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GLÜCK IM UNGLÜCK


flow - epaper ⋅ Ausgabe 52/2020 vom 01.09.2020

GERADE IN SCHWEREN ZEITEN ENTDECKT MAN MANCHMAL NEUE SEITEN DES LEBENS UND LERNT ES MEHR ZU SCHÄTZEN, STELLTE JOURNALISTIN RENATE VAN DER ZEE FEST. ÜBER DIE CHANCE IN DER KRISE


Artikelbild für den Artikel "GLÜCK IM UNGLÜCK" aus der Ausgabe 52/2020 von flow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: flow, Ausgabe 52/2020

Ereignisse, die wie das Ende der Welt scheinen, sind manchmal ein Neuanfang

„Wie lange sitzen Sie pro Tag am Computer?“, fragt mich die Optometristin, die gerade ausführlich meine Augen getestet hat. „Gute Frage“, antworte ich. „Acht Stunden? Zehn?“ Dass dabei die Handyzeit nicht eingerechnet ist, traue ich mich gar nicht zu sagen. Die Frau runzelt ihre Stirn und sagt: „So werden Sie nie mehr arbeiten können.“ Seit Monaten war mir ...

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... ständig übel gewesen, ich litt unter Kopfschmerzen und hatte einfach nicht herausgefunden, was mit mir los war. Ich merkte nur, dass die Beschwerden schlimmer wurden, sobald ich las oder am Computer saß. Es erleichtert mich, endlich zu erfahren, dass ich meine Augen durch zu viel Computerarbeit überanstrengt habe. „Betrachten Sie es als eine Art visuelles Burn-out“, sagt die Augenexpertin. „Bis auf Weiteres dürfen Sie nicht länger als zwei Stunden pro Tag am Computer sitzen.“

ENDLICH ZEIT

Meine Erleichterung weicht sehr schnell der Verzweiflung. Wie soll ich als Journalistin und Autorin arbeiten, wenn ich täglich bloß zwei Stunden am Computer sitzen darf? Wie soll es mit meinem Buchprojekt weitergehen? Was soll ich tun, wenn ich nicht mehr stundenlang lesen kann? Zu Hause lasse ich mich aufs Sofa fallen und gebe mich für einen Moment der Verzweiflung hin. Doch die Tage vergehen und ich erkenne, dass da wieder ein bisschen Hoffnung keimt.
Statt stundenlang zu lesen, höre ich mir Artikel und Hörbücher an, die meist tolle Schauspieler oder Sprecher eingelesen haben. Und dann gibt es Podcasts. Ich gehe mit Kopfhörern zu Bett und entdecke, wie angenehm es ist, einzuschlafen, während mir jemand eine Geschichte erzählt. Das Buchprojekt muss ich vorerst aufgeben - aber ich tröste mich damit, dass ich auch dafür irgendwann eine Lösung finden werde. Nicht alles, was man schön und wichtig findet, muss man sofort in die Tat umsetzen. Eine wertvolle, aber auch schmerzliche Erkenntnis für eine ungeduldige Person wie mich.
Was meine Arbeit als Journalistin betrifft, finde ich zu meiner Überraschung heraus, dass ich in zwei Stunden einiges schaffe, wenn ich mich ausschließlich auf das Schreiben konzentriere.
In diesen etlichen Stunden am Computer habe ich zu viel Zeit mit sozialen Medien und anderen Ablenkungen im Internet verplempert, wird mir klar. Jetzt, wo ich darauf verzichte, merke ich: Es ist eine reine Wohltat. Und mein neues Leben, in dem meine Projekte und Ambitionen vorerst auf Eis liegen, steckt voller weiterer Annehmlichkeiten. Ich habe endlich Zeit. Zeit, am frühen Morgen schwimmen zu gehen oder nachmittags durch den Wald zu spazieren.
Zeit, um Tee in einer schönen Porzellankanne zu kochen anstatt nur hektisch einen Beutel in eine Tasse heißes Wasser zu tunken. Zeit, um mit meiner Foodie-Tochter ausgiebig zu kochen oder eine Ausstellung zu besuchen. Zeit, auf dem Sofa zu sitzen und einfach mal nichts zu tun.
Dass ich mich von meinen Ambitionen verabschieden muss und nicht mehr durcharbeiten kann, erlebe ich noch immer als Katastrophe. Dennoch birgt auch diese Katastrophe bestimmte Vorteile. Ich habe jahrelang unter Hochspannung gestanden, jetzt lasse ich locker. Mein Freund behauptet sogar, ich sei netter geworden.

NEUE WEGE EINSCHLAGEN

Dieser Artikel handelt vom Glück im Unglück. Von Ereignissen, die wie das Ende der Welt erscheinen, sich aber letztendlich als Neuanfang entpuppen.
Vielleicht von etwas Besserem.
Ein komplexes Feld, denn längst nicht alles Schlimme, was einem Menschen passieren kann, läutet etwas anderes, gar Besseres ein. Es gibt Katastrophen, die die Existenz zutiefst erschüttern, etwa der Verlust eines Angehörigen oder eine schlimme Krankheit. Das wissen wir nicht erst, seit die Corona-Krise im März wie ein Meteorit in unser Leben knallte - selten haben wir uns so kollektiv in einer Krise befunden. Doch auch diese Zeit zeigt: Es gibt Widrigkeiten, die Menschen dazu zwingen, ihr Leben derart zu ändern, dass sie unerwartete Möglichkeiten entdecken und sich sogar weiterentwickeln. Durch die sie eingefahrene Vorstellungen aufgeben und einen anderen Weg einschlagen, den sie ansonsten vielleicht niemals gewählt hätten. Einen, der ebenso schön ist, vielleicht sogar schöner als der ausgetretene Pfad.


„JAHRELANG STAND ICH UNTER HOCHSPANNUNG, JETZT LASSE ICH LOCKER. PLÖTZLICH ENTSTEHT RAUM FÜR ETWAS ANDERES ALS DIE ARBEIT.“



„DER FREIE FALL, IN DEM ICH MICH BEFAND, BOT VIELLEICHT AUCH MÖGLICHKEITEN.“


Vor ein paar Jahren hätte Jup Jansonius (49) auf diesen Gedanken wohl mit Unverständnis reagiert. Nach einer tief greifenden Zäsur schlug sie allerdings selbst einen Weg ein, den sie unter anderen Umständen nie zu gehen gewagt hätte. Jup hatte einen guten, lukrativen Job als Projektmanagerin bei einer großen Kindertagesstätte, wurde aber im Zuge von Sparmaßnahmen entlassen. „Plötzlich war ich arbeitslos“, erzählt sie. „Das war beängstigend, denn ich hatte ein kleines Kind, ein teures Haus und war die Hauptverdienerin der Familie.“ Jup fragte sich, ob sie mit über 40 überhaupt irgendwann noch einmal eine Arbeit finden wird. „Ich musste einen Trauerprozess durchlaufen und wurde regelrecht depressiv“, erzählt sie. Doch nachdem sie sich ein wenig gefangen hatte, bemerkte sie: Der freie Fall, in dem sie sich befand, bietet auch Möglichkeiten.

MENTALE TECHNIKEN FÜR SCHWERE ZEITEN

1.Verabschiede dich von eingefahrenen Vorstellungen über dich und das Leben.

2.Strebe nicht nach Perfektion, sondern nach Fortschritt.

3.Suche Kontakt zu anderen.

4.Versuche, positiv zu denken.

5.Unterschätze nie die Kraft des Humors.

(Aus: Overcoming Adversity, Eileen S. Lenson)

In ihrer Freizeit beschäftigte Jup sich schon eine ganze Weile mit dem Tanzen nach den 5 Rhythmen. Ein „ Training für Körper und Geist“, wie sie selbst es beschreibt. „Weil mir gar keine andere Möglichkeiten blieb, beschloss ich, Workshops in den 5 Rhythmen zu geben“, sagt sie. Sie stellte Musik zusammen und begleitete eine Meditation, um den Tanz noch mehr zu vertiefen. Und siehe da: Der Workshop hatte tatsächlich Erfolg. „Und da den Leuten meine Playlist gefiel, engagierten sie mich außerdem als DJane.“ Inzwischen bereist Jup die ganze Welt, um Workshops zu geben, und tritt regelmäßig als DJane auf. „Manchmal denke ich: Ist das wirklich mein Leben? Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass man ohne harte Arbeit nicht weit kommt“, erzählt sie. „Wäre ich nicht entlassen worden, hätte ich nie so etwas angefangen.“ Sie habe schlicht nicht den Mut gehabt. Vergangenen Sommer sei sie über mehrere Wochen auf Bali und in Singapur gewesen, um Workshops zu geben. „Es ist ein Traumleben, und das habe ich alles meiner Entlassung zu verdanken“, sagt Jup.

MOMENTE DER SCHÖNHEIT

Für den britischen Philosophen Christopher Hamilton ist diese Wendung nicht weiter verwunderlich. „Manchmal können Brüche im Leben eine Chance sein zu wachsen“, sagt Hamilton, der in seinem Buch How to Deal with Adversity erklärt, wie man mit Unglück umgeht. „Natürlich rede ich nicht von Krieg oder Hungersnot, von vernichtenden Schicksalsschlägen.
Doch die Menschen erweisen sich oft als sehr widerstandsfähig: Manchmal wandern sie durch tiefe Täler und kommen gestärkt wieder heraus.“ Laut Hamilton besteht die große Illusion unserer modernen Gesellschaft darin, uns ständig auf das Glück zu fokussieren. „Die große Frage ist jedoch nicht: Wie können wir glücklich werden? Sondern: Wie gehen wir mit Unglück um? Kann man trotzdem Momente von Schönheit, von Freude erleben?“ Diese seien manchmal gänzlich unspektakulär. Heute Morgen habe er solch einen Moment erlebt: Über London lag dichter Nebel, und plötzlich brach die Sonne durch. Das sei ein majestätischer Moment gewesen, einer, in dem sein Gehirn kurz aufgeladen wurde. Unglück vermeiden zu wollen sei unmöglich, sagt Hamilton.
„Im Unglück und dem Umgang damit können sich wertvolle Lektionen verbergen. Seien wir doch mal ehrlich: Können Sie sich eine tiefsinnige, weise Person vorstellen, die keine schweren Zeiten erlebt hat?“

ILLUSTRATIONEN ELISE VLEUGELS

Im Zuge seiner Forschungen las Hamilton zahlreiche Bücher von Philosophen und anderen Autoren, um herauszufinden, was sie über Unglück zu sagen hatten. Er habe zum Beispiel When I Die gelesen, das der britische Politikberater Philip Gould während seiner Krebserkrankung schrieb, als er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Gould sagt darin, dass er trotz seiner Krankheit die glücklichste Zeit seines Lebens verbrachte, weil er zum ersten Mal wirklich Zeit für seine Frau und seine beiden Töchter hatte. „Und so geht es oft: Wir stopfen unsere Tage mit so vielen Dingen voll, aber erst wenn wir etwas sehr Schlimmes durchmachen, wird uns klar, womit wir wirklich unsere Zeit verbringen wollen“, erklärt Hamilton.
„Wir lernen, Hauptsächliches und Nebensächliches zu unterscheiden.
Die Kunst liegt darin, anschließend auch danach zu handeln und vielleicht andere Entscheidungen zu treffen.“

AKTIVISMUS STATT KUCHEN

Genau das hat Lisa Jansen getan, nachdem ihr vermeintlicher Lebenstraum geplatzt war. Den hatte sie sich mit nur 27 bereits erfüllt: Ihr gehörte eine vegane Bäckerei. Doch plötzlich begann sie, an schweren Erschöpfungszuständen zu leiden. Sie entschied sich, die Bäckerei aufzugeben.
„Es war sehr schwer, aber mein Körper machte einfach nicht mehr mit“, erzählt sie. Zeitweise habe ihr Leben nur noch aus Backen und Schlafen bestanden. „Es tat weh, mir eingestehen zu müssen, dass meine Zukunft anders aussehen würde, als ich mir das lange ausgemalt hatte.“ Nicht jeder in ihrem Umfeld hatte Verständnis für ihre Entscheidung; einige Freunde wandten sich von ihr ab. Lisa hingegen gewann eine entscheidende Erkenntnis. „Mir eröffnete sich eine andere Welt. Und ich stellte fest: Die Bäckerei war gar nicht mehr mein Traum. Ich hatte mir nur nicht die Zeit genommen, darüber nachzudenken, was ich wirklich wollte.“ Inzwischen betreibt Lisa eine Aktivisten- Plattform, hält Vorträge, organisiert Events und arbeitet an ihrem ersten Backbuch. „Ich habe inzwischen viele Möglichkeiten, das zu tun, was mir wirklich gefällt“, sagt Lisa.
Ihre Online-Plattform beschäftigt sich vor allem mit Aktivismus, Feminismus und persönlicher Entwicklung. „Ich kombiniere jetzt alles, was mir am Herzen liegt.“ Beschwerdefrei ist Lisa noch nicht. Ihre Energien sind begrenzt, und das macht ihr zu schaffen.
„Natürlich wäre es mir lieber gewesen, die Erschöpfungszustände wären nie aufgetreten. Doch dann hätte ich vermutlich niemals das ausprobiert, was ich jetzt tue. Ich bin zufriedener mit meinem Leben. Ich höre besser auf mich, ziehe endlich Grenzen und habe durch meine neuen Aktivitäten nette Leute kennengelernt.“ In der Bäckerei habe sie oft tagein, tagaus dasselbe gemacht.
„Jetzt führe ich ein kreativeres Leben, das schenkt mir mehr Zufriedenheit.“

NACH KRISEN WISSEN MENSCHEN DAS LEBEN MEIST VIEL MEHR ZU SCHÄTZEN

NEUE WEGE FINDEN

„Flexibel denken: Das ist wichtig in schwierigen Zeiten“, sagt die amerikanische Psychologin Eileen S.
Lenson, die das Buch Overcoming Adversity geschrieben hat. „Manche Menschen ziehen sich in solchen Phasen zurück oder stumpfen emotional ab“, erklärt sie. Doch das führe dazu, dass man blockiere und ständig darüber nachgrübele, warum es einem so schlecht geht. „Man macht sich zum Opfer und wird hilflos. Die Kunst besteht darin, neue Wege zu finden. Und nach dreißig Jahren Praxis weiß ich: Man kann sich Techniken aneignen, um diese Wege zu finden.“ Lenson vertritt die Meinung, dass schon Kinder in der Grundschule lernen sollten, wie man mit Schwierigkeiten umgeht. „Denn man wird hundertprozentig irgendwann im Leben mit Unglück konfrontiert werden.“ Es gebe mentale Techniken, mit denen man sich in solchen Zeiten helfen kann. „Eine davon ist Flexibilität, und auch positives Denken ist sehr wichtig.
Bloß keinen übertriebenen Perfektionismus an den Tag legen. Gut ist auch, den Kontakt zu anderen zu suchen.
Und Humor! Humor hilft, Abstand von negativen Gefühlen zu gewinnen, die man natürlich akzeptieren muss, die einem aber leider nicht weiterhelfen.“ Lenson erzählt von einem amerikanischen Eishockeyspieler, der nach einem Unfall lange in Reha musste und schließlich zu ihr sagte: Ich würde jedem so einen Unfall wünschen.
„Dank der Schwierigkeiten hat er viel über sich selbst gelernt. Vor dieser Zeit betrachtete er Glück und Gesundheit als selbstverständlich, doch jetzt stand er jeden Morgen dankbar auf.
Ich habe in meiner Praxis häufiger Klienten, die eine sehr schwere Zeit durchgemacht haben und hinterher sagten: Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Jetzt weiß ich das Leben viel mehr zu schätzen.“

MEHR LESEN

How to Deal with Adversity, Christopher Hamilton (The School of Life, Pan Macmillan)
Overcoming Adversity - Conquering Life‘s Challenges, Eileen S. Lenson (Australian Academic Press)
Immun gegen Probleme, Stress und Krisen: Wie unser Leben gelingen kann, Sebastian Mauritz (Gabal)
Mich wirft so schnell nichts um. Wie Sie Krisen meistern und warum Scheitern kein Fehler ist, Doris Märtin (Campus)
Zuversicht: Die Kraft der inneren Freiheit und warum sie heute wichtiger ist denn je, Ulrich Schnabel (Blessing)


TEXT RENATE VAN DER ZEE