemacht(lacht) . Außerdem habe ich fast immer nachts gespielt, online gegen meine Freunde, stundenlang. Dabei waren wir über unsere Headsets miteinander verbunden und haben über alles Mögliche gesprochen – Schule, Fußball, Mädchen. Daraus sind Freundschaften fürs Leben entstanden.

Dass Zocken im wirklichen Leben Freundschaften entstehen lässt, ist aber keine mehrheitsfähige Ansicht.
TIMO: Ist aber bei mir auch so! Viele meiner besten Freunde von zu Hause sind lustigerweise gar nicht so beein druckt von meiner Fußballer-Karriere. Nach meinem ersten Bundesliga-Einsatz oder meinem ersten großen Vertrag hat sich kaum einer gemeldet. Aber als der Score des virtuellen Timo Werner in „FIFA 18“ auf über 80 aufgewertet wurde, kamen ohne Ende WhatsApp-Nachrichten.

Doppelt gut: 2018 gewann Cihan zum zweiten Mal den nationalen Titel der ESL-Frühjahrsmeisterschaft.


Echte Spieler: Timo gilt als bester Gamer in der RB-Kabine, Cihan schaffte es als Kicker bis in die Oberliga.


Ich möchte wissen, mit welchen Tricks und Ritualen ihr vor einem wichtigen Spiel eure Konzentration hochfahrt. Timo?
TIMO: Ein bisschen Musik in der Kabine zur inneren Sammlung, und los geht’s. Manche Spieler haben komplexere Routinen. Gehen immer 15 Minuten vor dem Aufwärmen für eine letzte Massage zum Physio, fünf Minuten vorher auf die rechte Toilette und so weiter. Im Camp Nou, dem Stadion in Barcelona, steht ja sogar eine Kapelle für die Spieler.

Cihan?
CIHAN: Ich bete auch vor jedem Match, aber nur innerlich. Ich bitte um Kraft und Ruhe für das Spiel, das gibt mir einfach eine große Sicherheit.

Wirklich überhaupt nicht nervös vor dem Anpfiff?
TIMO: Nein, gar nicht … außer – doch, kurz – in diesem einen Moment, wenn wir das letzte Mal einen Kreis gebildet haben und auf unsere Positionen laufen – da rutscht mir manchmal einen Moment lang das Herz in die Hose. Am meisten hilft dann aber Bewegung. Sobald der Ball rollt, laufe ich Vollgas den Gegner an, dann verdrängt Energie die Nervosität.

Bei dir, Cihan, ist das mit dem Lossprinten nicht so drin: Als E-Sportler sitzt du auf einem Stuhl.
CIHAN: Und trotzdem gilt es die Nerven unter Kontrolle zu behalten, genau darin liegt die größte mentale Herausforderung bei „FIFA 18“.

Es gibt ein Video, das zeigt, wie du dir nach einer Niederlage vor Wut die Trainingsjacke vom Leib reißt und wild durch die Halle brüllst.
CIHAN: Da hatte ich das entscheidende Spiel um den vorzeitigen Einzug in die WM-Runde der letzten 16 verloren. Ich hatte wahnsinnig oft aufs Tor geschossen, aber nur zweimal getroffen, mein Gegner hatte bei drei Schüssen dreimal getroffen. Das hat sich unglaublich ungerecht angefühlt.

Zum Glück hast du die nächste Runde später doch noch erreicht. Abgesehen davon: Timo Werner würde nicht sagen, eine Niederlage sei ungerecht, nur weil er den Ball wieder und wieder am Tor vorbeigesemmelt hat.
CIHAN: Weil er es allein in der Hand hat! Aber bei E-Sport spielt immer auch die Programmierung des Spiels eine Rolle – der gegenüber du machtlos bist. Aber aus der Erfahrung in Barcelona habe ich gelernt, dass solche Ausbrüche den Frust nur verstärken. Ich konnte drei Tage lang an nichts anderes mehr denken als an diese Niederlage. Unnötig! Da habe ich mir vorgenommen, gelassener zu werden.

Timo, so ein Ausbruch wie bei Cihan wäre bei dir kaum denkbar. Täuscht diese Abgeklärtheit, die du ausstrahlst?
TIMO: Ich merke, dass mit der Zeit auch die Gelassenheit zunimmt, ja. Irgendwann habe ich kapiert: Selbst wenn ich eine hundertprozentige Chance vergebe, verliere ich nicht gleich meinen Stammplatz. Anders ausgedrückt: Ich weiß, ich kann mich darauf verlassen, dass ich ein guter Fußballer bin, weil ich’s schon oft bewiesen habe. Das nimmt Druck weg.

Was hilft dir gegen den extremen Druck vor einem Elfmeter? Wenn jeder ein Tor von dir erwartet?
TIMO: So schnell wie möglich schießen. Da musst du einfach durch. Selbst einem Cristiano Ronaldo siehst du vor einem Strafstoß die Anspannung im Gesicht an, aber dann atmet er einmal durch und zimmert den Ball in den Winkel. Schwieriger wird es, wenn nach dem Pfiff erst mal der Videobeweis kommt, du mit dem Ball am Punkt warten musst …

… und dir zehntausende Fans beim Nachdenken zuschauen.
TIMO: Da musst du aufpassen, dass das Kopfkino nicht losgeht. Ganz falsch wäre, wenn du zum Beispiel darüber zu grübeln anfängst, was der Torwart vorhat. Manchmal gehe ich dann zu einem Mitspieler und fange ein banales Gespräch an, etwa über die letzte Spielsituation, einfach um mich kurz abzulenken.


„ZU WISSEN, DASS HUNDERTTAUSENDE ONLINE ZUSCHAUEN, PUSHT MICH UNGLAUBLICH.“
CIHAN YASARLAR


Cihan, für dich gehört Warten auch zum Sport. Auf Turnieren spielst du manchmal sieben Spiele zu je 15 Minuten. Was machst du in der Zeit dazwischen, das sind ja Stunden, die du totschlagen musst!
CIHAN: Zum Glück reise ich meistens mit zwei, drei Freunden an, die lenken mich in den Pausen ab.

Du bist digitaler Sportler, dein Zuhause ist die virtuelle Welt! Wieso nimmst du nicht das Smartphone zum Ablenken?
CIHAN: Das lenkt wieder zu sehr ab. Übers Smartphone kommuniziere ich ja mit meinen Fans, auf Facebook, Twitter und Instagram schreibe ich ihnen, wo ich gerade bin, was ich mache. Aber auf Turnieren setze ich vor dem ersten Spiel eine Nachricht ab – „Jetzt geht’s los“ –, dann aktiviere ich den Flugmodus. Außerdem feuern mich meine Kumpels während der Spiele an. Wenn ich sie nach einem Tor jubeln höre, ist das der geilste Stadionsound der Welt.

Auf Instagram: @cihanyasarlar @timowerner


Fotos CHRISTOPH NEUMANN