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Greiner, Bernd (2020): Henry Kissinger. Wächter des Imperiums. Eine Biografie. C. H. Beck, München, 480 Seiten, 28 Euro.


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WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 180/2021 vom 01.10.2021

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Bildquelle: WeltTrends, Ausgabe 180/2021

Wenn eine Person für die „alte“ Weltordnung, die Pax Americana, steht, dann wohl Henry Kissinger. Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater (1969-1975) und Außenminister der USA (1973-1977) weiß nach wie vor, wie man als elder statesman Aufmerksamkeit erregt. Jüngst beschrieb Kissinger in einem Gastbeitrag für den Economist, weshalb die USA in Afghanistan gescheitert sind. Ausgerechnet Kissinger, dem Kriegsverbrechen vorgeworfen werden – ob die Bombardierung Kambodschas und Vietnams oder der Sturz von Allende in Chile. Es sind bereits Biografien zum Leben und Wirken von Kissinger erschienen. Die Frage, ...

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... warum man eine weitere Biografie schreibt, steht damit im Raum. Der Historiker und Gründungsdirektor des Berliner Kollegs Kalter Krieg Bernd Greiner räumt die Zweifel nach der Lektüre aus. Greiner zeichnet sich als Kenner der US-Geschichte aus. Das kommt der Biografie des umstrittenen Kissinger zugute. Zugleich analysiert Greiner das wankende US-Imperium, fragt nach dem Rollenverständnis der USA als globale Ordnungsmacht und gibt einen Einblick in das Zentrum der Macht.

In Greiners Biografie kommt Kissinger nicht gut weg. Kissinger wolle als Gestalter des Wandels, ja als Weltenlenker gesehen werden, ebenso als Visionär, Stratege und letzte Instanz. Greiner schreibt: „Wächter zu sein, war ihm nie genug. Er wollte in die Geschichte eingehen, mit allen Mitteln und um fast jeden Preis. Er führte ein Leben für die Macht“ (S. 10). Eingeteilt in drei Abschnitte Lehrling – Angestellter – Pensionär zeichnet Greiner den Lebensweg Kissingers, der am 27. Mai 1923 in Fürth geboren wurde, nach. In seiner Zeit als „Musterschüler“ wurden Charaktereigenschaften wie der Wille zur Macht, Ausdauer, Beharrlichkeit, Fleiß, aber auch Eitelkeit, Hybris und Wankelmütigkeit deutlich. In Kissingers frühen Überlegungen sei die militärische Überlegenheit der USA nicht verhandelbar gewesen. Die Folge: Ein „Krieg ohne Fronten“ in Vietnam. Im geopolitischen Wettbewerb ging es um Glaubwürdigkeit als psychologisch wichtigste Ressource von Macht. Neben militärischer Selbstbehauptung gehörte der psychologische Abnutzungskrieg zu den Hebelwerkzeugen, um die Kraft eines Kontrahenten zu bändigen oder aufzuzehren. Auf allen Ebenen hätte sich die Welt des Kalten Krieges in ein „Brettspiel aus Dominosteinen“ verwandelt und die USA sind in die „Glaubwürdigkeitsfalle“ getappt. Greiner zitiert die Historikerin Barbara Tuchman, die schrieb, dass das Streben nach Glaubwürdigkeit bis zur Selbsthypnose aufgebläht wurde. Die Darstellung wird durch Auszüge aus Gesprächen zwischen US- Präsident Nixon und Kissinger ergänzt. Aufschlussreich und verstörend sind die Gespräche, wenn man liest, wie sich Nixon in Rage redet und sein Gehilfe Kissinger in devoter Haltung beipflichtet. Ein Beispiel zu Vietnam: „NIXON: (…) Lasst dieses Land in Flammen aufgehen. (…) Einfach die verdammte Scheiße aus dem Land rausbomben. (…) KISSINGER: „Herr Präsident, ich werde Sie aus ganzem Herzen unterstützen, und ich glaube, dass Sie das Richtige tun.“ NIXON: Man muss diese Bastarde einfach – einfach pulverisieren. (…) Ich will, dass [Nordvietnam] zu Klump gebombt wird. (…)“ (S. 155-156).

Nach seinem Ausscheiden aus der Politik lebe der Theoretiker und Praktiker der hard power von soft power, resümiert Greiner treffend. Als Pensionär hält Kissinger Vorträge, schreibt Bücher und Artikel. Gewalt, Macht, Übergewicht bleiben Bestandteil der US-Außenpolitik: US-Vorherrschaft sei unverzichtbar. Eine Führungsmacht brauche den Willen zur Gewalt. Macht beruhe auf Angst. Vorstellungen, die Kissinger insbesondere Präsidenten nahelege.

Die exzellent geschriebene, scharfsinnige und lesenswerte Biografie kommt zum Schluss: „Kissinger, ein Scheinriese, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt.“ Und „was macht eine Ordnungsmacht, wenn ihr die Ordnung entgleitet?“ Multipolarität vertrage sich auf Dauer nicht mit Hegemonie. Von Vietnam nach Afghanistan: Da ist sie wieder, die „Glaubwürdigkeitsfalle“, und die USA sind mittendrin.

Majd El-Safadi, Berlin