Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 11 Min.

Grenzerfahrung


Tourenfahrer Sonderheft - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 23.09.2019

Ist es das bis zur letzten Geranie perfekt inszenierte Südtirol oder liegt das wahre Biker-Eldorado in den eher ungezähmt daherkommenden italienischsprachigen Teilen der Dolomiten? Oder gar in Österreich? Uwe Krauß (Text & Fotos) will es wissen und begibt sich auf eine Runde durch die Kalksteinberge.


Artikelbild für den Artikel "Grenzerfahrung" aus der Ausgabe 2/2019 von Tourenfahrer Sonderheft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Tourenfahrer Sonderheft, Ausgabe 2/2019

Entspannt führt der Passo Tre Croci entlang des 3221 Meter hohen Monte Cristallo.


Passo di Giau – landschaftlich sicher einer der schönsten Dolomitenpässe. Die Südrampe ist mit vielen engen Kehren fahrtechnisch besonders anspruchsvoll.


Das wilde Gekurve wird zur reinen Freude, die Kulisse gebietet Ehrfurcht

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Tourenfahrer Sonderheft. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2019 von INTERN: Reisen verbindet. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTERN: Reisen verbindet
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Majestätische Magistrale. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Majestätische Magistrale
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von »Vice versa«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Vice versa«
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von TRILOGIE DER ELEMENTE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TRILOGIE DER ELEMENTE
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Europas wilder Winkel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Europas wilder Winkel
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von ÖSTERREICH-DURCHQUERUNG: Abseits der Autobahn. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ÖSTERREICH-DURCHQUERUNG: Abseits der Autobahn
Vorheriger Artikel
»Vice versa«
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel TRILOGIE DER ELEMENTE
aus dieser Ausgabe


Ein Glücksfall – den populären Misurinasee hat man so nur zu ungewöhnlichen Tageszeiten für sich allein.


Dieser Einstieg in die Welt der Dolomiten könnte fast als Geheimtipp durchgehen. Ursprünglich wollte ich nur das stark befahrene Pustertal meiden, weshalb ich mich jetzt durch die Innenstadt von Brixen fummeln muss. Geschenkt.

Das Lüsner Tal ist der absolute Gegenpol zum Pustertal. Das schon von Beginn an schmale Sträßchen mutiert allmählich zum besseren Forstweg. Daneben ein hübsches Flüsschen – Einsamkeit und Motorradwandern pur. Fahrdynamisch passiert (noch) nichts Spannendes, optisch schon. Nachdem sich der Weg langsam nach oben gearbeitet hat, geht es aus dem Wald heraus und plötzlich drängt sich der Peitlerkofel ins Bild. 2874 Meter Fels – der erste Dolomitengipfel, im Gewand des Abendlichts besonders gut inszeniert. Sofort weiß man, weshalb diese Berge so berühmt sind: Es sind einfach die schönsten der Welt. Zumindest die schönsten, bei denen es möglich ist, mit einem Motorrad mittendurch zu fahren. Punkt. Diese – zugegeben sehr subjektive – Aussage will ich mir in den nächsten Tagen bestätigen lassen, an bekannten Flecken und unbekannteren.

Zu letzteren zählt sicher auch Antermoia. Gleich hinter der Passhöhe des Würzjochs ist es die perfekte Blaupause für ein abgelegenes Bergdorf. Das Beste: Der traumhafte Flecken bleibt nicht nur Einheimischen vorbehalten. Das TF-Partnerhaus »Hotel Pütia« bietet Motorradfahrern von der feinen Südtiroler Verköstigung bis zur Traumterrasse mit Blick auf die Dolomiten gen Osten alles, was sie sich wünschen können.

Während die kleine Hochebene schon als feines Relief von der Morgensonne angeleuchtet wird, geht es im engen Gadertal noch finster zu. Zum Glück verschafft das Grödner Joch Abhilfe, auch wenn es erst auf den letzten paar Kilometern fahrdynamisch spannend wird. Waren linkerhand die zerklüfteten Wände des Sella-Massivs schon die ganze Zeit ein Hingucker, wird der plötzlich auf der Passhöhe frei werdende Blick über das Grödnertal auf den Langkofel ein Moment zum Innehalten.

In den nächsten zwanzig Fahrminuten macht der Klotz eine erstaunliche Wandlung durch. Dann stehe ich auf dem benachbarten Sellajoch, wo aus der einen Felskuppe ganz unversehens der dreigezackte Gipfel geworden ist. In beinahe alle Richtungen lassen sich Postkartenmotive finden. Der Spielplatz Dolomiten quillt gerade vor Angeboten über: Weiter die perfekten Kurven des Pordoi hinauf und die Sella-Runde komplettieren? Oder doch lieber über den Fedaia? Die Marmolata, der höchste Dolomitengipfel und der größte Gletscher des Gebirges, geben den Ausschlag für die letztgenannte Alternative. Die Passhöhe am eiskalten Fedaia-Stausee markiert die Grenze in die Provinz Belluno, was nicht sofort auffällt, im ersten Ort Rocca Pietore aber schon.

Plötzlich scheint man in einem anderen Land unterwegs zu sein. Aus fetten Holzbalkendächern und ausladenden Balkonen des Südtiroler Baustiles – er erinnert an Gegenden in Österreich oder Südbayern – sind einfache Steinhäuser geworden. Auch ist übergangslos von einem Tal ins nächste nicht mehr jede Brüstung, jedes Fensterbrett dicht mit Geranien behangen. Italien ist hier viel italienischer. Selbst bei der Straßenführung scheint es weniger geordnet zuzugehen, was kein Nachteil ist. Das wilde Gekurve, die Südseite des Passo di Giau hinauf, wird zur puren Freude. Eine Meinung, mit der ich nicht alleine bin. Ein jeder, der es auf die 2230 Höhenmeter geschafft hat, bringt hier sein Motor rad fast automatisch zum Stehen. Die Kulisse unterhalb des spitzen Monte Averau scheint eine gewisse Ehrfurcht förmlich zu gebieten. Dass ein Rifugio mit einladender Terrasse lockt, erhöht noch den Bleibefaktor. Runter geht es allemal. Gen Norden ist bereits der weite Talkessel von Cortina d’Ampezzo auszumachen. Der von Dolomitengrößen eingekesselte Ort ist nicht zu Unrecht als Wintersport-Eldordo bekannt. Schon die Kulisse ist schwer zu toppen. Ich habe mit einem Gelato geliebäugelt. Der ungewohnte, plötzliche Verkehr vertreibt mich aber sehr schnell. Kein Eis, dafür ein Stück leckerer Heidelbeerkuchen ist die Belohnung für einen Abstecher ins Unbekannte.


Sofort weiß man, weshalb diese Berge so berühmt sind: Es sind die schönsten!


Viele Herbergen wie hier in Selva di Cadore haben sich auf Motorrad fahrende Gäste eingestellt.


Hannes vom TF-Partnerhaus »KreuzBergPass « lädt seine Gäste gern zur Verkostung im eigenen Weinkeller ein.


Ich gönne mir satte dreißig beinahe meditative Minuten. Genuss braucht Zeit!


Nur ein Schild am Wegesrand des Passo Tre Croci weist zum Agriturismo »El Brite de Larieto« am Fuße des Monte Cristallo. Ein paar Hundert Meter Schotterstraße weiter lande ich in einem vom hektischen Cortina so gegensätzlichen Mikrokosmos mit Hofhund und netter Chefin. Genuss braucht Zeit, weshalb ich am Misurinasee relativ spät dran bin – ein Glücksfall. Die meisten Touristen sind längst wieder weg, sodass ich eines der bekanntesten Panoramen der Dolomiten fast alleine bewundern kann.

Der Dürrensee im engen Höhlensteintal ein paar Kilometer weiter befindet sich schon wieder auf Südtiroler Gebiet. Toblach in den Weiten des Pustertales versprüht wenig Flair, da wird es ein Stück weiter oben in Sexten zu Füßen einer ganzen Reihe in der Abendsonne orange leuchtender Dolomitenspitzen schon heimeliger. Normalerweise würde ich mir hier eine Bleibe suchen. Doch in diesem Fall wartet ein paar feine Kurvenkombinationen weiter auf der Passhöhe des Kreuzbergpasses ein Hotel ganz nah an diesen Dolomitengipfeln. Und eine Sauna, in der man eins zu eins in deren Angesicht entspannen darf. Mehr Luxus geht kaum. Da die Passhöhe die einst schwer umkämpfte Grenze von Südtirol nach Venetien ist, schwitzt man in der hölzernen Außensauna sozusagen italienisch, während man zum Abendessen im Hauptgebäude theoretisch deutsch sprechen müsste. Man versteht sich dort allerdings auf beides, was sich auch in der exzellenten Küche niederschlägt.

Vom Pass rausche ich der Morgensonne entgegen ins Comelico-Tal. Padola, die erste Ortschaft, wirkt mit ihren schmiedeeisernen Balkonen und dem abseits der Kirche stehenden Kirchturm gleich sehr italienisch. Es soll erst der Anfang sein. Von der relativ stark befahrenen Karnischen Dolomitenstraße schweift der Blick weit und verheißungsvoll auf ein paar wunderschön drapierte Dörfer an einem gegenüberliegenden Südhang. Der Abzweig dort hinauf Richtung San Nicolò ist rasch gefunden, ab jetzt wird es grandios. Hinter San Nicolò schraubt sich die Strecke nach Costalta über steile Wiesen hinauf und verhilft zu Postkartenblicken ohne Unterbrechung. Sei es zurück auf das vorhin durchquerte und zunächst unscheinbar wirkende Candide, das jetzt wie ein Piratennest am Hang zu kleben scheint, sei es das gegenüber auf einem Bergrücken vor einer Dolomitenwand kauernde Danta.

Oben in Costa gibt es ein geöffnetes Café. Ich staune, dass der junge Wirt nicht den ganzen Tag unter seiner Markise verbringt und dem Traumblick huldigt, sondern im Halbdunkel der Bar vor einem Verblödungsbildschirm Zeit und Leben totschlägt. Ich lasse ihn alleine totschlagen und gönne mir draußen satte dreißig beinahe meditative Minuten, in denen nicht ein einziges vorbeikommendes Fahrzeug stört. Die Gegend lässt mich aus dem Staunen nicht herauskommen. Nur wenige Kilometer weiter schmiegt sich Costalta an den Hang. Das Dorf scheint die Heimat von Künstlern zu sein. Vor vielen der hübschen Holzhäuschen stehen Skulpturen, sie weisen mir den Weg ins Val Visdende.

Die Südostrampe des Kreuzbergpasses passiert einen eindrucksvollen Wasserfall


Im Höhlensteintal geht es in Richtung des Südtiroler Teils der Dolomiten.


Als hätte sich das ein Drehbuchautor in einer heimatseligen Minute ausgedacht …


Idylle im Val Visdende (ganz oben). Holzschnitzereien in Costalta und Motorrad- Parkplatz am Passo di Giau (oben). Egal ob mit Muskel- oder Viertakt-Kraft – der Giau macht nur zweirädrig Spaß (unten).

Doch so weit komme ich erst mal nicht. An der Alm »Passo Zovo« muss man einfach stehen bleiben, so einladend liegt sie in der Sonne. Kühe grasen zwischen Holzhäuschen, Milchkannen sind zum Trocken aufgereiht. Zwischen den rustikalen Tischen streift ein Esel umher. Der Pass liegt ein paar steile Hundert Meter weiter oben unspektakulär im Wald. Dafür geht das ohnehin nur Fiat-Panda-breite Sträßchen für den nächsten Kilometer in Schotter über. Wie von einem Drehbuchautor in einer besonders heimatseligen Minute ausgedacht, öffnet sich irgendwann der Wald wie ein Vorhang und gibt den Blick über die Almwiesen des Hochtales Val Visdende frei, in seiner perfekten Schönheit ein kleines Paradies. Geradeaus bleibt das Auge am Zacken des Monte Rinaldo hängen. Links bildet die Kette der Karnischen Dolomiten ein für den Motorradreisenden hier unüberwindliches Hindernis nach Österreich. Rechts machen die Felsen des Monte Terza das Gefühl der Abgeschiedenheit des Talkessels perfekt. Ein Holzkirchlein und ein paar Bauernhäuschen entlang der schmalen Straße durch den Talboden passen eher zu der Idylle, als dass sie stören würden.

Auch wenn es zuerst nicht so aussah, hat das Tal auch noch eine zweite Verbindung zur Außenwelt. Eine Straße führt durch eine enge steile Schlucht zurück zur Hauptstraße. Die hübsche Kleinstadt Sappada wirkt nach der »Wildnis« beinahe urban, vielleicht liegt es auch an der lokalen Künstlerszene. Auf dem winzigen Marktplatz kann man vom Café aus zwei Holzschnitzern bei der Arbeit zusehen.

Eigentlich ist die Landschaft des Val Pesarina spannend genug, doch pure Dusseligkeit treibt meinen Adrenalin-Durchsatz noch weiter in die Höhe. Mir war eigentlich schon klar, dass die angezeigten neunzig Stundenkilometer Restreichweite im Display nicht real sein können und nur wegen der spritsparenden Bergabfahrt zustande kamen. Aber wenn es da Blau auf Weiß steht, mag man gerne dran glauben. So lasse ich die Tankstelle in Comeglians links liegen, weil sie zu teuer scheint und sowieso auf der falschen Straßenseite liegt. Als Nächstes folgt eine Tanke mit Automat, der natürlich mit meiner Karte nicht funktioniert. Dann folgt gar nichts mehr.


Das wird nichts! Die Physik schlägt zu: Ohne Kraftstoff gibt es keine Kraft


Filme
»Dolomiten Karussell«: Spielzeit 36 min plus Bonus»Alpen – Teil 2«: Spielzeit 49 min Erhältlich als DVD im TF-Shop und als Film on Demand. Infos unter:
film.tourenfahrer.de

Die Auffahrt zur Sella Ciampigotto lässt aus meiner Restreichweite recht schnell eine Null werden. Auch wenn diese dort für eine ganze Weile stehen bleibt und der Motor trotzdem noch Vorschub leistet, ist mir eines klar: Das wird nichts! Immerhin bin ich schon wieder auf der Pass-Abfahrt, als die Physik zuschlägt und ohne Kraftstoff keine Kraft mehr daherkommt.

Dummheit muss bestraft werden. Aber ich bin in Italien und da sieht man es auch mit der Buße nicht ganz so eng. Denn just mit dem letzten Schwung rolle ich an einer Wiese aus; hoch droben ist ein Bauer dabei, sie zu mähen. Natürlich schenkt er mir mit einem Grinsen im Gesicht einen halben Liter in meine Wasserflasche ein, die nächste Tankstelle ist auch nur acht Kilometer die Straße runter. Ein Schild warnt vor 14 Kehren auf den Passo del Zovo. Schnell wird mir klar, dass damit nur die engsten 180-Grad- Kurven gemeint sein können, die anderen sind Bonus.

Ein wahres Kurven-Eldorado bringt mich auf die Höhe, wo die Gegend mit den kleinen Wiesen im lichten Märchenwald so heimelig-einladend erscheint, dass ich gleich noch den Abzweig nach Danta mitnehme. Ein Volltreffer: Wer auch immer seine Liebste mit einem besonders lauschigen Ort beeindrucken möchte, der sollte dort dem Schild zur Chiesa di Santa Barbara folgen. Das weiße Gotteshäuschen steht auf einem Hügel über dem Dorf inmitten einer Blumenwiese, drumherum ein 360-Grad-Panorama aus Dolomitengipfeln. Ein Brünnlein plätschert. Für die hoffnungslosen Romantiker gibt es sogar noch eine hölzerne Bank.

Obwohl die berühmten Zacken alle in Italien liegen, darf auch Österreich einen Teil der Dolomiten für sich beanspruchen. Der definitiv schönste Weg, ihnen nahe zu kommen, führt durch das Lesachtal. Ein paar Kehren schrauben sich aus dem geschäftigen Pustertal zum Kartitscher Sattel hinauf, wo sich mit gefühlten tausend Heuhütten auf den weiten Wiesenflächen ein Alm-Panorama auftut. Für satte 44 Kilometer zieht sich eine der schönsten Routen Österreichs durch das Hochtal mit seinen winzigen Ortschaften – links die Lienzer Dolomiten, rechts die Karnischen Alpen. Kötschach-Mauthen ist das Sprungbrett zum Plöckenpass. Der führt zwar nur auf 1357 Meter hinauf, aber vor allem die Südwand auf italienischer Seite fühlt sich nach viel mehr an. Kehrtunnel bezwingen den senkrechten Fels, eine wilde Strecke aus wilden Zeiten, als auch dieser Alpenübergang im Ersten Weltkrieg heftig umkämpft war.

Es bleibt spannend. Über den mittlerweile asphaltierten und nur in der Karte unscheinbaren Passo del Cason di Lanza hangle ich mich durch die Karnischen Alpen nach Pontebba. Das urige, typisch italienische Städtchen liegt im Kanaltal, kulturell und geografisch ein interessantes Kleinod. Drei Sprachen sind hier zu hören, neben Italienisch als Landessprache auch Deutsch und Slowenisch. Das Tal gehörte einst zum Hochstift Bamberg, dann zu den Habsburgern. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es Italien zugesprochen. So kulturell bunt das Kanaltal im Kleinen ist, so sind es die Dolomiten im Großen. Der vor allem auf der Südseite spektakuläre Nassfeldpass, die im Gailtal verlaufende Karnische Dolomitenstraße und der knackige Gailbergsattel bringen mich nach Lienz. Die Stadt breitet sich an der Kreuzung dreier großer Täler zu Füßen der Lienzer Dolomiten aus.

Doch der schönste und zudem völlig unverbaute Blick wartet ein paar Kilometer weiter. Das Pustertal soll mich wieder nach Italien bringen. Anstatt am Talboden müde dahinzurollen, gönne ich mir die Pustertaler Höhenstraße. Sie erklimmt auf der den Dolomiten gegenüberliegenden Talseite den Hang des Berges mit dem markanten Namen »Böses Weibele«. An diesem sollte man sich nicht stören. Denn das große Szenario passt so gar nicht zum kleingeistigen Ausdruck. Steile Almwiesen, ein paar Dörfer, die am Hang kleben, und ständig dieser bergsteigergleiche Blick auf die schroffen Kalksteinwände vis-à-vis machen die Fahrt zum Erlebnis. Der Verkehr beschränkt sich auf ein paar Traktoren. Österreich fährt noch einmal alles auf, um mit dem Nachbarn mitzuhalten. Was durchaus gelingt. Ohne die Osttiroler Schleife wäre die Dolomitenrunde einfach nicht komplett. Aber wo die Kalksteine am schönsten sind – da traue ich mir kein Urteil zu. Der Test muss wohl wiederholt werden.

Allgemeines

Ihren Namen haben die Dolomiten dem französischen Geologen Déodat de Dolomieu (1750–1801) zu verdanken, der als Erster das magnesiumhaltige Kalkgestein genau untersuchte. Vorher wurden sie einfach nur als weiße / bleiche Berge bezeichnet. Über ihre Ausdehnung finden sich unterschiedliche Angaben, je nachdem wie weit man alle Kalksteinberge südlich des Alpenhauptkammes mit einbezieht. Nach der weitesten Definition reichen sie von der Brenta-Gruppe im Westen bis hinüber ins Friaul im Osten. Der höchste Gipfel ist mit 3342 Metern die Marmolata, hier ist auch der einzige nennenswerte Gletscher zu finden.

Anreise und Reisezeit

Die schnellste Anreise in die Welt der Dolomiten führt über den Brenner und dann am besten gleich das Würzjoch hinauf. Wer die Tour von der anderen Seite aus angehen möchte, nähert sich am spektakulärsten über den Großglockner, um dann südlich auf die Lienzer Dolomiten zu treffen. Die Dolomiten können je nach Wetterlage ab Mai bereist werden, viele Pässe haben keine Wintersperre. Bis in den Oktober bleiben die Berge attraktiv, auch wenn man dann morgens in den Höhenlagen mit überfrorener Straße rechnen muss.

Motorradfahren & mehr

Wer gerne für ein paar Stunden zu Fuß unterwegs ist: Die Wanderungen vom Würzjoch um den Peitlerkofel (4 Std.) oder vom Kreuzbergpass auf die Alpe Nemes (1,5 Std. eine Richtung) bieten Entspannung und Traumblicke abseits des Verkehrs und der Touristenmengen, wie sie z. B. an den Drei Zinnen zu finden sind. Auf das Dach der Dolomiten: Von Malga Ciapela überwindet eine Seilbahn die 1815 Höhenmeter auf den Marmolata-Gipfel (30 Euro hin und zurück). Oben gibt es einen gigantischen Blick über das Gipfelmeer und ein Museum über den Schauplatz der Dolomiten im Ersten Weltkrieg. Auch alte Schützengräben und Unterstände sind dort noch zu besichtigen.

Unterkünfte

Am westlichen Ende der Dolomiten liegt das TF-Partnerhaus »Hotel Pütia« in Antermoja unterhalb des Peitler kofels am Hang. Auf der anderen Seite besticht das TF-Partnerhaus »Hotel KreuzBergPass« in Sexten mit Alleinlage auf der Passhöhe. Letztes TF-Partnerhaus dieser Tour ist das Vital-Landhotel Pfleger in Anras/Österreich. Dazwischen finden sich unter www.tourenfahrer-hotels.de viele weitere motorradfreundliche Unterkünfte. Reise-Infos und Insider-Tipps für den kärntnerischen Routenabschnitt gibt es unter www.tourenfahrer-partnerregion.de (Motorradland Kärnten).

Literatur / Karten

F. Fitz / D. Höllhuber: Dolomiten, Michael Müller Verlag, 6. Auflage (2018), ISBN: 978-3-89953-988-2, 16,90 Euro.
S. Harasim / M. Schempp: Dolomiten. Motorrad-Reiseführer, Highlights Verlag, 5. Auflage (2012), ISBN: 978-3-933385- 42-0, 9,90 Euro.
Marco Polo Italienkarten, Blatt 3: Südtirol, Trentino, Gardasee, ISBN: 978-3-8297-3975-7 und Blatt 4: Venetien, Friaul, Gardasee, ISBN: 978-3-8297-3976- 4, beide M.: 1:200.000 und MairDuMont, 6. Auflage (2017), je 9,99 Euro.
Marco Polo Regionalkarte Österreich, Blatt 2: Salzburg, Kärnten, Steiermark, südliches Burgenland, M.: 1:200.000. ISBN: 978-3-8297-4076-0, 6. Auflage (2019), je 9,99 Euro.

Kein Pass, sondern ein ladinisches Dorf: Colle San Lucia. Die Gemeinde mit gut 350 Einwohnern liegt nahe Cortina d’Ampezzo.


Alle GPS-Daten für TOURENFAHRER-Abonnenten der Reiner H. Nitschke-Verlags-GmbH kostenlos