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Gratwanderung


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JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 90/2022 vom 12.08.2022

Gamsbrunft in Slowenien

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Hinter jeder Kuppe und jedem Grad scheint sich eine neue Welt zu öffnen, die voller Wild steckt.

Nach fast täglichem Fitnesstraining war ich der Ansicht, wieder gut auf die Gebirgsjagd vorbereitet zu sein. Schließlich sorgen trainierte Muskeln für einen sicheren Schritt und man kann die Jagd und eine grandiose Bergwelt genießen. Ich hatte meinen Jüngsten dabei, wollte noch einmal in die Berge mit ihm, bevor der alte Herr nicht mehr kann, die Beine schwerfällig und träge werden. Zudem prägt gemeinsames Erleben und es ist aufregend schön für einen Vater, wenn die Kinder die Passion teilen.

Wir versprachen uns spannende Wild- und Jagderlebnisse. So fiel die Wahl ohne große Erwartungen auf Slowenien.

Auf in zauberhafte Bergwelten

Das Revier in den Kamniker Alpen im Jagdbezirk Kozorog war mit Flieger Hamburg -Zürich -Ljubljana und Leihwagen schnell erreicht. Direkt am Loiblpass erwartete uns bereits der Jagdführer Tine vor Ort.

Am ersten Morgen stiegen wir im Morgenlicht gleich ...

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... hinter dem Jagdhaus auf.

Wir folgten einem zerfahrenen Rückeweg, der leicht anstieg. Wir wollten 1:2 geführt werden. Im Süden kamen immer mehr Steilwände durch das lichte Altholz zum Vorschein. Der Herbstwind wehte uns einen kühlen, harzigen Fichtenduft entgegen. Die Luft wirkte rein und unberührt. Wir pirschten an einem Randfichtenschlag den Bergen entgegen. Ja da war sie die faszinierende Welt der Gebirgsjagden. Das erste Sonnenlicht gab der Bergwelt einen besonderen Glanz, grelle Kontraste in den schroffen Wände, durchleuchtete Nebelfetzen, zauberhafte Symphonien des Lichtes. Ach wie können doch einfache Dinge das menschliche Herz so erfreuen.

Erster Ausgang

Gleich beim ersten Abglasen entdecken wir eine Gams weit oben im Steilhang. Sie hatte uns schon lange eräugt. Tine winkte aber auch ab, der Aufstieg wäre zu gefährlich. So stiegen wir monoton im gleichen Schritt im Schutz des Waldes weiter. Es ging in unberührte Naturschönheiten auf einem Gamswechsel steil nach oben. Unberührte Natur hat etwas Geheimnisvolles, macht einen neugierig wie ein Kind. Jäger entwickeln Sehnsucht nach unentdeckter Natur. Fährten und Losung nahmen augenblicklich zu.

Die Oberschenkel wurden heiß, allesamt fingen wir an zu dampfen. Wir liefen geradezu in eine Geis mit ihrem Kitz, die wenig Scheu zeigten. Zu sehr waren wir mit unserem Blick nach unten für den sicheren Tritt beschäftigt. Wir wurden vorsichtiger, stiegen dann abglasend im stetigen Wechsel. Auf beiden Seiten des Grates befanden sich tief eingewaschene, gut einsehbare Täler. Nach wenigen Stunden erreichten wir die geliebte alpine Region. Ja das war die wilde Schönheit, die mich auf Gebirgsjagden so gefangen hält, die Magie der Berge. Ich freute mich, denn meinem Sohn ging es augenblicklich ähnlich auf seiner ersten Gamsjagd. Wir kamen in den ersten Schnee, freuten uns wie Kleinkinder, zwinkerten uns zu. Dabei genoss ich die Farben der zerzausten, herbstlichen Lärchen, ein leuchtendes gelb im wilden Fels. Der Grad war erreicht, im Schnee überall frische Gamsfährten aber dennoch kein Anblick. Schroff, rau, wild – menschenleer wirkten die Berge. Bevor es kalt in der Brise in den durchschwitzten Hemden wurde, ging es schon wieder talwärts. Tine verweilte nie länger. Dabei zerriss es die kleine Polonaise immer mehr und es kam wie so oft. Den Jagdführer schmiss es förmlich auf den Boden und er gestikulierte mir zu, mich fertig zu machen. So lud ich die Waffe, so leise wie möglich und blieb ebenfalls schlagartig auf dem Boden liegen.

Ohne Zweifel waren Gemsen unterhalb von Tine. Ich winkte Sven zu, schließlich sollte er zuerst schießen, doch der war inzwischen verträumt zurück geblieben. Die Zeit rannte und bevor überhaupt eine Reaktion zu sehen war, winkte Tine verärgert ab. Die Gemsen hatten uns bemerkt, waren wohl abgesprungen. Von da an war Sven stets hinter Tine, doch vergebens der weitere Anblick blieb aus. Tine war spürbar sauer mit uns, sollte das die einzige Chance gewesen sein?

Am späten Nachmittag ging es weiter ohne besondere Vorkommnisse. Es war mehr eine Art enttäuschender Gummipirsch mit gelegentlichem Abglasen.

Auf der richtigen Fährte

Der nächste Morgen erwartete uns bei herrlichstem blauem Himmel. Ehrlich wie die Berge sind, empfing uns die klare unverfälschte Luft. Wir pirschten vorsichtig, ich war stets dicht hinter Tine. Wieder war ich im Bann der Berge, sie sind magische Naturjuwele. Andere Jagden dagegen wirken erlebnisarm. Bergjagd ist unverfälschte Jagd, hier hat die Jagd ihre Urtümlichkeit behalten. Hinter jedem Hügel Spannung, hinter jeder Kuppe vorsichtiges Abglasen in hoher Erwartung, denn stets waren frische Gamsfährten zu finden. Aber die Berggeister schienen das Wild schützend in den Latschenfeldern zu verstecken. Den ganzen Morgen waren wir intensiv bemüht, dennoch kein Anblick.

Große Überraschung

Am Jagdhaus dann die große Überraschung.

Sven meinte ich sollte einmal hinten in den Pick-Up schauen. Tatsächlich da lag ein kapitaler Gamsbock. Sven lachte: „Papa der wird etwas teurer!“ Da war mir klar, er hatte seinen Gamsbock. Wir umarmten uns innig und aufgeregt erzählte Sohnemann sein Erlebnis. Sie waren ebenfalls bis fast auf 1800 Meter an eine alte Berghütte gefahren, von wo aus sie ihre Pirsch starteten. Konditionell wurde ihm am zweiten Jagdtag nichts abverlangt. Als sich schon nach kurzer Zeit der Nebel, der „Gamshüter“ erhob, entdeckten sie zwei Gruppen Scharwild von über 50 Stück, denen sich ein blädernder Gamsbock näherte. Es schien eine brunftige Geiß in der Schar zu sein. Während die meisten Stücke bereits aufmerksam aufwarfen, konnte Sven sich langsam fertig machen, richtete sich im Liegen mit Rucksack und Waffe ein. Der Bock flehmte, stellte seinen Gamsbart mehrmals auf, näherte sich aber nicht unter 200 Meter. Er nahm vom Jäger und Jagdführer keine Notiz. Der „Bub“ schoss den Bock als er breit stand ohne zu zögern, da er aufgefordert wurde. Er hatte die Leihwaffe seines Jagdführers Ole, eine Blaser R8 im Kaliber 7mm, mit der er gut zurecht kam.

„Ohne Zweifel, die Berge hatten uns reich beschenkt. Sie können so liebevoll sein. Wir kennen aber auch ihre launischen Seiten.“

Gemeinsam ans Ziel

So geht es am Nachmittag wieder gemeinsam weiter. Viele Augen sehen viel. Es ging wieder weit ins Hochgebirge und wir glasten das Bergpanorama bei herrlichstem Wetter ab.

Nach geraumer Zeit von zwei äsenden Geißen der Anblick weit oben mit einem Bock.

Tine nickte, das Zeichen zum Anpirschen.

Wir stiegen langsam aber stetig im schützenden Waldschatten. Es waren sicherlich keine 200 Höhenmeter, dennoch die Sonne die müde erschien, senkte sich zügig und es galt keine Zeit zu verlieren. Der noch aufsteigende Wind stand gut, aber der nächtliche Talwind musste jeden Moment einsetzen, sodass wir direkt anpirschen konnten. Tines Körper durchzuckte ein gewaltiger Ruck. „Bock aber ca. 100 Punkte“ war seine Aussage. Ich nickte nur, „das passt schon!“ Sah aber nichts. Was weiß ich schon von Punkten, ich weiß nur, dass es teurer wird. Der Bock verschwand wohl im Latschenfeld, musste aber wieder auftauchen, wenn er zu den Geißen wollte. Ich richtete mich ein, lag fest in meiner Position, doch ein leichtes Zittern im Zielfernrohr zeigte den noch zu hohen Puls.

Ich wünschte ich wäre ein Biathlet und könnte den Puls schneller senken. Ich verbesserte meine Schussposition und wartete, wartete auf das was nicht kam. Achselzucken nach geraumer Zeit, der Wind endlich talwärts. Jetzt konnten wir direkt anpirschen, um alles besser einzusehen. Wir entdecken sofort die beiden Geißen, wieder sofortige Schussposition herstellend. Nirgends ein Bock, aber wie auf Kommando erschien überall das Scharwild.

Geißen mit Kitzen, Schmalgeißen und junge Böcke, wir zählten über 20 Stück. Da folgte ein rauher Pfiff, Alarmsignal, eine Geiß hatte uns entdeckt. Sie warf uns böse Blicke zu, hielt nicht mehr aus und nahm ihren Nachwuchs und auch den des Vorjahres mit. Ich konnte es nicht glauben, das andere Scharwild warf nur kurz auf und äste friedlich weiter. Wir glaubten schon gar nicht mehr im schwindenden Licht daran, aber wie heißt es, unverhofft kommt oft.

Die Waffe im Anschlag

Der liebestolle Platzbock zog mit einem Male zügig zu einer Geiß, plätzte kraftvoll, schien allen imponieren zu wollen. Ich war sofort drauf, versichere mich noch einmal bei Tine, ja es ist der Gesuchte und schon brach der Schuss. Der Bock zeichnete nicht, Verwunderung, das Schwarwild äste sogar friedlich weiter. Unverständnis meinerseits, die nächste Patrone der 270 Win/Mag Leihwaffe war schon im Lauf. Ich war ruhig, lag wie ein Fels in der Brandung wie wir Norddeutschen zu sagen pflegen und wieder saugte sich das Kreuz auf den aufwerfenden, breit stehenden Bock fest, diesmal keine 150 Meter entfernt stand. Der nächste Schuss zerriss abermals die friedliche Einsamkeit. Meines Schusses wieder sicher konnte ich die Reaktion nicht verstehen. Wiederum kein Zeichnen: „Wohin schießt du überhaupt?“. Mein Gott wie fühlte ich mich. Ausgefüllte und tief befriedigende Jagdtage wollte ich mit meinem Sohn. Tine donnerte verärgert schnellen Schrittes talwärts ohne Rücksicht, denn die Bühne war nach dem zweiten Schuss leer. Aber er schüttelte mich nicht ab. Was geschehen war, war geschehen, es ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Bei meinem Sohn angekommen, gegenseitiges Mutmachen, Bedauern sowie Ursachenforschung. Um es kurz zu machen, die Waffe hatte bei einem Kontrollschuss 20 cm Hochschuss, ich war ein wenig rehabilitiert. Hätte aber auch auf einen Probeschuss bestehen müssen.

Personaltausch

Der nächste Morgen brachte einen Jagdführerwechsel: Ole führte mich mit seiner R 8.

Das Wetter jedoch war des Gamsjägers Albtraum, Regen und Nebel.

Der kraftvolle Allradwagen brachte uns wieder Höhenmeter um Höhenmeter nach oben. Aber ab 1600 Meter urplötzlich tiefer Schnee und die Reifen griffen nicht mehr.

Sven und ich waren froh als Ole endlich aufgab. Es schneite, leise gaukelten die Schneeflocken zu Boden. Herrlich, das war Bergjagd nach meinen Vorstellungen. Die Pirsch führte uns höher und höher, der Nebel lag tief im Tal, dort oben war fast freie Sicht. Zwei schwarze Punkte im Schnee fielen uns zeitgleich auf. Die Gläser bestätigten die Vermutung, zwei liebestolle Böcke zogen suchend talwärts. Augenblicklich passte alles, ein Felsblock in der richtigen Höhe, Rucksack drauf und schon stand ich im Anschlag. Ole sprach genauer an. Zwei Böcke gleichstark, älter, Pinsel deutlich zu erkennen und er gab den Schuss frei. Der linke Gamsbock äugte bereits zu uns. Ole sagte, er könne die Entfernung nicht messen, der Schnee macht es unmöglich. Der rechte Bock stand breit, zog dann aber langsam weiter und verhoffte abermals. Das Glas hatte ich auf zehnfach gelassen, der Finger war am Abzug. In der Position sollte es gehen, selbst der rechte Ellenbogen lag auf. Sven und Ole standen mit ihren Gläsern in voller Erwartung hinter mir und da zerreißt auch schon der Schuss die winterliche Stille. Der Bock zeichnet deutlich, machte einen hohen Satz und kommt im Schnee zu Fall, rutscht den Hang herunter bis die Felsen ihn halten. Abermals lagen sich Vater und Sohn innig im Arm. Das war unser Wunsch, diesen Bock hatten wir zusammen erlegt. Ole wollte runter und vorsichtig das Auto drehen, wir sollten derweil den Bock bergen. Jetzt hatten wir ohnehin alle Zeit der Welt. Der Bock zählt acht Jahresringe, hat kurze Stangen und war ausgesprochen gut geharkt.

Jens Krüger

Nach der Ausbildung zum Forstwirt im Forstamt Barlohe und Landwirt auf der Landwirtschaftsschule Rendsburg folgte die Berufsjägerausbildung in Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie die Theorie am Jägerlehrhof Springe. Der Wildmeister (DJV) ist Pächter eines Hochwildrevieres in Niedersachsen mit Damund Schwarzwild. Zudem betätigt er sich seit über 25 Jahren als Outfitter in British Kolumbien. Darüber hinaus bildet er Jäger aus und schreibt für uns über Themen der Jagdpraxis.