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Giro perfetto


Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 09.07.2021

Cima Presanella | Hochtour

Artikelbild für den Artikel "Giro perfetto" aus der Ausgabe 8/2021 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bergsteiger - Das Tourenmagazin, Ausgabe 8/2021

1 Im Abstieg von der Cima Presanella

Ja, wir haben Platz für euch. Und die Tourenbedingungen sind zur Zeit optimal.« Vor dem Anruf beim Rifugio Denza rechnete niemand von uns damit, spontan vier Schlafplätze auf einer Berghütte zu bekommen. Schließlich brauchte man im Juni 2020 zumindest in den Bayerischen Bergen so etwas wie den »Sechser im Lotto«, um am Wochenende eine Übernachtung auf einer der gerade erst wieder geöffneten Alpenvereinshütten zu ergattern. War es woanders am Ende viel leerer?

Tatsächlich steht kein einziges Auto zwischen den grünen Lärchen am kleinen Hüttenparkplatz. Beim Anstieg zum Rifugio kommen uns außer tosendem

1 Letzter Anstieg zum Gipfelkreuz der Cima Presanella

Schmelzwasser nur zwei braun gebrannte Skitourengeher entgegen. Zum Saisonabschluss haben sie ihre Bretter bis auf etwa 3000 Meter hoch getragen.

Leuchtende Alpenrosen und ...

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... glitzernder Granit begleiten den Weg im Lärchenwald. Dann baut sich urplötzlich die breite, steile Nordwand der Cima Presanella vor uns auf. Berüchtigte Eisrouten führen durch die jetzt im Frühsommer noch ziemlich weiße Mauer. Wir tendieren zum deutlich leichteren Normalweg, wollen den 3558 Meter hohen Gipfel dafür am nächsten Tag von Norden nach Süden überschreiten.

Rast im Rifugio

»Deine Drei-Tage-Runde ist eine echt gute Idee!« Das Lob von Hüttenwirt Mirco Dezulian, der sich zum Abendessen zu uns gesellt, geht runter wie bestes Olivenöl. Zusammen mit seiner Frau Erika, einem jungen Kellner und einem gestandenen Koch bewirtet er auch im Corona-Sommer seine geliebte Hütte. Mirco ist sich freilich alles andere als sicher, ob sich das Ganze irgendwie rechnet: »Es haben so gut wie alle Gruppen für diesen Sommer abgesagt.«

Ein Blick in die gemütliche Stube, in der an einem Freitag mit bester Wetterprognose außer uns Vier gerade noch fünf weitere Gäste sitzen, bestätigt seine Aussage. Trotzdem packt der leidenschaftliche Musiker nach dem Nachtisch Zieh-, Mundharmonika und Gitarre aus. Von süditalienischen Canzoni bis zu Trentiner Gipfelmelodien hat Mirco alles drauf. Bevor das Licht ausgemacht wird, gibt uns Mirco seine Hoffnung mit: »Vor dreißig Jahren war die Presanella- Gruppe bei den Deutschen sehr beliebt. Aber jetzt kommen eure Landmänner kaum noch zu uns. Vielleicht kann uns dein Artikel ja ein bisschen helfen.« Das hofft der Autor dieser Zeilen sehr, zumal das Rifugio Denza locker einen Top-Ten- Platz in seiner persönlichen und nicht gerade kurzen Liste von Lieblingshütten sicher hat.

Am nächsten Morgen folgen ein geheimnisvoll dunkler Bergsee, in der Sonne glänzende Gletscherschliff-Platten und ein ideal geneigter, spaltenarmer Gletscher mit gutem Trittschnee. Der Übergang zum Gipfelanstieg ermöglicht, vergeht wie im Flug. Der Name der 3375 Meter hohen Scharte geht auf den englischen Bergpionier Douglas William Fres- der Cima Presanella gemeinsam mit vier Gefährten gelang. Am 25. August 1864 errichteten die Gipfelstürmer dort oben einen Steinmann. Sehr zur Enttäuschung nachfolgender vermeindlicher Erstbesteiger.

Uns ist es herzlich egal, wie viele Bergsteiger seitdem die Cima Presanella gemeistert haben. Hauptsache, wir sind an diesem traumhaften Samstag mutterseelenallein unterwegs. Der zum Gipfelauf bau führende Firngrat erfordert kurz absolute Schwindelfreiheit. Und auch einigen weit über die Abbruchkante hinausragenden Wechten darf man nicht zu nahe kommen. Dann geht es in leichter und vor allem bombenfester Blockkletterei zum Gipfelkreuz hinauf.

Die grandiose Aussicht wird von den Quellwolken zwar kaum eingeschränkt. Doch die Wasserdampfgebilde wachsen und wachsen. Kein Wetter, um Wurzeln zu schlagen. Schließlich können wir auch für den langen Abstieg nach Süden kein Gewitter gebrauchen. Im weißen Firn steigen wir zügig zum Passo Monte Nero hinab. Dort richtete Egidio Bonapace 2012 einen neuen Klettersteig ein, nachdem der alte, eine Scharte weiter oben gelegene Übergang immer Steinschlag gefährdeter wurde. Der Klimawandel verschont auch das Trentino in Sachen Anstieg der Permafrostgrenze nicht. Mit soliden Stahlseilen und Trittstufen hat der Hüttenwirt des Rifugio Segantini beim Bau nicht gegeizt, was die letzte alpinistische Einlage des langen Bergtags durchaus erleichtert.

Den Cappuccino auf der herrlich gelegenen Hüttenterrasse haben wir uns morgigen Rückweg über den Passo Scarpaco ins Val di Sole ziemlich interessant und verspricht einen einsamen Bergtag. Schließlich steigen so gut wie alle seiner Besucher von Madonna di Campiglio aus auf und wieder ab.

Einsames Kleinod

Und tatsächlich. Am nächsten Morgen haben wir den sensationellen Brenta-Blick auf der Querung zur Bocchetta dell´Uomo ganz für uns allein. An den Laghi di Cornisello treffen wir lediglich zwei weitere Wanderer, bevor der vollkommen einsame Anstieg zum Passo Scarpaco beginnt. Je höher wir kommen, Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die 2617 Meter hohe Scharte eher selten Besuch bekommt. Auf ihrer Nordseite zieht sich ein riesiges Altschneefeld fast bis zum Talboden hinab. Der Abstieg zum Lago Venezio gestaltet sich deshalb genauso knieschonend wie zügig. Unten angekommen können wir es nicht fassen, dass wir auch dieses Kleinod der Presanalla-Gruppe für uns allein haben. Genauso wie das abschließende, wunderschöne Val Piana. Bei einem Aperol Spritz in Ossana sind sich alle einig: Das war die perfekte Runde! ◀

Als Michael Pröttel die Presanella-Runde mit digitalen Karten austüftelte, ahnte er nicht, was für eine landschaftlich schöne Tour dabei herauskommen würde.