Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 6 Min.

GLYPHOSAT


Lebensart - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 12.09.2019

Österreich hat als erstes Land in der Europäischen Union ein Verbot von Glyphosat beschlossen. Was steckt hinter dem Herbizid? Welche Folgen hat ein Totalverzicht? Und kann Österreich Glyphosat überhaupt verbieten? Ein Faktencheck.


WAS BRINGT EIN VERBOT?

Artikelbild für den Artikel "GLYPHOSAT" aus der Ausgabe 4/2019 von Lebensart. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lebensart, Ausgabe 4/2019

9 Prozent der österreichischen Agrarflächen werden mit Glyphosat behandelt, in Deutschland sind es 37 Prozent.

Seit der Mensch Ackerbau betreibt, versucht er, Schädlingen und Unkräutern beizukommen, die seine Ernte bedrohen. Die Entdeckung der Spritzmittel galt daher als Segen für die Menschheit. Ihre negativen Auswirkungen wurden oft erst Jahre später ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Lebensart. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2019 von FELD- UND STALLGESCHICHTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FELD- UND STALLGESCHICHTEN
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von IMGESPRÄCH. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
IMGESPRÄCH
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von ZUR LESERFRAGE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ZUR LESERFRAGE
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von 5G WIE GEFÄHRLICH IST DAS ULTRASCHNELLE MOBILNETZ?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
5G WIE GEFÄHRLICH IST DAS ULTRASCHNELLE MOBILNETZ?
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von FREIHEIT IST IMMER DIE FREIHEIT DER ANDERSDENKENDEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FREIHEIT IST IMMER DIE FREIHEIT DER ANDERSDENKENDEN
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von TOO GOOD TO GO. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TOO GOOD TO GO
Vorheriger Artikel
ZUR LESERFRAGE
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel 5G WIE GEFÄHRLICH IST DAS ULTRASCHNELLE MOBILNETZ?
aus dieser Ausgabe

... sichtbar und viele Gifte verschwanden – wieder zum Segen der Menschen – vom Markt.

Der Aufstieg des Herbizids Glyphosat begann Mitte der 70er Jahre. Es galt als wirkungsvoll und wenig gefährlich. Doch dann stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO den Unkrautvernichter als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Von nun an wurde sein Verbot gefordert.

1. WIE WIRKT GLYPHOSAT?

Glyphosat zählt zu den nicht-selektiven Herbiziden. Es führt zum Absterben aller besprühten Pflanzen. Nur GVO-Saat ist resistent. Deshalb wird das Gift außerhalb Europas in großen Mengen aus Flugzeugen auf gentechnisch veränderte Kulturen gesprüht. Von den 800.000 Tonnen Glyphosat, die pro Jahr weltweit verkauft werden, landet etwa die Hälfte auf Gen- Soja und Gen-Mais.

2. WO UND WIE WIRD GLYPHOSAT IN ÖSTERREICH VERWENDET?

2017 waren in Österreich 1.300 verschiedene Pflanzenschutzmittel zugelassen. Insgesamt wurden 12.600 Tonnen verkauft, 320 Tonnen davon waren Glyphosatprodukte, 2018 waren es 242 Tonnen. Die Landwirtschaft ist mit etwa 90 Prozent der größte Abnehmer von Glyphosat, der Rest landet bei den ÖBB, in Gemeinden, Unternehmen und in privaten Gärten.

Die Bauern wenden es in erster Linie vor der Aussaat an, um die Felder (Mais, Zuckerrübe, Soja) von Unkraut und Gründüngung zu befreien. Das soll für den Boden und darin lebendes Getier schonender sein als das Umpflügen. Außerdem wird es im Obst- und Weinbau zwischen den Reihen angewandt. Auf bereits aufgegangene Kulturen darf es nicht gespritzt werden. In Österreich ist auch das Besprühen zur Reifebeschleunigung vor der Ernte – die sogenannte Sikkation – verboten.

3. IST DAS GIFT IN LEBENSMITTELN NACHWEISBAR?

Von 1.124 in Österreich untersuchten Lebensmittelproben aus konventioneller Produktion lag eine Honigprobe über dem Rückstandshöchstgehalt, berichtet die AGES. Die anderen Proben lagen unter den Höchstwerten, in 92 Prozent waren keine Rückstände bestimmbar. EU-weit und vor allem weltweit sieht es anders aus. Durch die in einigen EU-Ländern erlaubte Sikkation kommt es immer wieder zu Glyphosatrückständen in Getreide und damit in Brot, Backwaren und Bier.

4. IST GLYPHOSAT GESUNDHEITSSCHÄDLICH?

Das ist umstritten. Die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC der WHO bewertet Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend”. Dem widersprechen unter anderem die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA und die Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit AGES, die Glyphosat als nicht krebserregend einschätzen. Wie es zu diesen unterschiedlichen Bewertungen kommt, erklärt AGES-Sprecher Roland Achatz: „Die IARC untersucht, ob eine Substanz grundsätzlich in der Lage ist, auf irgendeine Weise Krebs auszulösen. Dass dies bei Glyphosat möglich ist, zeigten Versuche an Ratten, die mit großen Mengen Glyphosat gefüttert worden sind. Die europäische EFSA hingegen untersucht, ob eine Krebsgefahr bei normaler Anwendung realistisch ist. Daher können beide Institutionen recht haben: Glyphosat kann in extrem hohen Dosen Krebs auslösen und gleichzeitig bei normaler Anwendung ungefährlich sein.“ Ebenfalls in die Kategorie „wahrscheinlich krebserregend“ fallen laut IARC Rindfleisch, Mate-Tee oder Schichtarbeit.

5. KANN ÖSTERREICH GLYPHOSAT VERBIETEN?

In der nationalen Machbarkeitsstudie zum Glyphosatausstieg kommen die Autoren zum Schluss, dass ein komplettes Verbot in Österreich nicht möglich sei. Es würde der Genehmigung des Wirkstoffs auf EU-Ebene – die noch bis 2022 gilt – widersprechen. Dessen ungeachtet sei Glyphosat ohnehin tot, sagt AGES-Sprecher Roland Achatz: „Nach der massiven Kritik an dem Herbizid wird es niemand mehr wagen, für eine Verlängerung der Zulassung nach 2022 zu stimmen.“

Auf der sicheren Seite: Bio-Lebensmittel sind frei von chemisch-synthetischen Spritzmitteln.


DER WIND STOPPT NICHT VOR BIO-FELDERN:

VEREIN ZUR FÖRDERUNG EINER ENKELTAUGLICHEN UMWELT HILFT BAUERN

Weil der Wind Spritzmittel weiterträgt, kann es zu einer Verunreinigung von Biofeldern kommen und die Ernte kann nicht mehr biologisch vermarktet werden. SONNENTORGründer Johannes Gutmann: „Wir arbeiten in Österreich mit rund 300 Bio-Bauernfamilien zusammen. Alle Wareneingänge werden auf rund 600 chemische Spritzmittel und Umweltgifte untersucht und wir akzeptieren Funde in Summe von 0,01 Milligramm. Immer öfter finden wir aber höhere Werte und diese Kräuter und Gewürze können wir dann nicht übernehmen.

Rund 2,5 Prozent der Warenübernahmen müssen wir ablehnen, sehr zum Schaden unserer bemühten Bio-Lieferanten! Der Bio-Betrieb wird gesperrt, bis die Ursache gefunden ist. Nur selten gibt ein unvorsichtiger „Spritzer“ den verursachten Schaden zu. Es folgen Gerichtsverhandlungen und hohe Kosten. Das kann lange dauern und sogar bis in die Insolvenz führen.“

Mit dem Verein zur Förderung einer enkeltauglichen Umwelt in Österreich schreiten SONNENTOR und seine Bio-Lieferanten zur Selbsthilfe: Sie geben einen kleinen Teil ihrer Erlöse als Beitrag ab. Mit der generierten Summe werden Betroffene entschädigt, die ihre Ernte unverschuldet nicht mehr als Bio-Ware verkaufen können.

Jeder kann Außerordentliches Mitglied im Verein

werden:www.enkeltaugliche-umwelt.at

Ökologe Prof. Dr. Johann Zaller, SONNENTORAnbauberaterin Elfriede Stopper, Bio-Bauer Johann Neuner und SONNENTOR-Gründer Johannes Gutmann setzten sich gemeinsam für eine enkeltaugliche Umwelt ein.


6. WELCHE ALTERNATIVEN GIBT ES ZU GLYPHOSAT?

Derzeit gibt es keine alternativen Herbizide mit vergleichbarer Wirkungsbreite. Auf dem Markt sind selektive Herbizide. Sie sind im Einzelnen gut überprüft. Weil sie aber weniger breit wirken, ist davon auszugehen, dass sie in Kombination ausgebracht werden. Dadurch kann es zu Wechselwirkungen kommen, die noch unklar sind. Auch lassen sich die ökologischen Folgen eines neuen Pestizids nicht vorausberechnen. Warum nicht komplett auf chemischsynthetische Pestizide verzichten? Bio- Bauern kommen ohne aus. Sie setzen auf eine vielseitige Fruchtfolge, um die Ausbreitung von Unkraut zu verhindern, und auf eine intensivere mechanische Bodenbearbeitung. Das bedeutet Mehrarbeit und den öfteren Einsatz von Pflug und anderen Geräten. Die ÖBB sucht ebenfalls nach Alternativen für das Herbizid, um die Gleisanlagen von Unkraut zu befreien. Einen vollwertigen Ersatz habe sie aber noch nicht gefunden.

Im öffentlichen Bereich ist ein Verzicht einfacher. Man kann die Unkräuter mit Heißschaum oder Heißwassergeräten bekämpfen. In Privatgärten hat das Gift – das auch unter dem Markennamen Roundup verkauft wird – ohnehin nichts verloren.

7. WIRD IN ZUKUNFT WENIGER GIFT AUF DEN FELDERN VERSPRÜHT?

Fest steht: Für die Bauern wird es teurer. Sie müssen mehr Geld für alternative Mittel, Maschineneinsatz und Arbeitszeit investieren. Das kurbelt aber auch die Forschung an. „Gegen Unkraut auf dem Feld gibt es schon Tests mit Drohnen oder kleinen Robotern, die Unkräuter erkennen und gezielt abtöten“, sagt Nutzpflanzenforscherin Siegrid Steinkellner von der Universität für Bodenkultur in Wien.

Sie sieht eine integrierte Landwirtschaft, bei der zwar synthetische Pestizide verwendet werden, aber in geringen Mengen und in einer möglichst verträglichen Form, als Lösung. „Gleichzeitig setzt man auf natürlichen Pflanzenschutz, etwa mit Nützlingen.“ AGES-Sprecher Roland Achatz: „Glyphosat ist das bestgeprüfte Herbizid. Allerdings könnte man die Wirkstoffmengen verringern, das wäre ausreichend.

In der Landwirtschaft geht es darum, die besten Maßnahmen von allen zu nehmen und zu kombinieren. Erosionsschutz ist enorm wichtig. Und dazu trägt die Gründüngung, die den Boden über den Winter bedeckt, bei.“ Das Aus für Glyphosat dürfe nicht dazu führen, dass die Bauern auf Gründüngung verzichten oder wieder mehr pflügen.

Bio-Pionier und SONNENTOR-Gründer Johannes Gutmann freut sich über das Glyphosat-Verbot. Die Zukunft sieht er in einem Nebeneinander von Bio und verantwortungsvoller konventioneller Landwirtschaft: „Die Produktion der Lebensmittel geht nur gemeinsam und wir können diese Systeme nicht von heute auf morgen mit Gewalt und Schuldzuweisung verändern. Es geht nur im gegenseitigen Verständnis und im Gespräch. Die Zukunft wird es weisen, was nicht nur gesünder für den Boden und unsere Umwelt ist, sondern auch überlebensnotwendig für eine ganze Berufsgruppe.

Und das sind und bleiben beseelte und begeisterte Bäuerinnen und Bauern. Allerdings müssen wir lernen, wieder in geschlossenen Kreisläufen zu denken und zu handeln. Wenn wir von der Substanz leben und nur mehr Abhängigkeiten von Förderungen haben, dann rennen sich unsere konventionellen Systeme tot, und da sind wir schon mittendrin.“

FAZIT:

Die Zulassung für Glyphosat auf EUEbene gilt noch bis 2022, mit einer Verlängerung ist nicht mehr zu rechnen. Es ist gut und richtig, auf Gifte in der Landwirtschaft so weit wie möglich zu verzichten. Dies ist aber nur ein Teil einer verantwortungsvollen Landwirtschaft. Wir alle sind gefordert, den Bauern ihre Mehrarbeit auch abzugelten und mehr für Lebensmittel zu bezahlen, zum Schutz unserer Böden, unserer Gesundheit und aller Lebewesen auf diesem Planeten.

QUELLEN:

- Machbarkeitsstudie Glyphosatausstieg, BMNT 2019,www.ages.at

- Grüner Bericht 2018, BMNT 2018, gruenerbericht.at

- Addendum,www.addendum.org/pestizide/gutes-gift-und-boeses-gift

- Verein Land schafft Leben,www.landschafftleben.at

- Sonnentor,www.sonnentor.a


Fotos: pixdeluxe/iStock

Fotos: SONNENTOR; 4x6/iStock (v.l.n.r.)