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Graf Marsiglis geniale Karte


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G Geschichte Porträt - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 27.05.2022

Die Vermessung der Donau

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Bildquelle: G Geschichte Porträt, Ausgabe 2/2022

Marsiglis Karten 1726 erscheint das sechsbändige Werk »Danubius Pannonico-Mysicus« mit zahlreichen Einzelkarten

Fast meint man, die Verzweiflung aus den wenigen Zeilen lesen zu können, mit denen Luigi Ferdinando Marsigli seine Lage beschreibt. Der junge italienische Adelige in habsburgischen Diensten hat sich rund 100 Kilometer südöstlich von Wien in ein Feuchtgebiet am Ufer der Donau gewagt. In unzählige Arme und Kanäle zerfällt der Strom hier, unterbrochen nur von flachen Inseln. »Diese Inseln sind Teile einer Falle oder eines Labyrinths«, warnt Marsigli. »Sie werden beinahe völlig von Sümpfen bedeckt, in denen man sich leicht verirren kann, denn während man den rechten Wegsucht, findet man sich ringsum von Wasser gefangen, und man kann ihnen nur unter Einsatz seines Lebens entrinnen.« Marsigli kommt mit dem Schrecken davon. Doch wenn die Donau schon hier so gefährlich ist, was hat er dann erst in den weiter entfernten Gegenden zu erwarten, die schon lange kein Mitteleuropäer mehr ...

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Nur bis Bratislava ist der Fluss bekannt, denn kurz dahinter liegt Feindesland Obwohl die Donau mitten durch Europa fließt, ist sie zu Lebzeiten des 1658 geborenen Marsigli für die meisten Westeuropäer ein mysteriöser Strom. Kurz hinter Bratislava begann seit Jahrhunderten das Osmanische Reich.

»Marsigli war ein scharfsinniger Naturforscher lebhaften Geistes«

Constantin von Wurzbach, Lexikograf im 19. Jahrhundert

Kaum jemand darf die Grenze überqueren.

Das ändert sich im Jahr 1683. Zum Schrecken der Habsburger belagern die Osmanen zum zweiten Mal Wien. Doch den Verteidigern gelingt es, den Angriff abzuwehren. Mehr noch: Sie gehen selbst in die Offensive – und folgen bei ihrem Feldzug dem Flusslauf der Donau. Drei Jahre später erobern die Habsburger die wichtige osmanische Festung Buda (heute ein Teil Budapests). Im Jahr 1688 rücken sie sogar in Belgrad ein. Doch die Donau erweist sich als tückischer Strom. Immer wieder behindern ausgedehnte Sümpfe an ihren Ufern das Fortkommen, andernorts Dickichte und Wälder.

Und auch der Fluss selbst ist gefährlich: Stromschnellen, Wirbel und Engstellen bedrohen die Schifffahrt.

Für die Habsburger und ihre bis zu 100 000 Mann starke Armee ist das unbekannte Terrain ein enormes Risiko. Ohne sichere Ortskenntnis können die Soldaten unversehens in Hinterhalte geraten. Auch Nachschub und Munition müssen organisiert und sicher transportiert werden. Doch die vorhandenen Karten sind allesamt veraltet und unzuverlässig. Für Aufklärung zu sorgen ist deshalb eine der wichtigsten Aufgaben, mit denen die Habsburger ihren Offizier Marsigli betrauen – und für ihn ist es eine der nervenaufreibendsten.

Ein ruhiges Leben will er nicht, er sucht das gefährliche Unbekannte

Dabei sieht Marsigli überhaupt nicht aus wie der wagemutige Abenteurer. Auf einem Porträtgemälde erinnert er mit seiner streng gescheitelten Perücke, deren graue Locken über die Schulter bis zur Brust fallen, seinem akkuraten weißen Hemd und der dunkelroten Jacke eher an einen Juristen. Und tatsächlich könnte Marsigli in seiner Heimatstadt Bologna ein ruhiges, angenehmes Leben führen. Als Stadtrat würde er, der einer bekannten Adelsfamilie entstammt, vielleicht über wichtige lokale Angelegenheiten entscheiden. Als Kirchenmann wäre er möglicherweise Bischof geworden oder – wer weiß – sogar Kardinal. Doch schon sein Porträt verrät, dass er eine andere Wahl traf. In der rechten Hand hält er als Zeichen des Entdeckers eine zusammengerollte Landkarte. Und die gerade noch zu erkennende Skizze einer Festung auf dem Tisch vor ihm deutet auf seine militärische Karriere hin.

Wagemut und Neugier beweist Marsigli schon als junger Mann. Im Alter von 21 Jahren nutzt er die Gelegenheit, eine venezianische Delegation nach Konstantinopel zu begleiten.

Ein Jahr lang lebt er in der osmanischen Hauptstadt. Dort lernt er Türkisch, unterhält sich mit Fischern und studiert die Strömungen des Bosporus. Für den Rückweg verzichtet Marsigli auf die Passage per Schiff und wählt den aufgrund der schlechten Straßen mühsamen und vor allem gefährlichen Landweg über den Balkan an die Adria.

Kaum zurück in Italien, bricht er 1682 erneut auf – diesmal nach Norden. Der Militärdienst für den Kaiser verspricht, seine Abenteuerlust zu befriedigen. Die Habsburger wiederum haben angesichts der andauernden Auseinandersetzungen mit den Osmanen immer Verwendung für jemanden, der auch ein wenig Türkisch spricht. Marsigli kann nicht ahnen, wie sehr diese Entscheidung sein Leben beeinflussen wird.

Denn im Laufe der folgenden mehr als 20 Jahre, während derer das Kriegsglück mal die Habsburger und mal die Osmanen bevorzugt, zieht die Donau den Italiener völlig in ihren Bann. Im Laufe dieser Zeit reist er kreuz und quer durchs Donauland. Im Schwarzwald erkundet er die Donauquellen, an denen der mächtige Strom bescheiden entspringt. Er bereist die modernen Städte und die fast vergessenen antiken römischen Ruinen am Ufer des Flusses. Als einer der ersten Mitteleuropäer seiner Zeit gelangt er bis zum mythenumrankten Donautal »Eisernes Tor« an der Grenze zwischen den heutigen Staaten Serbien und Rumänien. Zum Schrecken der Flusskapitäne schlängelt sich der Strom hier in gefährlichen Windungen durch die Karpaten. Rund 1200 Kilometer des gewaltigen Flusses lernt Marsigli kennen, besser als jeder andere seiner Zeit.

Marsigli macht das zum gefragten Experten. Der habsburgischen Armee schlägt er Routen für den Straßenbau vor und empfiehlt die günstigsten Orte für Pontonbrücken, die die Soldaten von einer Seite des Flusses auf die andere bringen sollen. Doch selbst einem Fachmann wie ihm schlägt der Fluss manches Mal ein Schnippchen. So während eines Feldzugs im Jahr 1695, als der Flusspegel ansteigt und der von Marsigli vorgeschlagene Weg im Nichts endet. Wertvolle Wochen verlieren die habsburgischen Einheiten, während die Osmanen Verstärkung heranführen und die anschließende Schlacht schließlich für sich entscheiden können.

Er reitet schon mal 16 Stunden täglich und übersteht mehrere Raubüberfälle

Auf Komfort kann Marsigli während seiner Erkundungsreisen verzichten. In Strohhütten und Zelten trotzt er Schnee und Nässe. Bis zu 16 Stunden am Tag verbringt er auf dem Rücken seiner Pferde. Immer wieder geht Marsigli auch persönlich große Risiken ein. Mehrfach wird er Opfer von Raubüberfällen. Regelmäßig fürchtet er sich vor der Pest. Vor allem aber nimmt er als Soldat immer wieder an Gefechten teil. Mehr als ein Dutzend Mal wird er verwundet und einmal sogar von tatarischen Truppen gefangen genommen und versklavt. Erst nach Monaten gelingt es seiner Familie, ihn freizukaufen.

Nichts davon bringt Marsigli dazu, in die Sicherheit seiner Heimat zurückzukehren.

Stattdessen notiert er unermüdlich, was er auf seinen Reisen entlang der Donau sieht, und fertigt Skizzen der Landschaft an. Zum Wohl des Kaisers – und der Wissenschaft. Denn Marsigli, Mitglied der Royal Society, sammelt auch Gesteinsproben, untersucht die Fische im Fluss und beobachtet die Vögel am Ufer. Tausende Seiten Notizen häuft der Forscher im Laufe der Zeit an.

Entscheidende Hilfe bei seiner Arbeit leistet Marsigli ab dem Jahr 1696 sein Assistent, der Nürnberger Johann Christoph Müller. Der ist ein begnadeter Kartograf, talentierter Zeichner und gewissenhafter Astronom. Ausgerüstet mit Kompass, Fernrohr, Teleskop, Sextant und einem Messingquadranten mit einem Durchmesser von rund 80 Zentimetern, bestimmen Müller und Marsigli während längerer Kampfpausen die exakte geografische Position von Städten, Dörfern und Einmündungen. Darauf aufbauend zeichnen sie als Erste eine genaue Karte der Donau – inklusive der Richtungsänderungen des Flusses am Donauknie, die auf älteren Werken stets falsch angegeben waren. Das »Knie« liegt 30 Kilometer nördlich von Buda. Man habe damit »der gesamten Gestalt Ungarns ein neues Erscheinungsbild« gegeben, notiert Marsigli stolz.

Auch nach seinem Ausscheiden aus der Armee im Jahr 1704 bleibt Marsigli der Donau verfallen – wenn auch jetzt aus der Ferne. In den kommenden Jahren arbeitet er an der Veröffentlichung seiner Forschungen. 22 Jahre später er-scheint schließlich die großformatige sechsbändige, reich bebilderte Enzyklopädie des Donauraums, der »Danubius Pannonico-Mysicus« mit 288 Kupferstichen. In ihnen präsentiert Marsigli Müllers kunstvolle Karten ebenso wie die Geschichte der Gegend und Zeichnungen der Tierund Pflanzenwelt.

Die präziseste Karte ist 36 Meter lang, aber zeigt nicht mal die gesamte Donau

Mit Marsiglis heute noch beeindruckendem Lebenswerk beginnt die intensive Erforschung des Donauraums jedoch erst. Immer mehr und exaktere Karten lassen die Kaiser der Donaumonarchie in den folgenden Jahren zeichnen.

Einen Höhepunkt bildet die Pasetti-Karte, die ab dem Jahr 1862 veröffentlicht wird. Mehr als 36 Meter lang, zeichnet sie im Maßstab 1:28 800 detailliert die österreichische Donau zwischen Passau und dem Eisernen Tor nach.

Heute sind die großen Sumpfgebiete entlang der Donau vielfach trockengelegt. Staustufen haben den Fluss schiffbar gemacht. Gewaltige Wasserkraftwerke wandeln seine Energie in elektrischen Strom um. Aber alle Geheimnisse hat die Donau noch längst nicht preisgegeben.

In unregelmäßigen Abständen, zuletzt im Jahr 2019, erforschen deshalb Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen aus aller Welt den Fluss im Rahmen des »Joint Danube Survey«, der größten Flussuntersuchung der Welt.

Hätte er die Chance, dabei zu sein, Luigi Ferdinando Marsigli, der Mann, der die Donau liebte, er wäre sicher mit an Bord.

LESETIPP

Ein Standardwerk: Michael Weithmann: »Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses«.

Pustet 2012, € 29,95