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» GROSS TRÄUMEN, AUCH MAL SCHEITERN


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Kanu Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 40/2022 vom 01.06.2022

INTERVIEW

Artikelbild für den Artikel "» GROSS TRÄUMEN, AUCH MAL SCHEITERN" aus der Ausgabe 40/2022 von Kanu Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Magazin, Ausgabe 40/2022

Herr Rohrbach, »6000 Kilometer auf Missouri und Mississippi durch Amerika« – so lautet der Untertitel Ihres Buches »Im Fluss«. Bitte geben Sie doch unseren Lesern eine kurze

Zusammenfassung dieses Abenteuers.

Als erster Europäer bin ich auf Amerikas größtem Flusssystem von der Quelle des Missouri River in den Rocky Mountains durch die Prärie und den Mittleren Westen zum Mississippi gepaddelt und auf dem dann weiter bis zum Golf von Mexiko, 6000 Kilometer allein in einem selbstgebauten Kajak aus Holz. Meine Reise sollte dabei der rote Faden sein, um die Geschichte der Menschen, die ich unterwegs treffen würde, zu schildern, ihre Beziehung zum Fluss und dem Land, durch das er fließt.

»Allein war ich oft, einsam nie. Es gab sicher Momente, die ich gerne mit anderen geteilt hätte. Aber Begegnungen unterwegs sind allein intensiver.«

Warum ausgerechnet diese Strecke?

Die Idee zu dieser Reise hatte ...

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... ich schon vor mehr als zehn Jahren, auf dem Yukon. Den war ich damals in einem Kanu aus Birkenrinde komplett gepaddelt, von den Quellseen in Kanada durch ganz Alaska bis zum Beringmeer. 3000 Kilometer. Ein Wendepunkt in meinem Leben. Für diese Reise hatte ich meine Jobs als Arzt und Radiomoderator beim Bayerischen Rundfunk aufgegeben, pendle seitdem ohne festen Wohnsitz zwischen Amerika im Sommer und Europa im Winter.

Vor allem die Begegnungen mit den Menschen am Fluss haben die Reise so besonders werden lassen, ihre Herzlichkeit und Gastfreundschaft, das Wechselspiel zwischen Mensch und Natur. Deshalb wollte ich zurück aufs Wasser. Warum also nicht auf den längsten Fluss

Nordamerikas, den Missouri. Der mündet ja bei St. Louis in den Mississippi. Aber das Wasser hört da natürlich nicht auf zu fließen. Deshalb bin ich weitergepaddelt, bis ins Meer. Wobei die Missouri-Fans sagen, eigentlich müsste der Unterlauf des Mississippi auch noch Missouri heißen, schließlich ist der ja länger als der Mississippi. Aber die Europäer haben halt zuerst von Osten her den Mississippi entdeckt, und deswegen durfte der seinen Namen in Gänze behalten..

Wo lagen denn die größten Herausforderungen?

In den großen Stauseen. Der Missouri ist über rund 1000

Meilen gestaut, der längste See ist fast 400 Kilometer lang, ohne Strömung. Dafür gibt es häufig starken Wind, hohe Wellen und brutale Gewitterstürme. Das wochenlange, monotone Paddeln auf diesen Stauseen in der Prärie ist vor allem eine mentale Herausforderung. Da habe ich schon manchmal gehadert, besonders mit mir, weil ich nicht so recht in den Fluss kam. Deswegen auch der Titel von Buch und Vortrag.

Haben Sie sich unterwegs manchmal einsam gefühlt?

Allein war ich oft, aber einsam habe ich mich eigentlich nie gefühlt. Es gab sicher Momente, die ich gerne mit jemandem geteilt hätte. Aber die Begegnungen unterwegs sind allein intensiver. Auf die wollte ich mich ja konzentrieren und habe dann die Tage ganz allein auf dem Wasser zum Reflektieren und Verarbeiten meiner Erlebnisse genutzt.

Warum eigentlich in einem selbst gebauten Holzkajak? Das könnte man ja auch einfacher haben …

Schon für den Yukon hatte ich mir zusammen mit einem erfahrenen Baumeister ein Kanu aus Birkenrinde gebaut. Und diese Erfahrung, das Gefährt für die Reise selbst zu schaffen, war so besonders, dass ich wieder selbst bauen wollte. Dieses Mal allerdings ein Kajak, das mir vor allem für die Etappen auf den großen Stauseen des Missouri passender schien. Also habe ich mir im Vorfeld einen Holz-Bausatz besorgt und bin zum Bauen in die kalifornische Wüste.

Im Grunde hat damit meine Reise begonnen, schon Wochen vor dem eigentlichen Start in Montana.

Wie verändern sich die Flüsse im Lauf der 6000 Kilometer?

Der Missouri beginnt an der Quelle in den Bergen als wild sprudelnder Bach, der sich über die Felsen zu Tal stürzt, frei fließen kann, breiter, stärker wird, ehe die riesigen Stauseen in der Prärie ihn ausbremsen. Der Unterlauf ist dann ein gut tausend Kilometer langer, relativ schmaler Kanal für die Frachtschiffe. Das ändert sich mit dem Mississippi, dessen Ufer teilweise mehr als zwei Kilometer auseinander liegen. Auch landschaftlich gibt es in Nordamerika kaum eine größere Vielfalt, erst Berge, dann die Weite der Prärie, grüne Hügel und Wälder im Mittleren Westen, fruchtbare Felder im tiefen Süden und schließlich das so wichtige, aber bedrohte Marschland im Delta am Golf. Bei keiner anderen Flussreise erfährt man mehr über Amerika und seine Kulturen.

Und in welchem ökologischen Zustand präsentierten sich die Flüsse?

Sie sind ja unterwegs auf den einen oder anderen Staudamm und Querbauwerke gestoßen.

ZUR PERSON

Dirk Rohrbach ist Abenteurer, Fotograf und Arzt. Seit mehr als 30 Jahren bereist er Amerika, am liebsten mit Rad, Canadier oder Kajak. Mittlerweile pendelt er ohne festen Wohnsitz zwischen den Kontinenten.

Zu seiner Reise auf Missouri und Mississippi gibt es einen Podcast, der als Teil der Serie »50 States« in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk produziert wurde und überall zu finden ist, wo es Podcasts gibt (unter anderem auf seiner eigenen Website). Tour-Termine und mehr Infos, auch zu den Spendenreisen: www.dirk-rohrbach.com

Die Wasserqualität ist höchst unterschiedlich, am Oberlauf grundsätzlich wohl besser als flussabwärts. Vor allem die Dünger der Landwirtschaft sorgen für Giftstoffe. Am Mississippi kommen Industrieanlagen und Raffinerien dazu. Der Abschnitt zwischen Baton Rouge und New Orleans in Louisiana wird deshalb als Cancer Alley bezeichnet, weil die Anwohner womöglich durch die Verschmutzung erhöhte Krebsraten aufweisen. Noch krasser sind aber in der Tat die riesigen Stauseen, die zwar mitunter verlockend klares, tief blaues oder gar türkisfarbenes Wasser haben. Der Spitzname des Missouri aber lautet »The Big Muddy«, der Schlammige. Natürlicherweise wäre der Missouri also viel sedimentreicher und würde die Nährstoffe in die Auen spülen. Dieser Wandel bedroht Arten wie den Schaufelstör, der seit Urzeiten im Missouri lebt, dem aber jetzt das Habitat fehlt. Nachzuchtprojekte sollen ihn retten, auch weil er ein Indikator für einen gesunden Fluss ist. Außerdem gibt es Flussabschnitte, die als wild geschützt sind, wo der Missouri noch ungezähmt strömen, sich verzweigen, Untiefen und Inseln bilden darf.

So riesige Flüsse machen etwas mit uns Menschen.

Die meisten Anwohner haben mit Respekt und Stolz von ihrem Missouri und ihrem Mississippi gesprochen.«

Können Sie ein bisschen von Ihren Begegnungen mit der Bevölkerung erzählen? Von »Ureinwohnern, Musikern, Kapitänen und river rats«, wie es im Klappentext heißt?

Für mich waren diese Begegnungen ja der Hauptgrund für die Reise.

So riesige Flüssen machen was mit uns Menschen. Sie ziehen uns an.

Und mich hat vor allem interessiert, wie die Menschen den Fluss wahrnehmen und mit ihm leben. Die meisten haben mit tiefem Respekt, Begeisterung und Stolz von ihrem Missouri und ihrem Mississippi gesprochen. Fast alle schreiben dem Fluss im Englischen übrigens das weibliche Geschlecht zu, es ist immer sie, die Lebensspenderin. Und die Menschen waren unglaublich hilfsbereit und an meiner Reise interessiert. Es gibt ein ganzes Netzwerk sogenannter River Angels, die nicht nur in Gedanken mitreisen sondern den Paddlern auch helfen, beim Einkaufen von Proviant, Umtragen der Stauseen und mit moralischer Unterstützung, wenn es mal nicht so läuft. Am

Ende haben sie mich damit wortwörtlich in den Fluss kommen lassen, nachdem es mir lange schwer gefallen ist, so richtig reinzukommen. Ich hatte die Herausforderung wahrscheinlich unterschätzt.

Das geschilderte Abenteuer war ja nicht Ihre erste Expedition im nördlichen Amerika. Seit mehr als drei Jahrzehnten zieht es Sie dorthin. Sie haben die USA schon mit dem Fahrrad durchquert und den Yukon River unters Boot genommen. Was fasziniert Sie so an diesem Kontinent? Die Weite und die Vielfalt der Landschaften, die es so bei uns nicht gibt. Wüsten, Regenwälder, Prärie, Sümpfe. Auch die Berge sind anders als bei uns in Europa. Aber noch mehr sind es die Menschen, vor allem in den dünn besiedelten Regionen, die, geprägt von der zum Teil rauen Wildnis, zusammenrücken und ihr Ding machen. Sie träumen groß und scheuen sich nicht, auch mal zu scheitern. Das inspiriert mich. Klar ist das Land zerrissen, die Geschichte mitunter tragisch und die Politik kaum nachvollziehbar.

Aber ich habe selbst nach bald 35 Jahren immer noch nicht genug von Amerika und arbeite deshalb an einem großen Projekt über alle 50 Staaten. Dazu gibt es bereits einen Podcast in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk. Zum 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten in vier Jahren planen wir dann einen großen Bildband und eine neue Live-Reportage. Seit vielen Jahren teile ich auch meine Faszination und nehme Menschen mit nach Amerika. Wir organisieren Spendenreisen und unterstützen damit Sprach- und Jugendprojekte für die Ureinwohner. In diesem Jahr paddeln wir im August auf dem Yukon in Alaska und im September auf dem Missouri in Montana, mit kleinen Gruppen in Zweiercanadiern. Infos gibt es auf unserer Website (Anmerkung der Redaktion: www.dirk-rohrbach.com).

Eine persönliche Frage: Sie sind ja nicht nur Abenteurer, sondern auch Arzt – wie vereinbaren Sie Ihren Alltag mit den wochen- oder gar monatelangen Expeditionen?

Die Reisen sind jetzt mein Alltag. Ich pendle seit 2010 ohne festen Wohnsitz zwischen Deutschland und Amerika, arbeite nur noch sporadisch als Arzt. Im Hauptberuf bin ich jetzt Fotograf und Autor. Ich lebe meine großen Leidenschaften und bin dafür sehr dankbar.

INTERVIEW LARS BRINKMANN DIRK ROHRBACH, CLAUDIA AXMANN

DAS BUCH

In seinem neuesten Buch »Im Fluss – 6000 Kilometer auf Missouri und Mississippi durch Amerika« schildert Dirk Rohrbach seine komplette Reise auf Nordamerikas längsten Flüssen, dem viertgrößten Flusssystem der Erde, von der Quelle des Missouri bis zur Mündung des Mississippi in den Golf von Mexiko. Dabei beginnt das Abenteuer weitab vom Wasser: In der kalifornischen Wüste baut sich Dirk ein Kajak aus Holz, steigt dann in Montana mit Schneeschuhen zur Quelle des Missouri auf und folgt den ersten Wasserläufen für 100 Meilen auf einem Mountainbike. Danach geht es für Tausende von Kilometern im Kajak durch Amerikas Heartland. Auf seinen vielen Stationen erkundet der Fotograf und Abenteurer die kleinen Siedlungen und pulsierenden Metropolen an den Ufern. Er trifft auf Nachfahren der Ureinwohner, Musiker, Kapitäne und »river rats«, urige Gestalten, die am und mit dem Fluss leben. Die Eindrücke unterwegs wechseln ständig, majestätische Berge und endlose Prärie, gigantische Staudämme und Riesenfrachter, Baumwollfelder und Delta-Blues, heftige Unwetter und Stürme, schwelende Hitze – eine Auseinandersetzung mit Naturgewalten und mit sich selbst (Malik-Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, reich bebildert mit Farb- und Schwarzweiß-Aufnahmen, 304 Seiten, 22,-Euro).