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GÖTTLICHE PFADE


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Outdoor - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 11.10.2022
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Blicke, schöner als gemalt ? zwischen den Dörfchen Praiano und Nocelle.

D as Laufen, sagt Enzo Barba, lerne man an der Amalfiküste auf Treppen. Als Beweis rollt er seine Hosenbeine hinauf. »Schau dir all die Narben an.« Die dunklen Striche auf Knien und Schienbeinen stammen von den Stürzen seiner Kindheit im Bergdorf Montepertuso. Barfuß lief er damals den ganzen Sommer die Treppen zum Meer hinab. Später schleppte er unten in Positano Koffer zu den teuren Hotels, jeden Tag hunderte Stufen treppauf, treppab.

Heute trägt Enzo Barba, 41, nur noch einen Tagesrucksack. Seit sechs Jahren arbeitet der drahtige Sunnyboy als Wanderführer – ein recht neuer Job an der Amalfiküste, trotz der langen Tourismustradition. Seit Jahrzehnten reisen die Urlauber an die Steilküste südlich von Neapel, um über die weltberühmte Küstenstraße zu kurven, die hübschen Dörfer zu besichtigen und von den Terrassen altehrwürdiger Villen aufs Meer hinauszuschauen.Auf die Idee, dass die Aussicht eine ...

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... Etage höher vielleicht noch spektakulärer ist, kam erstaunlich lange kaum jemand.

Der »Pfad der Götter« änderte das in den vergangenen Jahren gründlich. Die Wanderung steht heute auf allen Top-10-Listen für die Amalfiküste. Urlauber aus Übersee buchten sie vorab, sagt Barba, als Teil einer Pauschalreise. Die Halbtagestour passt dafür perfekt: Der Weg ist gut ausgebaut, man geht meist bergab. Und das Panorama ist zum Niederknien fotogen.

Die Bilder des Sentiero degli Dei haben mich neugierig gemacht – mehr aber noch die Schwärmereien einer Freundin aus Berlin. Sie ist die gesamte Amalfiküste entlanggewandert, von Raito nach Sorrent, sechs Tage auf uralten Pfaden, hoch über dem Trubel. Die perfekte Art, die traumschöne Berühmte in aller Ruhe kennen zu lernen.

Steil hinauf, vorbei an Agaven und Palmen

Worauf ich mich eingelassen habe, bekomme ich gleich am Start zu spüren: Vom Kirchplatz im verschlafenen Dörfchen Raito geht es sofort steil eine Treppe hinauf. Hinter Steinmauern wachsen Palmen, Agaven und Feigenkakteen, ein Bauer grüßt aus seinem Olivenhain. Eidechsen huschen über den Weg, Schmetterlinge flattern vorbei. Und weit unten tutet das Schiffshorn einer Fähre, die durchs glitzernde Meer pflügt.

Zwischen den Mauern ist kaum zu erkennen, wo das eine Dorf endet und das andere beginnt. Ich bücke mich unter Bogengängen hindurch, in denen Weihnachtskrippen offenbar das ganze Jahr stehen, laufe im Zickzack verzweigte Treppengassen hinab. Die Häuser sind übereinandergestapelt, auf einer Dachterrasse parkt ein Auto, auf einer anderen ist ein winziges Fußballfeld in einen Käfig gezwängt. Überall Heiligenbildchen, Blumentöpfe, bunte Mosaike. Aus der offenstehenden Tür der Kirche tönen Orgelmusik und vielstimmiges Halleluja.

Bevor die Bourbonen ab 1832 die Küstenstraße, die Amalfitana, in die Felsen sprengen ließen, gingen die Bewohner der Küste über die Treppenwege von Dorf zu Dorf. Der Handel lief vertikal: Aus den Bergdörfern kamen Brot, Käse und Salami, von der Küste Fisch, Zitronen und Olivenöl.

»Die Menschen hier sind immer auf die Berge gestiegen«, sagt Enzo Barba. »Zum Pilzesammeln, zum Holzschlagen, zur Ernte.« Zum Vergnügen aber wanderten sie lange nur auf einer Wallfahrt. So wie an diesem Sonntag auf dem Waldweg zum Santuario della Madonna Avvocata.

Früher verlief der Handel an der Amalfiküste vertikal – so wie viele der Wanderwege auch heute noch.

Zwischen Steineichen, Haselnusssträuchern und verwilderten Olivenbäumen laufe ich dahin, ab und an nasche ich von den roten Früchten der Erdbeerbäume. Alle paar Minuten kommen mir Wanderer entgegen. Viele gehen in Turnschuhen und haben einen Holzstock dabei, ältere Herren führen ihre Hunde Gassi, zwei Damen sind großzügig geschminkt und parfümiert. Und alle, alle sind offenbar Italiener.

Rendezvous mit schmerbäuchigen Barden

Noch bevor ich die Bergkirche sehe, höre ich Singsang, dazu scheppern Tamburin und Schellen. Hare-Krishna-Jünger? Hier, knapp 870 Meter über der Amalfiküste? Aber nein, erklärt mir eine junge Neapolitanerin im Innenhof: Das sei eine Tarantella, im Süden Italiens ein traditioneller Gesang. Die schmerbäuchigen Barden haben offenbar schon ein Gläschen getrunken, überschwänglich bieten sie mir geröstete Maroni an.

Ihr Kollege mit der Gitarre und den geringelten Socken schläft selig unter einer Jesusstatue. Ich trete an die Brüstung und blicke die Steilküste entlang: samtgrün, fein gestuft und mit Dörfern gesprenkelt. Heftig wallt die Vorfreude auf.

Die Amalfiküste ist die Quintessenz der Italien-Romantik: Kiesbuchten unter Klippen, verwitterte Palazzi und Schirmpinien, Kirchtürme mit gemusterten Majolika-Kuppeln. Generationen verfielen hier der Südsucht: deutsche Maler und Komponisten, britische Aristokraten und Industrielle, amerikanische Autoren und Filmstars.

Als ich am nächsten Morgen in Maiori losgehe, nun gemeinsam mit dem Fotografen Fabian, verstehe ich sie gut. Wir spazieren vorbei an der Kirche mit der gelb-grün gemusterten Kuppel, die Berge glühen in der aufgehenden Sonne. Sentiero dei Limoni steht auf einem Keramik-Wegweiser: der Weg der Zitronen. Wie der Pfad der Götter ein kleiner Teil der Route und eigentlich ein passender Name für die ganze Tour. Denn entlang der gesamten Steilküste wächst auf jahrhundertealten Terrassen die Sfusato Amalfitano.

Wir erleben die Quintessenz der Romantik Italiens: Pinien, Palazzi, Buchten und blaues Meer.

SÜSS-SAUER

Der Zitronenanbau hat an der Amalfiküste Tradition.

Seit Jahrhunderten ziehen Landwirte zwischen Raito und Sorrent die Sfusato Amalfitano. Diese spindelförmige Zitrone ist süßer als andere Sorten und steckt voller Vitamine und ätherischer Öle – wegen des Kalkund Vulkanbodens, der salzigen Meeresluft und des milden Klimas. Händler aus Palästina brachten die Zitrone einst an die Küste, man pflanzte sie zuerst als Zierbaum. Später liefen die Galeeren der reichen Seerepublik Amalfi niemals ohne Zitronen aus, gegen den Skorbut.

Die faustgroße »Spindel« ist süßer als andere Zitronen. Heute isst man die Sfusato als Salat und mit Pasta, stellt aus ihrer Schale Desserts her - und natürlich den Limoncello.

Mit ihren schwarzen Netzen erinnern manche Zitronenhaine an prähistorische Zeltsiedlungen. Auf Leitern binden junge Arbeiter gerade Zweige an eine Pergola aus hartem Kastanienholz. Zur Ernte werden sie sich mehr als 50 Kilo schwere Kisten auf strohgefüllte Säckchen im Nacken wuchten und sie mit einem Band um die Stirn tragen, hunderte Stufen bergauf, bergab.

Auf der Terrasse der Unendlichkeit

Uns treibt der schier endlose Aufstieg nach Ravello selbst ohne Zitronenkisten den Schweiß aus allen Poren. Wie besonders der Ort ist, posaunt schon das gewaltige Beton-Tonnendach der Konzerthalle hinaus, entworfen von Oscar Niemeyer. Im 19. Jahrhundert kauften sich britische Aristokraten in Ravello verfallende Palazzi, heute sind die Gärten von Villa Rufolo und Villa Cimbrone Pflichtstopps jeder Bustour.Auch mich bezaubert der Mix aus maurischen Bogengängen und antiken Statuen, geometrischen Blumenbeeten und Pavillons – und natürlich die Terrasse der Unendlichkeit, 350 Meter über dem Abgrund, wo Richard Wagner ebenso staunte wie Virginia Woolf.

In Ravello beginnt der massentouristische Teil der Küste, um den Domplatz drängen sich Souvenirläden und teure Restaurants. Doch auf dem Treppenweg hinunter nach Amalfi sind wir bald wieder allein. Wir schlendern durch die Gassen des bildhübschen Fischerdorfs Atrani. Und gönnen uns in der Pasticceria Pansa – neben der Freitreppe des Doms von Amalfi mit seiner prachtvollen Mosaikfassade – die berühmten Delizie al Limone: Biskuitkuppeln, gefüllt mit Zitronencreme, gekrönt von einem Tupfer Limoncellosahne. Dazu Espresso mit Zitronenschale. Die Kalorien werden wir am nächsten Tag brauchen.

Früh morgens holt uns Enzo Barba ab für die Königsetappe: über den Pfad der Götter, hinauf zum Monte Comune und hinab nach Colli di San Pietro. Der Sentiero degli Dei verdient seinen poetischen Namen wirklich: Hunderte Meter über dem Meer spazieren wir dahin, mit Logenblick auf die bleichen Felswände, die waldgrünen Täler und die winzigen Segelboote. Die drei Buckel im glatten Blau seien die Li-Galli-Inseln, erklärt Barba. An ihren Gestaden versuchten die Sirenen, Odysseus mit süßem Gesang den Kopf zu verdrehen.

»Im Mai und September gehst du hier normalerweise in einer langen Schlange«, sagt Barba.

Wenn Leute entgegenkommen, werde es auf dem Pfad gefährlich. »Es ist wie auf der Küstenstraße: Man muss wissen, wo man überholen kann. Und manchmal steht man einfach im Stau.«

Im »Kiosk der Götter«

An diesem Herbsttag aber wandern wir ungestört. Am Wegesrand sehen wir die verrosteten Masten einer Seilbahn. »Überall in den Bergen gab es diese Drahtseile«, sagt Barba. Lange wurden die Dörfer per Stahlkorb versorgt. Das Dörfchen Nocelle bekam erst 2001 eine Teerstraß Ortseingang lockt der Kiosk of the Path of the Gods, natürlich kehren wir ein. Die Wirtin grüßt Enzo Barba herzlich, unter der Decke hängen Flaschenkürbisse, Zwiebeln und Chili um ein Weinfass. Wir setzen uns auf den Balkon, inhalieren den Ausblick bei geeistem Zitronensaft und dem vielleicht besten Bruschetta meines Lebens.

Die meisten steigen von Nocelle nach Positano ab. Oder lassen sich hier vom Bus abholen. Wir nehmen den Asphaltweg nach rechts, den Barba als Kind unzählige Male ging. Plötzlich biegt er in die Büsche ab. »Dieser Pfad steht auf keiner Karte«, sagt er. »So sparen wir uns eine große Schleife und 200 Höhenmeter.« Gerne.

Durch Baumheide steigen wir auf, vorbei an dem verlassenen Weiler Castagnole. Barbas Großeltern hatten hier einen Kuhstall, jetzt überwuchern Büsche die Ruinen. Tief darunter überziehen die Würfelhäuschen des berühmten Positano die steilen Hänge. »Ein Traumort«, schwärmte John Steinbeck 1953, bald urlaubte der Jetset in Positano. »Mir gefällt Positano aus der Ferne«, sagt Barba. »Es ist voller Leute mit zu viel Geld.«

Je höher wir kommen, desto südtirolerischer mutet die Natur an. Kastanien polstern den Erdpfad wie ein Rudel Igel, Alpenveilchen tupfen Rosa in den lichten Wald. Als wir in Santa Maria del Castello einlaufen, läuten die Glocken. Die Steilküste läuft hier in sanfte Hügel aus, Gemüsegärten dehnen sich im Schatten hoher Kastanien, dahinter ragen die bleichen Gipfel der Monti Lattari auf. Enzo Barba verabschiedet sich. Den restlichen Weg, sagt er, fänden wir alleine. Und: »Du wirst überrascht sein.« Stimmt. Der Gipfel entpuppt sich als weite, gewellte Wiese, ein Stück Irland am gleißenden Meer. Der Blick fliegt über den tiefblauen Golf zum Vesuv. Und über den Drachenrücken der sorrentinischen Halbinsel zur Felsküste von Capri. Die Sonne sinkt Richtung Horizont, wir haben getrödelt und werden die Stirnlampe zum Abstieg brauchen. Egal. Es gibt keinen Ort, wo ich gerade lieber wäre.