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GOTTES DUNKLE SEITE


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 25.11.2021

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 12/2021

Zunächst glaubte Cambel McLaughlin an einen Scherz. Als erklärter Lockdown-Gegner und Covid-Impfstoff-Skeptiker setzt sich der 27-jährige Brite für eine „pro-medical choice“, gegen einen angeblichen „Impfzwang“ ein. Er ist Mitgründer der Gruppe Jam for Freedom, die umsonst und draußen gegen den Lockdown und Impfungen anspielt, mit Texten wie: „Steckt euch euren Impfstoff in den Arsch.“ Dabei gerät die Band schon mal mit der Polizei aneinander, und McLaughlin erzählt, dass er wegen – so nennt er das – „Verstößen gegen die Covid-Regeln“ während eines Konzerts festgenommen wurde.

Als im vergangenen Frühjahr der Van, mit dem die Band ihr Equipment transportierte, mit einem Totalschaden ausfiel, versuchte McLaugh-

lin mit einer GoFundMe-Seite Geld für Transport, Benzin und Rechtsberatung aufzutreiben – und staunte nicht schlecht, als eines Tages eine 1000‐Pfund-Spende von Eric Clapton einging.

„Natürlich ...

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... habe ich erst geglaubt, das wäre ein Fake“, sagt McLaughlin. Also schickte er eine Mail an das Konto, von dem die Spende gekommen war, und er erhielt Antwort vom 76-jährigen Gitarrengott höchstpersönlich. „Irgendwas Aufmunterndes, so in der Art: Hey, hier ist Eric, Superarbeit, die ihr da macht!“, erinnert er sich. Später telefonierten sie auch miteinander, und prompt bot Clapton ihm seinen eigenen Sechssitzer an, bis die Gruppe einen neuen Wagen haben würde. Er spendete außerdem Geld für einen neuen Van und bot an, sich ein paar Monate später mit der Gruppe zu treffen. Die Höhe der Spende behält McLaughlin für sich, aber dank Clapton konnte Jam for Freedom ihre Botschaft nun wieder im ganzen Königreich verkünden.

In seinen jungen Jahren hielt sich Clapton mit politischen Äußerungen eher zurück. 1968 befand er im amerikanischen ROLLING STONE: „Ich sage schon, was ich denke. Aber sobald das irgendwo gedruckt steht, glauben die Leute, sie müssten meiner Meinung sein. Was natürlich falsch ist – ich bin nur ein Musiker. Schön, wenn sie auf meine Musik stehen, aber was in meinem Kopf so vor sich geht, braucht niemanden zu interessieren.“

In letzter Zeit jedoch hat sich Clapton zu einem gut vernehmlichen Sprachrohr der Impfskeptiker entwickelt, jener Leute, die Wissenschaftler wie Anthony Fauci oder Christian Drosten als „Teil des Problems“ sehen: „Sie machen sich zu einem Transportmedium, über das sich das Virus ausbreiten kann.“ Clapton hat den Lockdown zwar nie ausdrücklich infrage gestellt, aber öffentlich geraunt, dass „sich die Live-Musik womöglich nie mehr erholen wird“, und er hat drei Stücke mit Van Morrison veröffentlicht, die man getrost als Protest gegen den Lockdown hören kann. Über den Social-Media-Account eines Freundes hat er außerdem ausführlich von den „desaströsen“ Nebenwirkungen seiner eigenen AstraZeneca-Impfungen berichtet („laut offizieller Propaganda ist der Impfstoff ja für alle sicher“, schrieb er).

Gerade ist Clapton durch die „roten“, die republikanischen Staaten der USA getourt, obwohl dort die Ansteckungs- und Todeszahlen stiegen, wobei er überwiegend in Venues auftrat, die keinen Impfnachweis forderten. Wie es in seiner Generation üblich war, hat Clapton Sex, Drugs & Rock’n’Roll ausgiebig gefeiert, aber derzeit findet die Ikone der Sechziger viel Zuspruch von konservativen Meinungsmachern. In Austin posierte er auf Backstage-Fotos mit dem texanischen Gouverneur Greg Abbott. Den kennt man in den USA als radikalen Abtreibungsgegner und von Angriffen auf das Wahlrecht, im Moment kämpft er gegen verpflichtende Impfungen in Betrieben und Institutionen. Viele Fans nahmen Clapton die Fotos mit dem berüchtigten Gouverneur übel. „Ich habe gerade alle meine Clapton-Songs gelöscht“, schrieb einer auf Abbotts Twitter- Konto. Darunter ein anderer: „Clapton ist wie ein Kid Rock, der Gitarre kann. Für mich war’s das.“

Worauf Clapton erst recht auf seiner Meinung beharrte. Er setzt im Spätherbst der Karriere nicht nur seinen Ruf aufs Spiel, sondern vergrämt auch viele seiner Fans. „Dass er schlecht auf die Impfung reagiert hat, ist natürlich unschön“, sagt Bill Oakes, der Chef von RSO, Claptons Label in den Siebzigern. „Aber wir wissen doch, dass er damit zu den Ausnahmen gehört. Sehr bedauerlich, dass ihn viele jüngere ROLLING-STONE- Leser jetzt auf diese Weise kennenlernen. Immerhin ist er einer der ganz Großen, und da bringt er sich jetzt am Lebensabend mit so einem Zeug in die Schlagzeilen.“ (Clapton ließ durch einen Sprecher mitteilen, dass er sich hier nicht dazu äußern wolle.)

Selbst Menschen, die sich in der letzten Zeit nicht weiter mit Clapton beschäftigt haben, fragen sich jetzt: Was denkt er sich dabei? Für die meisten Rockfans bestanden Claptons bleibende Verdienste bisher in der entscheidenden Rolle, die er dabei spielte, Blues (und Reggae) in den Mainstream zu bringen, und natürlich in seinem virtuosen Spiel. (Es gab ja durchaus Gründe, dass ein Fan in den Sechzigern „Clapton is God“ an die Wand einer Londoner U‐Bahn-Station gesprayt hat.) Andere erinnern sich vielleicht auch an den tragischen Tod seines vierjährigen Sohnes 1991 und das kathartische „Tears In Heaven“, das er danach schrieb.

Im Lichte der aktuellen Diskussionen schaut man nun jedoch noch einmal genauer auf seine Vergangenheit und stößt dabei unter anderem auch auf einige bestürzend rassistische Äußerungen in den früheren Tagen seiner Karriere.

Wo man ihn gerade noch bewundert oder mit ihm gelitten hat, steht man nun verwirrt, fühlt sich vielleicht sogar betrogen.

Auch Dave Wakeling war bis zum Sommer 1976 überzeugt, er würde Eric Clapton kennen. Wake - ling (später Mitbegründer von The Beat, einer der ersten britischen Neo-Ska-Bands) war damals zwanzig und seit Jahren leidenschaftlicher Clapton-Fan. Als junger Teenager fuhr er 1969 per Anhalter aus seiner Heimat Birmingham nach London, um Blind Faith im Hyde Park zu erleben.

Aber als er Clapton im August 1976 im Odeon in Birmingham sah, traute er seinen Ohren nicht. Anders als die meisten seiner Rock-Kollegen hatte sich Clapton aus politischen Themen wie dem Viet namkrieg stets herausgehalten, aber hier stand er nun, offensichtlich betrunken, und schimpfte über Einwanderungspolitik. Es gibt weder Film- noch Tonaufnahmen von dem Konzert, aber nach den zeitgenössischen Berichten (und Wakelings Erinnerung) erging sich Clapton auf der Bühne in üblen rassistischen Ausfällen. Er schwadronierte – was er auch nie bestritten hat – von der „Einwandererflut“, die Großbritannien „innerhalb der nächsten zehn Jahre in eine Kolonie“ verwandeln werde. Wortreich forderte er, „die Ausländer“ sollten das Land verlassen, er beschimpfte die nichtweißen Briten als „wogs“ und forderte: „Coons (Schwarze) raus!“

„Er hat überhaupt nicht mehr aufgehört damit“, erinnert sich Wakeling. „Ich dachte erst: Soll das ein Witz sein? Aber es war schnell klar, dass er das ernst meinte. Das Publikum fing an zu grummeln, und je länger er sprach, desto lauter wurde es: Was redet der denn da für einen Scheiß? Hinterher im Foyer ging es genauso lautstark weiter: What the fuck? So ein Arsch!“

Ebenso sauer wie das Geschwätz stieß Wakeling auf, dass sich Clapton dabei auf die Seite des konservativen Polemikers und Rechtsextremisten Enoch Powell stellte. Der prominente Tory war 1968 mit seiner berüchtigten „Rivers of Blood“- Rede in Birmingham zur Lichtgestalt der nationalistischen Einwanderungsgegner geworden. Wakeling hatte das Gefühl, dass Birmingham seither integrativ ein ganzes Stück weitergekommen war, weil sich die schwarze und weiße Arbeiterschaft zusammengerauft hatte.

Auch Claptons Band war geschockt. „Erics Rede hatte uns total überrascht“, erinnert sich Gitarrist George Terry (der auch Co-Autor von Clapton-Stücken wie „Lay Down Sally“ ist). „Er hatte weder mir noch sonst einem aus der Band gegenüber auch nur angedeutet, dass er auf der Bühne etwas sagen wollte.“

Bis zu diesem Auftritt hatte man den Einfluss von Blues – und afroamerikanischer Kultur insgesamt – auf Claptons Musik positiv wahrgenommen. Schon als Teenager in Surrey, wo er bei seiner Großmutter aufwuchs, hatte er angefangen, Blues-Licks zu üben. Bei den Yardbirds, bei John Mayalls Bluesbreakers und mit Cream wurde deutlich, wie viel er von Muddy Waters, Jimmy Reed und anderen Blues-Größen gelernt

hatte. Und im Gegensatz zu anderen Rockern würdigte er die Blues-Pioniere auch gebührend. Wenn Clapton einen Song von Muddy Waters coverte (oder eben später von Bob Marley), dann tat das deren Konto so gut wie seinem eigenen. „Der Mann kann spielen“, sagt die Chicago-Blues- Legende Buddy Guy, der seit den Sechzigern öfter mit Clapton gejammt hat. „Wenn einer gut spielt, dann nenne ich ihn nicht fett, breit oder groß. Clapton wusste, wie man auf die Saiten drückt, und er hat sie im richtigen Moment gedrückt. Dank der Briten ist der Blues explodiert und an Orte gekommen, die wir nicht erreichen konnten. Ich wäre damals liebend gern so populär gewesen wie er – dann hätte ich vielleicht nicht so verdammt schwer schuften müssen.“

1968 sprach Clapton in einem Interview mit dem US-ROLLING-STONE über Jimi Hendrix und benutzte dabei einen beleidigenden, wenn auch im damaligen Hipsterslang recht gebräuchlichen Begriff. Noch unangenehmer klingt daher sein offenbares Faible für gewisse rassistische Klischees: „Hendrix kam nach England, und die Leute hier haben ja so ein ganz spezielles Ding mit den ‚ spades‘“, sagte er. „Sie lieben das Magische, das Sexuelle, alle stehen darauf. Hier glauben immer noch jeder und sein Bruder, dass der ‚ spade‘ einen großen Schwanz hat. Als Jimi hierher kam, hat er das bis zum Limit ausgereizt. Er hat jeden um den Finger gewickelt. Er hat verdammt noch mal mich um den Finger gewickelt!“

In der Presse erschien Clapton mit seinen Problemen – das Comeback nach dem Heroinund Alkoholentzug, die Einrichtung seines Treatment-Centers auf Antigua, schließlich der Verlust seines Sohnes – stets als sympathische Figur, mit der man mitfühlte. Den Birmingham- Powell-Zwischenfall nannte ein britischer Journalist damals „einen weiteren Beweis für Claptons verletzliche Offenheit“.

Wer ihn in Birmingham gehört hatte, sah das allerdings ganz anders. „Ich war total schockiert“, sagt Red Saunders, ein Agitprop-Schriftsteller und -Performer, der kurz nach dem Konzert einen Artikel über Claptons Äußerungen gelesen hatte. „Man muss sich klarmachen, was für eine Kultfigur Enoch Powell hierzulande ist: Er steht auf einer Stufe mit Leuten wie George Wallace, dem Gouverneur von Alabama, ein prominenter Konservativer, ein echter Demagoge aus der ganz alten britisch-imperialistischen Schule.“ Powells „Rivers of Blood“-Rede hatte der weißen nationalistischen Bewegung einen starken Schub versetzt. Saunders reagierte auf Claptons öffentlichen Schulterschluss mit Powell mit einem Brief im „NME“: „Was ist los mit Dir, Eric? Bist Du noch ganz dicht? Dir ist doch klar, dass die Hälfte Deiner Musik schwarz ist. Du bist der größte Kolonialist im Rock. Du bist ein guter Musiker, aber wo wärst Du ohne Blues und R&B?“

Saunders’ Brief gab den Anstoß für die Rock- Against-Racism-Initiative, die rund fünf Jahre lang Konzerte in Europa und den USA organisierte, um gegen Tendenzen, wie Clapton sie repräsentiert hatte, anzugehen. „Clapton hat die Welt unfreiwillig in die korrekte Richtung gestoßen – in diesem Sinne eigentlich sehr vorbildlich“, sagt Wakeling (auch The Beat spielten bei einer der RAR-Shows). Saunders erinnert sich, dass Pete Townshend Clapton im Sommer 1979 mit zu einem seiner RAR-Auftritte bringen wollte. Aber Saunders bestand darauf, dass Clapton sich erst entschuldigen sollte. Clapton tauchte ohne Angabe von Gründen nie auf.

Einige, die ihn kannten und mit ihm arbeiteten (aber ihn seither nur noch selten gesehen haben), meinen, Claptons Rassismen entsprängen keinem geschlossenen Weltbild. „Ich glaube nicht, dass er wirklich so denkt“, sagt Oakes. „Ihm Überzeugung zu unterstellen geht am Problem vorbei. Es lag am Suff. Er war damals ziemlich finster drauf, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er wusste, was er da anrichtete. Für die Leute gehören solche Äußerungen halt nicht zu der Sorte, die man nach dem Motto ‚Ach, er war eben besoffen‘ abhakt. Man denkt eher, wer so was sagt, der meint es auch. Aber ich glaube nicht, dass es so war.“ 2017 sagte Clapton im Gespräch mit dem ROLLING STONE: „Ich muss mich dieser Person stellen, die ich damals unter Alkohol und Drogen abgab. Ich kann heute nur schwer nachvollziehen, wie drüber ich damals war. Und dass es keinen gab, der mich in die Schranken gewiesen hat.“ Letzteres ist vermutlich nicht falsch: Über lange Zeit ließ er als privilegiertes Mitglied der herrschenden Rock-Elite seinen Launen gern freien Lauf, ohne sich weiter um die Konsequenzen zu kümmern.

Dabei ärgern sich Kollegen wie Wakeling nicht nur über die rassistischen Ausfälle an sich, sondern auch über die Art, wie Clapton mit den Reaktionen umging. Als seine Tiraden durch die Presse bekannt wurden, schickte er einen handgeschriebenen Brief an die britische Musikzeitschrift „Sounds“, in dem er sich „bei allen Ausländern in Birmingham“ entschuldigte. „Ich hatte schlicht (wie üblich) vor dem Konzert ein paar zu viel. Außerdem hatte ein Ausländer meine Freundin angegrapscht, und da bin ich ausgerastet.“

Aber in einem Zusatz bekannte er sich doch noch einmal zu dem weißen Suprematisten Powell: „Ich halte Enoch für den einzigen Politiker, der verrückt genug ist, dieses Land zu führen.“ In einem weiteren Interview mit „Sounds“ spielte er den Ausfall in Birmingham erneut herunter: „Ich fand das alles eigentlich ganz lustig“, meinte er und verglich den Vorfall mit einer Monty-Python-Nummer.

2017 kam er in seinen Memoiren erneut auf die Kontroverse zu sprechen. Es sei ihm auf der Bühne, schrieb er, „gar nicht um die ethnische Herkunft“ gegangen. „Meine Worte zielten auf die politische Strategie, mit der die damalige Regierung Billigarbeit forcierte, und auf das kulturelle Chaos und die Überbevölkerung als Folge dieser Politik, die allein auf Geldgier beruhte.“ Diese Erklärung fanden Saunders und große Teile der RAR-Gemeinde schlicht „lächerlich“, wobei Claptons abfällige Bemerkungen über „wogs“ ja auch wenig Interpretationsspielraum ließen.

In Kontinentaleuropa und den USA bekam man von den Ausfällen in Birmingham nicht viel mit. Aber 2017 brachte Lili Fini Zanuck – offenbar mit Claptons Zustimmung – in ihrer Dokumentation „Eric Clapton: A Life In 12 Bars“ diesen Tiefpunkt in Claptons Karriere noch einmal zur Sprache. In dem Film und den Interviews dazu bestritt Clapton erneut rassistische Ansichten mit dem Hinweis auf seine schwarzen Freunde und schob den Ausbruch wieder auf sein damaliges Alkoholproblem. „Ich war ganz schön krass unterwegs, ein überaus unangenehmer Mensch“, sagte er in einem der Interviews und räumte bemerkenswert offen ein, dass der Rant in Birmingham „total rassistisch“ gewesen sei. „Ich will mich nicht entschuldigen. Es war ekelhaft“, sagte er – um dann aber doch wieder anzufügen: „Ich finde das Ganze eigentlich ganz lustig.“

„Ich habe mich damals nicht weiter um das Gerede der Leute gekümmert“, sagt Blues-Legende Buddy Guy und meint, er habe erst vor Kurzem von dem Zwischenfall erfahren. „Weiße haben dies gesagt, Schwarze jenes. Aber am Ende finde ich, dass alles, was einer so glaubt sagen zu müssen, schon irgendwie okay ist.“

Für jene jedoch, die damals in Birmingham dabei waren oder davon lasen, klingen Claptons Erklärungen wie Heuchelei. Wake ling hat sich seither, sagt er, mit Ausnahme von zwei Cream- Lieblingsstücken („Badge“ und „White Room“) nichts mehr von Clapton angehört. „Alkohol inspiriert ja niemanden zu raffinierten Lügen. Man erzählt die Wahrheit – nur eben zu laut, zur falschen Zeit und den falschen Leuten.“

Wer Claptons Memoiren genauer gelesen hat, wird von seinen jüngsten Corona-Umtrieben vielleicht gar nicht so überrascht sein. Er schreibt darin etwa, es sei für ihn „ganz normal“ gewesen, „mich mit Autoritäten anzulegen, wenn mir etwas auf die Nerven ging“. Außerdem gesteht er einen gewissen Hang zu „Verschwörungsphobien im Zusammenhang mit Macht und Politik“.

Dabei scheint Clapton ein wenig leichtgläubig. So erzählt er in dem Buch beispielsweise eine bizarre Geschichte aus den Achtzigern, als ihn „eine Frau mit starkem europäischen Akzent“ zu Hause anrief, die von seinen Schwierigkeiten mit Pattie Boyd (mit der er mittlerweile verheiratet war) gehört hatte und ihm nun alle möglichen wunderlichen Rituale ans Herz legte: Er solle sich „in den Finger stechen, das Blut auf ein Kreuz mit meinem und Patties Namen schmieren und nachts komische Beschwörungen sprechen“. (Er flog außerdem auf ihren Vorschlag hin nach New York und schlief mit ihr, bevor ihm aufging, dass ihm die wirren Aktionen Pattie nicht zurückbringen würden.)

Was Clapton derzeit öffentlich verbreitet, wirkt wie eine wilde Mischung solcher Tendenzen, getriggert von der Pandemie, von Fake News und seinen gesundheitlichen Beschwerden. Claptons Gesundheit hat in den vergangenen Jahren fast für mehr Schlagzeilen gesorgt als seine Alben. 2016 erwähnte er im ROLLING STONE „eine komplizierte neurologische Sache“, von der seine Hände betroffen seien. Im Jahr darauf erzählte er dem Magazin, er habe „einen Ausschlag am ganzen Körper. Meine Handflächen lösen sich auf.“ Zudem litt er an einer peripheren Neuropathie, einer Schädigung der Nerven, die zu brennenden oder ziehenden Schmerzen in den Armen und Beinen führt.

Im vergangenen Jahr entdeckte Clapton die Videos von Ivor Cummins, einem Biochemiker und Autor, der die britische Regierung für ihren Umgang mit der Pandemie kritisiert. „Eigentlich wollte ich mich dazu gar nicht äußern“, meinte Clapton, „aber ich bin ihm auf seinem YouTube- Kanal leidenschaftlich gefolgt.“ Öffentlich hat er seine Meinung zum ersten Mal bekundet, als er mit Van Morrison den Song „Stand And Deliver“ einspielte, der den Lockdown gegen die individuelle Freiheit aufrechnet: „Willst du ein freier Mensch sein/ Oder ein Sklave?“ Dazu veröffentlichte Clapton ein Statement: „Wir müssen aufstehen, und wir müssen gezählt werden, weil wir einen Weg aus diesem Chaos brauchen. Über eine Alternative nachzudenken lohnt nicht.“ (Ein seltsamer Zufall übrigens, dass Van Morrison 1976 in Birmingham als Special Guest dabei war.)

Als man Clapton wegen seiner Ansichten anfeindete, legte er in Posts auf dem Social-Media- Account seines Freundes Robin Monotti, eines Architekten und Impfskeptikers, nach. Der Website Oracle Films, die vorgeblich „für eine offene Diskussion und Informationsfreiheit angesichts globaler staatlicher Übergriffe und der Zensur durch Big Tech kämpft“, sagte Clapton, dass seine Hände nach der zweiten Impfdosis „nicht mehr richtig funktionierten“ und sich das Fortschreiten seiner Krankheit beschleunige. „Ich habe zwar damit gerechnet, dass sich der Zustand mit zunehmendem Alter nach und nach verschlechtert, aber erst jenseits der achtzig oder so“, sagte er. „Jetzt haben sich die Symptome auf einer Skala von 1 bis 10 von ungefähr 3 auf 8 verschlimmert: Ich habe heftige, chronische Schmerzen, mein Immunsystem ist komplett durch den Wind.“ Drei Wochen lang habe er seine Hände gar nicht gebrauchen können. Außerdem, sagte er Oracle Films, habe er im Laufe des letzten Jahres gespürt, wie er sich von Kollegen und sogar von seiner Familie „entfremdet“ habe.

Matthew E. Fink, Leiter der Neurologie des Weill Cornell Medical College, hält eine solche Reaktion bei Patienten mit Claptons Vorbelastung durchaus für denkbar. „Seit es Impfstoffe gibt, erleben wir immer wieder Fälle von sogenannten postvakzinen oder postinfektiösen Störungen, die auch die peripheren Nerven betreffen können.“ Vor allem in Verbindung mit dem Impfstoff von AstraZeneca habe man seltene Fälle solcher neurologischen Störungen beobachtet. „Das kann auch die Hände betreffen. Ich kann schon nachvollziehen, dass ihn das als Gitarristen wirklich beunruhigt.“

Trotzdem findet Fink – der, sagt er, Claptons Arbeit mit Cream sehr schätzt – sowohl die Botschaft als auch deren Überbringer problematisch. „Man kann doch deswegen nicht alle Vakzine verteufeln. Es handelt sich dabei schließlich um Medikamente, die für die meisten Menschen, die sie bekommen, schlichtweg lebensrettend wirken“, sagt er. „Der Nutzen überwiegt bei Weitem alle Risiken, und ich würde nie empfehlen, auf Impfungen zu verzichten.“ Indes sind derzeit, nicht zuletzt der Impfskeptiker wegen, nur 56 Prozent der US-Bevölkerung und 67 Prozent der Europäer geimpft.

Nachdem Clapton Jam for Freedom seinen Van angeboten hatte, traf er sich, lässig in einem hellblauen Pulli und Mokassins gekleidet, in seinem Londoner Studio mit McLaughlin. Der sagt, Clapton leide noch immer an den Folgen der Impfungen und habe erzählt, dass er seit Monaten nicht mehr Gitarre spielen konnte. „Wir wollten auch zusammen jammen, aber wegen seines Zustands fiel ihm das Spielen schwer, vor allem draußen, wo die Finger ohnehin kalt sind“, sagt McLaughlin. „Es ist doch klar, dass ihn das belastet.“ Clapton und McLaughlin nahmen noch ein Foto vor dem Van auf, das die Jam-for-Freedom-Gruppe sodann auf ihren Social-Media-Seiten postete.

„WENN SICH JEMAND, DER SO BERÜHMT IST WIE ER, ÖFFENTLICH ÄUSSERT, HÖREN DIE LEUTE ZU. VIELE MENSCHEN, DIE IHN VEREHREN, DENKEN VERMUTLICH, ER HAT RECHT.” (BUDDY GUY)

Aber wie schon bei seinen verkorksten Reaktionen nach dem Rant von 1976 konnte Clapton auch diesmal die Sache nicht einfach gut sein lassen. Stattdessen ließ er verlautbaren, er trete nicht vor „einem diskriminierten Publikum auf“. Er spiele fortan nur in Venues, die keinen Impfnachweis forderten.

Kurz vor der ersten Show seiner US-Tour im September veröffentlichte er einen neuen Song. „This Has Gotta Stop“ klingt wie ein Protestsong über seine eigene Impfung: „Ich wusste, dass etwas schiefläuft/ Als das Gesetz beschlossen wurde/ Ich kann meine Hände nicht bewegen und habe Schweißausbrüche/ Es ist zum Heulen, und ich kann nicht mehr.“ Um seinen Standpunkt zu unterstreichen, zeigte das Video dazu animierte Marionetten, die manipulierte Bürger darstellen sollten. (Ein paar Wochen später brachte er eine neue Version des Songs heraus, mit einem Saxofonsolo und einer neuen Strophe von – Sie ahnen es – Van Morrison.)

„Es klingt, als ob er wieder so einen Enoch- Powell-Moment hat“, sagt Oakes. „Nur ist das mit Powell lange her, und das Ganze war massiv alkoholbefeuert. Diese Entschuldigung hat er diesmal nicht.“

In seinem Interview mit Oracle Films beschwert sich Clapton, man habe ihn für seine Ansichten „zum Trump-Anhänger gestempelt“.

Aber der altkonservative Zug dahinter lässt sich schon seit spätestens 2007 erkennen. Damals trat er – mit Bryan Ferry und Steve Winwood – bei einem Benefiz auf einem Schloss in Berk shire auf, das der Countryside Alliance zugute kam, die sich für „Essen, Landwirtschaft und Country Sports“ einsetzt. Hinter Letzterem verbirgt sich unter anderem die barbarische Tradition der Fuchsjagd, die von der britischen Regierung wegen Tierquälerei, aber auch des Upperclass-Aspekts wegen verboten worden war.

Ein Pressesprecher von Clapton bestätigte damals, dass Clapton die Alliance unterstütze, selbst jedoch nicht jage. Nachdem Claptons Haltung, die, so der Sprecher, auf dem Glauben an die Wichtigkeit von „Privatangelegenheiten“ beruhe, bekannt geworden war, fand er gleich Zuspruch von einer anderen Organisation: Die National Rifle Association blökte nach dem Konzert auf ihrer Website: „Eric Clapton unterstützt die Fuchsjagd.“

Die Impfgegner verstanden Claptons Konzerte in den republikanischen US-Staaten, nicht zuletzt wo sie drinnen stattfanden, als Akt des Ungehorsams. Der einflussreiche Jungkonservative und mediale Rechtsausleger Michael Knowles, der 2020 einmal den polternden Talk-Host Rush Limbaugh in dessen Show vertrat und den Bestseller „Reasons To Vote For Democrats: A Comprehensive Guide“„schrieb“, der nur aus leeren Seiten besteht, twitterte: „Eric Clapton ist vertrauenswürdiger als Dr. Fauci.“ Auf Nachfrage des ROL- LING STONE bestätigte Knowles seine Ansicht. „Clapton redet nicht geschwollen von Wissenschaft und Gesundheit – er spricht von seiner eigenen Erfahrung mit dem Impfstoff “, sagt er.

Dass Clapton sich gegen das medizinische Establishment stellt, interpretiert Knowles als Treue zu seinen Rock’n’Roll-Wurzeln. „Ich finde das großartig“, sagt der 31-Jähirge. „Wenn sich ein Rockstar auf diese Art der herrschenden Meinung verweigert, wirkt das höchst authentisch. Genau dafür stand Rock’n’Roll doch mal. Mit der Zeit hat man sich immer mehr dem sozialen Konsens angepasst. Eric Clapton vertraut einfach darauf, dass sein Publikum eigenständig medizinische Entscheidungen treffen kann. Früher war das hierzulande ja ohnehin üblich. Heute scheint das nicht mehr so verbreitet zu sein.“

Für McLaughlin sieht die Lage ganz ähnlich aus, und sein Gespräch mit Clapton hat ihn darin bestärkt. „Er fand, dass wir von Jam for Freedom im Grunde genau das tun, was er und seine Zeitgenossen in den Sechzigern getan haben: Freiheit einfordern, sich der politischen und gesellschaftlichen Kontrolle verweigern“, sagt er. „Clapton hat uns ein paarmal versichert: Das entspricht genau unseren damaligen Idealen.“

Und so ringen derzeit Claptons Fans mit dem Vermächtnis eines Musikers, der womöglich das Leben von anderen Menschen gefährdet. „Ich verstehe das nicht, ich habe ihn immer für einen Liberalen gehalten“, sagt ein Veteran aus der Musikindustrie, der öfter mit Clapton gearbeitet hat. „Wir sind uns einige Male begegnet, und da war er ganz Gentleman, reif, eloquent, vernünftig. Deshalb schockiert mich seine Haltung.“

Wie lassen sich Claptons Einstellung und seine musikalischen Verdienste in Einklang bringen? Für den Radiomoderator Chaz vom Classic- Rock-Sender WPLR ist Clapton eine Figur von Mount-Rushmore-Format. Aber Claptons irritierende Statements machen ihm zu schaffen. „Er hat schließlich so viele Menschen glücklich gemacht“, sagt er. „Aber wenn Opa beim Abendessen mit der Familie Zeugs erzählt, das man blöd findet, dann ignoriert man das und lässt sich die Bratkartoffeln reichen. So ungefähr geht es mir zurzeit mit Clapton.“ So ähnlich sahen es vermutlich auch die rund 12.000 Menschen, die am 13. September zum ersten Konzert von Claptons US-Tour in der Dickies Arena in Fort Worth/ Texas strömten. „Da geht es um Politik, und dazu will ich nichts sagen“, grummelt ein Besucher auf die Frage nach Claptons Ansichten.

Fort Worth ist der Verwaltungssitz von Tarrant County, wo Anfang September die zweithöchste Zahl von Covid-Fällen in Texas seit Beginn der Pandemie verzeichnet wurde: 307.000 in einem Staat mit drei Millionen Fällen. Aber für das Konzert in der Mehrzweckhalle gab es nur eine „dringende Empfehlung“ zum Tragen von Masken, der drinnen nur wenige Besucher folgten. Claptons Fans stehen hinter ihm oder haben keine Lust, sich damit zu beschäftigen. „Ich glaube nicht, dass er damit ein politisches Statement abgibt“, meint zum Beispiel David Grayner aus Granbury/Texas, der zum ersten Mal bei einem Clapton-Konzert ist. „Er sagt seine Meinung zu Gesundheit und Sicherheit und nutzt dazu die Plattform, die ihm zur Verfügung steht. Das stört mich überhaupt nicht.“

„Neulich hat mich einer gefragt: Hast du gehört, was Eric gesagt hat?“, erzählt Buddy Guy. „Wenn sich jemand, der so berühmt ist wie er, öffentlich äußert, dann hören die Leute zu. Und egal, ob Sie oder ich das für falsch halten – viele, die ihn über all die Jahre verehrt haben, denken vermutlich, er hat recht.“

Clapton spielte auf der Tour keinen seiner Lockdown-Songs. Er hielt sich stattdessen an die Klassiker und ein paar Blues-Cover. Er redete kaum mit dem Publikum. Aber er stand mit seiner Gitarre am Scheideweg eines kulturellen Bürgerkriegs.

Ergänzende Recherche in Texas: Kelly Dearmore