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„Grandpa died last week / And now he’s buried in the rocks / But everybody still talks about / How badly they were shocked“


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 10.02.2022

WAS KOMMT RAUS, WAS KOMMT REIN

Es ist ja allerhand die Rede vom Tod des Albumformats. Tatsächlich kann sich der Schreiber dieser Zeilen erinnern an ein Interview mit einer Berliner Band, die ihr Album als letztes Album ankündigte. Die Band hat seitdem noch fünf Alben mehr gemacht, das Album gibt es immer noch, auch wenn keiner so recht weiß warum. Da wir es hier auch nicht wissen, lassen wir das Thema und wenden uns einem völlig anderen zu: dem Doppelalbum. Das ja der Logik entsprechend zusammen mit dem Album sterben wird, was aber schade wäre, nicht nur angesichts schöner neuer Doppelalben wie denen von Pauls Jets und Big Thief (das nicht nur viele Songs hat, sondern auch noch einen Titel, der nur auf ein Aufklapp-Cover passt). Und das war ja das geilste an Doppelalben: Als Vinyl noch Standard und nicht nerdige Hipsterei war, waren Platten normalerweise nicht zum Ausklappen, so ein Doppelalbum ...

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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 3/2022

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... aber schon. Und wenn man aus dem Plattenladen nach Hause kam, das Album öffnete wie ein gutes Buch, dann war das ein sehr wertiges Gefühl, das einem keine noch so toll kuratierte Spotify-Liste wiedergeben kann, erinnert sich

Big Thief

Dragon New Warm Mountain I Believe in You

4AD/Beggars/Indigo (VÖ: 11.2.)

Die beste Indie-Folk-Konsensband unserer Zeit lässt Geigen lodern und Percussions klöppeln.

These: Was vor 15, 20 Jahren die Musik von Bright Eyes war, sind nun die Sad Songs der Brooklyner Band Big Thief (die sogar zeitweise auf Saddle Creek erschienen, dem Label von Chef-Bright-Eye Conor Oberst). Beweisführung: Ihr fünftes Studioalbum DRAGON NEW WARM MOUNTAIN I BELIEVE IN YOU. Wie auf völlig andere Art auch Oberst und Band schaffen es die vier, aus klassischen Versatzstücken von Indie-Folk und -Rock Musik zu basteln, die von vielen zarten Seelen einhellig geliebt wird. Musik aber, die dennoch vom ersten Ton an nach ihnen selbst klingt, sich dazu sogar genug Eigensinnigkeiten leistet, um sich allzu strenge Folk-Traditionalist*innen vom Hals zu halten. Noch so eine Bright- Eyes-Parallele: Auch DRAGON… ist alles andere als salopp produziert, und doch wird jeder Wackler mitgenommen in Adrianne Lenkers Stimme, die sich eh immer anhört wie der letzte Sonnenstrahl, der vor Nachtanbruch noch zum Fenster reinzittert. Die stolzen 20 Songs des Doppelalbums seien, erzählt die Band, an vier unterschiedlichen Orten aufgenommen worden: in Upstate New York, im Topanga Canyon, in den Rocky Mountains und in Tucson, Arizona. Wir hören also den Big-Thief-Sound in verschiedensten Farben, hören verstolperte, dunkelrote Elektronik wie in „Blurred View“, luftiges Geklöppel oder aber Songs wie „Dried Roses“, die so unverhohlen Folk-Klischees bedienen, dass eigentlich nur noch Schaukelstuhlknarzen fehlt. Ach ja, und die Heulschleusen gehen natürlich schon beim Opener „Change“ auf. Was noch lange nicht heißt, dass Big Thief, eine der besten Indie-Konsensbands un serer Zeit, es sich in ihrem Signature Sound jemals zu lange zu bequem machen.

★★★★★

Julia Lorenz

Story S. 32

Adrianne Lenkers Stimme hört sich an wie ein allerletzter Sonnenstrahl.

Shout Out Louds

House

PIAS/Bud Fox/Rough Trade (VÖ: 18.2.)

Indie-Rock als Fluchtbewegung in eine Zeit, als Gitarren noch Heldengeschichten schrieben.

Der Wunsch kommt aus einer Art Dark Room: Ach Sara, könntest du mich nicht mitnehmen auf weißen Pferden, lass uns weglaufen von all unseren Verlusten, so weit weg wie möglich. Im Video zum Song „As Far Away As Possible“ treten die Shout Out Louds einen von Chören und Gitarrengeklingel begleiteten Run-Away-Versuch an und bleiben dennoch dem Dunkel verhaftet. Der Grundton des neuen Albums der Indie-Rock-Band aus Schweden ist damit gesetzt, er bleibt HOUSE über die Strecke von acht Songs erhalten und trifft damit auf eine verbreitete Gefühlslage, die mit dem Gefangensein im Lockdown so eng verbunden ist. Entstanden sind die neuen Stücke im Proberaum im Keller in Stockholm, da, wo es „warm, safe und sound“ ist, wo man mit Freunden die Nacht durchbechert. Björn Ittling von Peter, Björn & John hat diesen Sound in eine Studioaufnahme transferiert, die viel von der Intimität des ersten Moments behalten hat, aber auch etwas von der Kraft vermissen lässt, die Shout Out Louds in den ersten Jahren entwickeln konnten. Es gibt Momente, da klingt HOUSE wie ein fernes Echo der frühen New Order, seltsam gebremst auch. Anderenorts erinnert das an Bands, die Peter, Björn und John auf dem Schirm hatten, als sie ihre ersten Aufnahmen machten: Stone Roses, Ride. Die Fluchtbewegung lässt doch ein Ziel erahnen: Es ist die Zeit, in der die Gitarre und der Indie-Rock noch Heldengeschichten schreiben konnten.

★★★★★

Frank Sawatzki

CD im ME S. 3

Mild Orange

Looking For Space

AWAL (VÖ: 11.2.)

Auch in der dritten Generation klingt der neuseeländische Gitarrenpop sanft, aber trotzdem nicht beliebig.

Standortvorteil Neuseeland: Wer von dort kommt und sanfte Gitarrenmusik spielt, rennt weltweit offene Türen ein. Im Indie-Kosmos gibt es kein Mini-Genre, das mit dem Sympathiewerten des „Dunedin Sound“ mithalten kann. Der entstand Anfang der 80er-Jahre, als in dieser und anderen Ostküstenstädten Neuseelands Bands wie The Clean, The Chills oder The Bats melodieverliebt-quirlige Neo-Psychedelia spielten und damit die US-College-Szene eroberten. Mild Orange zählen zur dritten Generation dieser Szene, die das zappelige Element der Pioniere zugunsten einer träumerischen Komponente abgelegt hat. LOO- KING FOR SPACE ist das dritte Album der Band, die ersten beiden Platten sowie ein paar ausgezeichnete Singles haben Mild Orange eine weltweit verteilte Fangemeinde eingebracht, die dafür sorgt,

dass die Band außergewöhnliche Streamingzahlen erreicht. LOOKING FOR SPACE liefert neue Gründe für die Beliebtheit: Mild Orange klingen sanft, aber nicht beliebig. Bei Songs wie „What’s Your Fire“ entschweben die Gitarren und sind die Vocals verhallt, doch man merkt, dass Sänger Josh Mehrtens etwas Dringliches mitzuteilen hat – und sei es seine Verzweiflung über die Antriebslosigkeit seines Gegenübers.

★★★★

André Boße

Klingt wie: The Bats: COUCHMASTER (1995) / The Phoenix Foundation: FANDANGO (2013) / Quivers: GOLDEN DOUBT (2021)

Casper

Alles war schön und nichts tat weh

Eklat Tonträger/Sony (VÖ: 25.2.)

Gemütskrank as it gets: Die deutsche Indie-Rap-Institution ist ganz bei sich wie niemals zuvor.

Ein Blick auf den Albumtitel ALLES WAR SCHÖN UND NICHTS TAT WEH, das Streicherintro zum Auftakt, und ganz kurz könnte man denken: Ohoh, Casper wird pünktlich zu seinem fünften Album zum Mark Forster des Deutschrap. Aber dann setzt die gewohnt schartige Stimme ein: „Ich hab heute wieder dran gedacht, dass ich mir zu viel Gedanken mach.“ Und das kann man Forster echt nicht vorwerfen, aber, oh ja, Casper schon: Der Wahlberliner macht sich ein paar Gedanken, vielleicht sogar ein paar zu viel. In einer Tour de force quer durch scheinbar alle verfügbaren psychischen Untiefen geht es um Depressionen (nicht nur im Titelsong), um bipolare Störung (in „TNT“, bei dem Tua den Refrain singt), um Selbstmord („Billie Jo“) und Tod („Fabian“), die Klimakatastrophe („Das bisschen Regen“) oder eine toxische Beziehung („Mieses Leben/ Wolken“ mit Haiyti). Womöglich geht es nicht ganz so hoffnungslos zu wie auf dem Vorgänger LANG LE-BE DER TOD, aber das liegt dann vor allem an der musikalischen Umsetzung. Erstmals hat Max Rieger (Die Nerven, All diese Gewalt) produziert, und er setzt weniger auf die schweren Gitarren und Gothic-Harmonien wie seine Vorgänger, sondern macht selbst aus dem apokalyptischen White-Trash-Kurzfilm „Zwiebel & Mett“ einen nahezu sommerlichen Beinahe-Hit, bei dem man auch die Refrain-Zeile „Und wir fahr’n zur Hölle, ja!“ gerne freudig mitsingt. Die neue Eingängigkeit befindet sich allerdings in einem ständigen Infight mit Caspers sperrigem Vortrag – und Casper wird eben nicht Mark Forster, sondern er selbst, der nachdenklichste, tiefgründelnste Casper, den es je gab, der Maestro des Gemütskranken-Rap.

Eine Tour de force durch alle verfügbaren psychischen Untiefen.

Thomas Winkler

★★★★

Story S. 28

Shamir

Heterosexuality

Shamir (VÖ: 11.2.)

Wunderbar wahnsinnig oder wahnsinnig wunderbar? Pop, der alle Grenzen sprengt.

Brauchen wir 2022 wirklich noch ein weiteres Album über Heterosexualität? Ja, denkt sich Shamir mit HETEROSEXUALITY, aber fährt freilich (wie schon der Trap-Beatballernde Drama-Streicher-Opener verrät) seine „Gay Agenda“, wobei die Platte konsequent inkonsequent zwischen empowerndem Übermut und existenziellen Selbstzweifeln schillert, wie schon die erste Metapher der Platte andeutet: „Broke up with the dragon, but he’s chasing me.“ Dieser Drache könnte ja vielleicht die heteronormative Sicht der Dinge und insbesondere der ihr verdächtig queeren Subjekte sein. „I’m not cisgender / I’m not binary trans“, singt Shamir mit ultra-androgyner Stimme im nahtlos anschließenden zweiten Track „Cisgender“. Und: „I don’t wanna be a girl, I don’t wanna be a man!“ Bei jedem Refrain entfacht der Gesang noch mehr Wucht, wobei Shamirs Refrains auf dieser Platte (trotz Indie-Produktion) ohnehin Beyoncé’sches Hot-Potenzial entfalten. Teilweise verstört die aggressive Wortwahl, offenbar an HipHop-Punchlines geschult, aber ins Queere gedreht („ Abomination“) – und das soll sie sicherlich; hat Shamir als queere PoC ohnehin genug, worüber er sich empören kann und muss – mitunter sehr persönlich, wie das als Gitarrenballade beginnende „Father“ über den Vater, der ihn zurückließ. „Cold Brew“ atmet 80ies-Luft. Wer Shamir hauptsächlich seines Las-Vegas-Disco-Debüts RATCHET (2015) wegen kennt und liebt, wird überrascht sein, was für eine noch viel größere Klangpalette er sich im Lauf der letzten Jahren erobert hat. Gleich geblieben hingegen ist diese einmalig eindringliche Stimme, bei der man immer glaubt, dass das Erzählte exakt so gemeint ist. Insgesamt ein wunderbar wahnsinniges und wahnsinnig wunderbares Sound-Statement einer der spannendsten Menschen im Pop der letzten Jahre.

★★★★★

Stefan Hochgesand

Story S. 18

SEAN YEATON (PARQUET COURTS) hört gerade:

Claire Rousay + More Eaze — An Afternoon Whine (2021)

Public Practice — Gentle Grip (2020)

Special Interest — Trust No Wave (2021)

P.E. — The Reason For My Love EP (2021)

Haruomi Hosano — S-F-X (1984)

Mary Lattimore — We Wave From Our Boats (2021)

Bryce Hackford — Safe (Exits) (2020)

North Americans — Catch And Release (Going Steady Bonus Track) (2021)

Low — Hey What (2021)

Mdou Moctar — Afrique Victime (2021)

Daniel Benyamin

Eral Fun

Ich habe keine Ahnung (VÖ: 11.2.)

Melancholischer Indie-Pop für die Nacht, der gekonnt viele verschiedene Stile verknotet.

Die Indie-Pop-Band Sea + Air gehört der Vergangenheit an. Nach dem letzten Album EVROPI trennten sich die musikalischen Wege von Daniel Benjamin und seiner Frau Eleni Zafiriadou. Unter dem Namen Daniel Benyamin (hoho!) und mit ERAL FUN versucht es der Nürtinger Multiinstrumentalist nun erstmals solo. Seinen Output nennt er jetzt Naive Music, dabei dürfte das einzig Naive daran sein, in diesem Sound ein neues Genre zu sehen. Durchaus gekonnt verknotet er die unterschiedlichen Stile, klingt einen kurzen Moment wie Roxy Music, biegt dann zu Radiohead ab, um danach beim Synth-Bass einer durchschnittlichen 1980er-Pop- Band zu landen. In den besten Momenten verbindet er dies mit einer einnehmenden Melodie, die wie im Opener „Digital Lovers“ fesselt. In anderen lässt er sich zu sehr fließen, verliert den Fokus. Zu einem vertrackten Schlagzeug weint seine Stimme zwischen angenehmen Tiefen und höchsten Bellamy-Höhen, leider mehr Zweiteres als das Erste. Zu breitbeinig folgt „Get Rid Of Me“, viel besser das verträumte „This World Is Too Messed Up For Someone Like You“. Ein melancholisches Album für die Nacht, das mit vielen Brüchen zwar Spannung erzeugt, so aber auch die Chance auf ein besseres, weil in sich geschlossenes Gesamtbild verspielt.

★★★

Sven Kabelitz

3 FRAGEN AN BRIAN WEITZ

Das Cover von TIME SKIFFS bezieht sich aufs Navigieren. Habt ihr eine besondere Verbindung zum Maritimen?

Wir haben alle eine tiefe Beziehung zu Wasser. Wir sind alle nahe der Chesapeake Bay aufgewachsen, Baltimore ist damit eng verbunden. Josh und ich sind beide eifrige Taucher, Noah lebt in Lissabon gleich beim Fluss – der bringt ihm innere Ruhe. Und auch Dave, der in den Bergen lebt, verbringt viel Zeit am Wasser. Ich glaube, es ist gesund für uns Menschen, manchmal in einer Umgebung zu sein, in der wir verletzlich sind, in der wir weniger zum Überleben gemacht sind als Wesen, die wir sonst als weniger entwickelt verstehen. Hilft beim Auflösen des Egos. Wasser ist sowieso das beste Lösungsmittel, oder?

Wie spiegelt sich das im Albumkonzept?

Musik und Erinnerung helfen uns, unsere Verbindung zur linearen Zeit aufzulösen – genau wie Wasser. Das Album beschäftigt sich mit nicht-linearen Zeitreisen. Musik kann transportieren. Durchs Wasser zu reisen, ist eine 360-Grad-Erfahrung, die Zielrichtung der Erkundung muss nicht linear sein. Je älter wir werden, desto mehr löst sich unsere Diskografie von linearer Zeit ab. Man kann natürlich sagen: Album X kam im Jahr Y raus. Aber neue Hörer*innen erleben das ja anders. Sie sind frei, überall in unserer Diskografie hin zu gehen und egal wie, ihr Weg wird mit Erinnerungen ihres eigenen Lebens verschmelzen. Mir helfen die Songs und Alben, den Vorwärtsdrang der linearen Zeit zu verlassen und zurückzureisen an Orte, an die mich die Musik erinnert.

TIME SKIFFS scheint die Atmosphäre eurer frühen Alben neu zu evozieren. Ist das schon Nostalgie?

Ich glaube nicht, dass die Musik nostalgisch ist. Wir spielen nicht einmal die gleichen Instrumente wie damals. Ich vermisse immer die alten Tage, aber unsere Gemeinschaft und Freundschaft und unsere Fähigkeit, Musik zu schaffen, ist nach wie vor stark. Vermutlich verliert sich diese Energie des Neuen einfach, wenn man etwas lange macht. Aber wir bemühen uns, dafür ein Gefühl von Unsicherheit zu bewahren. Sogar wenn die Musik am Ende vertraut klingt, wollen wir den Weg dorthin für uns immer wieder neu gestalten.

Animal Collective

Time Skiff

Domino/Goodtogo

Der psychedelische Experimental-Pop hatte seine Zeit. Nun könnte es Zeit sein für eine produktive Rückbesinnung.

Das Animal Collective ist wieder da! Okay, das löst bei der Leser*in vermutlich genauso wenig Begeisterungstürme aus wie beim Rezensenten, im zweiten Jahrzehnt seines Bestehens hat das Kollektiv nämlich mehr oder weniger irrelevant vor sich hingewurschtelt, war in den zahlreichen Soloplatten seiner Mitglieder Panda Bear und Avey Tare meistens als Idee präsenter als in den fast esoterischen Soundtrackarbeiten, die es zuletzt veröffentlichte – wenig zu spüren von der absoluten Gegenwart der postmodern verdrillerten Retromanie ihrer großen Tage zwischen 2004 und 2009. Mittlerweile sind die vier Musiker in ihrem dritten Jahrzehnt. Fünf Jahre her ist ihre letzte reguläre Platte in voller Besetzung, PAINTING WITH, die einige prächtige Popsongs zu bieten hatte, vor allem aber knallte und fiepte, eine Punk-Platte in psychedelischem Pop, irgendwie geil, irgendwie aber schon ungut in Auflösung begriffen. TIME SKIFF umfasst nun Stücke, die sich eher an den frühen Versionen des Kollektivs orientieren: An dem experimentellen Fließen, das Alben wie HERE COMES THE INDIAN vor gut 20 Jahren ausmachte, das sich an üppig schiefen Texturen genauso versuchte wie an Harmonien und abseitigen Grooves. Vielleicht ein Auftakt für eine produktive Rückbesinnung? Denn wenn hier auch wenig versucht, den Weg in die Zukunft der Popmusik zu weisen, es keinerlei Anspruchsgesten gibt, das Heute zu definieren, klingt es in seiner Animal-Collective- Nische überraschend angenehm. Ein paar Ohrwurm-Melodien in explodierend schönen Klängen finden sich wieder ein, die Psychedelik hat heute Ausgang auf die Kirmes und ein Track ist nach dem mythischen mittelalterlichen Priesterkönig Johannes benannt. Musikhistorisch eher irrelevant, aber doch viel besser als befürchtet.

★★★★

Steffen Greiner

CD im ME S. 3

Pan American

The Patience Fader

Kranky (VÖ: 18.2.)

Reverb als Religion: Gitarren-Musik aus einer anderen Welt.

Die Gitarre hat’s nicht leicht. Als Phallussymbol verhöhnt, schieben selbst junge Männer heutzutage lieber bunte Musiksoftware- Klötzchen hin und her. Die Gitarre von Mark Nelson, einst ein Drittel von Labradford, nun schon länger als Alias Pan American unterwegs, hat’s leicht, sie kommt nicht aus einer anderen Zeit, sondern aus gar keiner – sie kommt aus einer ganz anderen Welt, ja aus einer anderen Dimension zu uns. Nahezu körperlos schwebt sie durch Hallräume, wird aber nie bloß Wellnesswohlklang, sondern macht sich auf ins Atonale, in Zwischentöne, in Leerstellen, ins Windschiefe, ins Quietschen gar, ohne aber ihre Leichtigkeit zu verlieren. Mit den oft einsam in der kargen Klanglandschaft stehenden Tönen wehen einen Assoziationen an, Filmbilder leuchten auf, natürlich, Klischees darunter, staubige Western, die knarzende Saloon-Tür, flirrende Hitze, die Wüste, eine Kathedrale, Reverb als Religion, eine Opfergabe am Altar von Ennio Morricone.

★★★★

Thomas Winkler

Klingt wie: Neil Young: DEAD MAN -OST (1996) / Ry Cooder: PARIS, TEXAS – OST (1984) / Ennio Morricone: ONCE UPON A TIME IN AMERICA – MUSIC FROM THE MOTION PICTURE (1984)

Emma Elisabeth

Some Kind Of Paradise

Clouds Hill/Warner

Die Americana der Schwedin rollt in den dunklen Winkel zwischen Lana Del Rey und, ja, Taylor Swift. Frohsinn und Glückseligkeit gehen anders. Die Art von Paradies, in der Emma Elisabeth, die schwedische Berlinerin, sich auf ihrem Album SOME KIND OF PARADISE suhlt, scheint mehr die Sorte „Dark Paradise“ zu sein, wie sie auch die professionell Leidtragende Lana Del Rey besingt. Das dürfte bei Emma Elisabeth schon im albumtitelgebenden Eröffnungslied klar werden. Dann kurbelt Emma Elisabeth aber im zweiten Song „Tray Full Of Ash“, ganz anders als die Del Rey in den letzten Jahren, das Tempo ordentlich an und schwingt sich auf in Taylor-Swift’sches Terrain des gehobenen Americana-Ohrwurm-Pops. Lover und Vampire besingt uns Emma Elisabeth. Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ lässt grüßen. In „Love You Less“ packt Emma Elisabeth ihre Shania-Twain’sche „That Don’t Impress Me Much“-Attitude aus. Diese Platte fühlt sich an, als würde man per Anhalter mit einer Fremden (und womöglich leicht angeknackst Irren) am Steuer des Nachts auf einem Highway in Kliffnähe entlangbrausen, während sie einem schaurige, wunderbar unterhaltsame Storys aus ihrer Vergangenheit auftischt. Leichenkeller-Fun-Fact aus dieser Vergangenheit: Wie es sich für eine Schwedin gehört (ABBA und so), trat Emma Elisabeth (unter anderem Namen) auch mal zum Eurovision Song Contest an, aber psssst! Jedenfalls hat uns Emma Elisabeth, deren ernster Stimme man stets die behauptete Stimmung abkauft, für diese Platte in den Van (neben der obligatorischen Whiskey-Minibar) auch ein Saloon-Klavier, wuchtige Slide-Gitarren, dezente 80s-Funkel-Synthies und einen mahnenden Chor gepackt. Ach, das ist alles echt rund wie die Räder, auf denen wir durch die Noir-Nacht rock’n’rollen.

★★★★★

Stefan Hochgesand

Juicy Mobile

Capitane

Latent bedrohlicher R’n’B, der (fast) alle Register zieht.

Alles beginnt mit einem Schlaflied, ausgerechnet. In „Fall Asleep“ wiegen Julie Rens und Sasha Vovk einen trügerisch in den Schlaf, versuchen sich im R’n’B-Stück „Youth“ im Anschluss gar an Hypnose − bevor das latent bedrohliche, verführerische „Love When It’s Getting Bad“ so richtig tief in den Abgrund führt, in die Hölle der häuslichen Gewalt. Und, uff, dieses Triptychon war ja erst mal der Anfang. Nach zwei EPs veröffentlicht das Duo Juicy aus Belgien mit MOBILE nun ein Debütalbum, das nach allen Seiten auseinanderstrebt, über die Ufer tritt, kaum zu bändigen ist. Über allem schwebt ein schwer greifbares Gefühl des Unbehagens, stilistisch werden dabei alle (ja, wirklich fast alle) Register gezogen: Gerade prägen noch elektronische Texturen und zischende Hi-Hats den Sound, wird einem mit „Bug In“ plötzlich knallharter Crossover um die Ohren geklatscht, der zum Glück nicht so albern klingt wie bei den überspannten Mützenbands der späten 90er-Jahre. Abgeklärte Nostalgie und Futuristisches sind verschränkt, ein Geflecht voller Rückbezüge: „Don’t Fall Asleep“ heißt es in einem Interlude-artigen Stück, als Antwort auf den Opener − als ob auf einem so wilden Ritt überhaupt jemand schlafen könnte!

★★★★

Julia Lorenz

Amber Mark

Three Dimensions Deep

EMI/Universal

Ein Liebesbrief an sich selbst und an R’n’B und Soul.

Am Anfang standen Fragen: Wie kann ich eine Sängerin, Songwriterin und Produzentin sein, die ihre Sache auch wirklich gut macht? Amber Mark hatte seinerzeit schon eine Reihe von Singles veröffentlicht, mit Perfume Genius, Wilma Archer, den Dirty Projectors und Paul Woolford zusammengearbeitet. Es muss sich aber dem Vernehmen nach noch nicht richtig angefühlt haben. 2019 schrieb Mark „Worth It“, eine eher stille und sanfte Selbstermächtigungsballade mit dem entscheidenden kleinen Dreh in Richtung Swing, die sich als eine Art Vorspiel für ihr Debütalbum erweisen sollte. „Worth It“ hat es dann auch auf THREE DI-MENSIONS DEEP geschafft und steht jetzt wie ein Kraftspender mitten in der Songsammlung. Die erzählt Amber Marks Geschichte in drei Etappen: von der Unsicherheit über das selbst erarbeitete Vertrauen zu einem Verständnis der Rolle, die die Künstlerin jetzt in der Welt einnehmen kann. Spiritual Healing 2022. Amber Mark fährt die Sphären in diesem Prozess mit ihrer leicht ins Heisere reichenden Stimme voller Intensität ab: von der gospeligen Eröffnung „One“ (eine der zahlreichen „Nachrichten“ an ihre 2013 gestorbene Mutter) über einen Midtempo-Discotrack wie „FOMO“ bis zur Keyboardträumerei „Out Of This World“. Im Vordergrund stehen R’n’B-und Soul-Aktualisierungen, die an die Heroinen der Genres erinnern mögen, die Musikerin lässt sie mit selbst gebauten Beats und Boom Baps aber auch aus der Reihe tanzen. THREE DIMENSIONS DEEP ist ein Love Letter, den Amber Mark an sich selbst adressiert hat – und an die Black Music in ihren besonders beseelten Momenten.

★★★★

Frank Sawatzki

Das ist spirituelle Heilung für das Jahr 2022.

Klingt wie: Erykah Badu: MAMA‘S GUN (2000) / SZA: CTRL (2017) / Jazmine Sullivan: HEAUX TALES (2021)

Fort Romeau

Beings Of Light

Ghostly International/Cargo (VÖ: 11.2.)

Sanfte Disco- und House-Utopie für unbeschwerte Club-Momente (wenn es sie mal wieder gibt). Als der Brite Michael Greene vor etwas mehr als zehn Jahren seine ersten Tracks veröffentlichte, tat er dies auf dem Label 100% Silk, das sich auf glänzenden und der Eleganz verpflichteten House spezialisierte. Hielt man zu seinen Alben wie KING-DOMS das Champagnerglas noch in der Hand, klebt der Alkohol auf der neuen Platte BEINGS OF LIGHT schon auf dem Boden; dafür sorgen verkrustete Disco-Überreste, Acid-Sounds und sumpfige Bässe. Sein deeper House-Ansatz bleibt dabei durchaus euphorisch und der Musik wohnt noch immer eine Art Aufbruchsstimmung inne, wichtiger ist aber das Hier und Jetzt im Großstadt-Club, den er als utopischen Schutzraum denkt und jede Ecke mit anderen Genres und Einflüssen ausleuchtet. So klingt„Spotlights“, als würden verfremdete Polizei-Sirenen in einem Rhythmus verschwinden und Platz machen für einen unwiderstehlichen funky Groove. Treibende und wummernde Tracks wie „Ramona“ ziehen das Tempo auf dem Mainfloor an, während er nur wenige Momente später Ambient- Experimente für den Cooldown serviert. Was auch immer da draußen lauert, wir können es zurücklassen, denn Fort Romeau legt für uns auf.

★★★★

Christopher Hunold

Klingt wie: Octo Octa: RESONANT BODY (2019) / Jon Hopkins: IMMUNITY (2013) / John Roberts: GLASS EIGHTS (2010)

Metronomy

Small World

Because/Virgin (VÖ: 18.2.)

Die Briten entführen uns mit ihrem Electro-Pop in einen Themenpark der Millennial-Nostalgie.

So faul man Jubiläumspressungen finden kann, so passend war’s, dass Metronomy 2021 ihr Album THE ENGLISH RIVIERA neu auflegten. Schließlich hatte ihr Meisterstück schon bei Erscheinen 2011 viel mit Nostalgie zu tun, mit Sehnsucht nach Zeiten und Orten, die es vielleicht nie gegeben hat. Und so geht’s nun auch weiter. Auf dem Cover ihres neuen Studioalbums SMALL WORLD ist ein Shot von Sänger Joe Mounts Mutter zu sehen: ein Gartenfoto, aufgenommen nahe des britischen Ortes, in dem Mount aufgewachsen ist. Dieses Arcadia sieht heute, sagt er, so hübsch nicht mehr aus. Na klar, wir sind hier schließlich in Metronomys SMALL WORLD, einem Themenpark der Millennial-Nostalgie, einem Reiseziel für alte Seelen mit Capri on their minds, die natürlich nie auf Capri waren – und beim imaginären Strandspaziergang doch gerne die Musik ihrer Indie-Disco-Zeit hören wollen: elektronischen Pop in der Klavier-oder Gitarrenvariante, der ganz sicher nicht mehr der heißeste Scheiß ist, aber auch kein bisschen übel. Dazu gibt’s schaumige Orgeln, Funk und Disco light, Softpop-und -rock-Geschmuse, wie es in etwas manierierterer, aber auch konsequenterer Form die australischen Berliner Parcels perfektioniert haben. „It feels so good to be back / But our love is gone“, heißt es im Song „Good To Be Back“, und die Zeile hätte natürlich einen klasse Gag abgeworfen, wenn das Album Mist gewesen wäre – aber es ist schon schön, dass Metronomy zurück sind, um sich nach anderen Tagen zu sehnen.

★★★★

Julia Lorenz

Story S. 36, CD im ME S. 3

Sarah Shook & The Disarmers

Nightroamer

Abeyance/Thirty Tigers/ Membran (VÖ: 18.2.)

Dieser Outlaw-Country kann alles, sogar Ironie und Pathos.

What can a poor girl do except to sing for a rock’n’roll band? Leicht veraltetes Konzept, klar, aber wenn man aufwächst in einer christlichfundamentalistischen Familie, so wie Sarah Shook im Süden der USA, dann ist eine Gitarre tatsächlich noch eine Waffe der Rebellion. Und wenn man sich dann wie Sarah Shook, die übrigens tatsächlich so heißt, als Frau auch noch für Country als Genre der Wahl entscheidet, aber nicht das Country-Lady-Klischee von Dolly Parton bis Shania Twain bedienen, sondern den – zugegebenermaßen dann doch wieder männlichen – Helden des Outlaw-Country nacheifern will, dann kriegt das eingeschlafene Genre wieder ein paar Ecken und Kanten. Nun wäre das alles auch schon egal, wenn Shook nicht eine prima Songwriterin wäre, die auf ihrem dritten Album NIGHTROAMER genau die Portion Ironie kann, ohne die Country heute nicht zu ertragen wäre („Please Be A Stranger“), aber eben auch jenes sanft austarierte Pathos (der Titelsong), ohne das man die Chose auch gleich lassen könnte. Mit dem gemeingefährlich eingängigen Pop-Track „I Got This“ kriegt Shook dann doch auch noch tatsächlich eine großartige Shania-Twain-Imitation hin − und ziemlich flotten Rock’n’Roll, den kann sie eh.

★★★★

Thomas Winkler

Eddie Vedder

Earthling

Republic/Universal (VÖ: 11.2.)

Der Pearl-Jam-Sänger widmet sich als Solist dem Rock, ist aber gar nicht Grunge-grummelig.

Waren Eddie Vedders bisherige Alleingänge reduzierter und folkiger Natur und in der Instrumentenwahl zuweilen kauzig, ist der Nachfolger von UKULELE SONGS (2011) das genaue Gegenteil. Mit voller Zweit- Bandbesetzung, zu der neben Busenkumpel Glen Hansard und Red- Hot-Chili-Peppers-Schlagzeuger Chad Smith auch das einstige Gitarrenwunderkind und Album-Produzent Andrew Watt (Justin Bieber, Ozzy Osbourne) zählen, hat Vedder sich von Letztgenanntem eine groß angelegte Soundinszenierung auf den Leib schneidern lassen, die manchem Pearl-Jam-Puristen zu glatt anmuten könnte. Den fatalen Timbaland-Fehler Chris Cornells begeht man dennoch keineswegs. Vielmehr versteht sich Vedder auf diesem gar nicht Grunge-grummeligen Album darauf, den Killers im Springsteen-Modus, Mittneunziger-U2 oder Tom Petty gleichermaßen Respekt zu zollen, wie mit einigen knackig-kurzen Nummern seinen wüsteren Wurzeln. Und wenn zum Schluss das famose „Picture“ Sir Elton John auf den Plan ruft und „Mrs. Mills“ den Beatles (nicht ohne einen vorherigen Klingelstreich bei Cat Stevens) einen Besuch abstattet, ist man endgültig im klassisch geprägten Rock-Segment angekommen.

★★★★

Frank Thiessies

Rolf Blumig

Rolfie lebt

Staatsakt/Bertus (VÖ: 25.2.)

Florian Silbereisen, Thomas Gottschalk und das ganze Grauen alles drin in diesem angemessen irren Bipolar-Pop.

Die Biene Maja als schmierig-schwitziger Funk-Song? Ein morbider Seemanns-Schlager auf „Blumen“, die gerne beim Morden zusehen, und ist das Florian Silbereisen, der durch die Szenerie taumelt? Eine Hymne auf die vielleicht nicht ewig, aber mindestens 1000 Jahre währende Unterhaltungs-Diktatur von Thomas Gottschalk, durch die zum guten Schluss ein tollwütiges Saxofon fährt? Rolf Blumig erklärt sich nicht, und das ist wohl auch besser so. Der Leipziger Musiker hält sich bedeckt, aber packt dafür noch die abgefahrenste Albtraumfantasie, die selbst Kafka zu krank oder doch zumindest zu wirr gewesen wäre, in seine Songs. Diese Achterbahnfahrt durch ein irres Gemüt wird folgerichtig umgesetzt mit ständig wechselnden Stilen von seltsam hüftsteifer Psychedelia, irgendwie dann doch nicht tanzbarer Disco, hingeschusselten Sommerhits, anbiedernder Eingängigkeit und gemeingefährlichen Lärmausbrüchen. Klingt anstrengend? Ist anstrengend. Aber schon halt auch leider geil, wenn Blumig sie besingt, die gar nicht unmögliche, sondern dann doch ziemlich dreckige Liebe in der Kleingartensiedlung. Oder geht’s um die Nachkriegszeit? Oder um was ganz anderes? Drauf gepfiffen!

★★★★

Thomas Winkler

Yeule

Glitch Princess

Bayonet/Cargo (VÖ 4.2.)

Privatissimum-Pop, der alles kann sogar Songs, die nahezu zweieinhalb Stunden dauern.

Der letzte Song auf GLITCH PRINCESS ist knappe 203 Minuten (Nein, kein Tippfehler!) lang und jede einzelne davon lohnt sich. Auch fasst das überbordende, überwiegend aus geschichteten Vocals bestehende Ambient-Stück die Philosophie von Yeule zusammen: Die Songs der in Singapur geborenen, in London lebenden Nat Ćmiel sind gleichermaßen maximalistisch wie intim. Das vierte Album des Projekts klingt nach gut 200 offenen Browser-Tabs und doch nicht nach überzogenem Hyperpop, sondern vielmehr nach konzisem Selbstausdruck. Vom Spoken-Word-Intro „My Name Is Nat Ćmiel“ angefangen über dream-poppige Balladen wie „Electric“ oder das TripHopinspirierte „Flowers Are Dead“ bis hin zu beatgetriebenen Experimenten wie „Perfect Blue“ mit einem Gast-Feature von Rapper Tohji oder „Too Dead Inside“ ist GLITCH PRINCESS ein einziges Privatissimum, eine Tür ins Oberstübchen einer der spannendsten Figuren im Bereich des alternativen Pop dieser Zeiten. Und wenn dann sogar die Akustikgitarre herausgeholt wird, klingt das tatsächlich wie das, was alle vom letzten Grimes-Album erwartet und doch nicht serviert bekommen haben.

★★★★★

Kristoffer Cornils

Klingt wie: Björk: VULNICURA (2015) / FKA Twigs: MAGDALENE (2019) / Grimes: MISS ANTHROPOCENE (2020) Story S. 21, CD im ME S. 3

Sasami

Squeeze

Domino/Goodtogo (VÖ: 25.2.)

Das zweite Werk der Kalifornierin ruckelt arg gewagt und nicht immer souverän zwischen Heavy-Rock und Folkpop.

Was ist denn hier passiert? Auf ihrem reizvollen Solodebüt von 2019 verschmolz Sasami Ashworth, zuvor bei der Band Cherry Glazerr, Shoegaze, Psych-Pop und Slowcore. Jetzt fährt die US- Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln schwerere Geschütze auf, inspiriert unter anderem von der japanischen Legende eines Götterwesens mit Frauenkopf und Schlangenkörper, Nure-onna genannt. Dessen Kickass-Attitüde gießt Ashworth auf SQUEEZE in brachiale Nu-Metal-Tracks, angetrieben von Megadeth-Drummer Dirk Verbeuren. Gleichzeitig bleibt sie Nure-onnas hybrider Gestalt treu: Ashworth ähnelt nicht nur stimmlich einer Aimee Mann, sie knüpft auch an deren Folkpop-Sound an, lässt zudem fuzzy Indie-Rock anklingen und besinnt sich mit dramatischen Streichern auf ihre klassische Ausbildung. Klingt disparat? Ist es auch. Besonders wenn die Elemente innerhalb eines Songs kollidieren wie in „Say It“, das nach einem Mashup von Rammstein und Sheryl Crow klingt. Nichts gegen Experimente und Vielfalt! Aber zugunsten des Hörflusses hätte Ashworth SQUEEZE vielleicht eine A-und eine B-Seite geben sollen: die eine für ihre härteren Gelüste, die andere für ihren schrammelig-verträumten Songwriter-Indie – beide für sich genommen unterhaltsam genug.

★★★★

Nina Töllner

Klingt wie: Aimee Mann: BACHELOR NO. 2 (1999) / Deftones: AROUND THE FUR (1997) / Courtney Barnett: TELL ME HOW YOU REALLY FEEL (2018)

Story S. 56

Nichts gegen Experimente, aber ein Mashup aus Rammstein und Sheryl Crow?

Trentemøller

Memoria

In My Room/Rough Trade (VÖ: 11.2.)

Der Däne aktualisiert die Dream- Pop-Sounds vergangener Tage.

In den 16 Jahren seit Veröffentlichung seines wegweisenden Debüts THE LAST RESORT hat sich Anders Trentemøller graduell der Vergangenheit, das heißt seiner Sozialisation mit Postpunk und Dream Pop zugewandt. Auch sein siebtes Studioalbum MEMORIA trägt diesen Titel nicht zu Unrecht: Schon auf dem Opener erinnern die gehauchten Vocals von Lisbet Fritze an die Cocteau Twins oder Slowdive, und auch das Gros der anderen 13 Stücke geht vom C86- Sound und Shoegaze inspiriert in dieselbe Richtung. Das wirkt zwar doppelt nostalgisch, weil von den Chromatics bis hin zu Beach House oder Molchat Doma ein veritabler Markt für ähnliche Retro-Projekte besteht, ist aber im Gesamten in einen feinsinnig modernisierten Sound eingebettet und im Einzelnen gut geschrieben, produziert und arrangiert. Und mit Songs wie „Glow“vermählt Trentemøller dann sogar bouncige, zeitgenössische Electronica mit der Klangpatina früherer Zeiten. MEMORIA ist eines dieser Alben, das nicht unbedingt not-, an kalten und trägen Sonntagen aber allemal gut tut.

★★★

Kristoffer Cornils

Frank Turner

FTHC

Polydor/Universal (VÖ: 11.2.)

Folk-Punk, der feierlich die Versammlungskultur beschwört.

Längst hat seine Solokarriere als umtriebiger Troubadour Frank Turners Ursprünge und Vergangenheit mit der Post-Hardcore-Band Million Dead überschattet. Umso sympathischer ist es, dass der zum Singer/Songwriter avancierte Sänger und Gitarrist auf seiner neunten Albumveröffentlichung seine musikalischen Roots partiell revitalisiert und nach einem Ausflug ins Indie- Lager (BE MORE KIND, 2018) und einem historisch-konzeptuellen Frauenpoweralbum (NO MAN’S LAND, 2019) eine energetische und positiv aufgeladene Platte wie FTHC (kurz für FRANK TURNER HARDCORE) vorlegt. Mit aufgedrehtem Verstärker und erhöhter Schlagzahl sowie angetrieben vom Booster-Beat des Ersatzschlagzeugers Ilan Rubin (Nine Inch Nails, Angels & Airwaves) spuckt Turner in den Punk-schnittigen Songs (keine Sorge, Turner-typische Solidaritäts-Momente zwischen Pub und Pop gibt es auch noch genug) zuweilen Gift und Galle, ohne aber als Fan und Freund von Melodien- und Dynamikmeister Ginger Wildheart griffige Refrain-Hooks als ausgleichendes Element jemals zu vernachlässigen. Dabei ist nicht nur die Single-Auskopplung „The Gathering“ (auf der Alternative-Country-Rockstar Jason Isbell ein Gitarren-Solo und Dominic Howard von Muse das Schlagzeug beisteuert) eine feierliche Beschwörung der musikalischen Versammlungskultur.

★★★★

Frank Thiessies

Yaenniver

Nackt

Four Music/Sony (VÖ: 18.2.)

Die ehemalige Jennifer Rostock vollzieht einen selbstbewussten Wechsel zum sexpositiven und feministischen Pop-Rap.

Die Attitüde ist gewohnt direkt, der Rest eine echte Überraschung. Jennifer Weist, Frontsängerin von Jennifer Rostock, erfindet sich als Yeanniver neu. Der Punkrock ihrer Band ist passe, stattdessen macht die Berlinerin jetzt: Rap. Und der Albumtitel NACKT ist durchaus Programm, Yaenniver macht sich nackig und setzt den Fokus auf feministische und sexpositive Themen nicht nur im Track „Mädchen Mädchen”, in dem das Vorurteil, dass Frauen selbst schuld wären, wenn sie Opfer von sexueller Gewalt werden, durch Überspitzung ad absurdum geführt wird. Der Bezug auf „Weil ich ein Mädchen bin“, den Hit von Lucilectric aus dem Jahr 1994, ist offensichtlich, aber mit der Vorabsingle „Ich ficke jeden“ öffnet Yeanniver noch weitere Diskussionsräume: Dieses Ficken ist nicht nur metaphorisch im Rap-Kontext gemeint, sondern tatsächlich wortwörtlich. Ja, die selbstbewusste Sexpositivity-Botschaft kommt an, sie ist ja auch ziemlich eindeutig, aber halt auch ein wenig profan. Dazu passen Beats und Reime: NACKT ist Haudrauf-Rap, der immer schön auf die Zwölf geht.

★★★

Andrea Würtenberger

Zustra

The Dream Of Reason

Ragusa/Believe (VÖ: 25.02.)

Melancholischer Indie-Pop ganz ohne Coolnessgelübde, aber mit einzigartigem Pathos.

Ariana Zustra bespielt beide Seiten der Medaille – sie ist Musikerin und ausgebildete Journalistin (u.a. für den Musikexpress). Eine Mischung, die selten nennenswerte künstlerische Früchte trägt. Im Fall ZUSTRAS, die ihrem Nach- für ihren Künstlerinnennamen die Kleinbuchstaben ausgetrieben hat, verhält sich das ausnahmsweise anders, weil sie auf ihrem Debütalbum THE DREAM OF REASON ihren Hang zu orchestralem Pomp nicht hinter selbstauferlegten Coolnessgelübden verbirgt. Das soll jetzt nicht heißen, dass ihre melancholischen, schleppenden Songs, die neben pointiertem Drumming ihr eindeutiges Faustpfand, ihre Stimme, ins Zentrum stellen, klingen wie Nightwish in Pop-Gefilden. Im Gegenteil: Songwriterischer Intellekt, der mit Referenzen und direkten Zitaten nicht geizt und mitunter auf Kroatisch und Französisch transportiert wird, trifft auf schöne, keineswegs überladene Klangkulissen, die an The xx („Walking On The Moon”), Austra (der Titeltrack) und weitere Granden emotionaler Popmusik erinnern, ohne als bloße Kopien daherzukommen. Das liegt vor allem daran, weil stets ein ziemlich einzigartiges Pathos mitschwingt. Eines, das man so selten zu hören bekommt.

★★★★

Maximilian Fritz

Orchestral? Immer ja! Überladen? Nie!

Neonschwarz

Morgengrauen

Audiolith/Broken Silence (VÖ: 25.2.)

Alles immer noch Abfuck: Zecken­ Rap mit Wut auf die Verhältnisse und dann doch Hoffnung auf eine bessere Welt.

Was spielt man am besten zur #FreeLina-Demo und beim Häuserbesetzen? Natürlich Neonschwarz! Das Hamburger Quartett aus den Rapper*innen Captain Gips, Johnny Mauser, Marie Curry und DJ Spion Y hat sich seit 2010 mit (radikal) linken Lyrics und Beats, die mal an die Hochtage des Elektropunks erinnern und mal an Undergroundrap der frühen Neunziger, einen Namen gemacht. Ganz in der Tradition ihres Labels Audiolith. Nun folgt MORGENGRAUEN, das mittlerweile vierte Album nach den bescheidenen Chartserfolgen CLASH und METROPOLIS und dem Debüt FLIEGENDE FISCHE. Eigentlich hatte sich die Band nur für 2020 eine Pause verschrieben – aber es kamen eine Pandemie und das Leben dazwischen. Und nun ist die Welt eine andere und Gründe zur Wut gibt es mehr als je zuvor: Auf „Einzelfall“geht es, klar, um rechtsextremen Terror, „Wolkenkratzer“ ist eine zynische Satire aus der Perspektive der Elterngeneration der Fridays-for-Future-Jugend, und auf dem Opener „War Was“ wird einmal mit der soziopolitischen Gesamtwetterlage von Schere zwischen Arm und Reich, Autobahnausbau und Querdenker*innen abgerechnet. Kann es in so einer Welt Hoffnung geben? Vielleicht nicht, aber zumindest lässt eine Abrisshymne wie das elektropunkige „Salto Mortale“ die bessere Welt für 3:22 Minuten greifbar nah wirken.

★★★

Aida Baghernejad

Wovenhand

Silver Sash

Glitterhouse/Indigo

David Eugene Edwards und sein Gothic-Folk verkommen langsam zur Karikatur ihrer selbst.

Es ist einerseits beeindruckend, wie unberührt von allen Moden und jeder musikalischen Entwicklung David Eugene Edwards seit Jahrzehnten schon seine Kreise zieht. Andererseits muss der mittlerweile auch schon 54-Jährige langsam wirklich aufpassen, nicht zu einer Karikatur seiner selbst zu verkommen. Auf SILVER SASH, dem elften Album seines aktuellen Vehikels Wovenhand, dräut und donnert es durchgehend bedrohlich – alles beim Alten, auch wenn Coronabedingt aufgenommen im Wohnzimmer und mit ungewöhnlich viel Elektronikunterstützung. Durch die Texte geistert immer noch der Teufel wie zu allerbesten 16-Horsepower- Zeiten, aber die von den Gottesdiensten seines Predigergroßvaters geprägte Stimme, eigentlich immer noch das größte Kapital von Edwards, verschwindet zusehends im klaustrophobischen Mix, löst sich auf in immer mehr Hall, bis nur noch ein diffuser Gothic-Folk-Nebel übrig bleibt, ein Horror-B-Picture, das seinen trashigen Reiz entwickelt, aber das man halt auch schon viel zu oft so gesehen hat.

★★★

Thomas Winkler

DJ Lag

Meeting With The King

Black Major/Ice Drop

Der Gqom-Pionier mit der Blockbuster-Version des afrikanischen Club-Sounds.

Gut ein Jahrzehnt ist es her, dass Gqom auf europäischen Dancefloors aufschlug, und noch hat das zwischen Kwaito-Rhythmen und Schlechte-Laune-Techno vermittelnde Genre aus dem südafrikanischen Durban nichts an seiner Strahlkraft verloren. DJ Lag ist ein Pionier des Sounds und nennt sein Debüt wohl auch deshalb MEETING WITH THE KING. Zusammentreffen tut der König mit einer Reihe von Feature-Gästen, deren Performance im Laufe der 15 Tracks bisweilen an die vormalige Kooperationspartnerin Beyoncé erinnert. Zwischen einigen wenigen epigonalen Momenten zeigt sich DJ Lag jedoch innovativ. Oder zumindest ist sein sauber ausproduzierter Gqom-Ansatz kaum mehr zu vergleichen mit den schroffen Demos aus seinen Anfangstagen, obwohl die Wucht und das Ungestüm der Musik keinesfalls gebändigt wurden. Pompöse Pop-Momente und spartanische Rap-Einsätze runden ein Blockbuster-Gqom-Album ab, das eine neue Ära für das Genre einläutet. Laut dessen König dürfte es eine sehr spannende werden.

★★★★★

Kristoffer Cornils

Klingt wie: V.A.: GQOM OH! THE SOUND OF DURBAN VOL. 1 (2016) / Emo Kid: GQOMTERA EP (2017) / OkMalumKoolKat: MLAZI MILANO (2017)

Nilüfer Yanya

Painless

Ato/PIAS/Rough Trade (VÖ: 4.3.)

Risse und Unordnung: Das Indietronica-Talent überhebt sich.

Spricht man mit Künstler*innen übers Sequencing ihrer Alben, wird die Qual der Wahl deutlich: Womit anfangen, womit aufhören – und wie das Mittendrin ordnen? Schwierige Entscheidungen, zumal in einer Zeit, in der das Tonträgerformat keine Rolle mehr spielt, es aber Agenturen gibt, die Streaming-Optimierungskonzepte erstellen. PAINLESS, das zweite Album der Songwriterin und Gitarristin Nilüfer Yanya, hat ein ungewöhnliches, vielleicht sogar unglückliches Sequencing. Der Startsong „The Dealer“ bietet ungehobelte Big-Beats und sperrige Melodien, das folgende „L_R“ klingt wie eine verwaschene 80ies-Art-Pop-Ballade. St. Vincent bietet auf ihren Platten ein ähnliches Sound-Tableau, arrangiert ihre Lieder aber abenteuerlicher und reicher als die Britin. An dritter Stelle steht dann das Stück „Shameless“, und beim grandiosen Pop-Refrain löst sich erstmalig der Knoten: Diese Musik muss nachts im Radio laufen, wenn das Taxi über Brücken und menschenleere Straßen schwebt. Auf diese elegante Erfüllung lässt die Künstlerin jedoch das stolpernde „Stabilise“ folgen, bevor „Chase Me“ kaputte Beats und Neo-Soul kombiniert. Immer wieder erholt sich die Platte von solchen Rissen, zum Beispiel beim reduzierten 90ies-Gitarrensong „Company“. Richtig zur Ruhe kommt PAINLESS aber nicht.

★★★

André Boße

CD im ME S. 3

Emily Wells

Regards To The End

Meru/Cargo (VÖ: 25.2.)

Die Multiinstrumentalistin erinnert mit Avant-Pop an die Opfer der AIDS-Krise.

Was tut man, wenn die Welt vor den eigenen Augen untergeht? Man internalisiert den Schmerz, formt sich selbst zur Waffe. „Some kind of violence you feel in the body, my body, my body“, singt Emily Wells in „Blood Brother“. Diese Empathie bis hin zur Selbstaufopferung zieht sich wie ein roter Faden durch REGARDS TO THE END – das zwölfte Album der amerikanischen Multiinstrumentalistin. Auf insgesamt zehn Songs singt Wells vom Ende des Menschen – sowohl auf der stofflichen als auch auf der apokalyptischen Ebene. Die AIDS-Epidemie hat eine besondere Bedeutung für die 40-jährige Musikerin, ebenso wie der Klimawandel – zwei Themen, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. Erst beim genauen Hinhören erscheint die Bedeutung des Körpers, des menschlichen Untergangs bei beiden im Mittelpunkt zu stehen. Stücke wie „Come On Kiki“, „David’s Got A Problem“ und „ Arnie And Bill To The Rescue“ widmen sich dem Leben und Schaffen bedeutender Künstler*innen, die oder deren Lebenspartner*innen an AIDS starben – darunter die deutsch-amerikanische Bildhauerin Kiki Smith und David Wojnarowicz, ein bekannter Künstler und AIDS-Aktivist aus New York. Sie alle werden von Wells nicht vergessen, erhalten auf REGARDS TO THE END ein musikalisches Requiem. Und was für eins. Emily Wells hat mit ihrer neuen Platte ein extrem vielschichtiges Kunstwerk erschaffen, halb orchestral, halb minimalistisch. Zu elektronischen Elementen gesellen sich Flötenund Geigen-Loops, die Sounds wabern und vermengen sich zu einem dann doch homogenen Klanggemisch. Und über allem liegt Wells Stimme, die selbst zum Instrument wird, wenn sie die Töne unsäglich lang zieht, Oktaven in einem Atemzug umfasst. Worte werden hier zu Bildern, ihre poetischen Textzeilen sollen Gefühl vermitteln, keine Fakten. Und das Gefühl bleibt.

★★★★★

Emma Wiepking

Worte werden Bilder, und das Gefühl bleibt.

Klingt wie: Elder Island : THE OMNITONE COLLECTION (2019) / Björk: HOMOGENIC (1997) / Agnes Obel: MYOPIA (2020)

Tears For Fears

The Tipping Point

Concord/Universal (VÖ 25.2.)

Die großen Tage kommen nicht wieder, aber ein schöner Pop- Song reiht sich an den nächsten. So viel kann schiefgehen, wenn alte Helden es noch einmal wissen wollen. Auf der einen Seite die Gefahr, überambitioniert zu Werke zu gehen, zu viel zu wollen, die alte Glorie auf Teufel komm raus zurück erzwingen zu wollen. Auf der anderen die vielen müden Comebacks desillusionierter mürrischer Männer (seltener Frauen), die einen letzten Scheck zum Abzahlen des Sommerhauses in der Toskana brauchen. Tears For Fears gelingt auf THE TIPPING POINT das seltene Glück eines würdigen, wertigen dritten Akts. Nichts wird hier zwangsmodernisiert zu Tode produziert. Trotzdem ist eine natürliche Entwicklung des klassischen Sounds zu bemerken, die Neugier am Ausprobieren neuer Ideen im Korsett des Altbewährten. Unaufgeregt und gereift reiht sich ein schönes Lied an das nächste. Kurzweilig, abwechslungsreich und verspielt. Es gibt weiß Gott schwächere Tears-For-Fears-Alben. Die großen Hit-Tage sind zwar lang vorbei, und kommen auch nicht wieder. Aber das wissen Curt Smith und Roland Orzabal − und machen das Beste daraus. Für sich und für ihre Fans. Nicht jeder muss die Welt regieren.

★★★

Stefan Redelsteiner

Tennyson

Rot

Counter/Rough Trade (VÖ: 18.2.)

Electronica, die variantenreich und trotzdem ungemein eingängig die Indie-Disco stürmt.

Mit ROT veröffentlicht der Kanadier Tennyson sein Debütalbum, das mit Tracktiteln zwischen hastigem Slang („Feelwitchu“, „Reallywanna“) und kurz angebundener Unmissverständlichkeit („Door“, „Iron“, „Leaves“) aufwartet. Spätestens 2019 hatte er sich mit den EPs DIFFERENT WATER und TELESCOPE, damals noch als Duo mit seiner Schwester, genug Aufmerksamkeit erspielt, um als internationaler Hoffnungsträger zu gelten. Seine musikalische Formel dafür: Pop, feinsinnig produzierte Beats aus elektronischen und analogen Klangerzeugern, schmachtende Hooks und ein relativ unüblicher Abwechslungsreichtum, was Rhythmik und Thematiken seiner Tracks anbetrifft. Wollte er auf „You“ von 2019 noch mit seiner Angeschmachteten Zähneputzen, vertont er auf dem bereits erwähnten „Iron“ einen kafkaesken Albtraum, den er nach eigenem Bekunden selbst erlebt haben will. Positiv und vehement indiediscotauglich hört sich das alles dennoch an, macht mit seiner Zuckergussmischung aus Arthur Russell (ein klein wenig) und SOHN (weitaus mehr) aber nicht viel verkehrt.

★★★

Maximilian Fritz

Johnny Marr

Fever Dreams Pts 1 -4

BMG Rights Management/ Warner (VÖ: 25.2.)

Mehr Hollywood-Widescreen, weniger Britpop-Wurschtigkeit: Das bislang ambitionierteste Solo-Werk des Ex-Schmidt.

Johnny Marr klang, wenn er sang, schon immer wie eine Melange aus den Sängern, mit denen er in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte: Bernard Sumner zum Beispiel, aber allen voran natürlich Morrissey. Seine Soloalben sollen scheinbar als Surrogat dienen für eine Smiths-Reunion, die wohl nie kommen wird. Das war in der Vergangenheit ein Problem, da ihm die textliche Schärfe, der Witz und das Charisma seines kongenialen Ex-Partners abgehen. Es hilft auch nicht wirklich, dass er auf seinen eigenen Platten sehr sparsam mit dem ihm einst so eigenen elegant-verspielten Gitarren-Jangle hantiert. Wuchtige Britrock-Riffs brettern da schon mal eher durch die Gegend. Eine lebende Legende, die sich also seit 35 Jahren weigert, den Leuten zu geben, was sie wollen. Aber mit FEVER DREAMS PTS 1-4 legt Marr sein ambitio niertestes Solo-Werk vor, ist es doch ein Doppelalbum. Die Zusammenarbeit mit Hans Zimmer für den Bond-Soundtrack von „No Time To Die“ scheint in Songs wie „ Ariel“ nachzuhallen. Mehr Hollywood-Widescreen also − und weniger obercoole Mad chester-Wurschtigkeit. Hits, die richtig zünden, sucht man bei Marr solo aber weiterhin vergeblich. Es bleibt dabei: Die beste Figur hat er seit dem Smiths-Aus als Gun for hire gemacht, auf den Platten anderer Leute.

★★

Stefan Redelsteiner

The Districts

Great American Painting

Fat Possum/Membran (VÖ: 18.2.)

Der Pop-Rock der US-Band er - reicht seeeeeehr langsam, aber sicher den Reifegrad.

Es gibt Bands, die schlagen wie Kometen ein in der Musikwelt. Und dann gibt es solche, die den Planeten Pop nicht gerade in Lichtgeschwindigkeit ansteuern. Zu Letzteren zählen sicher The Districts aus Pennsylvania, die es nun auch schon seit 2009 gibt und die auf ihrem neuen Album GREAT AME- RICAN PAINTING im zwölften Jahr des Bestehens langsam den perfekten Reifegrad erlangt haben. Musikalisch ist das Trio um Gitarrist und Sänger Rob Grote zwischen Rock, 90er-Emocore und zuckrigem Indie-Pop anzusiedeln; vor allem dem ausgefeilten Songwriting und den durchdachten Arrangements ist anzumerken, dass die Herren nicht erst seit gestern Musik machen. Mit „No Blood“, das stark von den Shins beeinflusst ist, ist ihnen ein echter Hit gelungen, den Refrain des Songs kann in Coronazeiten wohl auch jeder blind unterschreiben: „Cause there’s no fun / Left in this town“, singt Grote da. Daneben stehen rockigere Stücke wie „Long End“ oder das electro-poppig angehauchte „I Want To Feel It All“. Wenn die Districts im Titel nach dem GREAT AMERICAN PAINTING, dem „bigger picture“ der USA der Gegenwart suchen, so ist das ihrem Sound deutlich anzuhören: Hier werden sämtliche US-Rock-und Poptraditionen jüngerer Jahre auf überzeugende Art und Weise durchexerziert.

★★★★

Jens Uthoff

Spiritualized

Everything Was Beautiful

PIAS/Bella Union /Rough Trade (VÖ: 25.2.)

Ein Wall Of Sound als Liebeserklärung an die Droge Musik.

Geschenkausgabe hinterm Gospel-Schalter: „If you want a radio / I would be a radio for you / if you want an aeroplane /I would be an aeroplane for you.“ So geht das los auf dem neuen Album von Spiritualized, mit durchaus feierlichen Keyboard-Klängen und einer sanften Melodie, nach hinten raus wird’s spektakulär spectoresk. Ein paar Wochen früher und wir hätten den Einstiegssong für eine SHOEGA- ZE HOLIDAY GREETINGS-Compilation gehabt. „Always Together With You“ heißt diese Lieblichkeit von Song, J Spaceman alias Jason Pierce hat selber 16 verschiedene Instrumente eingespielt und sich Unterstützung von Streicher- und Bläsergruppen, Chören und befreundeten Acts wie John Coxon und seiner Tochter Poppy eingeholt. Eine musikalische Umarmung im ausgedehnten Spiritualized- Format, die alles von Folk bis freien Jazz einschließt, was der Mann sich in seinem Kopf so zusammensummen kann. Auch schon mehr als 30 Jahre her, dass Pierce seine Kunst erläuterte: „Taking drugs to make music to take drugs to.“ Letzteres mag auch heute noch seine Gültigkeit haben, des Spacemans Stimme schwimmt irgendwie irgendwo durch die Soundschichten, manchmal verklumpt sie in einem Akt der Träumerei mit den Drone-Mustern und den langen Gitarrenbahnen, dann sticht sie mit einer herzlichen Melodie hervor. Alles gut, alles besser bei Spiritualized 2022.

★★★★

Frank Sawatzki

Ein Besuch in der Geschenkausgabe hinterm Gospel-Schalter.

Oska

My World, My Love, Paris

Nettwerk (VÖ: 25.2.)

Mal stiller, mal schwelgerischer Nicht-nur-Akustik-Pop, der eher nach Laurel Canyon als nach dem Waldviertel klingt.

Oska klingt immer ein kleines bisschen verwundert. So, als wäre sie gerade zum ersten Mal aus dem Haus getreten, vielleicht in den frischen Morgentau hinein, und würde das jetzt alles zum ersten Mal sehen; die Blumen, die Tiere, und nicht zuletzt die Liebe. Das liegt zuallererst an dieser Stimme, die gleichzeitig fleht und hüpft, die expressiv ist, dieses Expressive aber nie als Selbstzweck sieht. Den zwei Handvoll Tracks, die über die letzten zwei Jahre erschienen und die für aufgeregtes Kritiker-Hufescharren auch außerhalb Österreichs sorgten, folgt nun also ihr Debüt album MY WORLD, MY LOVE, PARIS. Es unterstreicht ihre Kernkompetenzen, öffnet aber auch ein paar neue Türen. Kernkompetenzen, weil Oskas Stärke immer noch die angefolkte Popballade ist, angesiedelt zwischen Laurel Canyon und Filmabspann, wir hören sie hier gleich mehrmals, am schönsten ist neben dem bereits bekannten „Woodstock“ vielleicht „Misunderstood“ mit seinen seufzenden Streichern und seiner Verwahrung gegen die Analysen der Küchenpsychologie. An anderer Stelle zieht Oska das Tempo aber durchaus an, mischt in Songs wie „Starstruck“ oder „Mona Lisa, A Girls Best Friend“ Beats und kontemporäre Pop-Strukturen in ihre Songs. Am besten ist Oska, die mit echtem Namen Maria Burger heißt, aber immer dann, wenn man sich solche Gedanken gar nicht mehr macht, wenn einfach Melodie und Wortwitz übernehmen, etwa in „ABC“, einer kleinen Geschichte über drei Buchstaben, die in einem großen Finale mündet, ein bisschen wie die Platte, die sich ihre größten Trümpfe auch fürs Ende aufhebt. Berührend.

★★★★★

Jochen Overbeck

Story S. 20

Goldstoned

You Do It Cause You Love It

Firestation

Vom Liebhaber für Liebhaber*innen: Kenner-Pop, der sich schon sehr gut auskennt.

Sophisticated-Pop zu spielen, bedeutet, weniger Platten zu verkaufen, als man in der heimischen Sammlung hortet. Ein Problem ist das nicht, denn: YOU DO IT CAUSE YOU LOVE IT. Patrick Goldstein, Lokalredakteur bei einer Berliner Tageszeitung, veröffentlicht seit Dekaden alle Jubeljahre Singles und Alben für eine treue Kenner*innenschaft. Dieses neue Album unter dem Projektnamen GOLDSTONED könnte sein letztes sein, schreibt er, weshalb er noch einmal alles an Einflüssen zusammengerafft hat. Über allem schweben die Geister von Burt Bacharach und Brian Wilson, die Basis legen Northern Soul, 60ies- Beat und britischer Indie-Pop der 80er-Jahre, die Stilberatung übernehmen Ikonen wie Paul Weller, Edwyn Collins oder Neil Hannon von The Divine Comedy. Entstanden sind die Lieder im Heimstudio, das Patrick Goldstein Pat Sounds getauft hat, die Familie hat beim Gesang mitgeholfen, bei Mini- Zwischenspielen sind Vinyl knistern und nachgemachte Radio-Jingles zu hören: alles irre gemütlich, irre toll. Musikalischer Höhepunkt: „A Brand New Way“, das klingt, als hätten sich die High Llamas auf einer House-Party verirrt.

★★★★

André Boße

Klingt wie: The Style Council: CONFESSIONS OF A POP GROUP (1988) / The Divine Comedy: BANG GOES THE KNIGHTHOOD (2010) / Nah…: NAH… (2020)

Boulevards

Electric Cowboy: Born In Carolina Mud

New West/PIAS/Rough Trade (VÖ: 11.2.)

Funk-Soul, der einem den Glauben schenkt, dass alles gut wird.

Wir nennen es Retro- oder Neo-, versuchen Entwicklungen zu identifizieren und Bezüge herzustellen, aber es bleibt schlussendlich doch immer dasselbe: Soul. Seien wir ehrlich: Der Soul von heute klingt nicht so viel anders wie der von vor einem halben Jahrhundert. Warum? Weil er es kann. Und, auch nicht ganz unwichtig: Weil’s warm groovt und auch noch die wahrlich zentralen Menschheitsfragen verhandelt werden. Oder, wie Jamil Rashad alias Boulevards aus Raleigh, North Carolina, auf seinem dritten Album singt: „How do you, how do you feel?“ Ja, darum geht es auf ELECTRIC COW- BOY: BORN IN CAROLINA MUD: um die Liebe, die verschwunden ist („Where Is Da Luv?“), um die Probleme, die einfach nicht verschwinden wollen („Problems“), um das Leben, das zwischen den Fingern verrinnt („Ain’t Right“). Und so altmodisch, so zeitlos wie die Themen ist auch die Umsetzung: ein warmes, wundervolles Soul-Vollbad mit funky Gitarren, wonneweichen Keyboards und kuscheligen Melodien. Mitgewirkt und zum Teil produziert hat Adrian Quesada, eine Hälfte der Black Pumas, das kann man hören. Die Outlaw-Country-Lady Nikki Lane singt mit Jamil Rashad im Duett, aber eine Country-Platte ist das nicht. Trotzdem aber vor allem Musik, die einen liebevoll umfängt, die Seele massiert und einen entlässt mit dem schönen Gefühl, dass jede Unbill nur der Preis ist für das nächste Glück.

★★★★★

Thomas Winkler

King Hannah

I’m Not Sorry, I Was Just Being Me

City Slang/Rough Trade (VÖ: 25.2.)

Das Liverpooler Duo findet die Brüche im eigenen, verdammt coolen Psych-Slowcore.

„If you do not like what I’m singing about / Well, then you really don’t have to listen / You can just turn me off“, lässt Hannah Merrick, eine Hälfte von King Hannah, im Song „The Moods I Get In“ wissen. Wie schon der Titel ihres Albumdebüts verrät, haben Merrick und Duopartner Craig Whittle wenig Interesse daran, sich anzubiedern. Was die beiden auf I’M NOT SORRY, I WAS JUST BEING ME mit Bandverstärkung inszenieren, ist dann auch vor allem: Atmosphäre. Dunkel und geheimnisvoll mäandern die Stücke wie ein nebelverhangener Bayou im tiefen Tennessee. Die E-Gitarren flackern und brodeln, das Schlagzeug pocht unheilvoll und Merrick und Whittle oszillieren am Mikrofon zwischen Apathie, Laszivität und Bedrohlichkeit. Die Wirkung: aufgestellte Nackenhaare, wohlige Schauer, Anflüge von Trance. Vielleicht auch ein schiefes Lächeln, angesichts eines albernen Titels wie „Foolius Caesar“ (ein Song übrigens, der nach Portishead mit Rock-Instrumentarium klingt). Oder wenn die unnahbar wirkende Merrick aus dem Nähkästchen plaudert, dass sie früher Bettnässerin und ein wildes „Go-Kart Kid“ war. Es ist immer schön, wenn coole Fassaden Brüche zeigen.

★★★★

Nina Töllner

Hippo Campus

LP3

Fat Possum /Grand Jury/Membran

Indie-Poprock, der erwachsener sein möchte, als es ihm gut tut.

Was soll man einer Band wünschen, deren Mitglieder sich selber Spitznamen wie „Beans”, „Espo“, „Turntan“ oder „Stitches“ verpasst haben? Dass Hippo Campus, die sich einst an der Musikschule in Minnesota zusammenfanden, mit Album Nummer drei erwachsen werden. Angesichts von LP3 darf man feststellen: Die Mission war erfolgreich, der an Vorbildern wie Vampire Weekend geschulte, immer leicht tanzbare Indie-Poprock ist abwechslungsreich, vielschichtig und macht absolut gar nichts falsch. Er macht aber halt auch leider kaum etwas so richtig toll. Es gibt haufenweise Songs wie die Vorabsingle „Boys“ oder „2 Young 2 Die“ mit seinem spektakulär seltsamen Arrangement, die prima anfangen, mit der Zeit eine schöne Spannung aufbauen, aber dann das Versprechen leider nicht einlösen und nie richtig losgehen. Und wenn sich dann wie in „Ashtray“ die Stimmen zum gemeinsamen Refrain aufschwingen, klingt das wie eine müde Erinnerung an die verlorene Jugend, und das darauf folgende „Bang Bang“ dann endgültig nach einem 24-Jährigen, der glaubt, dass er sein ganzes Leben schon hinter sich hat. Aber warum nicht: Als melancholischer Rückblick auf die Adoleszenz funktioniert LP3 dann doch erstaunlich gut.

★★★

Thomas Winkler

Superchunk

Wild Loneliness

Merge/Cargo (VÖ: 25.2.)

Großartige Gäste bereichern die Welt der Indie-Rock-Institution.

Indie-Poesie der Sonderklasse: „I’m a broken record, I’m a year-round bummer / I’m not ready for an endless summer.“ Der ewige Sonnenschein ist für die melancholische Seele eine echte Bedrohungslage, denn dann soll man raus aus dem Haus, weg von den Platten, dem Bett, den Büchern, Filmen oder Postern an der Wand. INDOOR LIVING haben die Indie-Rock-Altmeister Superchunk (Bandgründung 1989) eine ihrer früheren Platten genannt, eine Hommage ans Drinnenbleiben. Lockdowns müssten diesen Leuten also gut gefallen, andererseits will der Mensch ja immer das, was er gerade nicht haben kann. Weshalb Superchunk aus der Isolation heraus ein Album geschrieben haben, das trotz aller Stubenhocker-Poesie den Drang vermittelt, Fenster und Türen zu öffnen und auf Parkbänken zu sitzen, ohne dabei zu frieren. Beim oben zitierten Song „Endless Summer“ sind Norman Blake und Raymond McGinley vom Teenage Fanclub als Harmoniesänger dabei, was aus dem Stück sofort den Hit für den Moment macht. Auch für die anderen Stücke von WILD LONELINESS haben Superchunk ihr Netzwerk angezapft: Owen Palett hat Streicher arrangiert, Andy Stack von Wye Oak spielt auf dem Titelsong ein Saxofon-Solo, Sharon Van Etten und Tracyanne Campbell von Camera Obscura singen. Angst, dass die klassischen Superchunk von den Gästen untergebuttert werden? „Refracting“ hören, auf den Frühling freuen!

★★★★

André Boße

V.A.

Songs of Gastarbeiter Vol. 2

Trikont/Indigo

Die deutsche Provinz als Melting Pot: Die Migranten-Musik der ersten Generation vermischt Heimat und Fremde.

Noch 2020 sorgte die Compilation- Reihe „Heimatlieder aus Deutschland“ für Aufregung in deutschtümelnden Raune-Bubbles – eine linke Unterwanderung witterte man bei der AfD, sind diese Heimatlieder doch Lieder aus den Heimaten von Menschen, die in Deutschland leben. Die 2013 gestartete Reihe SONGS OF GASTARBEITER beim Label Trikont erklärt sich im Titel hingegen selbst. Das DJ-Duo AYKU kuratiert nun zum zweiten Mal Musik, die in Deutschland für die seit den späten 1950ern wachsenden Communitys migrierter Arbeitskräfte und ihrer Familien entstanden ist. Musik für Erste-Mai-Feiern auf Griechisch, für türkische Hochzeiten und spanische Kulturzentren, Musik der sogenannten ersten Generation, die vom Verlust der Heimat handelt wie vom (Nicht-)Ankommen in Deutschland. Sichtbar wurde diese Musik im letzten Jahr etwa durch das um Jahrzehnte verspätete Debüt des ersten deutschsprachigen aus der Türkei stammenden Liedermachers Ozan Ata Canani, dessen Stück „Alle Menschen dieser Erde“ hier in einem Remix von Shantel die Sammlung eröffnet. In den 1960ern bereits mit zahlreichen Goldenen Schallplatten ausgezeichnet hingegen (ohne ein household name in Deutschland zu werden, natürlich), ist die „Nachtigall von Köln“, Yüksel Özkasap. Ihr Stück „Almanya‘ya Mecbur Ettin“, einst erschienen beim Kölner Label Türküola, handelt von der Armut in der Türkei, die Özkasap wie viele nach Deutschland zwang. Aber die neue Folge weitet den Blick über die türkeistämmige Community hinaus. Es gibt Beat von Los Bikinis und Rembetiko von Minotauros. Und mit „Cherie“ von Bayon auch ein Stück aus der DDR, in dem der Kambodschaner Sonny Thet Jazz, Rock und asiatische Musiktraditionen fusioniert. Eine Sammlung, die kulturhistorisch relevant ist im Sichtbarmachen von einst kaum außerhalb der jeweiligen Communitys wahrgenommenen Szenen, die aber auch musikalisch überall blüht und oft genug mit gewagten stilistischen Kombinationen überrascht, sodass selbst Karlsruhe im Rückblick so Melting Pot scheint wie New York.

★★★★

Steffen Greiner

Die neue Folge weitet den Blick über die türkische Community hinaus.

Kaina

It Was A Home

City Slang/Rough Trade (VÖ: 4.3.)

Alles wird gut: Neo-Soul mit einem Versprechen und Sleater- Kinney als Gast.

Ein City-Slang-Coup: Die Berliner Indie-Spezialisten haben Kaina unters Dach geholt, eine irre talentierte Neo-Soul-Singer/Songwriterin aus Chicago, deren hyperoptimischer Stil direkt ins Auge fällt. Auf dem Cover ihrer ersten Platte NEXT TO THE SUN inszenierte sich die Künstlerin in einem rosafarbenen Wolkenkuckucksheim. Das Bild war nicht ironisch gemeint: Kainas Talent ist es, harte und dunkle Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend in der lateinamerikanischen Community umzudeuten, den negativen Erlebnissen positive Vibes zu verpassen. Das zweite Album IT WAS A HOME setzt das Konzept fort, dieses Mal flattern Schmetterlinge auf dem Cover, Kaina schaut verträumt, ihre Botschaft: Alles ist gut, wird gut. Das muss nicht die Wahrheit sein, schenkt aber ein gutes Gefühl, trägt zur Heilung bei, so ihre Haltung. Die Musik auf luftig dahinfließenden Stücken wie „Come Back As A Flower“ klingt wie ein Soundtrack zur Geborgenheit: Soul und Neo-R’n’B, Dreampop-Gitarren, sanfte Latin-Einflüsse. Dazu bei „Ultraviolet“ ein Gastauftritt von Sleater-Kinney: Die Band hatte Kaina 2019 als Konzertgast dabei, hier versorgen Carrie Brownstein und Corin Tucker das Stück mit dezent gesetzter Gitarren-und Schlagzeug-Wucht.

★★★★

André Boße

Klingt wie: Celia Cruz: SON CON GUAGUANCÓ (1966) / Stevie Wonder: TALKING BOOK (1972) / Jamila Woods: HEAVN (2016)

FKA Twigs

Caprisongs

Young and Atlantic

Hechtsprung in den Pop: Die ewig Sperrige hat Bock auf Gäste, Sonne und Reggaeton.

Für alle, die’s nicht parat haben: Das Jahr beginnt mit der „Capricorn Season“, der Zeit des Steinbocks also. Bevor sie endet, widmet FKA Twigs (selbst auch Steinbock!) dem Tierkreiszeichen ihr neues Mixtape CAPRISONGS. Wer mit leicht esoterischer Astro- und Empowerment- Rhetorik wenig anfangen kann, wird vermutlich nicht so furchtbar glücklich damit, was FKA Twigs zu erzählen hat, denn es geht hier gewissermaßen um die Auferstehung der Britin − mit der Kraft der Planeten, Sterne und Selbstliebe. Aber, beim Barte des Steinbocks: Man gönnt ihr das auch. Nach dem Schmerzens album MAGDALENE (2019) findet die ewig Sperrige nun mit einer Handvoll Supergäste zu Leichtigkeit − und Zugänglichkeit. Twigs’ Stolperbeats und Rhythmusbrüche bleiben hart, die Chöre im faszinierenden Song „Honda“ mit dem Rapper Pa Salieu schön unbehaglich. Aber dann ist da auch der fast Sade-hafte R’n’B-Schmuser „Careless“, der knochentrockene Reggaeton-Entwurf „Papi Bones“ mit Shygirl und das ungewohnt offensiv 90er-Pop-hafte Stück „Tears In The Club“ mit The Weeknd, produziert von den Größen Arca, El Guincho und Cirkut. Wenn es tatsächlich die Sterne waren, die FKA Twigs zu diesem Hechtsprung in den Pop geleitet haben, haben sie einen sehr guten Job gemacht.

★★★★★

Julia Lorenz

Teno Afrika

Where You Are

Awesome Tapes From Africa/ Cargo

Nach dem gefeierten Debüt legt der Südafrikaner Amapiano für die Après-Club-Couch nach.

Viel war in letzter Zeit von der südafrikanischen Variante die Rede. Noch mehr reden sollten wir aber über die südafrikanische Variante von House, die sich Amapiano nennt und steigender Beliebtheit erfreut; aus dem Underground heraus inzwischen in den südafrikanischen Mainstream hinein. Es sind vor allem junge bis sehr junge DJs und Electro-Produzenten, die das Genre zwischen House, Acid-Jazz, dem 90er-inspirierten Kwaito und dessen 10er-Jahre- Version namens Gqom vorantreiben; etwa Kgothatso Tshabalala, 19, und Zakhele Mhlanga, 18, die zusammen Native Soul sind und ihre TEENAGE DREAMS (2021) träumen. Oder eben Lutendo Raduvha, 22, alias Teno Afrika, der gerade erst sein gefeiertes (und auch kommerziell für das Label enorm erfolgreiche) Debüt AMA- PIANO SELECTIONS (2020) vorlegte und nun schon nachlegt mit einer aktualisierten Klangstandortbestimmung: WHERE YOU ARE. Während Native Soul mehr für den Tanzboden produzieren, fühlt man sich bei Teno Afrika, dessen Leben sich zwischen Johannesburg und der Gauteng-Provinz, der Amapiano-Wiege abspielt, schon auf der Après-Club-Couch, allein was die Bpm-Drehzahl angeht. Hinzukommen geschmeidige Vocals, etwa von Leyla und KayCee im Track „Fall In Love“. Trotzdem fehlt die Amapiano-typische Klangsignatur nicht: Shaker und Hi-Hats, die zum Schäkern und High-Werden verführen.

★★★★

Stefan Hochgesand

Sven Väth

Catharsis

Cocoon/Alive (VÖ: 25.2.)

Der Techno-Oberdon feiert eine große Katharsis leider aber nur als Retro-Party.

„Ich will feiern / Will wieder spüren / Schwitzen / Und dich berühren“, croonte Sven Väth im September auf seiner ersten Single seit 15 Jahren. Schal schmeckte das, weil er kaum ein halbes Jahr zuvor noch durch das zu dieser Zeit von der Ausbreitung des Covid-19-Virus schwer in Mitleidenschaft gezogene Indien getourt war − und weil der von Gregor Tresher produzierte Tech-House-Track mit Nu- Disco- Anleihen nicht dem fulminanten Comeback gleichkam, das damit angekündigt werden sollte. Das folgende Album CATHARSIS bemüht sich sichtlich, Material für jede Stimmungslage und Dancefloor- Schicht anzubieten. Es mangelt aber in der Breite an innovativen Ideen, wie sie von Väth in der Vergangenheit immer wieder vorgebracht wurden. Electro- und Breakbeat-Nummern schmiegen sich an den Zeitgeist an, Minimal-Tracks und Ambient-Interludes hängen im luftleeren Raum. „My musical footprints / From different decades / Reflect my life path“, intoniert Väth auf dem Italo- und EBM-inspirierten Opener – in die Zukunft führen ihn seine Schritte aber nicht.

★★

Kristoffer Cornils

Beach House

Once Twice Melody

PIAS/Bella Union/Rough Trade (VÖ: 18.2.)

Sie wissen noch nicht, was diese Euphancholie ist? Hören Sie unbedingt diesen Shoegaze!

Platten von Beach House starten immer auch mit dem Versprechen, dich mit auf einen Trip zu nehmen. Dann braucht es nur wenige Takte, bis die beschwörende Alt-Stimme der Nico-haften Victoria Legrand einen samt grundierend-repetierend-hypnotisierender Orgel-Patterns derart eingelullt hat, dass man nicht mehr weiß, ob man wacht oder schlafwandelt – geschweige denn, was der feine Unterschied wäre. Die maximal ambivalente Stimmung von Euphancholie (um mal aus Benedict Wells’ Roman „Hard Land“ diesen wunderbar treffenden Neologismus aus Euphorie und Melancholie zu klauen) liefern Beach House seit anderthalb Jahrzehnten, diesmal allerdings mit besonderer Liefer-Taktung: Vier im Monatsrhythmus veröffentlichte „chapter“ mit je vier bis fünf Tracks ergeben nun zusammen die Doppel-LP ONCE TWICE MELODY, das nunmehr achte, aber erstmals komplett eigenproduzierte Album des Shoegaze-Duos aus Baltimore, das zweifelsohne zu den besten lebenden Bands der Welt zählt. Der titelgebende Opener setzt mit Synthie-Flirren ein, dann halb ernst gemeinten Drones – und einem für Beach House ungewohnt schnellen Beat und überraschend dreckigen Gitarrenriff von Alex Scally. Akustische Streicher (auch eine Premiere bei Beach House) verpassen dem Ganzen einen edel-opulenten Anstrich. Auf „Pink Funeral“ dann auch endlich massiv Orgel-Ostinato, wie wir es bei Beach House lieben. Das Album hat zwar weit weniger Ohrwurm-Potenzial als die Meisterplatte TEEN DREAM (2010), aber entwickelt doch in seinem massiven Sound eine enorme psychedelische Wucht. Man darf bloß nicht allergisch sein gegen Flieder, Lilien, Anemonen in den Lyrics; oder Lichter, Engel und Heiligenschein – oder Verweise auf Hardcore-Depressionen. „Only You Know“ verwandelt Dream-Pop in Dream-Rock mit verstörend-schönen Dissonanzen. „Finale“ (wenngleich nicht der finale Track) ist so viel Lebensratgeber, wie es ihn bei Beach House wohl nie zuvor gab. Für den Fall, dass man vergessen habe, wozu man ein Herz habe, empfiehlt Victoria Legrand in den Lyrics: rote Sonnenbrille, Lollipop, ein Kleid mit Tupfern drauf und reichlich Konfetti auf dem Boden. Ja, was will man mehr? Die Musik von Beach House ist jedenfalls warm wie Strandsand, der nachts noch einen Teil der Wärme vom Mittag ausströmen lässt.

Voller Flieder, Lilien, Anemonen, warm wie Strandsand − kein Album für Allergiker.

★★★★★

Stefan Hochgesand

Themeninterview S. 8, CD im ME S. 3

Leslie Clio

Brave New Woman

House Of Clio/Sony

Selbstbestimmter Pop-Soul von der Sonnenseite des Lebens.

Drei Alben lang deutete es sich mehr und mehr an. Mit BRAVE NEW WO- MAN schwimmt sich Leslie Clio nun endgültig frei. Mit House Of Clio gründete sie ein eigenes Label, übernahm die gesamte Produktion und setzt auf ein komplett weibliches Kernteam. Sehr gut. Dass sie bis auf das

Camouflage-Cover „Love Is A Shield“ alle Songs selbst schrieb, bleibt da fast schon eine Randnotiz. Die Stimmung trübt nur etwas, dass sich mit ihrem vierten Werk das umgekehrte Star-Trek-Schema einschleicht. Jedes ungerade Album: top. Jedes gerade will hingegen nicht ganz so zünden. Zeigte PURPLE noch die dunkle Seite der Sängerin, lässt BRAVE NEW WOMAN die Sonne erneut scheinen. Den Einsatz der Elektronik fährt Clio wieder deutlich zurück. Zu Beginn steht mit „Girl With A Gun“ ein selbstbewusstes Hohelied auf die eigenen Stärken, eine Erinnerung daran, sich ihrer immer bewusst zu bleiben, und der Wunsch, diese Erkenntnis auf diesem Weg zu teilen. Je mehr Clio das Arrangement wie im melancholisch süßem „Comment Allez-Vous?“ zurückfährt, umso besser funktioniert BRAVE NEW WOMAN. Doch zu viele Songs wie das vor sich hinpfeifende „Good Trouble“ kratzen nur an der Oberfläche. Auf der anderen Seite können wir nach zwei Jahren Pandemie etwas mehr Sonnenschein und Positivität sicher brauchen.

★★★

Sven Kabelitz

4 FRAGEN AN LESLIE CLIO

Du veröffentlichst BRAVE NEW WOMAN auf dem eigenen Label und arbeitest vor allem mit Frauen. Willst du auch andere Künstlerinnen herausbringen?

Ich habe House of Clio gegründet, um als Künstlerin unabhängig zu sein. Selbst und weiter Musik zu machen, das bleibt vorerst mein Fokus.

Du sagst, dass du dich bei diesem Album endlich hundertprozentig wiederfindest. Wie viel von dir versteckten dann die bisherigen Alben?

Alle meine Alben sind inhaltlich zu 100 Prozent ich – und eine unmittelbare Momentaufnahmen aus meinem Leben. Ich habe auch schon mein letztes Album co-produziert, meine Songs immer schon selbst geschrieben und meine Alben selbst kuratiert. Auf BRAVE NEW WOMAN habe ich nun aber auch die komplette exekutive Produktion selbst übernommen, einige Stücke komplett allein produziert. Es gab keinen festen Co-Produzenten oder ein Produktionsteam um mich rum. Ich hatte das Gefühl, das auch alleine zu können, und hatte Lust, mich als Produzentin weiterzuentwickeln. Ich habe auf mich selbst gesetzt, deshalb habe ich das Album letztendlich auch BRAVE NEW WOMAN genannt.

Ist die positive Grundstimmung des Albums eine Trotzreaktion auf Corona?

Auf BRAVE NEW WOMAN dreht sich alles um Self Empowerment, um Eigenverantwortung und Selbstbestimmung also. Es geht darum, bedingungslos das Beste aus sich und seinem Leben zu machen und immer auf sich selbst zu setzen. Auch allen äußeren Umständen wie zum Beispiel einer Pandemie zum Trotz, klar.

Du distanzierst dich von Gewalt, Krieg und Waffen, dennoch nutzt du eine Pistole als Bild deiner eigenen Stärke in „Girl With A Gun“. Ein Widerspruch?

Als ich „Girl With A Gun“ geschrieben habe, hatte ich zuerst den Titel. Ich habe überlegt, wofür dieses Bild metaphorisch stehen könnte: für Unaufhaltsamkeit, Mut und Lebenserfahrung. Eine Geschichte vom Seine-Frau-(oder Mann)-Stehen und auf sich selbst setzen. Dieses Bild im Video so darzustellen, war für mich ein logischer Schritt. Ich möchte, dass Menschen, die meine Musik hören, sich daran erinnern, dass man selbst immer seine mächtigste und stärkste Waffe ist. Do you!

Amos Lee

Dreamland

Dualtone/Bertus (VÖ: 11.2.)

Guter alter Gebrauchspop für jene, die sich schon lange nicht mehr selber spüren.

Wer kennt sie nicht, wer braucht sie schon: die gute alte Kaufhausmusik. Oder jene Klänge, die man als Sounduntermalung in den Programmhinweisen der TV-Sender findet, während die schnell aufeinander geschnittenen Bilder seelenloser Blockbuster uns ins Feierabend-Delirium beamen. Funktional, aber berührend soll das dann klingen − und man meint, mit Songs aus dem kleinen Harmonie-Baukasten und Texten voller pseudo-emotionaler Plattitüden wird hier geliefert. „I can be free again!“, röhrt Amos Lee in einem seiner bombastischen Refrains. Das soll voll soulig wirken und einen aufregenden Kontrapunkt zu den jazzig-laid-back daherkommenden Strophen wecken. In den USA ein Charts-Topper erfüllt auch DREAMLAND alle Kriterien, um das Heartland von Maryland bis Idaho daran zu erinnern, dass 1A-Pop am besten steril, humorlos und unterhalb der Gürtellinie zwangsbetäubt zu klingen hat. Klar, U2-Fans, denen ACHTUNG BABY zu crazy war, können hier bedenkenlos zugreifen. Für alle anderen kann aber keine Empfehlung ausgesprochen werden. „I just wanna hold you, yeah!“ Nein, Mann, bitte nicht.

Stefan Redelsteiner

Klingt wie: Ray LaMontagne: MONOVISION (2020) / Hootie & The Blowfish: CRACKED REAR VIEW (1994) / David Gray: WHITE LADDER (1998)

Acht Eimer Hühnerherzen

Musik

Kidnap/Cargo (VÖ: 25.2.)

Nun auch mit Tod, Glockenspiel und sogar E-Gitarre: Wenn schon Punk, dann diesen!

In „Genug“ brechen Acht Eimer Hühnerherzen die eigene Grundregel: Da lärmt zum atonalen Ende eine echte elektrische Gitarre. Es war die einzige Regel, die sich die Berliner Band selbst gegeben hatte, auf ihrem dritten Album mit dem schönen, wenn auch naheliegenden Titel MUSIK landet sie nun auf dem Müllhaufen der Punk-Geschichte. Und? Auch schnurzegal! Denn Apokalypse Vega, Herr Bottrop und Bene Diktator, die zur Texterin/Sängerin umgeschulte Künstlerin und die beiden Kreuzberger Institutionen, erweitern ihren extrem unterhaltsamen, aber trotzdem unpeinlichen Dada-Punk nicht nur musikalisch mit Posaune, Cello, Klavier, Glockenspiel und der eigentlich verbotenen E-Gitarre, sondern auch inhaltlich mit immer mehr Ernsthaftigkeit. Nicht, dass Frau Vega hinter ihrer grandiosen Absurdität nicht schon immer einen heiligen Ernst und eine unendliche Traurigkeit versteckt gehalten hätte, nicht dass noch das schwerste Thema mit naivem Humor gebrochen wird, aber nun hat sie Songs geschrieben über die Unmöglichkeit einer Beziehung zu einem Bipolaren („Straße der Gewalt“), über die Sinnlosigkeit der Selbstfindung („Sartre“), und dann mit „Requiem“ auch noch eine Lied übers Sterben, das einerseits sehr frustriert, aber doch vor allem tröstet. „Wenn wir sterben, liegt alles einfach rum / Alle Gründe, jedes Kohlenstoffatom“, singt Vega, aber eben auch: „Und eines Tages sind alle Hunde tot / Keine Dramen und jedes Angebot / Und keine Schwermut, kein kurzes Glück mehr droht.“ Und dann setzt die Posaune ein, eine Träne schleicht sich ins Knopfloch und man denkt: Acht Eimer Hühnerherzen sind einfach toll. Nicht nur die einzig denkbare Punkband im Jahr 2022, sondern die Band, die man unbedingt braucht, auch wenn man das gar nicht wusste, bis man sie dann hört.

★★★★★

Thomas Winkler

Story S. 13

The Weeknd

Dawn FM

Republic/Universal

Mit seinem Dark-Wave-Hi-NRG will der Kanadier unbedingt der neue King of Pop werden.

Nach der After-Party kommt das Morgengrauen: DAWN FM (zu dt. „Radio Morgendämmerung“) folgt auf The Weeknds AFTERS HOURS (2020) und dem Megahit „Blinding Lights“.Folgerichtig also, dass The Weeknd nahtlos anzuschließen versucht, um der neue King of Pop zu werden. Für eine Klangmixtur, die edgy und doch Charts-stürmend ist, setzt er stärker noch als beim Vorgänger auf Hyperhit-Produzent Max Martin einerseits und den von ihm verehrten Sperrigkeits-Frickler Oneohtrix Point Never andererseits. Ergebnis: eine Mixtur aus depri-düsterem Dark Wave, schenkeldopendem Hi-NRG-Disco, gepimpt mit HipHop-Fetzen, aber auch Liebhaberspielereien wie japanischem City Pop. The Weeknd buhlt um uns, indem er sich in nihilistischem Selbstmitleid suhlt; er fleht mit seiner einzigartigen Fleher-Kopfstimme um unsere Liebe. Und er weiß, dass wir ihm Koks und allen Kack verzeihen werden, denn wir lieben gebrochene Anti-Helden. Das alte Narrativ von Aufstieg und Fall hat ausgedient. The Weeknd ist gefallen, um zu steigen.

★★★★

Stefan Hochgesand

Basia Bulat

The Garden

Secret City (VÖ: 25.2.)

In Kammermusikversionen hüllt die Kanadierin die Grandezza ihrer alten Songs in neuen Samt.

Oh, der Druck. Während unsereins im Lockdown „Tiger King“ geschaut und trotz ganz viel Freizeitödnis noch immer nicht zum Küchemalern gekommen ist, hat die Kanadierin Basia Bulat die Ruhe genutzt, um sich den eigenen alten Songs zu widmen. Mit einem Streicherquartett. Und Leuten wie Paul Frith, Zou Zou Robidoux und Owen Pallet, die mit selbigem ja sehr routiniert zu arbeiten wissen. THE GARDEN enthält also die Kammermusikversionen ausgewählter Stücke aus Bulats Karriere, und sie selbst sagt, dass sie diese nun, in seelisch friedvolleren Zeiten, ganz anders singen könne. Das ist natürlich schön zu hören, klingt aber leider nicht aufregend. Jedes nonchalante, unprätentiöse Moment ihrer Songs, in denen ja eh schon oft Grandezza-Alarm ist, wird beerdigt wie unter einer Samtdecke, vor lauter kunstvoller Streicher-Suspense geht jede tatsächliche Spannung verloren. Keine Frage aber: Zehnmal schöner als die meisten Pandemieprojekte ist THE GARDEN unbedingt.

★★★

Julia Lorenz

Fishbach

Avec Les Yeux

Sony Music France (VÖ: 18.2.)

Italo-Pop-Schmachtfetzen und Hochkultur-Chanson: Disco à la française bringt zusammen, was zusammengehört. Fishbach ist wie: wenn du Céline Dion (sic!) auf der düsteren Seite des Spiegeluniversums wiederbegegnest; dort, wo man sich gehenlässt, wo man abrockt, wo man auf den (selbstverursachten) Scherben eistanzt. Kurzum: Was könnte geiler sein? Spätestens bei „Nocturne“ (eine Referenz auf die Nachtstücke, die Nocturnes, von Chopin? – wer weiß) füllt sich der ohnehin schon mit Glitzer-Synthies (und sicher auch mit Laser-Lichtern) geflutete Tanzbodenkeller mit dramatischem Nebel, damit die E-Gitarre im Solo-Exzess ausrasten kann, als gäbe es kein Übermorgen. Fishbachs Stimme selbst geht ohnehin ab, als wäre Disco wieder die neue Oper. Vive la France, où il n’y as aucun unüberwindlicher Graben zwischen einem (nebenbei bemerkt französischen) Italo-Pop-Herzschmachtfetzen wie WORDS (1982) von F.R. David und dem Hochkultur-Chanson einer Charlotte Gainsbourg mit, sagen wir mal, ihrem Kritik-Darling-Album REST (2017). Drama ist es allemal, wenn man das Städtchen verlässt („Quitter la ville“) oder dorthin zurückkehrt, wie einst Didier Eribon im autofiktionalen, ergo selbst-ausschlachtenden Bestseller „Retour à Reims“ (2009). Fishbach, die im sogenannten echten Leben Flora Fischbach, Jahrgang 1991, heißt, bringt und denkt und fühlt all dies zusammen: die Traumhit-Jukebox und die Falltür zum Trauma-Keller, die sich darunter verbirgt.

★★★★

Stefan Hochgesand

Klingt wie: Christine and the Queens: CHRIS (2018) / Céline Dion: SI’L SUFISSAIT D’AIMER (1998) / L’Imperatrice: Tako Tsubo (2020)

alt-J

The Dream

BMG Rights Management/ Warner (VÖ: 11.2.)

Die Chorknaben aus Leeds verlaufen sich in der Postmoderne und finden: Überraschungsei-Indie.

Der gloriose Opener „Bane“ macht es wieder vor: Die Herren Newman, Hamilton-Unger und Green sind Chorknaben, die sich in der Postmoderne verlaufen haben. Eine Affinität zu betörenden Harmoniegesängen und andächtigen Balladen trifft auf Arrangement-Bingo. Und einen Songtext über Softdrinks. Bekanntlich kommt dabei überraschend viel Mitreißendes heraus, auch auf THE DREAM. Schwächelt das Trio, dann weil es allzu ausgiebig der Kontemplation frönt. Auch Studioalbum Nummer vier hat seine Längen, wenn alt-J nach zwei entspannten Nummern noch die akustische Pandemie-Ode „Get Better“ („I start the day with Tiramisu / Raise a spoon to frontline workers“) auspacken. Oder die letzte Etappe mit Doo-Wop-Säuseln, andächtigem Gospel und einem Crooner-Blues samt Meeresrauschen füllen. Hübsch zwar, aber etwas mehr Drive hätte hier nicht geschadet. Den gibt es dafür mit dem Neo-Soul-Groove der schmissigen Kryptowährungs-Hymne „Hard Drive Money“ und dem clubbigen „Chicago“. Kurz gesagt: So „cold and sizzling“ wie die zum Albumeinstieg angepriesene Cola ist der Wundertüten-Pop von alt-J im Jahr 2022 nicht mehr. Trotzdem steckt noch viel Schönes drin.

★★★★

Nina Töllner

Dabei kommt viel Mitreißendes raus.

Story S. 52

Pink Shabab

Never Stopped Loving You

Karaoke Kalk/Morr/Indigo (VÖ: 11.2.)

Historisch korrekter Sommer urlaubs-Pop, der sich auf die nächste Jugendfreizeitfahrt freut.

Schon das Cover-Artwork sieht aus wie eine einzige große Verheißung. Man sieht das Foto einer tanzenden jungen Frau, die Szene wirkt so natürlich und normal, als sei das Bild bei der letzten Jugendfreizeitfahrt aufgenommen. Entsprechend nostalgisch mutet die Musik des britischen Bassisten und Multiinstrumentalisten Joseph Carvell alias Pink Shabab auch des Öfteren an: Da klingen der Softpop der 80er-Jahre, Chicago House oder Chillwave an, da ertönen klebrige Synthies und gelegentlich Falsettgesang. Doch sind die Songs nie bloßes Retro- Getue, man hört zum Beispiel dem tollen ersten Stück „Kiosk Instrumental“ an, dass Carvell den Post-Indie-Sound von Bands wie Dirty Projectors durchaus registriert hat. Carvell, der unter anderem schon für Little Annie, Laetitia Sadier oder Baby Dee Batch die Basslinien eingespielt hat und zudem in der Band Batsch spielt, hat mit NEVER STOPPED LOVING YOU bereits im Spätwinter den Soundtrack für den nächsten Sommerurlaub eingespielt, und wenn man das Cover dann noch mal genau betrachtet, dann wartet man eigentlich nur darauf, dass Tom Cruise gleich die Cocktails serviert.

★★★★

Jens Uthoff

Huerco S.

Plonk

Incienso (VÖ: 25.2.)

Brian Leeds meldet sich nach sechs Jahren mit wagemutigem Abstraktions-Techno zurück.

Ein neues Album von HUERCO S. kommt einer kleinen Sensation gleich, erschien das letzte doch vor sechs Jahren. Von der ersten Sekunde an macht PLONK allerdings klar, dass Brian Leeds sich nicht etwa nostalgisch seiner Frühzeit als Gallionsfigur des Lo-Fi-Sounds zuwendet, sondern Techno mit Hinzunahme von rauschenden Ambient-Texturen als rhythmisches Konzept versteht. Der Titel kommt nicht von ungefähr. Denn auf den zehn Tracks plonken und plinkern verschiedene rhythmische Elemente durcheinander, erinnern mal an abstrakte Minimal Music oder rufen doch Größen der IDM-Hochzeiten in Erinnerung, bisweilen werden sogar Echoes von Weightless Grime laut - was das neunte der Stücke durch eine laxe Rap-Einlage nur unterstreicht. Am schönsten aber ist das Finale, das wie eine frühe Oval-Platte mit beatlosen, zirkulären Texturen seinen Anfang nimmt und ein gewaltiges Crescendo andeutet, das aber ebenso schnell (heißt: langsam) abebbt, wie es emporgeschwollen war. Die Explosion bleibt aus, zurück der Wunsch nach mehr.

★★★★

Kristoffer Cornils

Klingt wie: Luomo: VOCALCITY (2000) / John Beltran: EVERYTHING AT ONCE (2016) / Perila: HOW MUCH TIME IT IS BETWEEN YOU AND ME? (2021)

Earl Sweatshirt

Sick!

Warner

Das Wunderkind liefert melancholischen Alternative Rap zwischen Trap und Oldschoolbeats.

Vor über zehn Jahren trat Earl Sweatshirt, damals noch als Teenager, erstmals als Teil von Tyler, the Creators Odd Future auf die große HipHop-Bühne – allerdings nur im übertragenen Sinne, denn er selbst war von seiner Mutter nach Samoa geschickt worden, nachdem sie von Drogenkonsum und Horror-Rap erfuhr. Das Publikum lag ihm nach nur einer EP zu Füßen, während er in einem Internat clean wurde. 2012 kehrte er in die USA zurück, und während Kumpel Tyler in die luftigen Höhen des Pop- Olymps kletterte, blieb Earl mit seinem sonoren Bariton eher der Geheimtipp für die Nerds. Zehn Jahre später veröffentlicht er mit SICK! sein mittlerweile viertes Album, eine Sammlung von zehn oft skizzenhaften Tracks, meist nicht mehr als Rap-Miniaturen, die weiter vom misogynen Horrorcore seiner Teenietage nicht entfernt sein könnten. Vielmehr schaut der Künstler hier nach innen, mit fast lebensmüder, hypnotischer Delivery rappt er über Isolation, Depressionen, Trauer, Vaterschaft, die großen Themen eben, begleitet mal von Trapelementen wie auf „Vision“ (feat. Zeelooperz) oder „Lobby (int.)“, mal von Jazzsamples auf „Lye“ und vor allem immer mit viel Golden Age of HipHop-Attitüde. Großer Rap auf kleinem Format.

★★★★★

Aida Baghernejad

Ale Hop

Why Is It They Say A City Like Any City?

Karlrecords

Erstaunlich kohärente Klangcollagen, die auf Einsendungen anderer Musiker*innen basieren.

Die Pandemie hat paradoxerweise internationale Kooperationen begünstigt. Auch das vierte Album der Experimentalmusikerin Ale Hop ist aus einem internationalen Austauschprozess entstanden: Während eines Trips durch Südamerika schickte Alejandra Cárdenas Nachrichten in die Welt hinaus und bekam aus ihrer Wahlheimat Berlin von unter anderem KMRU, Elsa M’Bala und Felicity Mangan, aber auch von Moisés Horta und Concepcion Huerta aus Mexiko, Ana Quiroga aus Großbritannien oder Manongo Mujica aus Cárdenas’ Geburtsland Peru Antworten in Form von disparaten Klängen, die sie zu sechs verschiedenen Stücken arrangierte. WHY IS IT THEY SAY A CITY LIKE ANY CITY? ist dementsprechend vielseitig und buchstäblich polyphon − Stimmen kommen nämlich in diesen von feinen Rhythmen durchzogenen Klangcollagen, die konkrete Sounds mit abstrakten Geräuschen zusammenbringen, häufig zum Einsatz. Die Alben von Ale Hop kamen immer schon Flickenteppichen gleich, dieses umso mehr. Für Kohärenz sorgt vor allem ihr Talent, aus organischen Sounds psychedelische Spannungen herauszuarbeiten.

★★★★

Kristoffer Cornils

Klingt wie: KMRU: PEEL (2020) / Claire Rousay: A SOFTER FOCUS (2021) / Lea Bertucci: A VISIBLE LENGTH OF LIGHT (2021)

VORAUSGEHÖRT

Erster Eindruck kommender Platten

Jack White

Fear Of The Dawn

(8.4.)

Man hat Jack White ja schon allerhand vorgeworfen. Der Zukunft allzu sehr zugewandt zu sein, gehörte bislang nicht dazu. Scheint so, dass der große Traditionalist das grund sätzlich ändern will: Auf FEAR OF THE DAWN spielt er einen knalligen, mit Effekten spielenden, ja: futuristisch quietschenden Blues-Rock, der dann wieder, echt wahr, an Kiss erinnert.

Painting Painting Is Dead (1.4.)

Klar, dass Kritiker-Liebling Theresa Stroetges (Soft Grid, Golden Diskó Ship) nicht nur irgendein neues Projekt beginnt, sondern (zusammen mit Christian Hohenbild und Sophia Trollmann) gleich ein Painting-in-3D-Projekt. Was immer das genau ist. Die Musik ist auf jeden Fall zwischen anstrengender Avantgarde und prima Pop: ziemlich projektig..

PLATTEN DER ZUKUNFT

Aldous Harding Warm Chris (25.3.)

  Archive Call To Arms & Angels (8.4.)

Bart Davenport Episodes (25.3.)

Bilderbuch Gelb ist das Feld (25.3.)

Bloc Party Alpha Games (29.4.)

Christian Lee Hutson Quitters (1.4.)

Destroyer Labyrinthitis (25.3.)

Dominik Eulberg Avichrom (4.3.)

Ebow Canê (18.3.)

Father John Misty Chloë

And The Next 20th Century (8.4.)

Feeder Torpedo (18.3.)

Ferris Alle hassen Ferris (25.3.)

Fontaines D.C. Skinty Fia (22.4.)

Get Well Soon Amen (25.3.)

Guided By Voices Crystal Nuns Cathedral (4.3.)

Honeyglaze Honeyglaze (29.4.)

Jack White Entering Heaven Alive (22.7.)

Kae Tempest The Line Is A Curve (8.4.)

Kee Avil Crease (11.3.)

Let’s Eat Grandma Two Ribbons (8.4.)

Liam Gallagher C‘mon You Know (27.5.)

Lucius Second Nature (8.4.)

Lucky Lo Supercarry (25.3.)

Midlake For The Sake Of Bethel Woods (18.3.)

Paul Cauthen Country Coming Down (1.4.)

Placebo Never Let Me Go (25.3.)

Stromae Multitude (4.3.)

Susanna Elevation (25.3.)

The Boo Radleys Keep On With Falling (11.3.)

The Monochrome Set Allhallowtide (11.3.)

The Simps Siblings (14.3.)

The Weather Station How Is It That I Should Look At The Stars (4.3.)

Tinariwen Radio Tisdas (25.3.)

Vanessa Wagner Study Of The Invisible (25.3.)

Warmduscher At The Hotspot (1.4.)

Wet Leg Wet Leg (8.4.)

Widowspeak The Jacket (11.3.)