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GOOD TIMES, BAD TIMES


karpfen - epaper ⋅ Ausgabe 20/2020 vom 21.02.2020

Erzählstunde mit Alex „Zille“ - er hat im letzten Jahr eine anglerische Achterbahn durchstanden. Vorweg: Es gibt mehrere gewichtige Happy Ends!


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Bildquelle: karpfen, Ausgabe 20/2020

Alex (links) und Nico grinsen: Dank mehrerer Taktikwechsel ging ihr Urlaub noch gut aus. Zwischendurch mussten sie aber ganz schön einstecken!


Es ist Donnerstagabend, gegen 23 Uhr. Mein Auto ist vollgepackt mit Tackle, ich liege nervös im Bett und kann nicht einschlafen. Morgen früh muss ich noch ein paar Stunden arbeiten und dann kann es endlich losgehen. Mein Handy blinkt auf - ein Kumpel, der seit mittlerweile zehn Tagen an dem Stausee sitzt, an dem ich gerne ...

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... kommende Woche fischen möchte, sendet die Fangerfolge des heutigen Tages via WhatsApp. Wahnsinn! Meine Nervosität steigt dadurch noch mehr. Mein Kumpel muss bald heim und ich kann seinen Platz an der Staumauer übernehmen.

VORFREUDE

Freitagabend: Es ist schon lange dunkel, als ich den holprigen Feldweg zum Gewässer fahre und voller Euphorie aus meinem Bus steige. Nach einer netten Begrüßung erzählen meine Freunde mir bei einem kalten Bier - natürlich voller Euphorie - die Geschehnisse und Erfolge der letzten Tage. Sie haben ihre erfolgreichste Session fast hinter sich und sind stolz und zufrieden. Gegen halb drei Nachts falle ich müde und voller Hoffnung für die nächsten Tage auf meine Liege. Der Plan für die ersten Tage steht nach ausgiebiger Lagebesprechung auch schon mehr oder weniger fest. Die beiden anderen wollen bis zum Ende (Sonntagnachmittag) auf ihrem Platz weiterfischen. Ich hingegen will im Morgengrauen aufbrechen und noch eine Nacht an einem Stausee in der Nähe verbringen.

ALLES VOLL

Etwa dreieinhalb Stunden bleiben mir zum Schlafen, dann klingelt der Wecker und mein erster Urlaubstag beginnt! Binnen weniger Minuten finde ich mich hinter dem Lenkrad meines Transporters wieder, es soll zu einem kleinen Stausee gehen. Meine Müdigkeit wird kurz darauf durch Resignation ergänzt, denn im gesamten Areal der Staumauer stehen Camps. Also geht’s weiter, neues Gewässer, neues Glück. Eine Stunde später komme ich an einem - für mich ebenfalls neuen - Stausee an. Klappe, Resignation die Zweite: alles voll hier! Ich will mich schon umdrehen, da sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sich ein Ovalschirm zusammenklappt. Der wird doch nicht …


„mit jeder verstreichenden stunde schieben sich meine Mundwinkel etwas weiter nach unten.“


Schnell mache ich mich auf den Weg zu dieser Stelle. Ich werde von zwei freundlichen Holländern begrüßt, die mir erzählen, dass sie gerade einpacken und fragen, ob ich nicht an ihrer Stelle weiterfischen möchte. Aber natürlich will ich das!

Sturm und eine Tiefdruckphase sorgen für hohe Aktivität - Alex half das aber anfangs auch nichts.


Die beiden Holländer packen sehr langsam ein - vielleicht kommt es mir auch nur so vor, denn ich bin aufgeregt. Irgendwann gegen Mittag steht mein Camp und ich kann endlich mit der Falte auf den See. Eine ausgiebige Tour mit dem Echolot zeigt mir, welche Tiefen und Bereiche ich befischen kann. Erstaunlicherweise ist der tiefste Punkt (im für mich erreichbaren Areal) nicht tiefer als drei Meter. Aber aus der Ruhe bringen kann mich das nicht, da ich weiß, dass die nordfranzösischen Flachlandseen meist keine tiefen Gewässer sind. Außerdem haben die Bil- der auf dem Kameradisplay der Holländer eine sehr überzeugende Sprache gesprochen! Genau 24 Stunden Zeit habe ich, in dem strukturarmen Areal zu fischen. Dementsprechend weit streue ich auch meine Montagen, zwischen 1,5 und 2,8 Meter in alle Richtungen. Außerdem füttere ich nicht übermäßig viel - einige Hände Boilies, Tigernüsse und Hanf sollen es richten. Der erste Biss kommt gegen 21 Uhr, ich kann einen Fisch von etwa zwölf Kilo landen. Ich mache ein schnelles Handyfoto auf der Matte und lasse ihn schwimmen. Den Stress mit Blitz und Selbstauslöser will ich dem Fisch und mir ersparen. Denn ich räume ja bald richtig ab, da bin ich mir sicher! Ich will etwas vorgreifen: Im Nachhinein ärgerte ich mich darüber.

Da man in Frankreich oft bis zu vier Ruten fischen darf, ergibt es Sinn, diese in unterschiedlichen Tiefen zu staffeln.


Einen weiteren kleinen Fisch fange ich am Morgen. Beim Frühstücken merke ich, dass das Wetter umschlägt. Es ist deutlich kühler und sieht nach Regen aus, außerdem frischt der Wind auf. Ich hoffe auf ein längeres Tiefdruckgebiet und werde durch meine Handyapp bestätigt. Diese Witterung, in Kombination mit tiefem Luftdruck unter 1010 hpa, lässt die Karpfen erfahrungsgemäß in einen wahren Fressrausch verfallen!

Ein wenig Schlamm im Eimer bildet eine Wolke unter Wasser - das wird der Gamechanger! Oder?


KAPITALENKÖDER

Es ist Zeit, zurück an den See zu fahren, den meine Kollegen verlassen. Ich kann endlich ihren Spot übernehmen! Sie packen schon ihre Sachen, als ich zu ihnen zurückkomme. Mittlerweile ist ein echter Sturm aufgekommen, das Loten und Füttern des neuen Spots gestaltet sich als Herausforderung. Dieses Gewässer ist etwas tiefer als mein „Overnighter-Stausee“. Ich setze einen Marker vor die Staumauer auf vier Meter, dort lege ich zwei Ruten ab. Die beiden anderen platziere ich auf derselben Höhe, aber etwas abseits. Einige Kilo Boilies und Tigers schütte ich kurz darauf noch in die Wellen und kehre mit höchster Erwartungshaltung zum Camp zurück. Fischen darf ich noch nicht, denn Nachtangeln ist an diesem Stausee verboten.

Nach etlichen Wechseln fanden Alex und Niko ein Gewässer, an dem es lief.


Mein Wecker reißt mich aus meinen Träumen. Voller Motivation lege ich mit dem ersten Tageslicht alle vier Ruten aus. Ich habe dem vorbereiteten Futter sogar Uferschlamm beigemischt - davon erhoffe ich mir eine große Wolke unter Wasser, die die Karpfen zum Fressen animieren soll. Aber das tun sie eh, da bin ich sicher.
Da man in Frankreich an vielen Gewässern die Möglichkeit hat, mit vier Ruten zu angeln, bietet es sich an, verschiedene Köder und Rigs zu verwenden. Für den „schnellen Biss“ schicke ich zwei auffällige Scopex Squid-Snowmans ins Rennen. Rute drei ist mit einem 24er „Hard One“ am steifen D-Rig bestückt - ein extra harter und leichter Hookbait, der viele Weißfisch- und Krebsattacken aushält. Den Boilie durchbohre ich und stecke ein Stückchen Kork herein. Rute Nummer vier lege ich mit einer Tigernuss/ Wafter-Kombi aus. Von den beiden eher unauffälligen, austarierten Ködern, verspreche ich mir einen großen Fisch. Da diese Köder nicht so schnell auffallen, habe ich in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass diese länger liegen bleiben und dann von einem großen Vielfraß verschlungen werden.

BLANK-TAGE

Der Tag vergeht wie im Flug. Als die Sonne am Abend langsam untergeht, muss ich den ersten Blank-Tag verwundert in Kauf nehmen. Wie kann das denn sein? Meine Kollegen hatten in zehn Tagen täglich zwei bis fünf Runs. Ich schiebe meine erste kleine Niederlage auf meine Fütterung, die möglicherweise etwas zu grob ausfiel. Aber leider bleiben meine Bissanzeiger auch die nächsten zwei Tage komplett stumm. Mit jeder verstreichenden Stunde schieben sich meine Mundwinkel etwas weiter nach unten. Ich verstehe die Welt nicht mehr! Endlich bekomme ich etwas Abwechslung, als mein Freund Niko eintrifft. Mit ihm will ich die kommenden zehn Tage gemeinsam fischen.
Nach einer herzlichen Begrüßung setzen sich Niko und ich zusammen, um die aktuelle Lage zu besprechen. Denn wenn mein Futter wirklich zu viel gewesen wäre, dann hätte ich doch zumindest mal einen oder zwei Bisse auf die Ruten bekommen, die weit weg vom Hauptfutterplatz lagen, oder? Diese habe ich nämlich nur sehr sporadisch befüttert, mit wenigen Händen meiner Boilie/Tiger-Kombi. Für uns gibt es nur eine logische Erklärung: Wir gehen davon aus, dass die Fische durch den hohen Angeldruck und die wahre Fangorgie von den anderen das Areal verlassen haben und in die flacheren Zonen des Gewässers gezogen sein müssen. Doch an einen Platzwechsel ist nicht zu denken. Im flacheren Areal sitzen ebenfalls Karpfenangler, doch erstaunlicherweise haben auch sie in den letzten Tagen keine Flosse gesehen. Nach langem Hin und Her entschließen wir uns, das Gewässer zu wechseln. Wer flexibel bleibt, fängt mehr!

Das verhängnisvolle Handybild: Der 12er blieb vorerst der Letzte.


Wir kommen am neuen Stausee an. Mitten in der Nacht - aber diese ist sternenklar, wir werfen noch jeder zwei Ruten aus und legen uns auf die Liegen. Die Zelte bauen wir gar nicht auf. Ein schwerer Fehler, denn wir werden von einem echten Platzregen geweckt! Nass und übermüdet drehen wir eine Runde mit dem Boot, um festzustellen, dass auch hier alle Stellen belegt sind. Ich kann mich fast nicht mehr erinnern, warum ich am Anfang der Tour so voller Euphorie war. Lediglich die Bereiche von Tiefen um neun Meter sind frei, aber so richtig Vertrauen in diese Stellen fassen wir nicht. Ich rufe einen guten Freund an, der diesen Stausee gut kennt. Und - ich glaube es fast nicht - er widerlegt unsere These mit einem Satz: „Im Herbst habe ich auf sieben bis neun Meter wirklich gut gefangen!“. Na gut, wir haben ja sowieso keine andere Option mehr.
Da Niko und ich fair sind und uns gegenseitig die Fische gönnen, staffeln wir unsere acht Ruten wild durcheinander in Tiefen zwischen fünf und neun Metern. Wir sitzen in unseren Stühlen und betrachten die glatte Wasseroberfläche, als ein Karpfen genau auf eine meiner Montagen springt. Wir glauben es kaum! Wie kleine Kinder freuen wir uns über den springenden Fisch. Denn wo einer ist, sind meist auch noch mehr. Die Fische stehen in diesem Gewässer also doch noch im Flachen und nicht in den tiefen Bereichen rund um die Staumauer.

Die sinkende Motivation übertrug sich auch auf den Zustand im Bivvy.


ICH HABE IHN! FABERGE - DER KÖNIG DES STAUSEES.

Alex und Niko fingen viele große Fische im Flachen.



„Der erfolgsgeruch Liegt in der Luft - Kurz darauf auch Der Duft von eiern Und speck. Wir sind Wieder zufrieden!“


BIEEEEEP

Wir fallen aus den Liegen und springen das unwegsame Ufer hinunter zu den Ruten. Endlich haben wir Fisch auf den Plätzen! Meine Rute ist voll abgepfiffen, ich drille den Fisch kurz darauf vom Boot. Etwa dreißig Pfund wiegt er, was bin ich glücklich! Aber dabei soll es nicht bleiben - der nächste kommt beim Versorgen des 30-Pfünders. Aber er ist deutlich größer. Nach langem Drill zwinge ich den riesigen Spiegler in den Kescher, Niko liest 40 Pfund auf der Waage ab. Wir können es beide nicht glauben! Der Erfolgsgeruch liegt in der Luft, kurz darauf auch ein Duft von Eiern und Speck. Frühstückszeit, die Sonne scheint wieder. Zum Glück haben wir es im Flacheren probiert! „Was zwei Fische schon ausmachen können, unglaublich“, sage ich zu Niko. Er nickt, aber ich sehe ihm an, dass er jetzt unbedingt selbst einen fangen möchte. Kann ich verstehen, aber die Zeichen stehen ja auch wieder gut für uns. Für mich ist die Tour an ihrem Höhepunkt angelangt, und wir kommen endlich so richtig an. Wir haben eine traumhafte Stelle und können uns angeltechnisch voll entfalten, da uns keine anderen Angler auf die Pelle rücken. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die nächsten Tage noch die eine oder andere gewichte Überraschung mit sich bringen werden.

FABERGE

Die Überraschung lässt nicht lang auf sich warten. Es muss gegen 23 Uhr gewesen sein, da läuft meine Rute ab. Sofort steige ich ins Boot, denn dieser Fisch ist größer als alle anderen. Ich drille mich in die pechschwarze Nacht, begleitet vom Surren der Bremse und dem Platschen der Wellen gegen die Bordwand. Meine Knie sind butterweich - was habe ich da gehakt? Nach gut 20 Minuten wird das Monster müde, ich gewinne Meter für Meter. Im Schein der Stirnlampe erkenne ich eine Flanke, und weiß sofort, dass ich „ihn“ drille. Faberge, der König des Stausees! Gott sei Dank gleitet er in den Kescher, yes! Ein Schub von Glücksgefühlen durchströmt meinen Körper. Vorgestern noch hätte ich das für unmöglich gehalten. Schade an der Sache ist aber gleichzeitig, dass Niko immer noch auf seinen Fisch wartet. Ich ermutige ihn: Es kann nur noch eine Frage der Zeit sein!
Und sein Warten macht sich bezahlt: Kurz darauf fängt er. Und ich auch wieder. Und er wieder. Wahnsinn - wir haben den Code geknackt!

Den Longshank wurde Faberge nicht mehr los.


SCHLUSSENDLICH KAMEN BEI UNSERER TOUR VIELE FAKTOREN ZUSAMMEN. ES SCHEINT SO, ALS WÄREN DIE GROSSEN ALTFISCHE DES GEWÄSSERS NOCH IM FLACHEREN SEETEIL GEBLIEBEN, DIE JUNGFISCHE HIELTEN SICH BEREITS TIEF AUF. GENAU SAGEN KANN ICH ES AUCH NICHT. WAS ICH ABER GENAU WEISS: WÄREN WIR NICHT SO FLEXIBEL GEBLIEBEN UND HÄTTEN WIR UNS ENTMUTIGEN LASSEN, WÄRE DIESER URLAUB SEHR VIEL ERFOLGLOSER AUSGEGANGEN. IN DIESEM SINNE - BEHALTET MEINE STORY IM HINTERKOPF UND BLEIBT DRAN!