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Gouvernementalität der Flucht


Migration und Soziale Arbeit - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 02.05.2019

Flucht-und integrationspolitische Bruchlinien im Mehrebenensystem


Die Art und Weise, wie ein Gegenstand rationalisiert und zum Problem für Wissenschaft und Politik wird, ruft die Entstehung von Wissensfeldern und politischen Praktiken hervor. Problematisierung hatte Foucault ein Herangehen genannt, das sich nicht an den Problemdefinitionen auf Basis bestehender Institutionen abarbeitet, sondern das nachzeichnet, innerhalb welcher Wissensformen und Anordnungen ein Problem überhaupt erst zum Problem wird (Foucault 1996: 78; Foucault 2004: 114 f.).
Flucht wurde im Verlauf der 1970er Jahre vermehrt zum ...

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Die Art und Weise, wie ein Gegenstand rationalisiert und zum Problem für Wissenschaft und Politik wird, ruft die Entstehung von Wissensfeldern und politischen Praktiken hervor. Problematisierung hatte Foucault ein Herangehen genannt, das sich nicht an den Problemdefinitionen auf Basis bestehender Institutionen abarbeitet, sondern das nachzeichnet, innerhalb welcher Wissensformen und Anordnungen ein Problem überhaupt erst zum Problem wird (Foucault 1996: 78; Foucault 2004: 114 f.).
Flucht wurde im Verlauf der 1970er Jahre vermehrt zum Gegenstand politischer Sorge. Bei aller Aktualität des Themas weist die Art und Weise der Problematisierung von Flucht doch eine erstaunliche Kontinuität auf (Abschnitt 1). Die relativ neuen Bestrebungen der europäischen Nationalstaaten, Flucht gemeinschaftlich zu steuern aber eröffnen neue Problemhorizonte wie auch Steuerungsinstrumente (Abschnitt 2). Aus der Kompetenzverteilung auf verschiedenen politischen Ebenen (EU, Bund, Länder, Kommunen), wie auch aus inhaltlichen Aufgabenzuschnitten erwachsen die gegenwärtig beobachtbaren Bestrebungen horizontal und vertikal fragmentierte Politiken lokal zu reintegrieren (Abschnitt 3). Der Artikel zeigt auf, dass die Problematisierungen von Flucht von verschiedenen Zwecken, Programmen und Rationalitäten durchkreuzt sind. Diese Bruchlinien benennt der vierte Abschnitt und betrachtet sie zugleich als widersprüchliche Elemente einer Gouvernementalität der Flucht.

Asylsteuerung durch das Asylvollzugssystem?

Das Asylrecht der Bonner Republik kannte Art. 16 Abs. 2 Satz 2 GG, der Schutz vor politischer Verfolgung gewährte, sowie die Genfer Flüchtlingskonvention, die sich auf begründete Furcht vor Verfolgung wegen Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe bezieht. Recht aber muss implementiert werden. Das Set von Gesetzen, Verordnungen, Institutionen und Verfahren, die das Asylrecht in der Bundesrepublik wirksam werden lassen, heißt Asylvollzugssystem. Gegenstand politischer Sorge und Steuerung wurde das Thema Asyl erst im Laufe der 1970er Jahre, dann vehement in den 1980er Jahren. Der Anwerbestopp von 1973 markiert den zentralen Einschnitt bundesdeutscher Migrationspolitik und tariert das Verhältnis von Flucht und Arbeitsmigration neu aus (Schönwälder 2001: 496 ff.; Münch 1993: 63). Mit der nunmehr fehlenden Öffnung des Arbeitsmarktes avanciert Asyl vermehrt zum „Vehikel prekärer Einwanderungsstrategien“ (Karakayali 2008: 170). In der Folge wachsender Antragszahlen wurde das Asylvollzugssystem vielfach reformiert. Die Semantiken, Problematisierungen und Lösungswege gleichen bemerkenswert denen dieser Tage. Man kann beobachten und nachzeichnen, wie „Asylmissbrauch“, „Scheinasylanten“, „Asyltouristen“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“ diskursiv normalisiert wurden und Eingang in asylpolitische Regelungen fanden (Wolken 1988: 213). Es ging und geht noch immer um die „Unterbringung“ von Asylbewerbern in zentralisierten Sammellagern, die 1978 mit ähnlichen Argumenten diskutiert wurde, wie nun die Einführung von Ankunftszentren in einigen Bundesländern (Münch 1993: 99 f.; Schader/Rohmann/Münch 2018). Arbeitsmarktzugänge wurden nicht in alleiniger Abhängigkeit, aber doch in Korrelation zu Ar-beitskraftbedarfen abwechselnd liberalisiert oder restriktiv gestaltet (Bünte 2014: 222; Münch 1993: 66, 95 f., 122). Es geht noch immer und wieder um Verteilungsschlüssel, um Verfahrensbeschleunigungen und um das Verhindern von Antragsstellungen durch Visapolitiken. Eingeführt wurde eine Klassifizierung von Asylanträgen, die „unbeachtliche“ wie auch „offensichtlich unbegründete“ (§ 7 und § 11 AsylVFG, Fassung von 1982) Anträge aus dem langjährigen Asylverfahren ausklammert. Die Kategorie fand Eingang in das Asylgesetz (§29 Abs. a), das die politisch umstrittenen sicheren Herkunftsstaaten führt. Das Land mit dem langjährig freizügigsten Asylgrundrecht führte zugleich ein auf Abschreckung ausgelegtes Verwaltungsvollzugssystem ein (Joppke 1997: 294). Die Asylspitzen im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien führten zu einem neuen Asyldebattenhöhepunkt, zu pogromartigen Gewaltverbrechen und zum sogenannten Asylkompromiss 1992. Mit der Neufassung von Art. 16a GG ist Asylgewährung nicht mehr abhängig vom Fluchtmotiv, sondern von der Fluchtroute. Auf Art. 16a Abs. 2 GG kann sich nicht berufen, wer aus einem Mitgliedstaat der EG (EU) oder einem anderen Drittstaat ins Bundesgebiet einreist, in dem die Anwendung der Genfer Konvention und der Europäischen Menschenrechtskonvention sichergestellt ist. Diese Neuregelung erfolgt bereits im Rahmen sich entwickelnder europäischer Asylpolitiken.

Die Europäisierung der Fluchtpolitik

Die entscheidende Wegmarke zur Europäi- sierung der Flüchtlingspolitik war das 1985 unterzeichnete Schengener Abkommen, mit dem auf die Kontrolle der nationalen Binnengrenzen verzichtet wurde. Der wachsende Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts erfordert ein einheitliches und hohes Kontroll- und Überwachungsniveau (VO EG Nr. 2007/2004). Während man innen Grenzkontrollen aussetzt, werden die europäischen Grenzen erfunden (Kasparek 2010: 112). Das Schengener Durchführungsübereinkommen (SDÜ) vereinheitlicht in der Folge Visavorschriften, sieht Zusammenarbeiten bei der Grenzsicherung vor und enthält Regeln für die Zuständigkeit zur Bearbeitung von Asylanträgen. Als besonders wirkmächtig erwiesen sich die Auflagen für Beförderungsunternehmen, die prüfen müssen, inwieweit gültige Reisedokumente ihrer Passagiere vorliegen. Im anderen Fall müssen sie die Kosten einer Rücküberführung tragen (§26 SDÜ). Damit wird es fast unmöglich zentral- oder nordeuropäische Territorien auf legalen Reiserouten zu erreichen. Die Ausweichstrategien von Schutzsuchenden und Migranten produzieren seither ungewollte Effekte: das „Schlepperunwesen“, die Todesfälle bei versuchter Einreise in die EU und die administrativen Maßnahmen zur Verhinderung illegalisierter Grenzübertritte.
Einer sich entwickelnden gemeinsamen europäischen Asylpolitik geht es um eine „umfassende Migrationssteuerung“. Es bildete sich ein differenziertes Instrumentarium zur Planung und Steuerung von Flucht heraus. Es reicht vom „Grenzschutzmanagement“ – das ist die nun so bezeichnete Europäische Grenz- und Küstenwache (EU 2016/1624) - über Kooperationen mit Herkunfts- und Transitländern bis hin zur Einrichtung eines gemeinsamen Europäischen Asylsystems im Inneren. Sein Kernstück ist die Verteilung der Geflüchteten nach dem Erststaatprinzip (Bendel 2017: 30). Es umfasst aber auch Merkmale zur Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft. Die Einführung des subsidiären Schutzes, der einen drohenden „ernsthaften Schaden“ (2011/95/EU und § 4 AsylG) als Schutzgrund nennt, erweitert die Möglichkeiten und Verpflichtungen Asyl zu gewähren (Bast 2018: 42 f.). Daneben werden Richtlinien zu Aufnahmebedingungen (2013/33/EU) und Asylverfahren (2013/32/ EU) erlassen, die von den Mitgliedsstaaten in die nationalen Rechtssysteme überführt werden. Sie führen Mindeststandards des Umgangs mit Asylsuchenden und greifen damit eigentlich direkt in die Aufnahmepraxen der Nationalstaaten ein. Dass die europäischen Konvergenzbestrebungen nicht recht greifen, zeigen divergierende Länderlisten sicherer Herkunftsstaaten, Abweichungen der Anerkennungszahlen, der Schutzquoten unterschiedlicher Herkunftsländer (Parusel/ Schneider 2017: 90, 92 ff.) wie auch stark abweichende Aufnahmebedingungen für Flüchtlinge im europäischen Vergleich (Vel- luti 2016). Bislang bleibt es europäischer Politik über den Ausbau der Europäischen Asylagentur, die bei der Aufnahme und Verfahrensdurchführungen unterstützt, in Richtung der Vereinheitlichung von Anerken- nungs- und Aufnahmepraktiken zu wirken. Zwar besteht Einigkeit, dass die Steuerung von Flucht nationalstaatlich nicht möglich ist, andererseits behalten sich die Nationalstaaten die Moderation von Inklusions-und Exklusionsverhältnissen in ihre sozialen Systeme weitgehend vor.

Flucht und Integration im bundesdeutschen Föderalismus

Eine europäische Ebene der Rechtsentwicklung formt auch die Praktiken des bundesdeutschen Asylvollzugssystems mit aus. Sein zentrales Strukturmerkmal ist die föderale Aufgabenteilung im politischen Mehrebenensystem. Neben dieser vertikalen Zuständigkeitsverteilung prägen zugleich horizontale Aufgabenteilungen und verschiedene organisatorische Rationalitäten die gegenwärtige Gestalt des Asylvollzugs. Diese teilweise kollidierenden Rationalitäten, wie auch Lösungsstrategien, stehen im Zentrum des folgenden Abschnitts.

Migrationssteuerung und Integrationskontrolle auf Bundesebene

Der zentrale bundespolitische Akteur im Bereich Flucht ist das beim Bundesministerium des Inneren angesiedelte Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Es ist vor allem zuständig für die Durchführung von Asylverfahren. Es ging 2005 aus dem vormaligen Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (BAFL) hervor und erhielt in diesem Zuge zugleich auch die Organisationskompetenz für die bundeseinheitlich zu gestaltenden Integrationskurse. Es nimmt damit eine umstrittene Doppelrolle als „Gatekeeper“ wie auch als integrationspolitischer Akteur ein. Dass auch eine Bundesbehörde keine einheitlichen Entscheidungspraxen implementiert, legt die Varianz von Anerkennungsquoten im Bundesländervergleich nahe (Riedel/Schneider 2017: 28).
Neben dem zweigesichtigen BAMF ist die Bundesagentur für Arbeit (BA) unter Fachaufsicht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zentraler integrationspolitischer Akteur auf Bundesebene (Schammann 2017b: 754) Fluchtmigration erfordert eine enge Abstimmung von sozialpolitischen und ordnungspolitischen Akteuren. Anerkannte Flüchtlinge etwa erhalten zunächst Leistungen nach dem SGB II. Sie werden von den lokalen Jobcentern im Rahmen von Eingliederungsvereinbarungen zur Teilnahme an einem Integrationskurs verpflichtet (§ 43 Aufenthaltsgesetz), sodass eine enge operative Verzahnung von lokalen Jobcentern, Integrationskursorganisation (BAMF Regionalkoordination) und lokalen Ausländerbehörden notwendig ist. Das SGB II verfolgt in dieser Konstellation die Zielsetzung Leistungsempfang zu beenden, zu verhindern oder umgekehrt, Personen in die Lage zu versetzen, ihren Lebensunterhalt durch ihre Arbeitskraft zu bestreiten. Weiter gefasst kann man mit Lenhardt und Offe (1977: 101) die „dauerhafte Transformation von Nicht-Lohnarbeitern in Lohnarbeiter“ als zentrale Funktion sozialpolitischer Interventionen setzen. Mobilitätsbeschränkungen, punktuelle Zugangssperren zu den sozia-len Systemen, vor allem zum Arbeitsmarkt und andere ordnungspolitische Interventionen stehen diesem Ziel immer wieder im Weg. Derart steht das ordnungspolitische Anliegen und Instrumentarium der Migrationskontrolle strukturell im Widerspruch zum sozialpolitischen Anliegen der Beschleunigung der Inklusion in die verschiedenen sozialen Systeme.

Integrationsverwaltungen und die Umsetzung des Aufenthaltsrechts

Die Landesverwaltungen kommen ins Spiel, wenn es um die Aufnahme, Unterbringung und Versorgung der Geflüchteten geht. Von der Möglichkeit Wohnsitzauflagen zu erlassen (§ 12a Abs. 2 ff. AufenthG), machen sieben Bundesländer – darunter die bevölkerungsstärksten Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen – Gebrauch. Nicht zuletzt führen sie Fachaufsicht über die kommunalen Ausländerbehörden und regeln die Zuständigkeiten kommunaler Ausländerbehörden und deren Verhältnis zu Landesbehörden (z. B. ZustVAuslR-BY). Ihre Aufgabe ist der Vollzug des Aufenthaltsrechts. Sie sind nicht nur ein wirkmächtiger, sondern – wegen aufenthaltsrechtlicher Ermessensspielräume – auch unberechenbarer Akteur innerhalb des Asylvollzugsystems (Eule 2017: 177). Daneben treten die Länder zunehmend auch als integrationspolitischer Akteur auf. So existieren inzwischen in vier Bundesländern eigenständige Integrationsgesetze, mit unterschiedlicher Intention und Wirkrich-tung (SVR 2017). Das Integrationsgesetz in Nordrhein-Westfalen etwa ermöglicht den Kommunen die Einrichtung eigenständiger Integrationsverwaltungseinheiten. Sie werden vom Land gefördert und koordiniert und wirken in den Kommunen als Querschnittsämter, die aber teilweise auch operative Aufgaben übernehmen (§ 7 Teilhabe und Integrationsgesetz NRW; Ulusoy u. a. 2016).

Lokale Integration geteilter Zuständigkeiten
Auf lokaler Ebene nun gilt es die verschiedenen fluchtrelevanten Institutionen, mit ihrer rechtlichen Basis, ihren professionellen und organisatorischen Hintergründen zu integrieren.
Zu beobachten ist eine Tendenz zu integrierten Aufgabenwahrnehmungen und Formen des One-Stop-Government, die auf die Schnittstellenprobleme zwischen Rechtskreisen und Zuständigkeiten im Mehrebenensystem reagieren (vgl. zu Schnittstellenproblemen Köhling/Stöbe-Blossey 2017: 18; vgl. zu integrierten Problemlösungen: Schammann 2017a: 111 f.). Migrations- und Integrationsämter vereinen – je nach deren Zuschnitte – die Ausländerbehörde, möglicherweise verschiedene Branchen zuständiger Sozialverwaltung, vor allem das Sozialamt, das die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz organisiert, und – soweit vorhanden – eigenständige Integrationsverwaltungseinheiten. Ein solches Querschnittsamt wurde jüngst in Düsseldorf als Amt für Migration und Integration eingerichtet. Der in diesem Kontext beschriebene Ablauf von der Krisenwahrnehmung über eine etwas ungeordnete, aber produktive Krisenbewältigung durch organisatorische Neuanordnungen hin zu einer Normalisierung und Routinebildung lässt sich mit Blick auf die Jahre 2015 bis 2017 auf zahlreiche Kommunen übertragen (Jepkens/ Hauprich 2018: 5–10).
Integrierte Lösungen auf lokaler Ebene werden auch bei der Arbeitsmarktintegration Geflüchteter gesucht. In Nordrhein-Westfalen wurde ein Rahmenkonzept zur Einrichtung sogenannter Integration Points von der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit entwickelt und implementiert (NRW- LT-Drs. 16/3191). Auch hier arbeiten Jobcenter, Arbeitsagentur und Kommune (etwa die Ausländerbehörde oder das Jugendamt) zusammen. Es zeichnet sich ab, dass auch dieses Rahmenkonzept jeweils angepasst an bestehende lokale Strukturen umgesetzt wird. Gerade in urbanen Regionen hat sich das Spektrum von Akteuren im Bereich Fluchtpolitik so weit ausdifferenziert, dass hier gesamtstädtische Koordinierungen nicht mög- lich sind. Dementsprechend haben sich in zahlreichen Kommunen in den vergangenen Jahren themenbezogene Arbeitskreise und Netzwerke herausgebildet. Neben solcher funktionalen Aufgabenkoordination greifen gerade große kreisfreie Städte wie Nürnberg oder Düsseldorf auf die Aufteilung ihres Stadtraums zurück, um soziale Dienste für Geflüchtete, Beratungs-, Bildungs-und Qualifizierungsangebote genauso wie das lokale ehrenamtliche Engagement in Sozialräumen bedarfsorientiert zu koordinieren (Schlee/ Jepkens 2017).

Bruchlinien einer Gouvernementalität der Flucht

Das folgende Kapitel fasst die bislang aufgezeigten Bruchlinien und interpretiert sie als widersprüchliche Anordnungen einer Gou-vernementalität der Flucht.

Europäische Migrationskontrolle und nationale Sozialsysteme
Die Hoffnung mit dem Zugriff auf interne Verwaltungssysteme Flucht zu regulieren hat sich bislang nicht erfüllt. Dieser Zugriff weist die nicht unerhebliche Schlagseite auf, dass er internationale Konflikte, globale Arbeitsteilungen, Armuts-und Gewaltverhältnisse, Mobilitätsmöglichkeiten und -erwartungen nicht beeinflusst. Die Europäisierung von Fluchtpolitik erweitert die Mittel der Steuerung von Flucht. Europäische Harmonisierungen von Anerkennungsgründen und Aufnahmebedingungen werden von den national verfassten Sozialsystemen dagegen nur uneinheitlich und zögerlich umgesetzt. Grenzschutzpolitiken erweisen sich als kleinster gemeinsamer Nenner europäischer Nationalstaaten.

Migrationssteuerung und Integrationsförderung Funktionale Aufgabenteilung und föderale Zuständigkeitsordnungen produzieren Schnittstellenprobleme zwischen beteiligten Verwaltungsbranchen, sozialen Diensten und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die an einer Sachlage zusammenarbeiten. Die „pro- zedurale[n] Komplexität“ (Bogumil/Hafner/ Kastilan 2017: 9) im Bereich Flucht ist kein Alleinstellungsmerkmal des Feldes. Den fragmentierten Sozialstaat lokal zu reintegrieren ist ein Kernanliegen gegenwärtiger Politikgestaltung. Alleinstellungsmerkmal von Migrations- und vor allem der Fluchtpolitik ist die Präsenz wie auch den Einfluss klassischer Ordnungsverwaltung mit ihrer „harte[n] re-gulative[n] Komponente“ (Blätte 2016: 85). Daraus entstehen Zielkonflikte zu den Leitlinien aktivierender Sozialpolitik, die Zugänge in Bildung und Ökonomie beschleunigen will.

Gestaltenwandel eines Systems differentieller Inklusion
Das Zusammenwirken dieser beiden Komponenten prägt das Asylvollzugssystem als System differentieller Inklusion in die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche (Recht, Ökonomie, Bildung) (Mezzadra/Neilson 2013: 156). Die Ausrichtung dieses Systems lässt sich recht flexibel nach außenpolitischen Kalkülen, Nützlichkeitserwägungen und Arbeits- marktbedarfen und nicht zuletzt nach der Zuschreibung von Fluchtmotiven und der Differenzierung in erwünschte und unerwünschte Migration anpassen. Aus den gegenwärtigen aktivierungspolitischen Bestrebungen der Beschleunigung von Integrationsprozessen, aus punktuellen Liberalisierungen und Öffnungen sozialer Systeme für manche Geflüchtete ist noch keine Entwicklungstendenz abzulesen. Zu groß ist die Abhängigkeit der Fluchtpolitik von den jeweiligen ökonomischen und bevölkerungssteuernden, mithin gouvernementa-len Kalkulationen. Ihr Wirklichkeitsbereich ist die Ökonomie, ihr Gegenstandsbereich ist die Bevölkerung; ihre Praxen sind eher an Kosten-Nutzen-Rechnungen, weniger an Legitimität orientiert (Bröckling 2017: 306 f.).

Fluchtsteuerung im Kontext internationaler Menschenrechtsregime
Gleichermaßen grenzen die gouvernementa- len Fluchtsteuerungsambitionen immer wieder an einer europäischen Rechtsentwick-lung, die in ein internationales Menschenrechtsregime eingebettet ist. Menschenrechte, Freiheitsrechte und rechtsstaatliche Verfahren sind zentrale Selbstbeschreibungsformeln europäischer Politik. Sie zieren nicht nur europäische Vertragswerke und nationalstaatliche Verfassungen, sondern entwickeln eine gewisse Eigendynamik und Wirkmächtigkeit. Gerade die Rolle des Europäischen Gerichtshofes ist an dieser Stelle nicht zu unterschätzen (Velutti 2014: 77 ff.). Freiheitsrechte ermöglichen die globale Zirkulation von Waren und Menschen. Sie erzeugen in diesem Zug die Notwendigkeit, diese Zirkulation zu regieren, und zugleich das Prinzip der (rechtsstaatlichen, freiheitsrechtlichen) Begrenzung dieser Regierung (Foucault 2004: 88 f.). Innerhalb dieser widersprüchlichen Anordnungen formt sich Fluchtpolitik als Serie anspruchsvoller – nicht einfacher – Entscheidungen aus.

Die Beobachtung von Flucht

Für die Wissenschaft stellt sich die nicht minder triviale Aufgabe, die kollidierende Rationalitäten gegenwärtiger Fluchtpolitik zu erfassen und gleichermaßen eine Beobachtungsposition einzunehmen, die nicht einfach die normalisierenden Zielstellungen eines europäischen Staatsapparateensembles reproduziert. Immer deutlicher zeichnen sich die Konturen wachsender Selbstre- flexivität einer dezentrierten Migrationsforschung ab (Dahinden 2016; Nieswand 2016). Die Fassung gegenwärtiger fluchtpolitischer Arrangements in den Worten einer Gouver-nementalität der Flucht ist eine Möglichkeit, wissenschaftlichen Abstand zu den Selbstbeschreibungsformeln des politischen Systems einzunehmen sowie auch die Gleichzeitigkeit von Liberalisierung und restriktiven Politiken zu erfassen. Solche Beobachtungen von Fluchtpolitik stecken noch in ihren Anfängen, müssen weiter ausbuchstabiert werden und sind von der Bemühung um die Frage getrieben, wie es möglich ist, nicht derart zu regieren.

Literatur

Bast, Jürgen (2018): Vom subsidiären Schutz zum europäischen Flüchtlingsbegriff. In: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik 38(2), S. 41-46.
Bendel, Petra (2017): EU-Flüchtlingspolitik in der Krise. Blockaden, Entscheidungen, Lösungen. Bonn.
Blätte, Andreas (2016): Politische Steuerung im Mi- grations-Integrations-Dilemma. In: Zeitschrift für Politikwissenschaft 26(1), S. 79-86.
Bogumil, Jörg/Hafner, Jonas/Kastilan, Andre (2017) : Städte und Gemeinden in der Flüchtlingspolitik. Welche Probleme gibt es - und wie kann man sie lösen? Essen.
Bünte, Rudolf (2014): Asyl und Arbeitsmarkt - zur sozialen Lage von Asylbewerbern. In: Luft, Ste- fan/Schimany, Peter (Hrsg.): 20 Jahre Asylkompromiss. Bilanz und Perspektiven. Bielefeld, S. 219-240.
Bröckling, Ulrich (2017): Gute Hirten führen sanft. 2. Aufl. Berlin.
Dahinden, Janine (2016): A plea for the ‘de-migranti- cization’ of research on migration and integration. In: Ethnic and Racial Studies 39(13), S. 22072225.
Eule, Tobias G. (2017): Ausländerbehörden im dynamischen Feld der Migrationssteuerung. In: Lahu- sen, Christian/Schneider, Stephanie (Hrsg.): Asyl verwalten. Zur bürokratischen Bearbeitung eines gesellschaftlichen Problems. Bielefeld, S. 175194.
Foucault, Michel (1996): Diskurs und Wahrheit. Berkeley-Vorlesungen 1983. Berlin.
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Joppke, Christian (1997): Asylum and State Souver- eignity. A Comparison of the United States, Germany, and Britain. In: Comparative Political Studies 30(3), S. 259-298.
Karakayali, Serhat (2008): Gespenster der Migrati-on. Zur Genealogie illegaler Einwanderung in der Bundesrepublik Deutschland. Bielefeld.

Kasparek, Bernd (2010): Laboratorium, Think Tank, Doing Border: Die Grenzschutzagentur Frontex. In: Hess, Sabine/Kasparek, Bernd (Hrsg.): Grenzregime. Diskurse, Praktiken, Institutionen in Europa. Berlin/Hamburg, S. 111–126.
Köhling, Karola/Stöbe-Blossey, Sybille (2017): Integration durch Bildung: Die Berufsorientierung jugendlicher Flüchtlinge als Querschnittsaufgabe. Zwischenbericht zum Projekt „Kooperation von Akteuren vorbeugender Sozialpolitik. Eine Analyse am Beispiel der Berufsorientierung jugendlicher Flüchtlinge“. Duisburg.
Lenhardt, Gero/Offe, Klaus (1977): Staatstheorie und Sozialpolitik. Politisch-soziologische Erklärungsansätze für Funktionen und Innovationsprozesse der Sozialpolitik. In: von Ferber, Christian/ Kaufmann, Franz-Xaver (Hrsg.): Soziologie und Sozialpolitik. Opladen, S. 98–127.
Mezzadra, Sandro/Neilson, Brett (2013): Border as Method, or, the Multiplication of Labor. Durham/ London.
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Sachverständigenrat Deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR) (2017): Papiertiger oder Meilensteine? Die Integrationsgesetze der Bundesländer im Vergleich. Berlin.
Schader, Miriam/Rohmann, Tim/Münch, Sybille (2018) : Isolation im Gesetz verankern? Zu den Plänen der großen Koalition, zentrale Aufnahme-, Entscheidungs- und Rückführungseinrichtungen einzuführen. In: Zeitschrift für Flüchtlingsforschung 2(1), S. 91–107.
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Schammann, Hannes (2017b): Eine meritokratische Wende? Arbeit und Leistung als neue Strukturprinzipien der deutschen Flüchtlingspolitik. In: Sozialer Fortschritt 66(11), S. 741–757.
Schlee, Thorsten/Jepkens, Katja (2017): Sozialräumliche Geflüchteten- und Integrationsarbeit im politischen Mehrebenensystem – Konzeptionelle Überlegungen aus dem Projekt INTESO. In: sozialraum.de, Ausgabe 1/2017. http://www.sozial-raum.de/sozialraeumliche-gefluechteten-und-in-tegrationsarbeit-im-politischen-mehrebenensys-tem.php [Abruf: 10.01.2019].
Schönwälder, Karen (2001): Einwanderung und ethnische Pluralität: politische Entscheidungen und öffentliche Debatten in Großbritannien und der Bundesrepublik von den 1950er bis zu den 1970er Jahren. Essen.
Velluti, Samantha (2014): Reforming the common European asylum system – Legislative developments and judicial activism of the European courts. Berlin.
Velluti, Samantha (2016): The revised Reception Conditions Directive and adequate and dignified material reception conditions for those seeking international protection. In: International Journal of Migration and Border Studies 2(3), S. 203–221.
Wolken, Simone (1988): Das Grundrecht auf Asyl als Gegenstand der Innen-und Rechtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt a.M. u. a.

Dr. Thorsten Schlee, thorsten.schlee@uni-due.de