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Git arren für die Generation Z


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 12.04.2022

Musik Porträt

Artikelbild für den Artikel "Git arren für die Generation Z" aus der Ausgabe 8/2022 von tip Berlin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Zurzeit läuft alles rund bei den Giant Rooks. Im Uhrzeigersinn: Fred Rabe,Finn Thomas, Luca Göttner, Finn Schwieters, Jonathan Wischniowski

Wenige Tage vor dem Beginn ihrer großen Tour findet unser Interview mit Frederick Rade (Leadsänger) und Finn Schwieters (Gitarre), zwei Fünfteln der Giant Rooks, per Zoom statt. Finn sitzt mit einem Kaffee in der heimelig eingerichteten Küche, bei Fred sind, wie es sich für einen Musiker gehört, Instrumente im Hintergrund zu sehen: Keyboard und Gitarre. Kaum von der USA- Tour mit Milky Chance zurück, steht nun die eigene Tour an, dutzende Konzerte in Europa und Nordamerika. Ihre ersten Headliner-Shows in der Größenordnung: An zwei aufeinanderfolgenden Nächten spielen sie Konzerte in der Berliner Columbiahalle. Sowas machen sonst Indie-Rock-Größen wie die Arctic Monkeys. Auch in New York treten sie im Mai gleich zwei Mal auf. „Wir haben 2017 unsere erste Show vor 300 Leuten gespielt“, erzählt Finn. „Ein Jahr später waren es 1.000 Menschen, und jetzt wird unsere größte Tour stattfinden ...

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... mit mehreren tausend Besucher:innen.“

Von NRW nach Berlin

Und das, obwohl es die Band erst seit wenigen Jahren gibt. Angefangen hat alles mit den beiden Cousins Fred und Finn in ihrer ursprünglichen Heimatstadt Hamm – und dem Wunsch, Musik zu machen. Die Suche nach weiteren Bandmitgliedern verlief holprig: „Es war gar nicht so einfach, Musiker zu finden, die einen ähnlichen Geschmack haben und sich auch vorstellen können, mehrere Monate auf Tour zu sein“, sagt Fred.

Trotzdem stoßen noch drei weitere Mitglieder zu der Gruppe, sodass die Giant Rooks 2014 in ihrer heutigen Konstellation zusammenfanden. „Wir haben im Keller von meinem Papa angefangen zu spielen und machen jetzt seit acht Jahren Musik“, erzählt Finn. Damals habe es aber noch keine Texte, bloß Wortfetzen gegeben. „Es gab dann mal eine Version vom Text, aber ich war viel zu aufgeregt, um mir alles zu merken“, erzählt Fred grinsend.

Kaum vorzustellen, denn heute sind die englischsprachigen Lyrics ein elementarer Teil ihrer Musik geworden. Ob es die Giant Rooks in dieser Anfangsphase auch mal auf Deutsch probiert haben? Nie. „Das war Intuition. Wir sind ausschließlich mit englischsprachiger Musik aufgewachsen“, erklärt Fred. Das erste Konzert spielten sie dann für ihre Eltern. „Das war natürlich auch ein bisschen naiv“, meint Fred. „Natürlich sagen die eigenen Eltern, dass ihre Kinder das ganz toll gemacht haben.“

Und doch scheinen die Eltern mit ihrer Einschätzung richtig gelegen zu haben, denn wenige Jahre später standen die ersten großen Auftritte an: 2019 gingen die Giant Rooks mit AnnenMayKantereit auf Tour – ohne bis dato selbst ein Album veröffentlicht zu haben. Der Erfolg hört nicht auf. Im gleichen Jahr räumen sie den Preis für Popkultur in der Kategorie „Hoffnungsvollster Newcomer“ ab. Auf der gemeinsamen Tour haben Giant Rooks und AnnenMayKantereit auch zusammen musiziert und ein Cover von Suzanne Vegas „Tom’s Diner“ veröffentlicht, das in den Staaten viral ging. Auch im internationalen Vergleich können Giant Rooks also problemlos mithalten. Erst ein Jahr später, 2020, folgte dann ihr heiß ersehntes Debutalbum „Rookery“.

Was die Giant Rooks als Vorband für AnnenMayKantereit und dieses Jahr aufs Neue mit Milky Chance beweisen konnten: dass es sich wirklich lohnt, sie live spielen zu sehen. Jede Performance ist einzigartig. „Immer wenn wir wieder auf Tour gehen, verspüren wir den Drang, unsere Songs umzukrempeln für die Bühne“, erklärt Fred. Die Energie, mit der die Giant Rooks auf die Bühne gehen, elektrisiert. Manche Lieder wie „New Estate“ sind vollgepackt mit Rhythmus und guter Laune. Da kann man nicht anders, als mitzusingen und zu tanzen. Andere Stücke wie „All Good Things (Come To An End)“ sind gefühlvoll, und die Lyrics klingen nostalgisch.

„Wenn Fred sich ans Klavier setzt, darf ich dann ’ne Zigarette rauchen, das ist ein guter Moment“

FINN SCHWIETERS, GITARRIST DER GIANT ROOKS

Sänger Fred weiß aber nicht nur mit seiner Stimme umzugehen. Bei manchen Liedern schnappt er sich gerne zusätzlich das Schlagzeug, Rasseln oder eine Gitarre. Bei „Into your Arms“ setzt er sich sogar ganz allein ans Klavier. „Da darf ich dann kurz einen Schluck Bier trinken und ʼne Zigarette rauchen, das ist ein guter Moment“, sagt Finn. „Und natürlich, weil Freds Performance super gut ist“, schiebt er dann noch hinterher. Fred muss lauthals lachen.

Die Leere nach dem Menschenmeer

Trotz der Tour-Erfahrungen, die Giant Rooks bereits sammeln konnten, sind ihre Konzerte immer noch keine Routine. Finn erinnert sich an den bisher größten Auftritt ihrer Karriere zurück, mit 20.000 Zuschauer:innen: „Das konnte man gar nicht fassen, das war einfach ein riesiges Meer aus Menschen. Ich weiß noch, dass danach einfach nur Leere war, denn das Gefühl auf der Bühne war so krass, dass danach alle Emotionen aufgebraucht waren.“

Kein Wunder also, dass sie alle noch immer vor jedem Auftritt nervös sind. „Ich brauche immer so 30 Sekunden, in denen ich ganz allein bin, um kurz in mich zu gehen, um voll im Moment zu sein“, sagt Fred. Auch Finn brauche seine Zeit allein. Trotzdem sei es wichtig, auch einen Moment zusammen zu verbringen. „Das Ziel vor jedem Auftritt ist es, den Zustand zu erreichen, wo wir als Einheit auf die Bühne gehen“, erklärt Finn. „Wenn man das nicht tut, kann es sein, dass man es erst beim dritten Song erreicht – oder auch gar nicht“, ergänzt Fred.

Zu neuer Musik können sich die beiden leider noch nicht äußern. Sie seien in den letzten zwei Jahren aber viel im Studio gewesen. „Die Songs existieren, es ist nur eine Frage, wann wir sie rausbringen“, kündigt Fred an. Bis Ende Juli sind die Giant Rooks erstmal auf Tour. Um es in Freds Worten auszudrücken: „Wir wissen noch nicht, was uns erwartet, aber wir sind maximal gespannt.“ Und wir erst.

Columbiahalle Columbiadamm 13, Tempelhof, Di 26.4. + Mi 27.4., 20 Uhr, 35 €

Late-Jubiläum

GusGus sind vor einem Vierteljahrhundert unter skurillen Umständen entstanden

ELECTRO-POP Genau genommen gibt es Gus-Gus seit 27 Jahren. Doch da in den letzten zwei Jahren pandemiebedingt wenig ging auf den Bühnen dieser Welt, darf man ruhig nachfeiern, dass es das damals zufällig entstandene Kollektiv nun schon seit einem Vierteljahrhundert gibt. Und das, obwohl die isländische Band (in ihrer ursprünglichen Besetzung) eigentlich für etwas ganz Anderes zusammengetrommelt worden war – nämlich, um bei einem Kurzfilm mitzuwirken.

Sänger Daníel Ágúst Haraldsson (der übrigens 1989 beim Eurovision Song Contest angetreten war) sollte darin die Hauptrolle spielen. Als der Film wegen Finanzierungsschwierigkeiten auf Eis gelegt wurde, nahm man kurzerhand ein Album auf. Schließlich hatte man mit Birgir Þórarinsson alias Bigg, der Keyboarder von GusGus werden sollte, auch einen Musiker am Set; mit seiner damaligen Band T-World hatte er sich da schon zwischen Electropop und Techno ausprobiert.

Sowohl die Besetzung der Band als auch der Sound ihres Electropop waren stets im Wandel begriffen. Mal klangen sie nach melancholischem House, dann nach Pop in Reinform und zwischendurch auch mal nach Triphop. Und dabei doch immer nach GusGus. Immer wieder bewiesen sie darüber hinaus ein gutes Händchen für Kollaborationen. Zuletzt veröffentlichten sie etwa mit dem Songwriter John Grant den Track „Love Is Alone“,zu finden auf dem aktuellen Album „Mobile Home“ – das nun endlich seine Live-Premiere erlebt.

STEPHANIE GRIMM

Silent Green Betonhalle Gerichtstr. 35, Wedding, Mi 27.4., 20 Uhr, ausverkauft

WIR VERLOSEN 5X2 TICKETS

E-Mail bis Mo 25.4. an: geschenkt@tip-berlin.de; Betreff: GusGus

Holz und Wein

Papooz aus Paris huldigen Joni Mitchell, „Mama” Cass Elliot und Neil Young

FUNKY FOLK Kennengelernt haben sich Ulysse Cottin und Armand Penicaut — zusammen sind sie Papooz — in der Warteschlange für ein Patti-Smith-Konzert. Doch das sollte sich nicht als programmatisch für das Musikschaffen der beiden Franzosen erweisen, das sich aus dieser Begegnung letztlich ergab. Statt der nervösen Punk-Energie einer Patti Smith geben sie sich seither nämlich ganz dem eingängigen Wohlklang hin. Wenn auch der raffinierten Sorte: Ihr Folkpop klingt nach der US-amerikanischen Westküste, nach dem Laurel Canyon, den die Subkultur-Prominenz von Joni Mitchell über „Mama” Cass Elliot bis Neil Young in den 1960er und 1970er Jahre zum legendären Ort werden ließ.

Aber auch die Liebe zum Bossa Nova blitzt bei Papooz immer wieder durch. Sie selbst nennen ihren Sound Tropical Groove — wobei die Betonung wohl auf Groove liegt. Schließlich steckt in ihren Songs eine beiläufige Funkiness, die im Folkpop nicht allzu verbreitet ist. Auf dem Vorgängeralbum „Night Sketches“ feierten sie noch den Psychedelic Pop und ihr Faible für George Harrisons speziellen Gitarrensound. Das aktuelle Album „None of This Matters Now“, ihr viertes, klingt noch schwelgerischer.

Das könnte mit zwei Zutaten zu tun haben, die bei seiner Entstehung zentral war: Wein und Holz. Aufgenommen wurde es im ländlichen Südfrankreich, in dem komplett aus Holz gebauten Studio ihres Schlagzeugers Pierre-Marie Dornon. Tagsüber wurde geprobt, abends dann Rotwein getrunken und das Ganze eingespielt. Kein Wunder, dass das Ergebnis nach Vintage klingt.

STEPHANIE GRIMM

Badehaus Revaler Str. 99, Friedrichshain, Mi 27.4., 20 Uhr, VVK 19 €

WIR VERLOSEN 5X2 TICKETS

E-Mail bis Mo 25.4.. an: geschenkt@tip-berlin.de; Betreff: Papooz

Regenbogenukulele

Mit „Rainbow“ hat sie eine große LGBTQIA-Hymne hingelegt: Dodie

INDIE-POP Wer wie Dorothy Miranda Clark, geboren 1995 in London, mit dem Internet aufgewachsen ist, hat einen ganz natürlichen Zugang zu Social Media oder Videoportalen. Von daher war es keine allzu große Überraschung, dass die Britin, die sich als Künstlerin einfach Dodie nennt, schon 2007, im Alter von zwölf Jahren, mit ihrer Freundin Alice Webb auf YouTube den Kanal „Dodders5“ aus der Taufe hob. Als „Alice and Dodie show!“ wurde er später bekannt.

Damit war Dodies Kreativität aber noch lange nicht erschöpft. Sie eröffnete 2011 ihren eigenen Kanal „Doddleoddle“, der heute mehr als zwei Millionen Abonnent:innen hat, die vor allem Dodies Musikvideos lieben. Anfangs setzte Dodie auf Coverversionen, vertont mit der Ukulele. Inzwischen hat sie etliche Eigenkompositionen am Start. Nach drei EPs erschien 2021 ihr Debütalbum „Build a Problem“, natürlich auf ihrem eigenen Label. Schließlich wollte sie sich ihre Unabhängigkeit bewahren, statt sich von der Musikindustrie vereinnahmen zu lassen.

Ihre Platte schaffte es dennoch auf Platz drei der britischen Charts. Das Geheimnis ihres Erfolgs: melancholischer Indie-Pop, mal mit Gitarre begleitet, mal mit Streichern unterlegt – gepaart mit persönlichen Texten. „Rainbow“ ist eine LGBTQIA-Hymne. Auf „Doddleoddle“ singt sie mit „I’m bisexual –a Coming Out Song“ selbstbewusst von ihrer Bisexualität. Und „Cool Girl“ erzählt so berührend von Liebeskummer, dass Dodies Worte einen mitten ins Herz treffen.

DAGMAR LEISCHOW

Astra Kulturhaus Revaler Str. 99, Friedrichshain, Mi 27.4., 20 Uhr, VVK 25 €

WIR VERLOSEN 5X2 TICKETS

E-Mail bis Mo 25.4. an: geschenkt@tip-berlin.de; Betreff: Dodie

Charlotte Adigéry & Bolis Pupul Topical Dancer

(Deewee/Virgin)

ELECTRO-POP Tanz den Antirassismus! Vor allem, wenn er so leichtfüßig daherkommt wie auf dem Debütalbum des belgischen Duos Charlotte Adigéry & Bolis Pupul: House-Beats werden auf innovative Weise zwischen Electroclash und Art Pop zusammengewickelt und prallen auf Punchlines, die diskriminierende Parolen mit schneidendem Humor entwaffnen. Die großartige Liaison von Diskurs und Disco macht „Topical Dancer“ zu einer der wichtigsten Neuerscheinungen des Frühjahrs. SEM

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Denzel Curry Melt My Eyez See Your Future

(PH/Loma Vista/Concord/Virgin)

RAP Auf seinem bisher stimmigsten Album rappt der in den Vororten Miamis aufgewachsene Denzel Curry über persönliche Probleme und gesellschaftliche Missstände. Alles ganz schön düster. Aber: Curry guckt auch nach vorne, versucht seine Wut und Trauer produktiv zu nutzten und erzählt offen über seine Psychotherapie. Musikalisch abgerundet wird das Album durch einen ostküsteninspirierten, mit Soul gesprenkelten Rap, der von melodischen Beats untermalen wird. BK

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Mattiel Georgia Gothic

(Heavenly/Pias)

HIGHWAY-POP Eine Platte wie ein frischer Fahrtwind an einem sonnigen Frühlingstag. Mattiel Brown nimmt man beim Lauschen des musikalischen Roadtrips sofort ab, „always on the run“ zu sein. Während sich andere Kerouac-Fantasien schnell als Nostalgie-Kitsch entpuppen, verbinden die Sängerin und ihr Produzent Jonah Swilley 60s-Folk-Rock-Faszination mit der Power solider Pop-Melodien („Jeff Goldblum“) und zeitgemäßer Klangexperimentierfreude („Cultural Criminal“). LK

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Die Wände Die Wände

(Glitterhouse/Indigo)

POST-ROCK Wo will das denn hin, denkt man. Und ehe man sich versieht, versinkt man im federnden Rhythmus und singt mit: „Müssen nur sollen – heute oder morgen/ Müssen nur sollen – kein Kummer, keine Sorgen.“ Die Wände aus Berlin verschmelzen Krautrock-Atmosphäre, Post-Rock-Instrumentarium und Hamburger Schule zu einem lässigen Konzept, das an die schmerzlich vermissten Kante erinnert – und in seinen besten Momenten so gut groovt, dass der Überbau abhebt. TO

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Tatyana Treat Me Right

(Synderlin/Cargo)

ELECTRO-POP Als Kind durfte Tatyana, klassisch Harfe lernend, keinen Pop hören. Dann fand sie heimlich eine ABBA-CD. Offenbarung! Die Liebe für große Pop-Hooks hat sie sich, auf Underground-Raves abtanzend und Harfe am renommierten Berklee College studierend und mit Neneh Cherry auf Tour gehend, eindeutig bewahrt. Auf ihrem Debüt-Album geht’s in starken Clubknallern ums Sich-Verlieben, mit allen Eskapismen und Projektionen, die damit einhergehen. SH

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Noon Garden Beulah Spa

(The Liquid Label/Cargo)

PSYCH-POP Wie würde das klingen, die psychedelischen Luxus-Pop-Schlieren von Kevin Parker alias Tame Impala in tropischen Gewändern neu zu denken, nein, zu fühlen? Im besten Falle so wie das Solo-Debüt von Flamingods-Sänger Charles Prest alias Noon Garden. Wie der in Bahrain und Britannien aufgewachsene Prest (mit nigerianisch-jamaikanischen Wurzeln) afrokaribische Disco, Jimi-Hendrix-Gitarren, Orgel, Phaser und Funk-Grooves zusammenbringt: hypnotisch! SH

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Patrick Watson Better In The Shade

(Secret City/Cargo)

POP Der Großmeister des schöngeistigen Pop ist zurück. Inspirieren lassen hat er sich von Literaturklassikern, Virginia Woolf lässt grüßen. Das Ziel: Die Grenzen der Realität ausloten, melancholisch. Wie für Watson üblich, sind Instrumentierung und Lyrics ebenbürtig ausgefeilt, auf seiner achten Platte hat er außerdem etwas Elektronik eingesprenkelt. Das trägt einen alles ganz wunderbar davon – als würden sich die Ränder der Realität tatsächlich ein wenig auflösen. SIS

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Painting Painting Is Dead

(Antime)

AVANT-POP Der Rhythmus klappert mechanisch, sehr seltsame Synthies fiepen, und dann singt jemand – so verzerrt von Autotune, als käme die Stimme aus einer anderen Dimension – davon, dass alle Eier im Abfluss verschwunden sind. Painting ist das neue Projekt von Kritikerliebling Theresa Stroetges (Soft Grid, Golden Diskó Ship), die nun mit Christian Hohenbild und Sophia Trollmann ihren verstrahlten Avantgarde-Pop mit Humor ergänzt. Durchgeknallt wie lustig.TO

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Kurt Vile Watch My Moves

(Verve/Virgin)

INDIE-POP Während der Pandemie hat Kurt Vile im Keller sein Studio ausgebaut und mindestens 15 Psych-Pop Stücke geschrieben. Einfach so, am Klavier, an der Gitarre. Diese Lockerheit, aber auch die Nah-dran-Herzenswärme sind überall präsent. Seinen Helden John Prine und Neil Young zollt er Tribut für die übernächste Generation. Cate Le Bon und Saxofonist James Stewart vom Sun Ra Arkestra sind Gäste auf diesem verträumten, gar meditativen Album. CHH

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Point No Point Bad Vibes In Mushroom Forest

(Späti Palace/Katuktu Co/Morr Music)

PILZPOP So mies ist sie doch gar nicht, die Stimmung in Jana Sotzkos magischem Pilzwald, wo die hübschen, kruden Ideen hinter jedem Bäumchen lauern! Vielmehr klingt das zweite Soloalbum der Berlinerin, früher zugange bei der Band Soft Grid, als wären ihr die Songs zwischen elektronischem DIY-Pop, grün glimmenden Psychedelic-Spielereien und einer vagen Idee von Postpunk des Nachts zugeweht, auf der komischsten Lichtung. Beste Vibes für alle, die sich gern verlaufen. JL

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