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GOLF MIT GERHARD SCHRÖDER: »Golf & Sozialdemokratie haben viel gemeinsam«


GOLF MAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 100/2020 vom 21.09.2020

Hochkarätige deutsche Politiker und Golf - das läuft bislang schief. Viele Volksvertreter fürchten den Sport wie der Teufel das Weihwasser. Umso beeindruckender ist es, dass ALTKANZLER GERHARD SCHRÖDER ganz offiziell eine Runde mit uns im G&LC Berlin-Wannsee drehte.


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Bildquelle: GOLF MAGAZIN, Ausgabe 100/2020

SCHWERGEWICHTE IN POLITIK UND SPORT: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Roland Specker, langjähriger Präsident des G&LC Berlin-Wannsee.


Ganz sicher bin ich mir nicht, ob mich Politik als Heranwachsenden in den 80er-Jahren ernsthaft interessiert hat, aber als in Oberbayern lebender Bursche bin ich an den permanent glorifizierenden ...

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... Darstellungen von Franz Josef Strauß nicht vorbeigekommen. Ich registrierte durchaus, dass Strauß einiges für mein wunderschönes Bundesland gedeichselt hat und dabei vielen Mitstreitern ordentlich auf die Füße trat. Doch nachvollziehen konnte ich den Personenkult nur bedingt.

In dieser Phase meines Lebens gab es auch ein von meinem Vater wöchentlich auferlegtes Ritual: Samstagabend musste sich die Familie vor dem Fernseher versammeln und gemeinsam eine Unterhaltungssendung konsumieren. Im Nachhinein war natürlich »Wetten, dass..?«, erst mit Frank Elstner und dann mit dem unschlagbaren Thomas Gottschalk, der Höhepunkt. Der war als Entertainer lustig, die Wetten mitunter kurios, und bei den prominenten Gästen kam immer einer, den ich sehen wollte.

»Wetten, dass..?« habe ich immer verfolgt - und im Februar 1999, ich damals ein 30-Jähriger, der im Nebenfach Politikwissenschaft studiert hatte, war der Auftritt von Gerhard Schröder ein Pflichttermin. Erstmals ein Bundeskanzler in Deutschlands größter Unterhaltungssendung, gut 100 Tage nach seinem holprigen Amtsantritt. Das durfte ich mir nicht entgehen lassen.

BRIONI UND GOLF

Ich fand ihn recht lässig, wie er so auf dem Sofa saß und plauderte. Er trug an diesem Samstag einen Maßanzug von Brioni. Ein bekanntes italienisches Luxus- Label, das auch James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan ausstattete. Schröder - das 007-Pendant aus der Politik. Selbstbewusst, charmant, wortgewandt und ideenreich. Sein Wetteinsatz: die älteste Dame im Saal nach Hause chauffieren. Am Ende durfte die gesamte Familie Bischoff in die Kanzlerlimousine einsteigen. Dafür gab‘s für den vermeintlichen Show-Kanzler ordentlich auf die Mütze, nur den Regierungschef juckte es nicht.

Und jetzt spielt er auch noch Golf! Seine Kritiker, die ihm die Nähe zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin sowie seine Lobbyarbeit ständig um die Ohren hauen, haben nun wieder Nahrung bekommen. Ausgerechnet Golf, und dann noch eine Runde ganz offiziell mit Deutschlands renommiertestem Titel, dem Golf Magazin. Ordentlich Futter für die Nörglerfraktion, um wieder alle Vorurteile auszupacken. »Da bekomme ich sicher wieder auf den Deckel«, sagt Schröder, legt eine kurze Pause ein, um anzufügen, dass ihm das ziemlich egal sei.


»ICH BIN DER EINZIGE SOZI, DER MIT RECHTS SPIELT. EIN ALLEINSTELLUNGSMERKMAL, ABER DAS HATTE ICH JA SCHON IN DER PARTEI.«


GUTE HALTUNGSNOTEN: Gerhard Schröder (76) golft seit gut zwei Jahren.


»IN KOREA HABE ICH MAL MIT MEINER FRAU GESPIELT. DAS WAR SCHON ´NE TOLLE ANLAGE. ICH FAND ES NICHT SO GUT, DASS MAN CARTFAHREN MUSSTE. ICH WILL MICH DOCH BEWEGEN.«


Man kann ihm das abnehmen, denn der 76-Jährige strahlt eine beeindruckende Ruhe aus. Er ist ‘ne coole Socke, und im Gegensatz zu anderen Politikern, die noch aktiv sind oder waren, allerdings vergleichsweise in weniger bedeutenden Positionen, bekennt er sich zu seinem neuen Hobby Golf. »Es macht mir Spaß, ich bewege mich in der Natur, genieße die Ruhe und Atmosphäre und freue mich, wenn ich den Ball gut treffe und er richtig fliegt«, fasst er zusammen.

Beispiele von golfspielenden Politikern gibt‘s ja. Alt-Bundespräsident Horst Köhler hat gerne auf den Ball geklopft, ebenso der verstorbene Ex-Bundesaußenminister Guido Westerwelle sowie FDP-Chef Christian Lindner oder Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Doch die begleiten bei der golferischen Ausübung meist Panikattacken, dass jemand - besonders die Medien - davon Wind bekommen könnte.

ABSCHLAG IN WANNSEE

Am Vorabend unserer Runde habe ich in Berlin noch sehr gute Freunde getroffen und natürlich drehte sich viel um meinen anstehenden Termin. Die Frage, wie man den ehemaligen Bundeskanzler richtig anzusprechen hat, konnten wir dabei trotz intensiver Internet-Recherche nicht vollends lösen, und so einigten wir uns auf das korrekte und unverfängliche Herr Schröder.

IHM MACHT‘S SPASS: Der ehemalige Kanzler spielt regelmäßig, häufig mit seinen Kumpels in Golf Gleidingen.


»VOR 30 JAHREN WOLLTEN MICH FREUNDE SCHON ÜBERZEUGEN, MIT GOLF ANZUFANGEN. DAMALS SPIELTE ICH GERNE TENNIS. ICH HATTE JEDEN TAG ZU KÄMPFEN, DA BRAUCHTE ICH NICHT NOCH GOLF, UM DANN GEGEN MICH ZU KÄMPFEN.«


Zugegeben: Man will bei so einer Begegnung alles machen - nur nichts falsch. Ich bin nervös gewesen, vielleicht ähnlich wie bei meinen neun Löchern mit Gary Player im Frankfurter Golf Club. Es gab dennoch einen gewaltigen Unterschied: Die Golflegende kannte ich von zahlreichen Gesprächen und Veranstaltungen, ich fühlte mich irgendwie vorbereitet, mit einem der Helden dieser Sportart spielen zu dürfen, der ein Meister des Entertainments ist und mir en passant meine golferischen Grenzen aufzeigen würde.

Und nun Gerhard Schröder. Ein Mann, der über Jahre hinweg das wichtigste politische Amt in der Bundesrepublik innehatte und der am ganz großen Rad der Weltpolitik mitgemischt hat. Das ist schon eine ganz andere Liga. Vier plus x Stunden mit dieser Persönlichkeit - das muss man sich einmal vor Augen führen. Manch Staatsoberhaupt hätte einst gerne diese Zeitspanne zu einem Gedankenaustausch bei ihm erhalten. »Mach dir keine Sorgen, er ist mal total locker drauf«, gab mir Yasin Turhal, Geschäftsführer im edlen Golf- & Land-Club Berlin- Wannsee, in einem der Briefings mit auf den Weg.

Einen besseren Club hätte man in Deutschland kaum finden können. Hier spielt und spielte nun wirklich schon alles aus Wirtschaft und Politik, was Rang und Namen hat. Schröder hielt 2020 die Ansprache beim Club-Neujahrsempfang und hat in Wannsee eine Ehrenspielberechtigung. Sein Heimatclub ist aber Golf Gleidingen bei Hannover. »In Rethmar, dem Platz von Arnold Palmer, spiele ich regelmäßig mit meinen Kumpels.« Auf die Frage, mit wem er in Berlin vorwiegend spiele, erhalte ich ein freundliches Achselzucken…

SCHRÖDER HAT DIE EHRE

An diesem Tag war der Abschlag für 11.00 Uhr terminiert, zu viert. Gegen 10.30 Uhr fährt eine Limousine mit verdunkelten Scheiben vor. Schröder, noch am Handy, steigt aus, beendet sein Telefonat und begrüßt Reinhard Müller und mich mit einem Lächeln. Müller, Vorstandsvorsitzender der Euref AG, ist ein sehr guter Freund des einstigen SPD-Chefs und ein langjähriger Parteigenosse. Das Angebot, mit Cart auf die Runde zu gehen, lehnt Schröder dankend ab, »ich will laufen «, und entscheidet sich auch gegen einen Kurzaufenthalt auf der Range. Stattdessen noch eine schnelle Stärkung auf der Clubhausterrasse. Es ist klar: Er gibt die Kommandos und das Tempo vor.


»GOLF UND SOZIALDEMOKRATIE HABEN VIEL GEMEINSAM. DURCH DAS STABLEFORD-SYSTEM GIBT ES EINE GLEICHBEHANDLUNG. «


»Fangen wir an, es fehlt doch noch einer, wo ist der denn?«, fragt er auf dem Weg zum Abschlag. Natürlich steht ein bekanntes Gesicht bereits am Abschlag: Roland Specker komplettiert den Flight. Der Initiator der Reichstags-Verhüllung von Christo hatte am frühen Vormittag bereits neun Löcher mit Werner Gegenbauer, dem Präsidenten von Hertha BSC Berlin, gespielt.

Wie es sich gehört, erhält Schröder die Ehre auf der Tee-Box. Er zückt den Driver, zwei Probeschwünge, und draußen ist der Ball. »Nicht berühmt, kann ich mit leben«, kommentiert er seinen Drive und beobachtet die Schwünge seiner Mitspieler ganz genau. Wir sind gerade einmal auf dem ersten Fairway, und der ehemalige Bundeskanzler bietet mir das Du an. »Wir machen hier ja Sport, ich bin Gerhard«, überrascht er mich und fügt locker hinzu, »der bin ich auch, wenn wir uns nochmal treffen«.

Zugegeben, damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet und liefere gedankenverloren einige schlechte Schläge in Folge ab. Natürlich gebe ich den neuen, großen und ondulierten Grüns in Wannsee eine Teilschuld. »Die Grüns sind sehr herausfordernd geworden«, flankiert Specker meine Einschätzung. Und er muss es als Ex-Präsident und Single- Handicapper ja wissen.

Unser prominenter Mitspieler zeigt sich bei diesem Thema unbeeindruckt und puttet auf den Grüns souverän. Vor gut zwei Jahren hat er mit dem Golf begonnen, nachdem seine Frau Kim Soyeon ihm intensiv zugeredet hatte. Schröder spielt regelmäßig, und sein Handicap liegt bei knapp unter 30. »Der war gut«, freut er sich nach einem gelungenen Schlag, »war auch das Eisen 7, mein Lieblingseisen «.

Er wird mutiger und versucht‘s häufiger mit einem Holz vom Fairway, was nur bedingt funktioniert, und geht post- wendend auf Ursachenforschung: Er habe den Kopf nicht unten gelassen. Passiert halt mal. Ärger? Frust? Davon ist nichts zu hören und wenig zu sehen. Ab und an winkt er einfach lächelnd ab. Schröder hat in seiner noch jungen Golfkarriere eines gleich verinnerlicht: Golf bedeutet Demut.

STABLEFORD SCHAFFT GLEICHBEHANDLUNG

Die Runde mit ihm und den interessanten Mitspielern ist äußerst kurzweilig. Mal geht es um Sport, Wirtschaft, Corona - und freilich auch um Politik. Ein Blick von ihm in meine Richtung reicht aus, um mir zu signalisieren: Das war jetzt hier und unter uns, und da bleibt es auch. So ist es auch, als ich die wenig fundierten Aussagen seiner Parteigefährten Karl Lauterbach und Martin Schulz über Golfer streife - ich ernte ein vielsagendes Kopfschütteln.

Irgendwann auf den Back-Nine schaut mich Schröder intensiv an. »Weißt du eigentlich, dass Golf und Sozialdemokratie viel gemeinsam haben? Durch das Stableford-System gibt es eine Gleichbehandlung. « Fakt ist, dass sich durch die Erfindung von Dr. Frank Stableford Spieler verschiedener Leistungsniveaus messen können. Wir haben auf dieser Runde nicht gezählt, es sollte einfach nur Spaß machen. Und das hat es. Schröder hat mich am Ende auf eine weitere Besonderheit hingewiesen: »Ich bin der einzige Sozi, der mit rechts spielt. Ein Alleinstellungsmerkmal, aber das hatte ich ja schon in der Partei.«

Die Runde geht ins große Finale mit den herausragenden Löchern 17 und 18. Gerade die vorletzte Bahn bereitet dem ansonsten so selbstbewussten Juristen Kopfzerbrechen. »Über das Wasser komme ich ja nie«, orakelt er. Unisono behaupten wir Mitspieler alle das Gegenteil. Und siehe da, Schröder meistert das Wasserhindernis problemlos und quittiert den gelungenen Hieb mit einem »geht doch«. Wir meistern auch noch die Schlussbahn und bedanken uns nach der Runde mit einer Corona-zeitgemäßen »Ghetto-Faust« und »Ellbogen-Gruß«. Schröder lächelt und freut sich auf Speisen und Getränke auf der Clubhausterrasse.

Für mich, der großes Interesse für Politik hegt, war es eine ganz besondere Begegnung. Gerhard Schröder ist der erste Hochkaräter aus der deutschen Politik, der sich zu Golf bekennt. Und gedanklich bin ich schon wieder in meinem lieben Bayern. Da ist es bislang undenkbar, sich zu outen. Dass es Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer vermeidet, liegt auf der Hand. Und Ministerpräsident Markus Söder? Macht einen ganz großen Bogen um Golfanlagen.

Obwohl dort mitunter große Politik gemacht wird. Jüngst trafen sich Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit ihren besseren Hälften zum Essen im GC Beuerberg. Um was es da wohl ging? Sicher auch um die Kanzlerkandidatur…

AUF DEM FAIRWAY VON BAHN 13…

Schröder: »Leute, wie viele Löcher haben wir noch? Ich habe langsam Hunger.«

Müller: »Wir haben es gleich geschafft!«

Schröder, am Abschlag der 14: »Reinhard, wie? Fast fertig? Ich kann noch rechnen.«


Foto: Getty Images

Fotos: Ingo Grünpeter