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GRIECHISCHER MYTHOS AUS BERNSTEIN: Das archaische Elfenbeinkästchen von Belmonte Piceno (Italien)


Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 15.11.2019

Es gibt nur wenige archäologische Gegenstände aus dem 6. Jh. v. Chr. im italienischen Adriagebiet, die einen sehr hohen wissenschaftlichen Wert besitzen und gleichzeitig wahre Kunstwerke sind. Das Elfenbeinkästchen mit eingelegten Bernsteinfiguren, das erst im Jahr 2018 in Belmonte Piceno entdeckt wurde, gehört dazu.


Das Elfenbeinkästchen ist ein Kunstwerk ohne Vergleiche, ein Unikum, das die Zeitgeschichte des Mittelmeerraums erzählt und darüber hinaus die engen kulturellen und politischen Verknüpfungen mit Mitteleuropa aufdeckt (Abb. 1).

Es sind möglicherweise drei Gründe, die eine archäologische Stätte ...

Artikelbild für den Artikel "GRIECHISCHER MYTHOS AUS BERNSTEIN: Das archaische Elfenbeinkästchen von Belmonte Piceno (Italien)" aus der Ausgabe 6/2019 von Antike Welt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 6/2019

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... so sehr in dem kollektiven Gedächtnis verankern, dass selbst diejenigen, die mit Geschichte nie wirklich etwas anfangen konnten, den Ort vom Hörensagen kennen: Es sind ein einprägsamer Name, eine spannende Entdeckungsgeschichte und ein großes Rätsel, das es zu lüften gilt.

Abb. 1 Das Elfenbeinkästchen mit Bernsteinfiguren aus Grab 1/2018 nach der Restaurierung.


Trotz der wichtigen archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte wie die Fürstengräber in Pitino di San Severino, Matelica und Numana-Sirolo führt Belmonte Piceno nach wie vor die Rangliste der Ausgrabungsstätten archaischer Zeit in den Marken an: 20 zweirädrige Wagen, die über die Verstorbenen gestellt waren, mehr als 30 Kriegergräber, die Bronzehelme enthielten und viele bronzene Schmuckgegenstände, wie große Pektorale, Doppelstierprotomenanhänger, Knotenringe, sog. Torques, Armreife, Ringe und Fibeln, die zum Teil auf einem Leichentuch befestigt bzw. gelegt worden sein müssen, wie es die Position der Fibeln in Kopf- und Fußbereich nahelegen.

Abb. 2 Saal B im von I. Dall‘Osso eingerichteten archäologischen Museum degli Scalzi in Ancona


In der sog.tomba del duce , in der ein Herrscher um die Mitte des 6. Jhs. v. Chr. bestattet wurde, befanden sich sogar sechs zweirädrige Wagen, die beiden berühmten bronzenen Schauhenkel und eine Panoplia (Rüstung), die aus einemkardiophylax (Panzerscheibe), vier verzierten Beinschienen, Lanzen, Dolchen, Schwertern, Keulen und vier Bronzehelmen bestand.

Aber das ist noch nicht alles: An keinem anderen Ort in den Marken sind so viele Gegenstände aus Bernstein und Elfenbein gefunden worden wie in Belmonte Piceno. Berühmt sind vor allem drei große Fibeln mit geschnitz- ten Bernsteinbügeln, die einen Löwen auf einer Löwin, einen Doppellöwen und einen Panther zeigen, sowie geschnitzte Elfenbeinarbeiten, die eine Mischung aus italischen, griechischionischen, etruskischen und vorderorientalischen Kunststilen bilden.

Abb. 3 Die beiden geflügelten Knochenfiguren der «dea Cupra» mit Bernsteingesichtern (heute verloren) aus der Tomba 15 Curi 1910 (Dall‘Osso) / Tomba 83


Ein neuer Bernsteinlöwe (Abb. 5 a.b) sowie viele Fragmente von Elfenbeinobjekten wurden während unserer Ausgrabungen im Grab 2/2018 ent- deckt; darunter eine kleine Kourosfigur, sechs menschliche Gesichter, zwei Pantherköpfe sowie ca. 3000 kleine Bernsteinperlen, die ursprünglich zu verschiedenen Schmuckgegenständen gehörten.

Über allen Funden steht allerdings unübertroffen das archaische Elfenbeinkästchen mit eingelegten Bern- steinfiguren (vgl. Abb. 1).

Zurück zum colle Ete

Es begann alles mit der Wiederauffindung der Grabungs- und Museumsfotos von Dall‘Osso und der alten Inventarbücher des Museums von Ancona. Damit wurde es möglich, die vielen aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissenen Grabfunde, die nach der Zerstörung des Museums im Zweiten Weltkrieg ebenfalls als verschollen galten, sich aber in Wirklichkeit in den Tiefen des Museumskellers befanden, den einzelnen Bestattungen wieder zuzuordnen und somit das nachzuholen, auf das die Wissenschaft seit mehr als 100 Jahren wartet: die vollständige Vorlage der mehr als 250 Gräber, die Dall‘Osso auf dem Colle Ete bei Belmonte Piceno ausgegraben hatte. Erst Anfang 2019 wurden die mit vielen Zeichnungen und Beschreibungen versehenen Grabungstagebücher wiedergefunden, in denen auch wichtige Notizen zu den Siedlungsgrabungen von Dall‘Osso auf dem benachbarten Colle Tenna enthalten sind.

Um die vielen Daten und Informationen der Altgrabung von Dall‘Osso zu sammeln, die Funde aufzunehmen und anschließend die Grabkontexte zu rekonstruieren und auszuwerten, wurde ein deutsch-italienisches Forschungsprojekt unter der Federführung des Autors ins Leben gerufen, welches von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird. Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt des Instituts für Archäologische Wissenschaften der Albert- Ludwigs-Universität in Freiburg (Prof. Ch. Huth) zusammen mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz (Prof. M. Egg), in enger Kooperation mit den italienischen staatlichen Behörden des Polo Museale delle Marche, dem das Archäologische Museum von Ancona untersteht, und der Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio delle Marche. Mit leidenschaftlicher Hingabe von Anfang an dabei ist auch die kleine Gemeinde von Belmonte Piceno, die im Jahr 2017 endlich ihr eigenes Museum bekam, in dem neben der Grabungsgeschichte einige der charakteristischen Funde ausgestellt sind. Ein Jahr später schaffte es der Bürgermeister sogar, die erste Grabungskampagne nach mehr als hundert Jahren auf dem Colle Ete zu finanzieren, bei der das Elfenbeinkästchen

Abb. 4 Einer der beiden bronzenen Schauhenkel aus der «tomba del duce» (Tomba 1 Malva - tani / Tomba 163 (Inv. vecchio) mit dem «despotes ton hippon» (Herr der Pferde) als griechischer


Das Elfenbeinkästchen mit Bernsteinfiguren

In einer anscheinend bereits von Dall‘Osso 1911 untersuchten Kriegerbestattung (Grab 1/2018) fanden wir bei unseren Ausgrabungen ein ca. 1,20 m großes Dolium (Vorratsgefäß) aus rotem Impasto, welches in einer separaten Grube unterhalb der eigentlichen Grabgrube der Bestattung stand. In dieser kleinen aber tiefen Grube lag das Elfenbeinkästchen direkt neben dem großen Vorratsgefäß. Das war ein großes Glück in mehrfacher Hinsicht: Zum einen da während der Altgrabungen kein großes Interesse an den Keramikgefäßen bestand, und somit die großen und schweren Dolia einfach unausgegraben vor Ort gelassen wurden, wie es in den Grabungstagebü chern immer wieder vermerkt ist. Daher blieb auch das Elfenbeinkästchen unentdeckt und unversehrt; zum anderen da das Elfenbeinkästchen samt Deckel aufgrund des Lehmbodens vorzüglich erhalten ist, und von unserem Restaurator Nicola Bruni sofort im Block geborgen und anschließend restauriert werden konnte.

Das Kästchen wurde wie der Deckel aus einem einzigen Elefantenzahn geschnitzt (vgl. Abb. 1). Der Boden ist separat aus drei Teilen gefertigt und mit Knochennieten zusammengesteckt; auf der Unterseite ist eine große Doppellotusblüte eingeritzt, die an korinthische und lakonische Vasenmalerei erinnert. Das sich nach oben verjüngende Kästchen ist mit Deckel 15,7 cm hoch und gerade mal zwischen 10 und 8 cm breit.

Der Deckel besteht aus vier gegenüberliegenden in Durchbrucharbeit (à jour ) geschnitzten Sphingen mit eingelegten Gesichtern und Flügeln aus Bernstein (Abb. 6). Die Seiten sind mit Bernsteinplättchen verblendet auf denen mit dem bloßen Auge kaum sichtbare Sphingen eingeritzt sind, die sehr etruskisch wirken.

Das Kästchen selbst ist mit 18 flachen, ca. 3,5 cm hohen Bernsteinfiguren geschmückt, die auf der Rückseite Binnenritzungen aufweisen, welche ursprünglich durch den heute nachgedunkelten Bernstein durchschimmerten (Abb. 7]. Außerdem sind darauf noch Reste von dünner Zinn- oder Bleifolie vorhanden, die den chromatischen Effekt der Ritzzeichnungen verstärkten - und somit etwas an Bleifiguren erinnern, wie sie u. a. zu tausenden in lakonischen Heiligtümern um und in Sparta gefunden wurden.

Diese Bernsteinfiguren sind, wie die Sphingen des Deckels, eine Sensation, denn sie zeigen in Metopenfelder unterteilte Szenen, die zum Teil aus der griechischen Mythologie stammen (Abb. 8a-c): Eindeutig zu erkennen ist Perseus, der das Schwert aus der Scheide ziehend zur knienden und noch nicht kopflosen Medusa schreitet, hinter der anscheinend die un- bewaffnete Athena steht, sowie Ajax, der den toten Achill auf dem Rücken trägt, nachdem dieser von Paris getötet worden war. Eventuell sind auch Kassandra und Ajax der Lokrer dargestellt, aber ganz sicher ist diese Zuweisung nicht. Andere Szenen, wie die sich gegenüberstehenden Würdenträger (mit Litus oder Krummstab?), die beiden auf Diphroi (Klappstuhl] sitzenden bärtigen Männer mit der kleinen, einen Langstab tragenden Gestalt in ihrer Mitte, und die beiden menschlichen Figuren mit Lotusblumen in der Hand (Brautwerbung?] sind bislang nicht eindeutig zu identifizieren. Sie könnten sowohl auf griechische, etruskische oder sogar auf lokale Erzählungen zurückzuführen sein.

Abb. 5 a.b Der Bernsteinanhänger in Löwengestalt wurde bei den neuen Ausgrabungen im Grab 2/2018 entdeckt.


Über den Inhalt des Kästchens lässt sich fast nichts sagen. Lediglich eine kleine runde Elfenbeinscheibe haftete an einer der Innenseiten an. Diese könnte, zusammen mit zwei weiteren runden Elfenbeinscheiben und einer kleinen Buccheroscheibe der gleichen Größe (Dm 2,0 cm) sowie zwei etwas größeren Elfenbeinringen, die außerhalb des Kästchens lagen, als Spielstein gedeutet werden. In der Nähe des Kästchens wurden drei schmale, gelochte Streifen sowie drei gewölbte Scheiben aus Elfenbein mit Bronzenietresten gefunden, die möglicherweise zu einem anderen Gegenstand aus vergänglichem Material gehört haben. Anscheinend befand sich das Kästchen in einer Ledertasche und war somit vor Schmutz und Stoß geschützt.

Ein ungewöhnlicher Eklektizismus von Kunststilen

Die Entdeckung des Elfenbeinkästchens hat weitreichende Konsequenzen, die in ihrer wissenschaftlichen Tragweite bislang kaum abzuschätzen sind: Der Fund ist der Schlüssel zum Verständnis der merkwürdigen und lebhaften Kunststile des fortgeschrittenen 6. Jhs. v. Chr. in den Marken. Eine der Werkstätten, in der diese Kunststile entwickelt wurden und die sich wohl im Umfeld des Herrschers von Belmonte Piceno befand, zeichnet sich durch die Verwendung ostgriechischer Elemente (Gesichter, Haare, Körper) aus, kombiniert diese aber mit anderen aus lakonischen Elfenbein- und Bronzearbeiten bekannten Elementen (Sphingen, lachende Gesichter mit langen Bärten, Haare mit Etagenperücke) sowie mit Anleihen aus der griechischen Reliefkeramik. Daneben sind unzweifelhafte Ein- flüsse aus der etruskischen Bronzeplastik ostgriechischer Prägung und aus der etruskischen figürlichen Tafelmalerei festzustellen. Orientalisch inspiriert, aber auch aus der etruskischen ionisierenden Kunst bekannt ist die Kleidung einiger Figuren mit langem Chiton bzw. mit einem Mantel mit verziertem Saum.

Seit langem wurden frappierende Ähnlichkeiten einiger Elfenbeinarbeiten aus den Marken mit älteren nordsyrischen und levantinischen Gegenständen festgestellt. Der Elfenbeindeckel des Kästchens aus Belmonte Piceno ist bislang der Höhepunkt dieses in Ostitalien fremd wirkenden Kunstschaffens, denn die vier in Durchbruchtechnik geschnitzten Sphingen stehen eindeutig in der Traditionà jour gearbeiteter vorderorientalischer Elfen-beinplatten mit Sphingen und anderen Fabelwesen, wie sie vor allem im assyrischen Nimrud gefunden wurden. Die Gestalt der Sphingen des Kästchens erinnert dagegen zum einen an lakonische Bronzearbeiten zum anderen an die Sphingen etruskischer Großplastik aus Vulci sowie an Sphingen auf dem Reliefbucchero von Orvieto aus der zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. Wie dieser ungewöhnliche Eklektizismus von vielfältigen Kunststilen in den Marken zustande kam, kann noch nicht zufriedenstellend erklärt werden. Im Elfenbeinkästchen aus Belmonte Piceno laufen aber alle Verbindungsstränge zusammen, so dass dort die Antwort zu suchen ist.

Abb. 6 Der Elfenbeindeckel mit den geschnitzten Sphingen mit Bernsteineinlagen aus Grab 1/2018.


Abb. 7 Sehr viele Details sind auf der Rückseite der dünnen und flachen Bernsteinfiguren eingeritzt. Darüber wurde eine Zinnfolie gelegt.


Die Gestaltung der in das Elfenbein- kästchen eingelegten Bernsteinfiguren verweist auf griechische und etruskische Kunstlandschaften. Die Gliederung der mythischen Szenen in Metopen, die Anordnung der Figuren und die Ikonographie erinnert nicht nur an die berühmte, bei Pausanias erwähnte Kypseloslade (V 17,5–19,10), sondern auch an Darstellungen auf griechischen bronzenen Dreifußbeinen und Schildbändern – es dürfte wohl kein Zufall sein, dass in Grottazzolina, der Nachbarnekropole von Belmonte Piceno, ein verziertes Schildband zum Vorschein kam, das in seiner Zweitverwendung zu Schmuck verarbeitet worden ist. Die Einritzungen der Bernsteinfigu- ren sind jenen auf schwarzfigurigen Vasen der zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. sehr ähnlich, kommen aber auch auf ritzverzierten griechischen Einlegearbeiten aus Bronze oder Knochen vor.

Noch entscheidender scheint der unmittelbare Einfluss der Toreutik zu sein, der in den mittelitalischen Reli- efbronzeblechen aus der Mitte und zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. zu fassen ist, die etruskischen Werkstätten zugerechnet werden, in der wohl auch ostgriechische Handwerker gearbeitet haben dürften. So enthalten die Ziselierungen auf den Dreifüßen aus San Valentino di Marsciano bei Perugia (Sammlung Loeb, heute München), auf den Wagenblechen aus Castel San Mariano bei Perugia und auf den Wagenblechen aus Monteleone di Spoleto ganz ähnliche Details wie die Bernsteinfiguren aus Belmonte Piceno: Stiefel, kurze Chitons der Helden mit durch Swastiken verziertem Randsaum, Köpfe, Mähnen und Körper der Löwen, menschliche Gesichter ionischer Prägung. Das Gesicht der Medusa-Bernsteinfigur von Belmonte Piceno entspricht nicht nur im Schema, sondern auch im Detail mit gescheiteltem Haar hinter den Ohren, kleinem Mund und kleiner Zunge den zwei Gorgo-Masken, die die beiden Schilde der Heroen schmücken, die auf den Reliefbronzen von Monteleone di Spoleto dargestellt sind. Nach wie vor ist umstritten, wo diese Bronzereliefs hergestellt wurden: Neben Chiusi sind vor allem die großen etruskischen Städte Vulci, Cerveteri und Tarquinia mit ihren Häfen im Gespräch, da sie für eine Zusammenarbeit von griechischen und etruskischen Toreuten die besten Voraussetzungen boten. In diesem Zusammenhang interessant ist, dass die in dertomba del duce von Belmonte Piceno gefundenen (und heute zerstörten) Beinschienenpaare Herakles mit dem Löwen in eben dieser Hochrelieftechnik zeigen.

Dagegen verdichten sich bei den Elfenbein- und Bernsteinschnitzereien die Indizien, dass eine der Werkstätten tatsächlich in Belmonte Piceno selbst zu suchen ist. Neben den sehr reichen, heute nicht mehr vorhandenen Elfenbeinarbeiten aus der Tomba 10 Curi 1910 (Dall‘Osso) / Tomba 72 (Inv. vecchio) sprechen insbesondere die charakteristischen Kopfprotomen dafür. Die Technik der eingelegten geschnitzten Gesichter aus Bernstein oder Elfenbein ist bislang nur aus Belmonte Piceno bekannt: die vier Sphingen des Deckels, die beiden ge- flügelten Anhängerfiguren derdea Cupra , einzelne Kopfdarstellungen aus Bernstein aus verschiedenen Grabkontexten und sechs Elfenbeinköpfe, die im Grab 2 von 2018 lagen. Auf einer großen Bernsteinbulla, die zusammen mit drei Kopfprotomen gefunden wurde, sind ganz ähnliche Gesichter geschnitzt (Abb. 9). Und auch auf anderen Gegenständen, wie auf zwei bronzenen Torques und auf einem Keramikkelch, tauchen Gesichter auf, die als Menschen oder als Götter zu deuten sind.

Abb. 9 Bernsteinbulla mit geschnitzter Gorgofratze und Menschengesichtern aus Tomba 19 Curi 1910 (Dall‘Osso) / Tomba 94


A bb. 8 a–c In die einzelnen Bildfelder des Kästchens wurden die ehemals durchsichtigen Bernsteinfiguren mit ihrer verzierten Rückseite auf einzelne Zinnfolien gelegt. Deutung der einzelnen mythischen Bildszenen:

Seite A, Bildfeld oben A1–A3: zwei mensch liche Figuren mit Lotusblumen in der Hand (evtl. Brautwerbung), eine dritte Figur ist nur fragmentarisch erhalten.

Seite A, Bildfeld unten A4–A6: evtl. Ajax der Lokrer mit Kassandra vor der Athenastatue, dahinter evtl. Priamos (unsichere Deutung).

Seite B, Bildfeld oben B1–B2: sich gegenüberstehenden Würdenträger, wahrscheinlich mit einem Litus bzw. einem Krummstab in der Hand.

Seite B, Bildfeld unten B3, nach links schreitender Löwe.

Seite C, Bildfeld oben C1–C3: zwei auf Diphroi sich gegenübersitzende bärtige Männer, dazwischen eine kleine Gestalt mit einem Langstab.

Seite C, Bildfeld unten C4–C6: Perseus und die kniende Medusa, dahinter wahrscheinlich Athena.

Seite D, Bildfeld oben D1: nach links schreitender Löwe.

Seite D, Bildfeld unten D2–D3: Ajax, der den toten Achill auf dem Rücken trägt, davor wahrscheinlich Paris mit einem Messer.

Ein neues Kapitel in der Archäologie der Eisenzeit

Bernstein aus dem Baltikum, Elfenbein aus Afrika oder aus dem Vorderen Orient, ikonographische Themen aus Griechenland und Etrurien sowie stilistische Eigenschaften, die griechische, etruskische und italische Elemente vermischen: Mit dem Elfenbein- kästchen und seinen Bernsteinfiguren kann eine neue Geschichte des Mittelmeergebiets erzählt werden, die viele Protagonisten kennt. Aber damit noch nicht genug: Auch die Beziehungen mit Mitteleuropa können nun noch deutlicher bestimmt werden. Im Zentralgrab des Grabhügels von Grafenbühl beim Hohenasperg in Baden- Württemberg wurden zwei Elfenbeinsphingen mit Bernsteingesichtern gefunden, die unseren vier Sphingen auf dem Deckel ausgesprochen ähneln (Abb. 10).

Die Gemeinsamkeiten zwischen den Gruppen der hallstattzeitlichen Kulturen und den Italikern in den Abruzzen, Umbrien und den Marken sind trotz einiger Vorarbeiten in der deutschsprachigen Forschung noch weitgehend unbekannt.

Die Bedeutung des Elfenbeinkästchens kann dabei nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nach dem Stil der Bernsteinfiguren zu urteilen, muss es in der zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. hergestellt worden sein. Somit ergäbe sich über die vier geschnitzten Sphingen mit Bernsteingesicht des Deckels auch ein neues Datum für die Sphingen aus dem Grafenbühl, die den besten Beleg für den Güteraustausch von Eliten zwischen dem südlichen Picenum und dem westlichen Hallstattgebiet darstellen – eine Wegrichtung, die auch neues Licht auf die Ähnlichkeiten zwischen den mittelitalischen Grabstelen (Krieger von Capestrano) und ihren hallstatt- bzw. latènezeitlichen Verwandten (Stelen von Hirschlanden und vom Glauberg) wirft.

Abb. 10 Eine der Elfenbeinsphingen mit Bernsteingesicht aus dem Zentralgrab des Grabhügels von Grafenbühl beim Hohenasperg (Kr. Ludwigsburg) in Baden-Württemberg.


Adresse des Autors

Dr. Joachim Weidig AlbertLudwigsUniversität Freiburg, institut für Archäologische Wissenschaften Belfortstraße 22 D79085 Freiburg

Bildnachweis

Abb. 1: © Foto Progetto Belmonte Piceno; 2: © Bildarchiv der soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio delle Marche (su concessione); 3: © Bildarchiv der soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio delle Marche (su concessione) und Foto J. Weidig; 4: © Foto J. Weidig su concessione del Polo Museale delle Marche, Archäologisches Museum von Ancona; 5 a.b–7: © Foto J. Weidig; 8 a–c: © Foto, Zeichnungen und Fotomontage J. Weidig; 9: © Foto J. Weidig su concessione del Polo Museale delle Marche, Archäologisches Museum von Ancona; 10: © Archäologisches Museum stuttgart.

Literatur

S. BAGLIONI, Beitrag zur Vorgeschichte des Picenums, in: Zeitschrift für Ethnologie 37 (1905) 257–264. I. DALL’OSSO, Guida illustrata del Museo nazionale di Ancona con estesi ragguagli sugli scavi dall´ultimo decennio preceduta da uno studio sintetico sull´origine dei Piceni (1915).

G. coLonnA / L. FrAnchi DELL´orto (Hrsg.), Die Picener. Ein Volk Europas. Ausstellungskatalog Frankfurt a.M. (1999).

A. EMILIOZZI, The Etruscan Chariot from Monteleone di Spoleto, in: Metropolitan Museum Journal 46 (2011) 9–132.

U. HÖCKMANN, riflessioni sui toreuti dei rilievi figurati di castel san Mariano, in: P. Bruschetti / A. trombetta (Hrsg.), I Principes di Castel San Mariano due secoli dopo la scoperta dei bronzi etruschi (2013) 39–58.

P. MARCONI, La cultura orientalizzante nel Piceno, in: MonAnt 35 (1933) 265–348.

A. NASO, I Piceni. Storia e archeologia delle Marche in epoca preromana (2000).

G. ROCCO, Avori e ossi dal Piceno (1999).

J. WEiDiG, Adriatischer Kulturraum, in: A.-M. Wittke (hrsg.), Frühgeschichte der Mittelmeerkulturen. Historischarchäologisches Handbuch. Der Neue Pauly, supplemente Band 10 (2015) 326–334.

DERS., La fibula con staffa ad animale fantastico della donnaguerriera di Belmonte Piceno. Opera straor dinaria di eclettismo italico, etrusco e greco, in: studi Etruschi 79/2016 (2018) 89–103.

DERS., Il ritorno dei tesori piceni a Belmonte. La riscoperta a un secolo dalla scoperta. Catalogo del Museo archeologico (2017).

DERS. (hrsg.), Belmonte Piceno 2018. racc onti di scavo, restauro e ricerca (2019).