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GROSSE LIEBE ODER EINFACH SEX?


L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 25.10.2019

Tiefe Gefühle, heiße Abenteuer oder gebrochenes Herz – L-MAG begibt sich auf eine gefühlvolle, prickelnde, aufregende und manchmal schmerzvolle Reise zwischen Liebe, Sex und Beziehung


Artikelbild für den Artikel "GROSSE LIEBE ODER EINFACH SEX?" aus der Ausgabe 6/2019 von L-MAG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: L-MAG, Ausgabe 6/2019

Illustrationen: Jennifer van de Sandt

Da ist sie wieder: die Shane-Frage. Welche Frage? Na, die Frage nach dem Grund für den Kult um die „The L Word“-Serienfigur Shane. Wenn in diesem Dezember in den USA die neuen Folgen der lesbischen Über-Serie anlaufen, schlagen Millionen lesbische Herzen höher, wenn Shane-Darstellerin Kate Moennig erneut die unstete Herzensbrecherin und den feuchten Traum so vieler Zuschauerinnen gibt. ...

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Da ist sie wieder: die Shane-Frage. Welche Frage? Na, die Frage nach dem Grund für den Kult um die „The L Word“-Serienfigur Shane. Wenn in diesem Dezember in den USA die neuen Folgen der lesbischen Über-Serie anlaufen, schlagen Millionen lesbische Herzen höher, wenn Shane-Darstellerin Kate Moennig erneut die unstete Herzensbrecherin und den feuchten Traum so vieler Zuschauerinnen gibt. Ist das alles Ami-Hysterie, mit dem wir im emotional kühlen Deutschland nichts zu tun haben? Mitnichten!
Wann immer L-MAG aufFacebook oderInstagram etwas über Kate Moennig oder Shane postet, schießen die Zugriffe durch die Decke. Hefte, deren Cover sie ziert, verkaufen sich besser als alle anderen. Als die Serie vor etlichen Jahren in Deutschland ankam, war auf Partys, CSDs und anderen Gelegenheiten des lesbischen Beisammenseins ein (oft etwas bemühter) Trend zum Shane-Look zu beobachten. Die leicht ausgefranste „Out-of-bed-Look“-Frisur mit Herrenhemd über der Jeans und einem locker gebundenen Schlips dazu. Verbunden mit möglichst schlank-schlacksiger Figur und verführerischem Schlafzimmerblick. „Sind wir nicht alle ein bisschen Shane?“, fragte L-MAG schon damals.

Will sagen: Haben nicht viele von uns die Sehnsucht danach, begehrenswert, vor allem aber super selbstsicher und souverän zu sein? Oder von einer ebensolchen souveränen Frau umworben zu werden? In der gelebten lesbischen Realität hingegen, bei Events oder Kneipenabenden, stehen so viele eher schüchtern mit ihrem Bier in der Ecke und warten auf eine Shane oder schwärmen im Verborgenen für eine Frau, die sie sich schon seit anderthalb Jahren nicht trauen anzusprechen.
Beim immer populärer werdenden L-MAGOnline-Dating findet sich, auf der Suche nach der „Traumfrau“, häufig die Betonung: „keine Szenelesben“ – ist damit „bitte doch keine Shane“ gemeint?
Während einerseits die Serie und ihre auffälligste Darstellerin vergöttert werden und die Fantasien anregen, wird für das reale Beziehungsleben scheinbar genau das Gegenteil gesucht. Steht also das eine für viel Sex, aber zugleich für Unzuverlässigkeit und die Gefahr, sehr schnell wieder fallen gelassen zu werden? Und verheißt die Beziehung mit der „Nicht-Szene-Traumfrau“ im Gegensatz dazu ewiges Glück?

ILLUSTRATIONEN: Jennifer van de Sandt

Sind Sex und Liebe das Gleiche?

Gibt es also, vereinfacht gesagt, diesen Gegensatz zwischen Sex einerseits und Liebe andererseits? Damit kommen wir zur Frage aller Fragen: Sind Sex und Liebe eigentlich das Gleiche? Niemand wird bestreiten, dass beides irgendwie miteinander zu tun hat … oftmals zumindest. Doch hat Sex nicht oft den Ruf der dunklen und schmutzigen Seite von Liebe?
Das Über-Gefühl Liebe, dieses von niemandem so richtig erklärbare, zum Ideal aller Zustände erklärte Phänomen, erlebt derzeit eine große Renaissance. Da gibt es viele Liebes-Hochzeiten und den Slogan „Love Wins!“, der Homosexualität heutzutage auf einen Zustand ganz weg von Sex, hin zur Liebe reduziert. Beschwerten wir uns einst noch, dass wir mit dem Wort „Homosexualität“ eben auf Sex reduziert wurden, liegt der Fall heute ganz anders. „Die Liebe gewinnt“ steht als Synonym für Gleichberechtigung von LGBT weltweit. Was uns ausmacht ist also nicht mehr Sex, sondern unsere Liebe. (Gemeint ist hier natürlich immer die romantische Liebe, nicht die Liebe in Freundschaften oder Familien.)
Aber gewinnt Liebe wirklich? Gibt es nicht auch verdammt viele Verliererinnen beim Thema Liebe? Wem schon mal das Herz gebrochen wurde – und das dürften nicht wenige sein – kann ein Lied davon singen. Klar, kein Grund, nicht immer wieder neue Träume und erneute Versuche zu starten. Aber ist Liebe wirklich dieser so glücklichmachende, erfüllende Zustand, wie er uns suggeriert wird? In Zeiten von neuen Kriegsbedrohungen, der Klimakatastrophe, Verarmung von weiten Teilen der Weltbevölkerung und Rechtsruck, kommen wir da wirklich mit Liebe weiter?


„Ist Liebe wirklich dieser so glücklichmachende, erfüllende Zustand, wie er uns suggeriert wird?”


Die Verlierer der „liebes-normativen“ Welt

Oder bietet Liebe gar eine Zuflucht vor allem Bösen? Ist die Liebe der Ort, an den wir uns zurückziehen können und stärken können in diesen bedrohlichen Zeiten? Macht uns das stärker? Oder birgt es die Gefahr des unpolitischen Wachkomas in dem man, allein auf sein kleines, privates Glück konzentriert, ratlos dem Weltuntergang beiwohnt?
Sehen wir uns nochmals die L-MAG-Dating-Anzeigen an, wird klar, dass sehr viele Userinnen diese viel gerühmte romantische Liebe nicht in ihrem Leben haben. Sie suchen und sehnen sich bis zur Verzweiflung danach. Wenn „Liebe gewinnt“, sind sie dann die Verliererinnen? Gar nicht so einfach, in einer „liebes-normativen“ Welt zu bestehen. Andererseits ist da Sex. Immer mehr Menschen leben bewusst ohne Sex, manche aus der Not heraus, andere, um Stress und Frust zu vermeiden. Genauso unstrittig wie die Tatsache, dass guter Sex eben einfach gut tut, dürfte sein, dass Sex, der nicht klappt, der verletzt, frustriert oder zu Enttäuschungen führt, ähnlich schlimm ist, wie ein gebrochenes Herz. Daher lassen es manche lieber ganz.
Aber es gibt natürlich auch jene, die Sex haben wollen. Zum Beispiel zur Selbstermächtigung als Frau, die über ihren Körper selbst bestimmt. Oder auch als queerer Mensch, der durch Sex sein Anderssein auslebt. Oder einfach nur, weil es Spaß macht geil zu sein, den eigenen und andere Körper zu spüren, sich gehen zu lassen, Bedürfnissen nachzugehen und sich Hingeben zu können. Das alles ist wohl unbestritten erstrebenswert – aber natürlich nicht um jeden Preis.
Der sexuelle Leistungsdruck in der westlichen Welt macht auch vor Lesben keinen Halt, da kann man noch so alternativ leben. Guter, häufiger Sex ist Teil der angesagten Selbstoptimierung. Doch genau wie mit der Liebe stellt sich da oft die Frage: „Woher nehmen?“ Und da kommt dann wieder die Shane-Fantasie ins Spiel. Diese kultisch verehrte Serienfigur lässt das Thema Sex einfach erscheinen und hat so gar nichts mit Schüchternheit und Angst vor Zurückweisung zu tun. Sie hat keine Scham wegen eines eventuell nicht als schön empfundenen Körpers. Shane hat kein Gramm zuviel, ist nicht alt, nicht krank, hat keine Wechseljahre und auch sonst keine Sorgen, die sie vom Sex abhalten könnten. Wer möchte nicht so sein?

Die lesbische Bedeutung von Sex

Aber wie kommt die Sehnsüchtige, die gar nicht so ist und aussieht wie Shane zum Zuge? Und geht es wirklich darum, von möglichst vielen Frauen begehrt zu werden und diese ins Bett zu ziehen, um viele Erfolgserlebnisse zu haben? Naja, wer würde da schon Nein sagen? Aber da ist dann noch der schale Geschmack der Oberflächlichkeit bis hin zur Beliebigkeit. Und wo bleibt die Liebe – das Ideal aller Dinge? Lesben behelfen sich gern mit dem simplen Mechanismus, sich beim Sex einfach zu verlieben. Damit ist die Lust dann auch legitimiert und nicht mehr so schmutzig oder oberflächlich und bekommt eine tolle, tiefe Bedeutung. Häufig geht es schnell in eine Liebesbeziehung über, man ist „zusammen“, verliebt und irgendwann vielleicht sogar verheiratet. Weg von Shane und den dazugehörigen Fantasien, hin zu „Love Wins“ – ein Spiel für Gewinnerinnen! Doch warum ergeben dann unrepräsentative Umfragen in Lesbenkreisen immer wieder, dass in längeren Paarbeziehungen der Sex nach einer Weile aufhört? Ohne das Gespenst vom „Lesbian Bed Death“ heraufzubeschwören: Kennen wir das nicht alle? Wenn nun Sex und Liebe so zusammengehören, wie kann das, was zuvor ohne einander nicht denkbar war, nur zwei Jahre später gut ohne das andere auskommen? Haben Sex und Liebe doch nichts miteinander zu tun? Bewirken sie sich irgendwie, lassen uns dann aber wieder mit nur einem von beidem auf der Strecke?
Ist die Reihung: Attraktion – Sex – Liebe – Beziehung – kein Sex mehr – weiter Beziehung bis zur Schmerzgrenze – dann keine Beziehung mehr …dann wieder von vorne … nicht zumindest fragwürdig?
Und damit lassen wir diese große oder größte aller Fragen einfach offen. Fest steht: Sex darf auch ohne Liebe genossen werden. Und es darf auch ohne Sex romantisch geliebt werden. Es gibt keine wahre Lehre, keine richtige Art zu leben, ob nun mit viel, wenig oder keinem Sex, ob in Beziehung oder nicht, verliebt, ungeliebt – alle sollten gewinnen und dies keinesfalls von Sex oder Liebe abhängig machen. Denn am Ende sind wir alle so sehr Shane, wie wir wollen.