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GÖTTIN DER KLEINEN DINGE


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 28.10.2021

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 11/2021

Barnetts Blick: Immer ein bisschen skeptisch und ein bisschen gelangweilt

Als courtney barnett im oktober 2019 nach gut einem Jahr von einer Tour zurückkehrte, auf der sie die Lieder ihres Albums „Tell Me How You Really Feel“ vorgestellt hatte, wusste sie selbst nicht mehr so genau, wie sie sich eigentlich fühlte. Die vielen Monate zwischen Orten und Zeitzonen, Jetlags und Hangovers, Konzerten, Bussen, Hotels und Flugzeugen hatten sie erschöpft. Und in Mel bourne, ihrer Wahlheimat, wartete nicht mal ein Zuhause auf sie: Von ihrer Freundin, der Songwriterin Jen Cloher, hatte sie sich kurz vor Beginn der Tour nach sechs Jahren Beziehung getrennt. Nun hatte sie keinen festen Wohnsitz mehr, und ihr Heimatland war im Begriff abzubrennen. Besonders heftige Feuer – wohl auch eine Folge der Erderwärmung – vernichteten etwa 126.000 Quadratkilometer Busch-, Gras-und Regenwaldflächen und 5900 Gebäude. Die Bilder von Rauchsäulen, kokelnden Baumstümpfen und vor Schmerz durch ...

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... Verbrennungen laut aufschreienden Koalas gingen um die Welt.

Für Barnett, die eine Meisterin darin ist, die kleinen Dinge präzise und pointiert in Lieder zu fassen, die Routinen, den Alltag, das Leben in den Vororten, die Langeweile, das Abhängen und die Prokrastination, war das nicht nur psychisch belastend, es war auch eine Nummer zu groß und dramatisch, um es in ihrer Kunst verarbeiten zu können. Aber neue Lieder musste sie trotzdem schreiben, denn die alten waren durch die lange Tournee aufgebraucht.

Völlig apathisch saß sie bei ihrer Familie in Sydney und in zwischengemieteten Zimmern in Mel bourne und versuchte das Chaos um sie herum und ihre dunklen Gedanken in Worte und Akkorde zu fassen. „Manchmal kamen Freunde vorbei, um nach mir zu schauen, weil sie sich Sorgen machten. Aber die wussten auch nicht, wie sie mir helfen sollten“, erzählt die Songwriterin jetzt, knapp zwei Jahre später.

„VIELE LEUTE FÜHLEN SICH EINSAM – VIEL- LEICHT SIND SIE ES GAR NICHT SO SEHR“

Sie sitzt in einem Haus im kalifornischen Nationalpark Joshua Tree, um sich von all dem Stress der vergangenen Monate ein bisschen zu erholen. Anfang November wird sie hier ihren 33. Geburtstag feiern. Es geht ihr gut. Aber dem Dauerlockdown in Mel bourne, der zum Zeitpunkt unseres Gesprächs Anfang Oktober schon ziemlich genau 250 Tage währt, wollte sie endlich mal entkommen.

Wie sie aus der persönlichen und kreativen Krise herausgefunden hat? „Oh, das war ein langer Weg“, sagt sie. „Ich bin allerdings generell in vielen Dingen eher langsam. Übrigens auch beim Songschreiben. (Lacht) Eine Freundin hat mir irgendwann gesagt, ich solle eine Liste mit Dingen machen, auf die ich mich freue. Aber mir fiel nichts ein.“ Doch die Freundin ließ nicht locker, denn sie wusste, dass es die Konzentration auf die kleinen Dinge sein würde, die Barnett wieder in die Spur bringt.

„Irgendwann habe ich mich dann gezwungen, etwas aufzuschreiben. (Kunstpause) Am Ende hatte ich genügend Stoff für 25 Strophen oder so. (Lacht)“ Diese Strophen enthält sie uns allerdings vor. Ein Song mit dem Titel „Write A List Of Things To Look Forward To“ ist trotzdem auf dem neuen Album, das den tröstenden, aber die Barnett’sche Verzögerung mitdenkenden Titel „Things Take Time, Take Time“ trägt: „Sit beside me, watch the world burn, we’ll never learn we don’t deserve nice things“, singt sie in dem musikalisch geradezu flotten tingeltangelnden Lied. „And we’ll scream self-righteous ly: We did our best! But what does that even mean?“

Im australischen Sommer 2019/20 spielte sie ein paar Benefizkonzerte für die Buschfeuer-Opfer, ging auf eine kleine Solotour in den nordamerikanischen Winter, und als sie zum australischen Herbstanfang im März wieder heimkehrte, war schon die Pandemie ausgebrochen und sie musste erst mal für zwei Wochen in Quarantäne. Sie zog in eine kleine Wohnung, die Freunde ihr überlassen hatten, und blieb dort ein ganzes Jahr. Die Wohnung lag an der Rae Street im hippen Melbourner Vorort Fitzroy, und ein nach der Straße benannter, Barnett-typisch schlurfiger Song, ein Walking Blues in Chucks quasi, eröffnet „Things Take Time, Take Time“ mit den Zeilen: „In the morning I’m slow/ I drag a chair over to the window/ And I watch what’s going on.“ Guter Weg, die Schreibblockade zu überwinden und die dunklen Gedanken zu verscheuchen.

Ob sie fasziniert sei vom Leben in den Vororten? „Ganz sicher nicht“, sagt sie. „Aber ich habe mein Leben lang in den Suburbs gelebt, und meine Songs handeln immer von meiner unmittelbaren Umgebung. Faszinierend finde ich die nicht. Eher … normal.“ „ Shine those shoes and mow those lawns, let’s get back to normal“, heißt es auch in der letzten Strophe von „Rae Street“. „Lay it all on the table, you seem so stable, but you’re just hanging on. Let go that expectation, change the station, find out what you want.“ Sie beschreibt ihren Weg aus der Beobachtung in die Selbstfindung.

In der neuen Wohnung begann sie sich erst mal richtig um sich selbst und ihre Bedürfnisse zu kümmern. Unter anderem entdeckte sie ihre lang verborgene Kochleiden- schaft – im Wes-Andersonesken Video zu „Write A List Of Things To Look Forward To“ sieht man sie in einem Buch mit dem Titel „Cooking With Courtney“ lesen, das ihr zuvor jemand als Präsent an die Adres se 27 Rae Street geschickt hat. Außerdem abonnierte sie den Streamingkanal des amerikanischen Filmklassiker-Dienstes Criterion, verliebte sich in die Werke von Agnès Varda und vor allem in die von Andrei Tarkowski – Anspielungen auf dessen Film „Stalker“ findet man im Clip zum neuen Song „Be fore You Gotta Go“.

„Mein Freund Danny Cohen, ein Regisseur, der mich auf der ‚Tell Me How You Really Feel‘-Tour auch mit der Kamera begleitete, hat mir einige Tipps gegeben, was ich mir anschauen soll“, erklärt Barnett. „Er war überhaupt in dem ganzen Prozess sehr hilfreich.“

Cohens Film, benannt nach dem frühen Barnett-Song „Anonymous Club“ („Let’s start an anonymous club/ I’ll make us name bad ges with question marks“), wurde weit mehr als die Dokumentation einer Tour, begleitete Barnett auch durch die Krise und auf dem Weg heraus. Der Regisseur hatte der von Natur aus scheuen Barnett ein Diktafon gegeben, auf dem sie allein für sich ihre Gedanken festhalten konnte. Aus diesen Aufzeichnungen montierte er schließlich die Erzählstimme des Films. Man sieht also Barnetts Außenwelt, aber man hört ihre Innenwelt.

„I don’t know what the fuck I’m tal king about anymore“, sagt sie am emotionalen Tiefpunkt des Films (der im nächsten Jahr in die Kinos kommen soll). Das hatte sie so ähnlich schon ein paar Monate zuvor in ihrem Song „Crippling Self-Doubt And A General Lack Of Self-Confidence“ formuliert – ihre Lieder sind oft schneller und offener als ihr bewusstes Selbst, daher zitiere ich hier auch fast so viele Songtexte wie Interview passa gen. Im Refrain des besagten Songs kommt auch die Zeile vor, die dem Album „Tell Me How You Really Feel“ seinen Titel gab: „Tell me how you really feel/ I don’t know, I don’t know anything/ I don’t owe, I don’t owe anything/ I don’t know, I don’t know anything/ I don’t owe, I don’t owe anything.“

Gehören solche Krisen vielleicht bei einer Künstlerin, die aus ihrem eigenen Leben schöpft, einfach zum kreativen Prozess dazu? „Bei mir sicher“, sagt Barnett und lacht et- was verlegen. „Wie die meisten kreativen Menschen neige ich zu Selbstzweifeln. Aber … Ach, ich will mich gar nicht beschweren oder in so eine Jammerhaltung verfallen.“ Sie lacht. „Es ist schon ein ziemlich toller Job, den ich da habe, und gerade macht alles großen Spaß: die Verbindung zu den Musikern und meinem Label und zu den Fans.“

Auf ihrer Website hatte sie vor der Veröffentlichung von „Tell Me How You Really Feel“ ihre Fans gebeten, ihr zu schreiben, wie sie sich wirklich fühlten. „Es hat einen wirklich demütig gemacht und war sehr schön zu lesen, was die Leute so alles mit einem teilen wollen und wie offen sie waren“, räsoniert sie im Trailer zu „Anonymous Club“ auf ihrem Diktafon und liest einige vor: „‚Fühle mich einsam und weiß nicht warum.‘ ‚Fühle mich erschöpft, möchte es aber nicht zeigen.‘ ‚Ein bisschen schuldig, aber großzügig.‘ ‚Schwindelig vom Verliebtsein.‘ ‚Glücklich, aber gestresst.‘ ‚Mutig und verängstigt.‘ Und es gab eine überwältigende Anzahl von ‚Ich fühle mich müde‘, ‚Ich fühle mich hoffnungslos‘, ‚Ich fühle mich einsam‘. Viele Menschen fühlen sich einsam – vielleicht sind sie es gar nicht so sehr.“

In „Oh The Night“, dem Song, der das neue, an einem Morgen in der Rae Street beginnende Album am Ende eines Tages beschließt, heißt es: „Sorry that I been slow/ Y’know it takes a little/ Time for me to show, how I/ Really feel. Won’t you meet me some where in the middle/ On our own time zone?“ Diese Zeilen haben dann schon wieder ein Gegenüber, wurden nicht in ein Diktafon gesprochen. Wie es dazu kam, erzählt der Song „Turning Green“, der in der Mitte platzierte Höhepunkt von „Things Take Time, Take Time“. Da singt Barnett zu pulsierendem Bass und simplem Drum-Machine-Beat: „You been around the world looking for the perfect girl/ Turns out she was just livin’ down the street.“

„Den Song hatte ich eigentlich als hübsche kleine Akustiknummer geschrieben. Vielleicht ein bisschen zu hübsch“, erklärt Barnett. „Im Studio habe ich ihn dann zu einer Art Go-Betweens-Stück mit hell klingelnden Gitarren umarrangiert. Aber das war’s irgendwie auch nicht. Normalerweise wäre ich an dieser Stelle durchgedreht und hätte gesagt: Okay, der Song klappt nicht, lass uns den wegwerfen! Aber Stella hat mich und den Song mit ihrem Optimismus ge- rettet und gesagt: Wir versuchen es einfach morgen noch mal.“

Stella ist Stella Mozgawa, in Sydney geborene Schlagzeugerin der kalifornischen Band Warpaint. „Wir waren 2016 zur selben Zeit auf Tour und sind uns ständig über den Weg gelaufen, so haben wir uns kennengelernt“, so Barnett. Mozgawa spielte schließlich auch auf einigen Stücken des Albums „Lotta Sea Lice“ von 2017, das Barnett mit dem amerikanischen Gitarristen und Songwriter Kurt Vile aufnahm. Nun arbeiteten sie in Sydney erneut zusammen.

„Ich war Weihnachten 2020 bei meiner Familie in Sydney und bin dort noch ein bisschen länger geblieben, um meine einjährige Nichte kennenzulernen, die ich nach ihrer Geburt wegen der Pandemie nur einmal für ein paar Minuten hatte sehen können“, erklärt Barnett. „Da habe ich mir in der Stadt ein Studio gesucht, um ein bisschen mit Stella an Songs zu arbeiten.“

Eigentlich habe sie da bereits mit ihrer Band in Melbourne am neuen Album gearbeitet. „Aber die Studiozeit war pandemiebedingt begrenzt. Stella und ich haben dann noch mal komplett von vorn angefangen, einfach ein bisschen herumgespielt. Und irgendwann stellten wir fest, dass wir als Duo ein ganzes Album gemacht hatten, ohne daran zu denken, ein Album zu machen. Da haben wir uns selbst ausgetrickst. (Lacht)“ Erst mal vor den Erwartungen wegducken, abwarten, was passiert, und die Erwartungen dann übertreffen: das ist das Barnett’sche Erfolgsrezept. „Die Arbeit hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich aus Routinen zu lösen, um das, was man macht, aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.“

Bei „Turning Green“ wird dieser neue Ansatz besonders deutlich. Denn als sie den Song nach Einmaldrüber-Schlafen erneut angingen, haben sie ihn völlig umgedreht, die Gitarren, mit denen alles begann, erst mal komplett weggelassen und nur mit einer alten Drum Machine und einem Bass gearbeitet. „Wir wollten so Krautrock-Vibes erzeugen“, erklärt Barnett. „Und wenn ich dann nach zwei Minuten oder so mit einer ziemlich harschen Gitarre einfalle, hat die plötzlich eine ganz andere Wirkung.“ So wie wenn plötzlich die Liebe in den monotonen Alltag platzt.

Tatsächlich erinnert der Track ein wenig an die Krautrock-Ausflüge von Wilco. „Jeff Tweedy hat definitiv meine Liebe zu Drum Machines ausgelöst“, sagt Barnett. Bei einem ihrer Besuche im Wilco-Headquarter in Chicago, dem Proberaum, Studio und Lager, das die Band „The Loft“ nennt, hatte Tweedy ihr einige alte Rhythmusmaschinen vorgespielt, und sie war so begeistert gewesen, dass sie sich gleich bei eBay ein paar Modelle gekauft hat. „Große Teile von ‚Tell Me How You Really Feel‘ habe ich mit Drum Machines geschrieben“, so Barnett. „Und nun hat eine endlich auch einen richtig großen Auftritt auf einer meiner Platten.“

Man merkt im Gespräch, wie stolz sie auf „Things Take Time, Take Time“ ist, ein helles, lebensbejahendes Album, das sie einer dunklen Zeit abgerungen hat. Vor der nächsten Krise hat sie keine Angst, sagt sie. Auch nicht vor der langen Tour, die Ende November beginnt, oder davor, dass sie irgendwann zu Ende geht. Wie sie sich wirklich fühlt, werden wir aber wohl aus einem Song erfahren.