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GLITZERNDE AUSSICHTEN


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 03.09.2019

Frankreichs große Alpenseen sammeln sich in der historischen Region Rhône-Alpes. Lars Wennersheide (Text & Fotos) und Andreas Muth (Fotos) erleben ein Wechselbad zwischen schickem Uferleben, blauen Spiegelbildern, monströsen Alpenpanoramen und mondänen Dörfern.


Artikelbild für den Artikel "GLITZERNDE AUSSICHTEN" aus der Ausgabe 10/2019 von Tourenfahrer - Motorrad Reisen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 10/2019

Sonnenreflektor: der Lac du Bourget bei der Abfahrt von Saint-Germainla-Chambotte.


Einst als Militärdorf erbaut, überwältig dieser charmante Flecken auf der Landzunge im See heute die Touristen

Metallisch: Im Abendlicht funkelt das Edelstahl-Schuppenmuster am Kirchturm von Yvoire.


Zunehmende Höhenmeter, fallende Temperaturen – passend zum ...

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... Landschaftsbild

Höhepunkt: Bis zum Montblanc reicht das Panorama vom Crêt de Châtillon.


Gassen voller Glyzinien und Geranien führen auf eine Zeitreise in eines der schönsten Dörfer Frankreichs

Sonderfahrt: Ausnahmsweise dürfen wir nachts die Sträßchen von Yvoire mitsamt dem Motorrad genießen.


»Das kleine Venedig der Alpen« – so nennt Anaïs ihre von den Kanälen Thiou und Vassé durchzogene Stadt

Besuchermagnet: Das Palais de l’Île auf der Felseninsel im Kanal von Annecy blickt auf eine wechselvolle Vergangenheit.


Umgarnt von Bergen, leuchtet das Wasser, als sei es eine von unten illuminierte riesige Pfütze


Keine Zeit für eine Aufwärmrunde. Kaum, dass die KTM seit Chambéry wirklich Meter gemacht hätte, versinken wir nach einem verworrenen Einstieg bei Saint-Sulpice im tiefen Wald von La Motte-Servolex. Der Weg hinauf setzt Moos an. Eng, schmal, kalt von der Nacht und voller rutschiger Feuchtgebiete winkelt sich die Spur kaum 1000 Meter hinauf zum alten Steinkreuz am Scheitelpunkt des Col de l’Epine. Irgendwo unter uns dröhnt die Autobahn Lyon – Chambéry per Tunnel durch den Jurafels und hält uns die Eiligen und deren Lärm vom Leib. Nicht jeder Schwung durch die nächste Kehre passt, noch nicht jede Biegung versinkt in lässiger Routine.

Lac d’Aiguebelette. Wellengestählte Oberkörper wuchten auf dem Campingplatz »L’Ambroisière« Surfbretter auf ihre Schultern. Waschbärbäuche erklimmen ihre E-Bikes voller guter Vorsätze. Baumreihen und Radwege trennen uns vom Ostufer des Sees. Immer wieder ziehen Elektroboote eine Spur durch das knitterfreie Spiegelbild aus changierendem Türkis, tanzenden Sonnenperlen und den Schattenrissen der zerzausten Hügel der Montagne de l’Epine im Osten. Die fein gezeichnete Uferstraße wirft keine Fragen auf, uns aber geschmeidig in so manche Schräglage. Die Inselchen Grande Île und Petite Île schlummern als Landflecken im Süden des Sees vor sich hin und sagen mit ihren Namen »Große Insel« und »Kleine Insel« allenfalls etwas über ihr Verhältnis zueinander. An einem der ausgedehntesten natürlichen Seen Frankreichs, aber auch dem kleinsten unserer Reise, rauschen Hinweisschilder rechts und links am Helm vorbei, deuten auf eine Vielzahl an Campingplätzen und privaten Stränden.

Abgang von der Bühne des Lac d’Aiguebelette nach Norden. Über Novalaise liegen die Gerüche eines Straßenmarktes, von exotischen Gewürzen undPoulet rôti, frisch gerösteten halben Hähnchen. Entgegenkommende Motorradfahrer aus den Bergen des Mont du Chat, helfen uns, in La Bétaz den kleinen Abzweig hinauf in den Gebirgszug nicht zu verpassen.

Griffig wie eine Gemüsereibe zirkelt das Sträßchen dorthin, wo Aussichten hinunter auf die flache Schwemmland-Ebene des linken Rhône-Ufers immer wieder vom Fahren ablenken. Eine beinahe leidenschaftliche Landstraße, schwungvoll, verlockend, lässig rund um Verthemex dahingeworfen. Dicht vor uns ein hoch motiviert durch die Kurven hetzender Bauern-Benz vor einem vollbeladenen und – na ja – leicht instabil durch die Kurven eilenden Anhänger. Beladen mit einem halben Wald. Gesichert mit – ich schaue noch einmal hin – NICHTS. Der wird doch nicht…? Doch, wird er, genau jetzt: abladen! Unfreiwillig! In der kommenden, viel zu engen Biegung. Direkt vor unsere Füße. Vollbremsung. Ausweichen. Gut! Und der Meister der optimistischen Ladungssicherung? Ist natürlich über alle Berge. Volle Fahrt voraus. Nur schneller. Weil nun leichter…

Atemberaubend abwärts zum Lac d’Annecy geht es gleichsam für Gleitschirmflieger wie für Motorradfahrer am Col de la Forclaz.


Spektakulär: Am Belvédère du Revard am Rande des Bauges-Massivs fällt die Sonne hinter die Berge (l.).


Hölzern: Biber im Naturschutzgebiet Bout du Lac (o.).


Nach der Passhöhe unterhalb des Molard Noir wirft uns die Ostseite des Felsrückens in langen Kehren dem Lac du Bourget vor das Ufer. Zwischen Südpol des Sees und dem zentralen Aix-les-Bains pulsiert an einem der letzten heißen Wochenenden des Jahres das Leben zwischen Burger-Angeboten und Bikini-Auslagen. Kinder werfen sich wagemutig ins Nass, das einst als Gletschersee entstanden ist und noch heute aus den Bergen gespeist wird. Der Luftzug unter der Motorradkleidung stockt, das Mikroklima dreht auf tropische Verhältnisse. Es läuft. Mir. Über den Rücken.

Vorerst hilft nur Flüchten hinauf in den Parc Naturel Régional du Massif des Bauges. Perfektes Terrain für die KTM. Drehzahlen und Puls steigen. Zunehmende Höhenmeter, fallende Temperaturen. Langlauf-Loipen warten auf Schnee rund um den Belvédère du Revard. Steil schwingt sich das voralpine Kalksteingebirge von hier Hunderte Meter beinahe lotrecht ans Ufer des Bourget. Die Hitze des KTM-Motors tickert beim Abstellen im aufsteigenden Luftstrom. Allseitig umgarnt von Bergen, leuchtet das Wasser, als sei es eine von unten illuminierte riesige Pfütze.

Straßen mit dem Grip eines Kaugummis winden sich scheinbar willkürlich mal handtuchbreit, dann wieder großzügig durch den arg dünn besiedelten Naturpark. Vorbei an der mächtigen Hängebrücke über dem Abgrund des Chéran, die Pont de l’Abîme. Hier und da Streusiedlungen oder Dörfer für Entdeckungen im Kleinen. Die Wege nördlich von La Compôte und südöstlich des Dorfes haben eines gemein: Sie sind ehrlich und endlich und dabei umso launiger und verführerischer. Der eine schraubt sich entlang der Flanken des Zweitausender-Le-Trélod-Massivs hinauf nach Le Cul du Bois, die andere Sackgasse tief hinein in die Talfurche des Vallon de Bellevaux. An beiden Enden stranden wir an einer Absperrung. »Géoparc mondial de l’UNESCO«, geschütztes Gebiet. Felsen und Fossilien zeugen seit mehr als vier Millionen Jahren von der Geschichte der Erde.

Irgendwo unterwegs, beinahe mitten im Nichts, nahe der Kreuzung D 911 und D 912 eine lang gezogene Kurve. Nichts Ungewöhnliches so weit. Stünde dort nicht das Häuschen mit der verführerischen Aufschrift »Chocolaterie Artisanale des Bauges«. Die Bremsen der KTM werden quasi automatisch aktiviert und zwingen uns zum Stopp. Im Inneren gurgelt die Klimaanlage die Luft auf 19 Grad, quirlt sie Zartbitter-Aromen und diese wiederum unsere Geschmacksknospen durcheinander.

Vom Verkaufsraum kleiner und großer Sünden fällt der Blick durch die Scheibe in eine Art Küche. Der Kakao stammt aus der Ferne, die Zutaten jedoch aus der Region. »Pflanzen, Honig, Nüsse, Mandeln, Milch oder grüner Chartreuse sollten eine möglichst kurze Anreise haben.« Frédéric nennt sich »Créateur de Gourmandises«, einen Schöpfer der Genüsse. Immer wieder probiert er neue, unbekannte Pralinenkreationen, frische Füllungen oder aparte Glasuren. »Ganache, Eisenkraut, Mandeln, ein Stück Tomette des Bauges mit Walnüssen und zuletzt eine Ecke mit frischer Minze vom Plateau.« Kirmes für den Gaumen. »Das Geheimnis einer perfekten Schöpfung? C’est un secret, ein Geheimnis aus Liebe und Leidenschaft für die Schokolade.«

Verführerisch: Edle Schokoladen-Schöpfungen erschafft Frédéric nahe Bellecombe-en-Bauges.


Mittelmeer-Ambiente inmitten einer alpinen Welt. Dieser See ist einfach anders


Hochsommer und Spätherbst liegen nur wenige Stunden und kaum mehr Kilometer auseinander. Wolkenfetzen toben rund um die zerrupften Berggipfel der östlichen Ausläufer der Bauges-Bergkette. Das Temperaturgefühl passt auf dem Weg nach Doussard am Südufer des Lac d’Annecy zum zwischenzeitlich eher hochalpinen Landschaftsbild. Angekommen am Lac, fällt vor allem seine Farbe auf. Weder schimmert er blau noch grün, sondern ist am Südzipfel, genauer im Naturschutzgebiet Bout du Lac, eher eine eigenartige Mischung aus beidem.

»Die Kolorierung stammt vom Plankton, von den Organismen am Seeboden und den hohen Bergen, die den See umarmen.« Gemeinsam mit Isabelle vom Tourismusbüro nehmen wir die mit Kükendraht belegten Holzplanken unter die Motorradstiefel, schweben förmlich durch ein mooriges Schilfbett. »Im Naturschutzgebiet passiert enorm viel für die Wasserqualität des Trinkwasser-Reservoirs. Ein Ökosystem unglaublicher Artenvielfalt.« Um uns herum surrt und wimmelt es zwischen Helm-Knabenkraut, Sumpf-Stendelwurz, Breitblättrigem Knabenkraut oder Mücken-Händelwurz, fliegen, schwimmen oder krabbeln Plattbauch-Libellen, Rohrammer, Teichrohrsänger, Erdkröten, Graureiher, Blässhühner oder der Europäische Biber.

»Schon mal in Motorradkleidung Kajak gefahren?« Andreas weiß um meine Ernsthaftigkeit spontaner Ideen. Und Yves scheint wenige Kilometer entfernt der richtige Mann zu sein. Das Captain-Iglo-Double reicht uns am »Club Nautique de Doussard « zunächst einen Einsitzer zum Üben, dann einen Rotomod-sit-on-top-Doppelsitzer für die gemeinsame Ausfahrt. Dreas vorn, ich hinten. Ablegen – kein Problem. Draußen brist es auf. So richtig. Und wir auf einem Aufsitz-Freizeit-Kajak mit kaum vorhandener Bordhöhe. Wellen schlagen gegen das Boot, dann darauf. »Hach, Motorrad-Schutzkleidung kommt doch gar nicht so übel, ist vor allem wasserdicht«, ist mein nicht ganz ausgereifter Gedanke, als wir versuchen anzulegen. Mein Vordermann stellt die Motorradstiefel ins Wasser, steht auf, hebt den Bug des Kajaks an. NEEEEIN! Zu spät. Ich hocke hinten. Nun aber weit unterhalb der Wasserlinie. Herbstlich kühler See läuft von oben in den Hosenbund…

Morgentau tropft anderntags von der Frontscheibe. In warm- und trocken geföhnter Hose kehren wir als Early Birds hinauf zum Col de la Forclaz. Erste Sonnenstrahlen krabbeln über die Berggipfel. Obwohl menschenmassentauglich, schenkt uns die frühe Stunde einen einsamen Moment und die vielleicht perfekte Aussicht auf den Lac d’Annecy. Seine Form ähnelt einer schräg liegenden und krumm gezeichneten Acht. Allein Ströme von Gleitschirmfliegern pilgern frühzeitig zu den fest installierten Abflugplätzen leicht oberhalb des Cols, segeln Richtung See.

Perspektivisch: Die Abfahrt vom Col de Leschaux spendiert immer wieder Seeblicke auf den Lac d’Annecy.


Intensiv: Lac d’Aiguebelette oberhalb des gleichnamigen Dorfes (l.).


Käsig: In Pierres Keller in Annecy wird der Reifeprozess von fachkundiger Hand begleitet.


Schattenspiele steil stehender Felsen dekorieren die Abfahrt nach Talloires-Montmin. Dieser See ist anders. Während am Bourget die Ufer wilder verlaufen und die Berge teilweise direkt ins Wasser fallen, kreist hier eine Uferstraße rund um das Wasser, sind die Zugänge anders als am Aiguebelette eher öffentlich. Ein Volkssee, wie wir ihn nennen. Einer, auf dem Ausflugsboote schippern, Segelboote sich im Wind biegen und Menschen im Garten »Le Pâquier« in Annecy flanieren. Mittelmeer-Ambiente inmitten einer alpinen Welt. Was leider auch für den Stadtverkehr gilt. Eher gemächlich kämpfen wir uns von Ampel zu Ampel Richtung Altstadt, der ehemaligen Residenz der Genfer Herzöge. Arkadenhäuser sammeln sich an Plätzen. »Das kleine Venedig der Alpen« nennt Anaïs vom Tourismusbüro ihre Stadt. Durchzogen von den Kanälen Thiou und Vassé schmiegen sich farbige Fassaden direkt an deren Verlauf. Blumengeschmückte Brücken bieten Übergänge oder den perfekten Blick auf die natürliche Felseninsel mit dem Palais de l’Île. Oft als Galeerenhaus bezeichnet, beherbergte das Denkmal des Mittelalters mal ein Gefängnis, ein Gerichtsgebäude, ein Verwaltungszentrum oder heute ein Heimatmuseum.

Gut gereift sind auch die Käse im Keller von Pierre. Seit mehr als 80 Jahren kauft seine Familie Käse von den kleinen Farmen in den Bergen, lässt sie in den eigenen Kellern bei zwölf Grad reifen und verkauft sie im kleinen Laden in der Fußgängerzone von Annecy. »Natürlich haben wir verschiedene Sorten aus den Départements Savoie und Haute-Savoie im Angebot: Beaufort, Tomme, Abondance, Chevrotin. Der Reblochon ist wohl der bekannteste Käse, weich, cremig und mild.« Seit einigen Jahren darf Pierre den Titel »Meilleur Ouvrier de France« tragen, ist quasi ein Olympiasieger unter den Käsemeistern. Alle vier Jahre wird in Frankreich ein Wettbewerb ausgetragen, bei dem ein Käsespezialist die Auszeichnung gewinnen kann. Momentan leben 22 Champions in Frankreich. »Rund 100 Berghöfe produzieren Reblochon, meist im Nebenerwerb. Die vielen Blüten und Blumen, das saftige und gehaltvolle Gras und die nicht vorhandene Umweltverschmutzung helfen den Kühen, eine Milch zu geben, die dem Käse herausragende Geschmacksnuancen verleiht.«

Die Berge. Sie werden für einige Zeit unsere Heimat sein. Ein perfekter Blick vom Crêt de Châtillon auf den Montblanc und der Col de Leschaux komplettieren die Rundfahrt um den See. Bis zum Lac Léman läuft die Route zu Höchstleistungen alpiner Berglandschaften auf. Der Col du Marais, Col de la Croix-Fry, Clusaz, die Gorges des Eveaux oder das Plateau de Plaine-Joux lassen uns mal in dünnen T-Shirts frieren, dann wieder in dicken Wollpullovern unter der Jacke schwitzen. Besondere Schweißausbrüche verursacht zwischendurch die Display-Warnung der KTM: »Kein Schlüssel in Reichweite«. Der Gedanke schüttet Adrenalin aus. Anhalten und hektisches Rumfingern in allen Kleidungstaschen. Rechte Hosentasche, natürlich findet er sich dort, wo er während der Reise immer ist…

Wässerig: Eine Kajakfahrt nahe Doussard ist nicht nur landschaftlich ein gewaltiges Erlebnis.


Mächtig: Die Montagne du Semnoz rückt die Größenverhältnisse zwischen Motorrad und Berg zurecht.


Spätestens am Col du Cou zoomt der Lac Léman das Panorama auf Weitwinkel und zeigt seine bullige Größe. Die Leere der Landschaft wird Vergangenheit. Menschen und Autos nehmen zu, tragen häufiger eidgenössische Kennzeichen. Das Leben spielt am See. Doch er gehört nicht den Franzosen allein. »Einem echten Franzosen ist es verboten, ›Genfer See‹ zu sagen, weil er nicht zu Genf gehört. Rund ein Drittel ist Französisch – also der Lac Léman. ›Léman‹ stammt von einem der ältesten Dialekte aus den umliegenden Bergen und bedeutet ›See‹.« Camille treffen wir im Château de Ripaille vor den Toren von Thonon-les-Bains. Dekore spielen im Inneren mit der Belle Époque, Chasselas-Rebstöcke stehen draußen in vollem Saft, die alten Steine erzählen von Herrschern, Konflikten und den jeweiligen Einflüssen am Ufer.

»Das Wasser von Thonon kennt jedes Kind in Frankreich, das von Évian fast jeder in der Welt.« Frédérique führt gewöhnlich Gäste durch ihre Geburtsstadt. »Eigentlich sind die beiden Orte freundliche Rivalen. Wir in Évian sagen, Thonon sei schlicht eifersüchtig auf unser Wasser.« Zu Zeiten der Belle Époque reisten Königinnen, Könige oder die High Society aus Europa wegen der Thermalquellen in das ehemalige schnuckelige Fischerdorf am See. »Täglich sprudeln heute fünf Millionen Liter elf Grad kühles und reines Gebirgswasser und finden die Wege in die Welt.« Mit Frédérique stehen wir am öffentlichen Teil der Quelle, an dem »jedermann das Wasser jederzeit kostenfrei trinken oder in Flaschen abfüllen darf.« Ein nie versiegender Wasserhahn verschwindet fast inmitten einer pompösen Bogenarchitektur der Belle Époque und einer nackten weiblichen Statue. »Eine nackte Frau als Symbol der Stadt? Nein, natürlich nicht, sondern eine Naturschönheit vom Genuss des Wassers.« Aha!

Das Leben auf der Uferstraße pulsiert. Hier fährt man nicht, am Léman promeniert oder flaniert man. Nichts anderes würde auch Yvoire gerecht. Steinhäuser mit Holzbalkonen reihen sich aneinander, jahrzehntealte Bäume werfen Schatten auf den historischen Platz, Gassen voller Glyzinien und Geranien vollstrecken bis zum übersichtlichen Hafen eine Zeitreise in eines der schönsten Dörfer Frankreichs, einem »Plus Beaux Village de France«. »Das im 14. Jahrhundert als Militärdorf samt Château erbaute Fleckchen auf der Landzunge im See geht auf Konflikte zwischen dem Graf von Savoyen und dem Graf von Faucigny zurück.« Jérôme arbeitet im Tourismus, wohnt im autofreien Kern hinter dem großen Tor. Der »Garten der fünf Sinne « lehnt sich ebenfalls ans Mittelalter an und wird zum Wendepunkt der Reise. Wir irren durch Gartenfluchten ähnlich einem Mais-Labyrinth, versuchen zu riechen, zu fühlen, zu betrachten, zu hören oder bisweilen sogar zu schmecken. »Weder gibt es einen falschen noch einen richtigen Weg«, hilft Gästeführerin Manuela unserer Orientierung auf die Sprünge.

Ein verlorenes Paradies. Wir haben es gefunden. Yvoire ist ein würdiger Wendepunkt einer Reise, die mit den Gorges du Pont du Diable, dem Col de la Colombière, dem wendungsreichen Gebiet Entre-Deux-Mers zwischen Lac d’Annecy und Lac du Bourget weiterhin das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Wäre doch »gelackt«, oder?

Film

Grandiose Alpenpässe – östlich der hier vorgestellten Tour entführt das TF-Filmteam auf eine Reise vom Champex-Sattel durch die Westalpen bis zur Côte d’Azur: TF-Film »Alpen – Teil 3«, Spielzeit 33 min, erhältlich als DVD und Film on Demand. Infos unterfilm.tourenfahrer.de

Alpine Bergseen

Die vorliegende Reise verbindet die vier wichtigen natürlichen Bergseen in den französischen Départements Savoie und Haute-Savoie der Region Auvergne-Rhône-Alpes: Lac d’Aiguebelette, Lac du Bourget, Lac d’Annecy und den französischen Abschnitt des Lac Léman, besser bekannt als Genfer See. Ihnen gemeinsam ist jeweils eine exponierte Lage, eingebettet in spektakuläre Landschaften der teils schneebedeckten Alpen. Entstanden durch die Wirkung ehemaliger Gletscher wurden sie einst durch Eismassen geformt und ausgehobelt. Der kleinste See entlang der Route, der Aiguebelette (Fläche: 5,45 km2 ), ist einer der größten natürlichen Seen Frankreichs, während der Bourget (Fläche: 44,5 km2 ) gleich der mächtigste natürliche innerhalb des Landes ist. Gemeinsam mit dem eidgenössischen Teil wird allerdings der Lac Léman (Fläche: 580 km2 ) Gesamtsieger als größter See Frankreichs und zweitgrößter Mitteleuropas. Vom Lac’Annecy (Fläche: 27,59 km2 ) wird behauptet, der sauberste See Europas zu sein.

Haltepunkte

»Chocolaterie Artisanale des Bauges« in Bellecombeen-Bauges
»Fromagerie Pierre Gay« (Käserei) in Annecy
»La Cuillère à Omble« (Restaurant mit perfekter See-Sicht und Fischspezialitäten aus dem Lac d’Annecy) in Doussard
»Jardin des Cinq Sens d’Yvoire« (Garten der fünf Sinne) in Yvoire
»Club Nautique« in Doussard
»Château de Ripaille« in Thononles-Bains
»Les Gorges du Pont du Diable« (Teufelsbrücke-Schluchten) in La Vernaz
»Les jardins de l’eau du Pré Curieux« (Wassergärten) in Évian-les-Bains

Anreise / Reisedauer

Autobahn A 43 / E 50 von Lyon Richtung Annecy, Ausfahrt 13 Chambéry. Wir waren eine knappe Reisewoche lang unterwegs.

Unterkünfte und mehr

Nahe der Route befindet sich in Bellevaux das TF-Partnerhaus »Hôtel Le Christania«. Mehr Informationen hierzu und zu zahlreichen Partnerhäusern im weiteren Umfeld der Strecke gibt es unter www.tourenfahrer-hotels.de. Die Autoren empfehlen außerdem: »Best Western Alexander Park« in Chambéry, »Hôtel de Genève« in Faverges – Lac Annecy und »Hôtel Le Pré de la Cure« in Yvoire.

Übrigens: Wer noch ein wenig mehr die Gegend um den Genfer See erkunden und vielleicht auch noch weiter in der Schweiz fahren möchte, für den hält die TF-Partnerregion Schweiz (Grand Tour of Switzerland) viele Reise-Infos und Insider-Tipps bereit – Infos unter www.tourenfahrer-partner-region.de.

Karten

Michelin Localkarte 328: Ain / Haute-Savoie, M.: 1:150.000, 15. Auflage (2016), ISBN: 978-2-0672- 1044-8, 8,99 Euro.
Michelin Localkarte 333: Französische Alpen Nord, M.: 1:150.000, 14. Auflage (2016), ISBN: 978-2-0672- 1054-7, 8,99 Euro.
Marco Polo Motorradkarten Alpen, M.: 1:300.000, MairDuMont, 1. Auflage (2015), ISBN: 978-3-8297-1993-3, 29,99 Euro.

Sonstige Infos

Atout France / Französische Zentrale für Tourismus in Frankfurt a. M.
Tourismus Auvergne-Rhône-Alpes in Clermont-Ferrand
Office de Tourisme des Sources du lac d’Annecy in Faverges-Seythenex
Office Tourisme d’Yvoire in Yvoire