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Go East!


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Donna - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 02.11.2022

Reise

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Hier stehen die Häuser oft einzeln, wie dieses große Privathaus in Provincetown. Sammlerin Peggy Guggenheim, Maler Edward Hopper suchten hier Ruhe und Inspiration

Auf dem Highway, der Route 6 Richtung Norden, ist es plötzlich da, das Gefühl von Freiheit. Wie ein angewinkelter Arm ragt die Halbinsel Cape Cod in den Atlantik. Etwa ab dem Ellenbogen gibt es keine dicken Supermärkte mehr, nur Pinienwald und salzigen Wind, auf Autodächern schaukeln Kajaks. Hat man das Drive-in-Kino aus den 1950er-Jahren erreicht, beginnt das Örtchen Wellfleet, gegründet 1763, umgeben von Meer. Früher lebte man hier vom Walfang, heute von Austern. Der historische Ort hat gut 3500 Einwohner, im Sommer verfünffacht sich die Zahl. Alles jedoch, was etwa die Hamptons auf Long Island ausmacht, sucht man hier vergeblich: protzige Autos, Schau- laufen, manikürte Gärten. Nach Wellfleet kommen Kreative, die Ruhe suchen. DieNewYorkTimesbeschrieb das Publikum so: „Die gesamte Fakultät der Universitäten Columbia und Harvard, die Mitarbeiter des ParisReviewund des NewYorkerund ...

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... die Hälfte der Psychoanalytiker der Upper West Side.“ Auf sie warten Galerien, ein Theater, der Buchladen mit Restaurant und drei Cannabis-Apotheken. Und eine französische Bäckerei, vor der sich am Wochenende eine 15 Meter lange Schlange bildet.

Wir sind mit der Frau verabredet, deren Familiengeschichte viel damit zu tun hat, dass es hier ist, wie es ist. Miranda Cowley Heller lebt in Los Angeles, London und eben hier auf Cape Cod, wo sie ihre Ferien verbringt, seit sie denken kann. In ihrem uralten Haus sitzt sie auf einem der gemütlichen Sofas, streckt ihre nackten Füße aus und freut sich über eine Spottdrossel vor dem Fenster. Es fällt schwer, sich die Frau in endlosen Konferenzen vorzustellen, aber die gehörten lange zu ihrem Alltag, als sie noch Serien-Chefin bei HBO war und „Die Sopranos“, „Six Feet Under“ und „The Wire“ entwickelt hat. Dann, mit fast 60, hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht, ein Welterfolg: „Der Papierpalast“ führte über Wochen dieNewYorkTimes-Bestsellerlistean, dieses Jahr erschien er auf Deutsch, auch bei uns ein großer Erfolg. Eine Miniserie ist geplant. Im Mittelpunkt steht eine Frau jenseits der Lebensmitte, die sich 24 Stunden gibt, um zwischen zwei fabelhaften Männern zu wählen: dem Ehemann und der Jugendliebe. In Rückblenden entfalten sich die Jahrzehnte, Verrat und Lügen, Geheimnisse und Abgründe, alles schnörkellos und mit leiser Komik erzählt. Die stille Hauptrolle spielt ein viel geliebtes und leicht heruntergekommenes Haus und eben das tiefenentspannte „Outer Cape“ – so nennt sich der Landstrich, zu dem Wellfleet gehört. Das fiktive Haus hat ein reales Vorbild, nur ein paar Autominuten von Cowleys Wohnzimmer entfernt. Tief im Wald, an einem der gut 20 Seen, die sich hier verbergen, ganz in der Nähe von Wellfleets Bilderbuchstränden. Die Seen sind am Ufer seicht, man kann hier liegen wie in einer Badewanne. Die größeren heißen Gull, Great und Long Pond, über Sandpisten sind sie mit dem Auto erreichbar, aber um zu parken, braucht es eine Genehmigung. Die kleineren liegen so abseits, dass man sie nur nach einem längeren Fußmarsch erreicht. Noch heute ist man in den glitzernden Buchten oft allein. Rund um diese Seen ist ab 1940 eine einzigartige Gemeinschaft gewachsen.

Cape Cod wird auch das Kap der Kennedys genannt

Der Grund dafür ist Cowleys Familie, genauer gesagt ihr Großvater, Jack Phillips. Der studierte Kunst in Harvard, als er vor fast 100 Jahren eine riesige Fläche Land erbte, fast so groß wie der New Yorker Central Park. Sein Vater lästerte über den Mückensumpf, riet ihm, alles sofort zu verscherbeln. Jack aber, ein Freigeist mit ebenso freigeistigen Freunden, der längere Zeit in Paris gelebt hatte, hörte nicht. Er hatte sich genug mit Architektur beschäftigt, um ein Haus zu bauen, später weitere. Die vermietete er an den Surrealisten Roberto Matta, der brachte Max Ernst, Robert Motherwell und Peggy Guggenheim mit. Ein anderer Mieter war der Emigrant Serge Chermayeff. Im Kaukasus geboren, meisterhafter Tangotänzer, später leitete er die Architektur-Fakultäten der Universitäten Harvard und Yale. Er brachte Walter Gropius nach Wellfleet, der wiederum zog Marcel Breuer nach. Man kann nur ahnen, wie die entwurzelten Europäer hier durchgeatmet haben. Füße im Sand mit ihresgleichen, auch Arthur Schlesinger Jr., der spätere Berater John F. Kennedys, war Teil des Zirkels. Abends traf man sich zu Partys, die Männer entfachten riesige Feuer. Das alles, so erzählt Miranda Cowley, gern nackt und umgeben von Horden herumrennender Kinder, die tagsüber unbeaufsichtigt im Wasser schwammen. Einmal in der Woche wurden Lebensmittel geholt, sonst verließ keiner den Wald. „Und abends saßen alle am Feuer, guckten dem über dem Meer aufsteigenden Mond zu, flirteten, aßen sandig knirschende Hamburger mit eingelegten Gurken, die auf grob gezimmerten Tischen serviert wurden“, schreibt sie. „Unsere Eltern tranken Gin aus Marmeladengläsern und verzogen sich in den hohen Strandhafer, um ihre Geliebten zu küssen.“ Die Freunde mieteten nicht nur, sie kauften Phillips auch Land ab und bauten ihre eigenen Sommerhäuser. Und so mischte sich die Klarheit des Bauhauses mit der Ästhetik neuenglischer Strandhütten und Hummerbuden. Mehr als 100 Häuser entstanden so und sind heute einzigartige Zeitdokumente.

Wie ein angewinkelter Arm ragt die Halbinsel in den Atlantik. Nicht nur die Form erinnert an Sylt

Fährt man heute eine bestimmte Sandpiste, steht da ein Baum, vollgenagelt mit Holzschildern: Chermayeff ist einer der Namen, die mit schwarzer Farbe hingepinselt wurden. Wo genau das Haus der Kinder und Enkel des Architekten Serge Chermayeff liegt, weiß nur, wer die Wegbeschreibung hat. Mit dem Navi kommt man nicht weit, die Grundstücke sind vom Weg nicht einsehbar – und genauso ist es auch gedacht.

Den Zusammenhalt von früher gibt es heute nicht mehr so, sagt Cowley. „Die nächsten Generationen teilen sich in kleine Gruppen.“ Alle kennen sich zwar, aber die Zeit der gemeinsamen Dauerpartys ist vorbei. „Heute braucht man für jedes Lagerfeuer eine Genehmigung.“ Das veränderte Klima hat auch mit den Neuankömmlingen zu tun, die sie „Eindringlinge“ nennt und gleich entschuldigend lacht. Städter, die sich von Boston oder New York aus aufgemacht haben, den Wald und seine Häuser zu entdecken. Und dann nicht wissen, dass am See ein ungeschriebenes Gesetz gilt: keinen Laut von sich zu geben. Neue Eigentümer, die mit ihren Autos im Sand stecken bleiben oder den Wegen Namen geben und Straßenschilder aufstellen, die von den Alteingesessenen sofort wieder abmontiert werden.

Einige der Häuser sind Privateigentum, andere gehören der Cape Cod National Seashore. Dieses Gebiet hat John F. Kennedy geschützt, dessen Familiensitz auch hier liegt, in Hyannis Port. Er unterschrieb im ersten Jahr seiner Präsidentschaft ein Gesetz, das einen Teil der Gegend zum Nationalpark machte. Innerhalb seiner Grenzen durfte nicht weiter gebaut werden. Im Lauf der Jahre waren viele der modernistischen Häuser dabei zu verfallen. 2007 gründete der Architekt Peter McMahon den Cape Cod Modern House Trust, um zu retten, was noch zu retten ist. Einige wurden restauriert, sie sind fast immer ausgebucht, auch wenn es keine Klimaanlage gibt und das Internet nur selten funktioniert.

Wie begehrt die Gegend bis heute ist (trotz Mücken), erkennt man an den vielen Immobilienbüros und den erstaunlichen Preisen. Und am Laib Bauernbrot, das in Wellfleet satte 14 Dollar kostet. Auf manchen Autos klebt ein Sticker: „Wellfleet ist ätzend. Erzählt das euren Freunden.“

Geheimtipps

Wiekommtmanhin?Nach Boston direkt fliegen Lufthansa und United, z. B. ab München und ab Frankfurt, etwa 850 Euro. Weiter geht es mit dem Mietwagen. Die Fahrtzeit: etwa zwei Stunden bis nach Wellfleet.

Wowohnen?Auf Cape Cod gibt es zahlreiche Unterkünfte unterschiedlichster Kategorien. Viele sind auf der Website zu finden. In Wellfleet gibt es zentral liegend das Boutique-Hotel „Endless Coast”, DZ ab 220 Euro (endlesscoast.com). Eigene Häuser unter airbnb.com (ab ca. 150 Euro/Nacht).

Literatur:Miranda Cowley Heller: „Der Papierpalast”, Ullstein, 23,99 Euro.