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Glutvoll aus dunklem Fond leuchtend


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 08.03.2019

„Beurret Bailly Widmer“ bringen in der Auktion „Schweizer Kunst“ viele Werke von Augusto Giacometti zum Aufruf


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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 4/2019

TAXE 200 000 CHF Augusto Giacometti (1877 – 1947), „San Fedele in Como“, Öl / Lwd.,1934, 113 x 149 cm


Q UI RIPOSA IL MAESTRO DEI COLORI“ (Hier ruht der Meister der Farben), informiert den ehrfürchtigen Besucher die Inschrift auf dem Grabstein Augusto Giacomettis auf dem Friedhof von San Giorgio in Borgonovo. Völlig zum Verstummen brachte der in Stein gemeißelte Anspruch die Kritiker des Schweizer Landschafts-, Stillleben-und Porträtmalers jedoch nicht: In seiner Entwicklung vom Jugendstil-Künstler / Symbolisten über ein kurzes Gastspiel bei den Dadaisten hin zu einem Vorreiter der Abstraktion hatte er den Fortschritt der Moderne ja noch zur vollsten Zufriedenheit der Kunstgeschichtsschreibung mitvollzogen; dass der Einzelgänger dabei keiner der angesagten Ismen konsequent gefolgt war, störte diese Wahrnehmung nicht. Doch warum der „zentrale Außenseiter der Schweizer Malerei“, wie er einmal genannt wurde, in späteren Arbeiten zur scheinbar unentschiedenen Position einer „abstrahierenden Figuration“ und in seinen Landschaften, Interieurs und Stillleben zum „schönen Sujet“ zurückruderte, leuchtete nicht auf Anhieb ein. Und dann gestattete er sich auch noch eine im Kontext der Moderne suspekte Neigung, der gerade hochbegabte Koloristen leicht erliegen: In ihrer luminösen Farbgewalt wirkten seine Bilder nämlich geradezu unverfroren dekorativ. Großaufträge wie die Wandmalereien für die Eingangshalle der Polizeiwache 1 in Zürich und zahlreiche Entwürfe für die Gestaltung von Kirchenfenstern trugen ferner dazu bei, dass Giacometti selbst noch auf dem Höhepunkt seines Erfolgs überwiegend als Ausstattungsmaler wahrgenommen wurde. Sein Rundfunk-Vortrag „Die Farbe und ich“, in dem der längst arrivierte Künstler 1933 einer staunenden Hörerschaft seine unverblümt subjektive Farbtheorie darlegte, offenbarte zudem, dass er in seiner Argumentation mit der messerscharfen Dialektik all der streitbaren Manifeste, die seit der Moderne wortreich jeden neuen Vorstoß junger Avantgarden begleiteten, nicht recht mithalten konnte. Entsprechend ungeduldig reagierten einige Rezensenten. Insbesondere die Begründung seiner Thesen, dass auch sein Vorbild – die Natur – einem strikten, bislang lediglich noch nicht decodierten Farbschema folge, verwies man als wissenschaftlich unhaltbar ins Reich wabernder Mystik. Auch rezeptionsgeschichtlich wurde Giacomettis Auftritt zum Eigentor, denn dass sich sein einhellig bewunderter Kolorismus nicht messerscharfer Analyse, sondern biederer Naturbeobachtung und unreflektierter Intuition verdanken sollte, schien ihn – trotz seiner unbestrittenen Bedeutung für die Schweizer Malerei der Moderne und Postmoderne – von der zunehmend intellektualisierten Entwicklung der Kunst und damit auch vom Anspruch der Aktualität abzukoppeln.


Giacomettis Gemälde haben bereits mehrfach Millionenbeträge eingespielt


Seine Signatur, obwohl von Sammlern unverändert geschätzt, kann ein gründliches Makeover also dringend gebrauchen. Daher wird die Berner Ausstellung von 2014 („Die Farbe und ich“, Kunstmuseum Bern) vermutlich nicht der letzte Versuch bleiben, eine Neubewertung seines Schaffens in Gang zu bringen. Wie immer, wenn es darum geht, den relevanten Output eines Künstlers um ein paar unvermutet frühe Datierungen zu erweitern, griff man auch in diesem Fall auf vorhandenes Skizzenmaterial zurück, dessen Sichtung das bereits feststehende Forschungsziel in der Regel zuverlässig bestätigt. Und tatsächlich hatte sich Giacometti experimentell mit dem Eigenwert der Farbe auseinandergesetzt, lange bevor sie sich in seinen Verkaufsbildern vom Gegenstand zu emanzipieren begann. Erste weitgehend abstrakte Farbskizzen sind bereits aus der Zeit der Jahrhundertwende bekannt, als seine Malerei formal und inhaltlich noch vom Jugendstil und Symbolismus geprägt war. Ob der Künstler selbst solchen Studien autonomen Wert beimaß oder sie einfach zur Vorbereitung späterer Bildfassungen anfertigte, wissen wir nicht mit Sicherheit. Es spricht aber wohl für sich, dass er vergleichbar freie Arbeiten erst seit den Zwanzigerjahren öffentlich zeigte.

In der Auktion „Schweizer Kunst“ und „Internationale Kunst vor 1900“ versteigert das Auktionshaus „Beurret Bailly Widmer“ in Basel am 20. März neben hochkarätigen Künstlern wie Ferdinand Hodler (s. TITEL), Félix Valotton, Giovanni Segantini und dem berühmten Verwandten Alberto Giacometti auch mehrere Gemälde und Pastelle des „Meisters der Farben“.

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TAXE 20 000 CHF Augusto Giacometti (1877 – 1947), „Schiffe in Marseille“, Pastell, 1933, 26 x 34 cm


Sie stammen aus einer Privatsammlung „aus dem engsten Umkreis des Künstlers und sind – sämtlich im Werkverzeichnis von Hans Hartmann erfasst – überwiegend in der ersten Hälfte der Dreißigerjahre entstanden, als Giacometti bereits die wesentlichen Merkmale seines Spätstils entwickelt hatte: Im Fokus seiner Aufmerksamkeit stand ausdrücklich nicht die Gegenstandsbeschreibung, die häufig nur in vager Annäherung geleistet wurde, sondern das Zusammenspiel der Farben unter der Einwirkung des Lichts: glutvoll aus dunklem Fond leuchtend, gleißend bei gleichmäßiger Bildausleuchtung. Bei insgesamt flächiger Bildorganisation sorgte für den Eindruck von Räumlichkeit vor allem das Spannungsverhältnis der rhythmisch angeordneten Farbflächen, deren Tektonik sich – gerade bei der Darstellung von Interieurs – auch aus dem Regelmaß wiederkehrender Rapporte ergeben mochte – eine Raumlösung, die an Giacomettis Anfänge im Jugendstil denken lässt. Ein kaum postkartengroßes Pastell von 1923 mit der biblischen Szene „Gethsemane“ ist die wohl früheste der angebotenen Arbeiten – und, falls der Katalog Recht behält, voraussichtlich auch die preisgünstigste, denn die Erwartungen beschränken sich hier auf 5000 Franken (Lot 292). Mit 6000 Franken ähnlich günstig angesetzt ist die deutlich größer ausgefallene Allegorie „Die Hoffnung“ (Abb.), eine Farbskizze zu dem gleichnamigen Glasfenster-Entwurf für die Kirche in Zuoz, die 1929 datiert ist. Ebenfalls in Pastell ausgeführt ist der im Gegensatz zu den genannten Losen allerdings bildmäßig ausgeführte Entwurf für ein Glasfenster in der Zürcher Pauluskirche. Der besondere Reiz der Allegorie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ liegt in der außerordentlichen koloristischen Qualität des Blatts, die bereits die kalkulierten Lichteffekte des geplanten Fensters einbezieht. Trotzdem wird der Wert für das extreme Hochformat vorerst nur mit 10 000 Franken beziffert (Lot 290). Zu den teuersten Pastell-Arbeiten gehört die südliche Hafen-Stimmung „Schiffe in Marseille“ (Abb.). In der motivischen Beschränkung wie auch der leuchtenden Farbigkeit nachdrücklich plakativ angelegt, wird der 1933 entstandene Karton auf 20 000 Franken geschätzt (Lot 289).

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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 4/2019

TAXE 6000 CHF Augusto Giacometti (1877 – 1947), „Die Hoffnung, Farbskizze zu Glasfenster der Kirche in Zuoz“, Pastell, 1929, 70 x 46 cm


Die höchsten Erwartungen liegen auf dem Interieur „ San Fedele in Como“


Giacomettis Gemälde haben in der Vergangenheit bereits mehrfach Ergebnisse in Millionenhöhe (wenigstens in Franken) eingespielt, auch wenn in diesen Preisbereich überwiegend Arbeiten aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg vordringen konnten. Zwar wurde zuletzt 2009 ein siebenstelliger Wert ermittelt, doch wenigstens die Hürde von 500 000 Franken konnte seither wiederholt genommen werden; unter anderem wurde 2014 bei Christie’s, Zürich, ein „Toskanischer Garten“ von 1912 für 600 000 Franken vermittelt. Gute Aussichten also auch für die vorliegende Werkauswahl; trotzdem wird ein 1931 datiertes Stillleben mit „Orchideen“ mit einer vergleichsweise vorsichtigen Taxe (80 000 Franken) ins Rennen geschickt (Lot 286). Die höchsten Erwartungen verknüpft das Haus mit dem Kirchen-Interieur „San Fedele in Como“ (Abb. S. 4), das Giacometti 1934 ausführte. Die Faszination des Malers für die Innenraumgestaltung barocker und nachbarocker Sakralbauten, die in der pointierten Führung des Lichts die spirituelle Atmosphäre des Orts nachdrücklich betonte, verrät sich auch hier: Einfallende Sonnenstrahlen tauchen das Kircheninnere in ein heiteres, festliches Licht, das den Raum bis in die hintersten Nischen gänzlich erfüllt, sodass sich eine eingehendere Detailbeschreibung erübrigt. Angesetzt ist das ausgesprochen dekorative Interieur mit 200 000 Franken, doch hegt man dafür insgeheim wohl ein wenig kühnere Erwartungen (Lot 294).

BEURRET BAILLY WIDMER

Basel, Auktion 20. März, Besichtigung 14. – 17. März


Abb.: Beurret Bailly Widmer, Basel

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