Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 19 Min.

Goldene Zeiten


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 48/2018 vom 23.11.2018

Parteien Fragwürdige Großspenden aus der Schweiz und den Niederlanden belasten die AfD. Jetzt zeigen Recherchen, dass die Partei seit ihrer Gründung mit dubiosen Geldgebern zu tun hat – der 88-jährige Milliardär August von Finck hat den Aufstieg der »Alternative« befördert.


Artikelbild für den Artikel "Goldene Zeiten" aus der Ausgabe 48/2018 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 48/2018

AfD-Fraktionschefs Weidel, Gauland: »Damit verliert man Glaubwürdigkeit«


MICHELE TANTUSSI / GETTY IMAGES

Die Rettung der deutschen Nation sollte am 1. März 2017 eingeläutet werden, im »Wirtshaus zur Marienburg«, am Stadtrand von München. An jenem Mittwoch traf der Diplomkaufmann Ernst Knut Stahl, 74, zwei Gäste zum Mittagessen: einen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 48/2018 von DER SPIEGEL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER SPIEGEL
Titelbild der Ausgabe 48/2018 von Der Glaubenskrieg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Glaubenskrieg
Titelbild der Ausgabe 48/2018 von Meinung: Spießerverachtung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meinung: Spießerverachtung
Titelbild der Ausgabe 48/2018 von Verfassungsschutz: Vizepräsidentin gesucht. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Verfassungsschutz: Vizepräsidentin gesucht
Titelbild der Ausgabe 48/2018 von Der Einzelkämpfer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Einzelkämpfer
Titelbild der Ausgabe 48/2018 von »Es wird auch hakeln«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Es wird auch hakeln«
Vorheriger Artikel
Verfassungsschutz: Vizepräsidentin gesucht
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Der Einzelkämpfer
aus dieser Ausgabe

... Journalisten vom Bayerischen Rundfunk, der das Gespräch für Stahl organisiert hatte. Und einen Verleger, der eigens nach München gereist war.

Stahl legt Wert auf Diskretion. Es gibt kaum öffentliche Fotos von ihm, genauso wenig wie von seinem Chef, dem Milliardär August von Finck junior, 88. Stahl ist der Geschäftsführer der finckschen Vermögensverwaltung und damit so etwas wie die rechte Hand des Barons.

Der Verleger, bekannt für seine merkelkritischen Positionen, hatte keine Ahnung, was ihn bei dem Mittagessen erwarten würde. Als die drei Herren Platz genommen hatten, eröffnete Stahl das Gespräch mit einem Vortrag über die politische Lage im Land: »Gefahr ist im Verzug«, soll Stahl gesagt haben. »Es gibt da so einen Straßenzug in New York, da sitzen lauter Investmentbanker, Rechtsanwälte und so weiter. Zufälligerweise alles Juden, aber das tut hier nichts zur Sache. Die wollen Deutschland ins Verderben stürzen. Die steuern alles. Die Merkel und auch Ralf Stegner von der SPD.«

Der Verleger traute seinen Ohren kaum. Wollte Stahl ihn auf den Arm nehmen? Doch der meinte es offenbar ernst. Deutschland brauche ein neues Medium, das die Wahrheit schreibe. Deswegen habe man Pläne für eine neue Zeitung. Der Name der Publikation stehe bereits fest: »Deutschland Kurier«.

Für den Plan habe man einen namhaften Journalisten gewinnen können: Peter Bartels, ehemaliger Chefredakteur der »Bild«-Zeitung, werde für den »Deutschland Kurier« schreiben. Nun sei die Frage, ob der Verleger auch mitmachen wolle bei diesem Projekt.

Der Gesprächsverlauf findet sich so in einer eidesstattlichen Versicherung des Verlegers wieder, die dem SPIEGEL vorliegt. Ernst Knut Stahl wurde in dieser Woche mit den mutmaßlichen Aussagen konfrontiert. Er antwortete nicht. Der ebenfalls anwesende BR-Journalist bestätigt den Mittagstermin, bestreitet jedoch, dass über ein Projekt »Deutschland Kurier« gesprochen worden sei.

Doch wenige Monate nach dem Münchner Mittagessen landete tatsächlich eine Zeitung mit diesem Namen in den Briefkästen der Republik. Einer der Autoren: Peter Bartels. Das Blatt wurde vor der Bundestagswahl hunderttausendfach in Deutschland verteilt. Es machte Stimmung gegen Ausländer (»Migrantenkriminalität explodiert«) und die Kanzlerin (»Merkel irrer als Trump?«). Besonders auffällig war die offene Wahlwerbung: In »Parteienchecks « rief der »Deutschland Kurier« zur Wahl der AfD auf, während alle anderen Parteien durchfielen.

Offiziell wurde der »Deutschland Kurier « von einem »Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten« herausgegeben. Seit fast drei Jahren erhält die AfD Wahlkampfhilfe von diesem Unterstützerklub, in Form von Plakataktionen und Gratiszeitungen. Die Kampagnen verhalfen der Partei zu großer Aufmerksamkeit und dürften nach Schätzungen des Vereins Lobbycontrol, der die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik durchleuchtet, mindestens zehn Millionen Euro gekostet haben. Die Kampagnen trugen dazu bei, dass die AfD in sämtliche Landesparlamente und in den Bundestag einziehen konnte. Wer die Werbung finanzierte, ist unklar.

Seit dem Mittagessen in München und den Aussagen des Verlegers gibt es eine neue Spur: Sie führt zum Milliardär August von Finck und seinem Bevollmächtigten Ernst Knut Stahl.

Nach gemeinsamen Recherchen der Schweizer Wochenzeitung »WOZ« und des SPIEGEL unterhielt die AfD schon in der Entstehungsphase gute Kontakte zum Umfeld von August von Finck. Demnach bot Fincks Emissär Ernst Knut Stahl in der Gründungszeit der Partei finanzielle Unterstützung im Kampf gegen den Euro an.

Mit Fincks Geld wurden offenbar indirekt diverse Parteievents finanziert. Seine Handelsfirma Degussa war zudem, wie interne Unterlagen zeigen, an einem lukrativen Goldhandel beteiligt, mit dem die anfangs klamme AfD in den ersten Jahren ihre finanzielle Basis stärkte. Die publizistische Schützenhilfe durch den »Deutschland Kurier« wäre das dritte Element in Fincks Förderprogramm.

Der alte Mann und die AfD – bereits 2013 spekulierte die CDU-nahe Konrad- Adenauer-Stiftung in einem Dossier, dass der steinreiche Unternehmer die AfD unterstütze. Finck ließ die Vorwürfe ohne Kommentar im Raum stehen. Der Milliardär scheut die Öffentlichkeit. Einen umfangreichen Fragenkatalog des SPIEGEL ließ sein Emissär Stahl bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Finck-Manager Stahl, Publikation »Deutschland Kurier«, AfD-Goldwerbung
»Gefahr ist im Verzug«


PETER BISCHOFF

LISI NIESNER / REUTERS

Investor Finck, Residenz Schloss Weinfelden, Degussa-Goldbarren: »Der Baron wollte mich kennenlernen«


CHR. RUDNIK / BABIRADPICTURE

Die neuen Spuren zur Finck-Connec - tion treffen die Rechtspartei mit ihren Vorsitzenden Jörg Meuthen und Alexander Gauland in einer heiklen Phase: Angela Merkel, für die AfD das größte Feindbild und eine »Lebensversicherung« (Gauland), steht vor dem Abgang. Ihre Flüchtlingspolitik, für die Partei ein politisches »Geschenk« (Gauland), verliert dadurch zunehmend an Bedeutung.

Und nun läuft die AfD auch noch Gefahr, ihr letztes, wichtigstes Pfund zu verlieren: ihre Glaubwürdigkeit als Anti- Establishment-Partei.

Seit Gründung der AfD präsentierten ihre Vertreter sich als unabhängige Kämpfer gegen ein angeblich korruptes politisches System. In ihrem Grundsatzprogramm von 2016 ruft die Partei nach einer »restriktiven und Korruption vermeidenden Neuordnung der Spendenregelungen «, sogar nach einem Verbot der »Annahme von Firmen-Spenden«.

Unermüdlich geißeln AfD-Leute die angebliche Abhängigkeit der »Altparteien« vom großen Geld: »Man kauft einfach keine Politik«, verkündete Gauland 2016. »Damit verliert man Glaubwürdigkeit.« Alice Weidel bezeichnete die AfD 2017 als »einzige Partei in Deutschland«, die »unverbraucht und ohne Einfluss von Klientel- und Lobbygruppen Politik macht«.

Nun steckt ausgerechnet die Partei der Saubermänner und -frauen in einer Debatte über ihre Käuflichkeit. Den Anfang machten vor zwei Wochen Enthüllungen des Recherchenetzwerks von NDR, WDR und »Süddeutscher Zeitung« über eine Großspende aus der Schweiz an den Kreisverband der Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel. Dann folgten weitere Berichte über Zuwendungen einer seltsamen Stiftung aus den Niederlanden. Mittlerweile ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Konstanz gegen Weidel und drei Parteifreunde wegen möglicher Verstöße gegen das Parteiengesetz. Zuletzt kamen Hinweise hinzu, dass ein Vertrauter Weidels in engem Kontakt zu David Bendels stand, dem Chef des AfD-Unterstützervereins.

Die Recherchen von »WOZ« und SPIEGEL verdeutlichen, dass der Fall Weidel in der AfD keine Ausnahme ist. Vieles spricht dafür, dass die Partei seit ihrer Gründung am Tropf reicher Gönner hing. Wie weit Anspruch und Wirklichkeit bei den Rechtspopulisten auseinanderklaffen, prangerte Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, schon 2016 an: »Die AfD ist eine Partei aus der Retorte, gezeugt vom großen Geld.« Aiwanger muss es wissen: Gegenüber dem SPIEGEL räumt er nun erstmals ein, auch mit dem Finanzsystem von Stahl und Finck in Berührung gekommen zu sein.

Der AfD ist die Gefahr bewusst. Wie blank die Nerven dieser Tage liegen, zeigt Alice Weidels Auftritt in der jüngsten Generaldebatte im Bundestag: Anstatt als Oppositionsführerin die Politik der Regierung anzugreifen, hielt sie minutenlang einen schrillen Monolog über die Spendenaffären der politischen Gegner. Nein, sagte Weidel, bei der AfD »wurde nicht versucht zu verschleiern«. Über alle AfD-Konten werde sauber Rechenschaft abgelegt – »es wurden auch keine Bargeldkoffer hin und her getragen, an deren Verbleib sich niemand mehr erinnern kann oder will«. Weidels Rede endete in dem Ausruf: »Moralische Vorhaltungen müssen wir uns hier von Ihnen überhaupt nicht machen lassen!«

Wirklich nicht?

Der politische Feldzug des August von Finck begann schon lange vor Gründung der AfD. Seit mindestens zwei Jahrzehnten unterstützt der greise Milliardär Parteien, Initiativen und Vereine im konservativen oder libertären Milieu.

In den Neunzigerjahren förderte Finck die erste Anti-Euro-Partei, den »Bund freier Bürger«, mit 4,3 Millionen Euro. Später steuerte er den Löwenanteil zu einer 6 Millionen schweren Zuwendung an einen »Bürgerkonvent« bei. Der politische Verein lobbyierte für einen Staatsabbau. Ihm gehörten Szenegrößen wie die heutige AfD-Politikerin Beatrix von Storch an.

2009 überwies eine Firma Fincks in Tranchen mehr als eine Million Euro an die FDP. Die Zuwendung ging als »Mövenpick- Spende« in die Affärengeschichte ein. Die Liberalen hatten sich für eine Senkung des Steuersatzes für Hotelübernachtungen eingesetzt, was Finck, der damals an der Mövenpick-Hotelkette beteiligt war, nicht unrecht gewesen sein dürfte.

Fincks Familie gehören milliardenschwere Aktienpakete, Schlösser, Ländereien und die halbe Münchner Innenstadt, wie immer wieder kolportiert wird. 1999 zog es ihn in die Schweiz, wo die Steuern niedrig sind und das Bankgeheimnis stets großgeschrieben wurde. Seither residiert er auf Schloss Weinfelden im Kanton Thurgau. Doch die deutsche Politik hat er nie aus den Augen verloren. Ein Teil seines weitverzweigten Firmenimperiums befindet sich ja noch hier, außerdem das Schloss seiner Gattin Francine am Starnberger See. Fincks Rolle muss man sich vorstellen wie die eines »Business Angel« im Startup- Geschäft: Geduldig päppelte er Gleichgesinnte, spendierte Millionensummen und ließ sich auch nicht entmutigen, wenn die Initiativen alsbald wieder verschwanden. Es dauerte lange, bis sich mit der AfD eine Investition am politischen Markt anscheinend auszahlen sollte.

Ideologisch passt Finck bestens zu seinem jüngsten Förderobjekt: »Rechts vom Gustl steht bloß noch Dschingis-Khan«, bemerkte ein gut mit Finck bekannter Bankier bereits vor vielen Jahren (SPIEGEL 27/1993). Fincks Vater, August senior, war ein Bewunderer Hitlers und finanzierte die Nazis.

In der Bundesrepublik erwies sich dann August junior als spendabel. Seine Leute entwickelten dabei kreative Finanzierungsmodelle. Bereits beim »Bürgerkonvent« kam eine Masche zum Einsatz, die sich später offenbar bei der AfD wiederholen sollte: Die Millionenhilfen wurden nicht an den Empfänger transferiert, sondern landeten bei einer Kommunikationsagentur. Aus diesem Topf wurde dann eine kostspielige Werbekampagne finanziert.

Der Vorteil für alle Beteiligten: Weder war Finck als Strippenzieher sichtbar noch der Bürgerkonvent als Marionette eines Milliardärs zu erkennen.

Ähnlich könnte es später bei der AfD gelaufen sein. Als 2013 erste Gerüchte über Fincks Finanzierung für die neue Rechtspartei kursierten, konnte deren Gründer Bernd Lucke wahrheitsgemäß beteuern: »Von Herrn Finck haben wir keine Spende erhalten.« Tatsächlich gab es wohl nie direkte Zuwendungen des alten Herrn an die AfD.

Was es aber offenbar gab, war eine klandestine Starthilfe für die Partei. Für diese Geheimfinanzierung liegen dem SPIEGEL und seinem Schweizer Recherchepartner »WOZ« diverse Zeugenaussagen und Dokumente vor. Im Zentrum stand die Münchner Kommunikationsagentur Word - statt von Dagmar Metzger, AfD-Pressesprecherin und Bundesvorstandsmitglied in der Gründungsphase. Im Spenden - dickicht der jungen AfD fungierte Metzger als Wegweiserin und Kontaktperson – und womöglich als Strohfrau heimlicher Förderer.

Im eurokritischen Milieu herrschte Anfang 2012 Katerstimmung: Ein Mitgliederentscheid der FDP zur Eurorettung war gescheitert, der Bruch der schwarzgelben Koalition abgewendet, und es sah so aus, als ließe sich der eurofreundliche Kurs der Bundesregierung nicht aufhalten. Unternehmer und Reiche wie Finck bangten um ihr Vermögen, fanden aber keine Partei, die einen kompromisslosen Anti- Euro-Protest in die Parlamente tragen wollte.

Eine neue Partei musste her.

Die Eurogegner, vernetzt über Initiativen wie den »Bürgerkonvent«, das »Bündnis Bürgerwille« oder die »Wahlalternative 2013«, setzten zunächst auf die Freien Wähler. Die Protestpartei, damals klein, zerstritten und weit entfernt von einer Regierungsbeteiligung in Bayern, stand für einen eurokritischen Kurs. Für Erfolge über den Freistaat hinaus fehlten prominente Namen, Gesichter – und Geld.

Von PR-Frau Dagmar Metzger in Szene gesetzt, schlossen Hubert Aiwanger und Bernd Lucke als Frontmann der »Wahl - alternative 2013« vor der Landtagswahl in Niedersachsen ein Bündnis. Das Gesicht der Kampagne war Adenauer-Enkel Stephan Werhahn. Diverse Medienauftritte, etwa im Haus der Bundespressekonferenz, sorgten für Aufmerksamkeit.

AfD-Chefs Petry, Lucke 2015: Klandestine Starthilfe für die Partei


STEFAN BONESS / IPON

Schon in dieser frühen Phase 2012, berichtet Aiwanger heute, habe Metzger ihm bedeutet, sie könne die Finanzierung liefern. Für Bernd Lucke gelte dasselbe: »Lucke schilderte, dass es Förderer gebe, die bereit seien, seine Wahlalternative 2013 und eventuell die Freien Wähler zu unterstützen «, sagt Aiwanger. Die Bedingung sei aber gewesen, dass sich die Freien Wähler stärker nach den Wünschen der Spender richteten: »Lucke wollte eine noch deutlichere Anti-Euro-Haltung bei uns durchsetzen, was ich abgelehnt habe.«

Lucke bestreitet, jemals auf den Kurs der Freien Wähler Einfluss genommen zu haben. Auch von potenziellen Förderern habe er nie gesprochen.

Wo das Geld für die Partei herkommen sollte, verdeutlicht ein Treffen, das Metzger in ihrem Privathaus arrangierte: »Sie brachte mich in Kontakt zu Herrn Stahl«, sagt Aiwanger, »dem Bevollmächtigten des Unternehmers von Finck.« Bei diesem Termin sei es nur um ein Kennenlernen gegangen. Doch unter vier Augen habe Metzger signalisiert, es gebe Geld. Er habe sich gescheut, die Unterstützung anzunehmen, beteuert der Chef der Freien Wähler, der nun Wirtschaftsminister der neuen bayerischen Staatsregierung ist: »Mir waren diese Geschichten nicht geheuer, weil ich den Eindruck hatte, dass hier versucht wurde, auf uns Einfluss zu nehmen. Ich wollte die Freien Wähler in keine Abhängigkeiten und Beeinflussungen bringen.«

Bald zerbrach die Allianz mit Lucke, und mit ihm verlor Aiwanger die Agentur von Metzger und deren »potente Geldgeber «, wie die »Welt« schon 2013 schrieb.

Zu dem Termin mit Aiwanger will sich Metzger heute nicht äußern. Über »vertrauliche Gespräche« mache sie keine Angaben.

Metzger verbindet eine lange Partnerschaft mit August von Fincks Imperium. Die 55-jährige Schwäbin pflegt enge Kontakte zu Ernst Knut Stahl, Fincks »fuchshaftem « Chefstrategen (»Abendzeitung«). Metzger kümmerte sich um die PR-Arbeit für Fincks Edelmetallgeschäft Degussa. Bis heute verschickt sie Pressemitteilungen des Finck-nahen Ludwig von Mises Instituts, das sich für freie Märkte einsetzt.

Metzgers Verbündeter Stahl wiederum sitzt im Aufsichtsrat oder Topmanagement vieler Finck-Unternehmen. Er gehörte zum kleinen Kreis der Vertrauten Fincks, der eine Gruppe von stramm Konservativen um sich geschart hat.

Der ehemalige BDI-Präsident und spätere AfD-Funktionär Hans-Olaf Henkel gehört zu jenen, die August von Finck persönlich sprechen durften. Er habe irgendwann die Nachricht erhalten, »dass der Baron Finck mich kennenlernen wollte«, sagt Henkel heute. »Nach meiner Erinnerung handelte es sich um eine Einladung zum Mittagessen in München.« Man habe über Henkels Eurokritik gesprochen.

Neben Aiwanger gibt auch Lucke zu, Finck-Manager Stahl getroffen zu haben. An das Datum könne er sich jedoch nicht mehr erinnern, sagt Lucke, es war wohl erst nach seiner AfD-Zeit. Bei dem Treffen, behauptet er, »wurde nicht über Geld gesprochen, sondern über Politik«. Derweil galt es in der frühen AfD als offenes Geheimnis, dass Metzger einen direkten Zugang zu Ernst Knut Stahl besaß – und damit die Chance auf großes Geld winkte.

Wie die AfD-Starthilfe gelaufen sein könnte, zeigt eine Rechnung aus Sachsen- Anhalt vom 16. September 2013. Kurz vor der Bundestagswahl hatte die Partei im Magdeburger »Spezialitäten-Restaurant Peter und Paul« eine Veranstaltung abgehalten, die Betreiber des Lokals berechneten der AfD-Landesgeschäftsstelle 1995,15 Euro. Doch kurz darauf musste die Rechnung noch einmal neu ausgestellt werden. Der Adressat dieses Mal: die Wordstatt GmbH von Dagmar Metzger, die laut einem Kontoauszug die Summe bezahlte.

In der AfD-Startphase fielen häufiger solche Rechnungen an, ob für Gründungsparteitage, Versammlungen oder Bürgerstammtische. Auf dem ersten Bundesparteitag der AfD im April 2013 gab die neue Führung ein Budget von 300000 Euro bekannt – dabei kostete allein dieses Event im Berliner Hotel Intercontinental nach Erinnerung von Bernd Lucke rund 100000 Euro, was also ein tiefes Loch in die Parteikasse hätte reißen müssen.

Statt eisern zu sparen, leistete sich die AfD wenig später, im Sommer 2013, einen teuren Wahlwerbespot, der für 200000 Euro im Fernsehen lief. Dazu kamen Flyer, Broschüren und CDs mit einem AfD-Song. Und natürlich die Wahlplakate, die Kosten für Sicherheit und Technik auf den vielen Kundgebungen, die Raummieten, Buffets und bunten Wandaufsteller. Die AfDPolitiker selbst häuften Kosten für Flüge, Hotels, Bahn- und Taxifahrten an.

Werberin Metzger, Lokalrechnungen
Noch einmal neu ausgestellt


FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Das Geld reichte immer; allein die Mitgliedsbeiträge und Graswurzelspenden, die der damalige Schatzmeister Norbert Stenzel addierte, dürften die Kosten nicht gedeckt haben.

Ex-Kassenwart Stenzel bestätigt nun erstmals Metzgers Schlüsselrolle bei der Parteienfinanzierung: »Dagmar Metzger zeigte sich 2013 sehr großzügig.« Vielfach habe sie Rechnungen übernommen – »die kamen nicht an mich als Schatzmeister«, so Stenzel, der aus der Partei ausgetreten ist. »Von der Größenordnung her waren das Zahlungen von 100000 bis 120000 Euro«, schätzt er. In ihren Rechenschaftsberichten gab die AfD sogar zu, dass es ungeklärte Finanzierungsfragen mit Metzger gebe. Dort ist allerdings nur von einem Betrag in der Größenordnung über 35000 Euro die Rede. Sollte Stenzel recht haben, hätte die AfD einen falschen Rechenschaftsbericht veröffentlicht – und müsste mit empfindlichen Sanktionen rechnen.

Als Bundesschatzmeister, sagt Stenzel, sei es ihm nur recht gewesen, dass er das damalige Parteikonto bei der Sparkasse in Friedberg nicht übermäßig belasten musste. »Wir waren ja nicht großzügig mit Geld ausgestattet.« Wenn er sich sorgte, die Finanzen könnten aus dem Ruder geraten, habe Parteichef Lucke ihn beruhigt: »Du brauchst dich nicht darum zu kümmern. Die Rechnung übernimmt Frau Metzger.«

Lucke bestreitet diese Darstellung. Metzger bestätigt, »in der Anfangsphase der AfD einige Veranstaltungen« finanziert zu haben. Sie beharrt aber darauf, dass es sich lediglich um jene »ca. 35000 Euro« gehandelt habe, die ordnungsgemäß im Rechenschaftsbericht aufgeführt worden seien.

Nach SPIEGEL-Informationen übernahm sie die angefallenen Kosten damals nicht selbst, jedenfalls nicht komplett. Mehrere Insider haben dem SPIEGEL berichtet, dass am Ende auch Geld von Finck geflossen sein soll – über seinen Mittelsmann Stahl. Diesen konkreten Vorwurf ließen Metzger wie auch Stahl auf Anfrage unbeantwortet.

Ulrich Müller von der Organisation Lobbycontrol fordert eine schonungslose Aufklärung der Vorgänge: »Die Bundestagsverwaltung muss jetzt prüfen, wie Frau Metzger in der Anfangszeit Veranstaltungen für die AfD finanzierte«, sagt Müller. »Wenn die Gelder von Dritten wie Herrn von Finck kamen, wären dies klare Verstöße gegen das Parteienrecht.«

Das Engagement aus dem Hause Finck für die AfD endete auch nicht mit der Gründungsphase. Nachdem die Partei 2013 knapp den Einzug in den Bundestag verfehlte, brauchte sie dringend Geld. Anders als die Konkurrenz konnte sie verdiente Wahlkämpfer nicht in der Bundestagsfraktion unterbringen, ihren Spitzenleuten standen keine Diäten zur Verfügung. Plötzlich fand sich ein Projekt, das die Interessen der Partei und des Milliardärs auf ungeahnte Weise zusammenbrachte: der AfD-Goldshop.

In der Eurokrise stieg August von Finck 2010 in den Goldhandel ein. Bevor es losging, musste ein Firmenname her, der beim potenziell zahlungswilligen Publikum Eindruck macht. Über seine Holding kaufte Finck für zwei Millionen Euro den geschichtsträchtigen Markennamen »Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt«, kurz Degussa. Bald darauf eröffnete der neue Edelmetallhändler eine Filiale im Münchner Zentrum, weitere Verkaufsstellen in teuren Innenstadtlagen folgten.

Der Goldpreis erklomm im Gründungsjahr neue Höchststände. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers und die Schreckensmeldungen über explodierende Staatsschulden und milliardenschwere Rettungsprogramme sorgten für Verunsicherung. Viele Kleinsparer hoben ihr Geld vom Konto ab und kauften Edelmetalle.

Überall im Land traten Untergangspropheten auf, die das Eurosystem in den letzten Zügen wähnten und die Deutschen zum Kauf von Edelmetallen animierten. Einer von ihnen, Peter Boehringer, sitzt heute als Chef-Haushälter für die AfD im Bundestag. Das Finck-Imperium mischte bei der Panikmache mit. Degussas »Chefökonom « Thorsten Polleit, ein Honorarprofessor der Uni Bayreuth, warnte das Volk fortan in Interviews und auf Anlegermessen vor Hyperinflation, Währungszerfall und sonstigen Horrorszenarien.

Auch die AfD nutzte die Angst vieler Deutscher geschickt für ihre Zwecke. »Ein Teil des Vermögens der Sparer wird praktisch enteignet«, mahnte der damalige Parteichef Bernd Lucke 2014.

Im Oktober eröffnete die Partei ihren Goldshop im Internet. Das Angebot, sagte Lucke, sei eine »Botschaft an alle, die an der Beständigkeit und Stabilität des Euro zweifeln«. Für jeden Geldbeutel war etwas dabei – vom Ein-Gramm-Barren für 40 Euro bis zur südafrikanischen Krügerrandmünze für mehr als 1000 Euro. Zum Verkaufsschlager avancierte eine goldene DMMünze, anscheinend ein absolutes Muss für Nostalgiker

KARSTEN THIELKER (L.); TATJANA BOJIC / PICTURE ALLIANCE / DPA

Schweizer Politwerber Segert, Wahlkampfzeitung, Plakatkampagne: Hetze gegen Merkel und Flüchtlinge


Geliefert wurde die Ware von einem Kleinhändler in München – und Fincks Firma Degussa. Dem SPIEGEL und der »WOZ« liegt eine Lieferliste (»Aufträge Degussa«) vor, die die Zusammenarbeit dokumentiert. Fein säuberlich notierten AfD-Mitarbeiter die Namen der Käufer, deren Adressen und Bestellnummern. Nach Zahlung per Vorkasse landete das Gold schließlich bei den AfD-Fans, »neu und originalverpackt«, teils mit Vermerk: »Herkunftsland Schweiz«.

Dass Lucke und seine Mitstreiter ausgerechnet das Finck-Unternehmen Degussa als Geschäftspartner auswählten, habe »an den günstigen Preisen und den guten Online- Bestellmöglichkeiten« gelegen, beteuert Lucke heute. »Wer Eigentümer von Degussa war, wusste ich nicht«, so der Wirtschaftsprofessor.

Im AfD-Goldshop lagen die Verkaufspreise über jenen der etablierten Anbieter, auch wenn Parteichef Lucke dies damals anders darstellte (»Wir verkaufen günstiger als die Banken«). Die AfD setzte intern darauf, dass ihre Sympathisanten das Gold nicht als Wertanlage kauften, sondern als Unterstützung für die Partei. »Persönlich habe ich den Goldshop immer schon als eine Art ›Spendengenerierung‹ gesehen«, schrieb ein AfD-Mann im November 2015 an Gleichgesinnte. Der »ideelle Wert« des Goldes sei höher, da die Käufer wüssten, dass die Gewinne »für die Zwecke der Partei verwendet werden«.

In den Jahren 2014 und 2015 setzte die AfD nach eigenen Angaben jeweils rund zwei Millionen Euro mit dem Goldverkauf um. Die Margen dürften zwar gering ausgefallen sein. Trotzdem war die Aktion ein Erfolg: Der rege Goldhandel erlaubte es der AfD, die Mittel aus der staatlichen Parteienfinanzierung auszuschöpfen. Diese sind nämlich an Bedingungen geknüpft. Der Gesetzgeber hatte einst festgelegt, dass die Parteien auch Geldquellen jenseits von Steuermitteln brauchen: Mitgliedsbeiträge, Spenden oder eben »Einnahmen aus Unternehmenstätigkeit«. Ansonsten sollten Staatszuschüsse verfallen.

Da die AfD damals weder über hohe Mitgliedsbeiträge noch genügend offizielle Großspender verfügte, verschaffte ihr das Goldgeschäft das ersehnte Steuergeld.

Das lukrative Business überdauerte den Sturz von Bernd Lucke auf dem Essener Parteitag im Juli 2015. Die neuen Parteichefs Jörg Meuthen und Frauke Petry hielten am Handel mit dem Degussagold fest. Im Oktober 2015 animierten sie ihre »lieben Parteifreunde« in einer Rundmail dazu, Weihnachtsgeschenke im Parteishop zu kaufen. Mit »Sonderaktionen« sollten Mitglieder zum Goldkauf bewegt werden. Die E-Mail klang wie ein Bittbrief von Hilfsorganisationen in der Vorweihnachtszeit. »Verschenken Sie doch einfach eine goldene 1DM-Münze oder legen Sie sich einen Krügerrand zurück. Kaufen Sie das Gold im AfD Goldshop.«

Worum es Meuthen und Petry in Wahrheit ging, machten sie gegen Ende der Mail deutlich: »Wir müssen zu Beginn des nächsten Jahres drei wichtige Landtagswahlen bestreiten«, schrieben sie. »Wenn auch nur jedes 10. AfD-Mitglied eine halbe Unze Krügerrand-Münze kauft, ist die Finanzierung der Partei gesichert.«

Die politische Konkurrenz beäugte den Edelmetallvertrieb der AfD kritisch. Die Bundestagsverwaltung prüfte das Geschäftsmodell, konnte aber keine Verstöße erkennen. Also musste eine Änderung des Parteiengesetzes her. Am 17. Dezember 2015 beschloss der Bundestag, in dem die AfD noch nicht vertreten war, eine Reform des Parteiengesetzes. Damit wurde verhindert, dass der Goldhandel weiterhin Staatszuschüsse für die AfD garantierte. Die AfD schlitterte in eine Finanzkrise. Die Änderung des Parteiengesetzes sei ein »Anschlag auf die Existenz der AfD«, klagte die Vizevorsitzende Beatrix von Storch.

Auffällig ist, was dann passierte. Nur wenige Wochen nachdem der Goldhandel zum Erliegen gekommen war, wurde eine neue Form der Wahlkampfhilfe für die Partei erkennbar. Im Februar 2016 tauchten im Wahlkampf in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz massenhaft Plakate auf, die unverhohlen Parteiwerbung machten (»Jetzt AfD wählen«). Die Plakate wurden aber nicht von der AfD organisiert, sondern von einer »Vereinigung zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten«.

Zudem landete in fast zwei Millionen Haushalten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz eine Gratiszeitung, genannt »Extrablatt«. Kurz vor den Wahlen konnten die Bürger darin hetzerische Artikel gegen Flüchtlinge und einen Wahlaufruf für die »neue, mutige« AfD lesen. Herausgeber war die ominöse Vereinigung. Der SPIEGEL enthüllte wenige Monate später (Nr. 37/2016), dass die millionenschweren Kampagnen von der Schweizer Werbeagentur Goal AG des Politwerbers Alexander Segert orchestriert wurden. Hatten abermals Fincks Leute etwas damit zu tun? Segert ließ eine Anfrage dazu unbeantwortet.

Die Unterstützung setzte sich bei den nächsten Landtagswahlen fort. Am 21. Sep - tember 2016 wurde aus der Vereinigung der »Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten«. Bei der Gründungsversammlung wurde David Bendels zum Vorsitzenden gewählt.

Bendels und Segert machten anschließend keinen Hehl daraus, dass die Goal AG weiterhin an Kampagnen des Vereins arbeitete. Immer wieder flog Bendels in die Schweiz und postete Fotos von seinen Reisen. In vielen Landtagswahlkämpfen profitierte die AfD von den Gratiszeitungen und Plakaten des Vereins. Spitzenver treter der Partei traten bei Parteiveranstaltungen mit Bendels auf, am 1. März 2017 etwa Alice Weidel in Sindelfingen. Die AfD bestritt dennoch jede Zusammenarbeit. So versuchte sie, den Verdacht einer verdeckten, illegalen Parteienfinanzierung auszuräumen, nach dem Motto: Können wir doch nichts dafür, wenn jemand viel Geld für uns ausgibt.

AfD-Politikerin Weidel, Vereinschef Bendels 2017: » Ansonsten: kein Kommentar«


GOTTFRIED STOPPEL

Allerdings wuchsen die Zweifel an der Parteiversion. Nach und nach wurden enge Verbindungen zwischen Segerts Goal AG und Spitzenvertretern der AfD publik. Die Werbeagentur betreute die Website von Parteichef Meuthen und kofinanzierte eine Veranstaltung des damaligen NRWLandesvorsitzenden Marcus Pretzell in Düsseldorf (SPIEGEL 24/2017). Offenbar traf sich Segert im Sommer 2016 auch mit Pretzell und Frauke Petry in Straßburg, um ihnen ein Strategiepapier zu präsentieren. Und wie aus E-Mails hervorgeht, über die jüngst NDR, WDR und »Süddeutsche Zeitung« berichteten, war ein Vertrauter von Weidel offenbar in engem Kontakt mit dem Unterstützerverein.

Dort konzipierte man spätestens im Frühjahr 2017 den »Deutschland Kurier«. Wenn man den Aussagen des Verlegers über das Mittagessen im Münchner »Wirtshaus zur Marienburg« glauben darf, war Ernst Knut Stahl daran beteiligt. Der Vereinsvorsitzende Bendels, ein früherer CSU-Mann, weigert sich, die Namen seiner Finanziers zu nennen. Konkrete Fragen zu Finck ließ er unbeantwortet.

Der eidesstattlichen Versicherung des Verlegers zufolge habe Stahl bei dem Lunch von einem Gutachten gesprochen, das bei einem Medienwissenschaftler bestellt worden sei. Dieser habe herausfinden sollen, welche Zeitung in Deutschland die Wahrheit schreibe. Das Gutachten habe ergeben, dass die »Preußische Allgemeine Zeitung« (PAZ) am wahrhaftigsten berichte. Das Blatt wird vom Vertriebenenverband »Landsmannschaft Ostpreußen « herausgegeben.

Stahl soll erwogen haben, die PAZ-Redaktion in das Projekt einzubinden. Dass es tatsächlich eine Kooperation gab, bestreiten die Chefredaktion und Geschäftsführung auf Nachfrage. Auch von entsprechenden Plänen habe man nichts gewusst. Allerdings veröffentlichte Chefredakteur Jan Heitmann im August 2017 einen Artikel in der PAZ, in dem er den »Deutschland Kurier« als »Marktpartner« und »Ergänzung « zur PAZ bezeichnete.

Der Verleger hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst verabschiedet. Einen Tag nach dem Mittagessen ließ er Stahl ausrichten, er stehe für das Projekt nicht zur Verfügung. Laut seiner eidesstattlichen Versicherung machte sich Stahl auch über den Vertrieb des »Deutschland Kuriers« Gedanken. Das Blatt sollte »zunächst kostenlos « in Großstädten verteilt werden.

So kam es dann auch. Die erste Ausgabe erschien in einer Auflage von 300000 Stück und wurde in Berlin verteilt. Später gab es wieder regionale Schwerpunkte. Ausgabe sechs (»Tatort Deutschland«) ging an Haushalte in Duisburg und Bochum, Nummer neun (»Setzen 6 – Abschlusszeugnis für die Bundesregierung«) landete in Kölner Briefkästen.

Wer die Ausgaben durchblättert, stößt auf viele bekannte Politiker einer ganz bestimmten Partei. Die Autorenliste des »Deutschland Kuriers« liest sich stellenweise wie ein AfD-Mitgliederverzeichnis. Vertreten sind etwa die frisch gekürten Europawahlkandidaten Guido Reil, Maximilian Krah und Nicolaus Fest sowie eine Reihe von Bundestagsabgeordneten.

Für Fraktionschefin Alice Weidel räumten die Macher des »Deutschland Kuriers« gleich eine komplette Seite frei. Auch Peter Boehringer, der Finanzexperte der AfDFraktion, bekam reichlich Platz. Sein Beitrag (»Die Euro-Rettung kostet Deutschland erneut viele Milliarden«) dürfte den Geschmack von August von Finck besonders gut getroffen haben.

Graues oder schwarzes Geld steht am Anfang der meisten politischen Skandale in der Geschichte der Bundesrepublik – von Konrad Adenauers Tarnorganisation »Staatsbürgerliche Vereinigung« über die Flick-Affäre bis hin zu den schwarzen Kassen der CDU von Helmut Kohl. Selten kamen die Protagonisten ohne Rücktritte oder den Verlust ihrer politischen Glaubwürdigkeit davon.

Dass aber eine Partei wie die AfD mithilfe von dubiosen Finanzierungen überhaupt erst durchstarten und in die deutschen Parlamente einziehen konnte, ist ein Novum.

Dabei zeigt der Name Finck, dass für politische Akteure sogar legale Spenden toxisch sein können. Seit seiner Millionenspende an die FDP haftet den Liberalen das Etikett der »Mövenpick-Partei« an. Die AfD, die diesen Spottnamen auch gern gegen den Gegner im Munde führte, steht nun selbst im Ruch, eine von Finck geschmierte Partei zu sein.

Eine Anfrage des SPIEGEL bei den Parteichefs Alexander Gauland und Jörg Meuthen sowie dem amtierenden Schatzmeister Klaus Fohrmann stieß auf Funkstille. Ein Parteisprecher teilte nur mit, die »Sachverhalte sind uns nicht bekannt. Ansonsten: kein Kommentar«.

Die AfD setzt eine Strategie fort, die sie schon in Weidels Finanzaffäre und im Umgang mit ihrem fragwürdigen Unterstützerverein zeigte: Nach Möglichkeit wird vertuscht, verschwiegen und beschönigt. Die »Alternative« beweist, dass ihr genau das fehlt, was sie stets von allen anderen einforderte: der Mut zur Wahrheit.

Großspender August von Finck

Neunzigerjahre
4,3 Mio. €
zur Finanzierung der rechtspopulistischen Partei Bund freier Bürger um den ehemaligen FDP-Politiker Manfred Brunner

2003/04
6,0 Mio. €
spendet eine Gruppe anonymer Unternehmer an die Vereinigung Bürgerkonvent von Meinhard Miegel (u. a. im Vorstand: Beatrix von Storch). Der Großteil davon kommt von August von Finck.

2008
820000 €
Spende an die CSU, die sich für die Mehrwertsteuerreform starkmacht. Die Spenden laufen über die Clair Immobilien Deutschland GmbH (430000 €) und Mercator Verwaltung GmbH (390000 €).

2009
1,1 Mio. €
»Mövenpick-Spende« an die FDP, die sich wie die CSU für die Senkung der Mehrwertsteuer im Hotelgewerbe einsetzt.