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GROSSE STIMMEN: EINE MAGISCHE VERBINDUNG


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 22.05.2019

Eine ganze Genration ist mit ihm im Ohr großgeworden, Rufus Beck und „Harry Potter“ werden oftmals in einem Atemzug genannt. Aber auch Chris Colfers „Land of Stories“ lässt der Stimmkünstler zu einem einmaligen Hörerlebnis werden. Wir trafen den Schauspieler und Hörbuchsprecher im Rahmen der lit.cologne.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 4/2019

RUFUS BECK
ist einer der beliebtesten und erfolgreichsten Hörbuchinterpreten. Er wurde 1957 in Heidelberg geboren. Er arbeitete in verschiedenen deutschen Städten als Theaterschauspieler und hatte 1994 in Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ seinen Durchbruch beim Film. Beck ist Interpret und ...

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RUFUS BECK
ist einer der beliebtesten und erfolgreichsten Hörbuchinterpreten. Er wurde 1957 in Heidelberg geboren. Er arbeitete in verschiedenen deutschen Städten als Theaterschauspieler und hatte 1994 in Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ seinen Durchbruch beim Film. Beck ist Interpret und Produzent von mehr als 200 Hörbüchern, darunter dieHarry-Potter -Romane,Der goldene Kompass undArtemis Fowl und ist Herausgeber der AnthologieGeschichten für uns Kinder und des SachbuchsKinder lieben Märchen … und entdecken Werte .


Der Saal der Volksbühne am Rudolfplatz ist bis auf den letzten Platz belegt. Rufus Beck liest hier aus dem ersten Teil von „Land of Stories“, einer Fantasy-Reihe um die Zwillinge Conner und Alex, die über ein Märchenbuch in eine magische Welt, u. a. inspiriert von den Brüdern Grimm, teleportiert werden. Das Publikum hängt förmlich an seinen Lippen. Kinder und Erwachsene gleichermaßen lachen und fiebern mit. Nach der Lesung nimmt sich der Hörbuchinterpret für jeden Zeit und signiert Exemplare. Während wir auf Rufus Beck warten, vernehmen wir Sätze wie diese: „Der kann auch einen Einkaufszettel lesen und es klingt gut.“

„Herr Beck, die Livelesung hier in Köln war ein voller Erfolg, das Publikum war begeistert. Der Zeit geschuldet, haben Sie gekürzt, im Vergleich zum Hörbuch schien die Geschichte so auch humorvoller, was das Publikum auch mit etlichen Lachern belohnte.
Bei einer Livelesung möchte ich so viel von dem Roman vermitteln, dass man weiß, worum es geht und Lust bekommt, weiter zu hören. Eigentlich wollte ich fünf Kapitel lesen, habe aber schnell gemerkt, dass das nicht funktionieren wird. Ich probiere das nie zu Hause aus, ich mache lediglich ein paar Striche für die öffentliche Lesung. Deswegen weiß ich nie so genau, wie lange es dauert. Während des Vortrags habe ich daher noch mal gekürzt. Wissen Sie, beim Vorlesen kann man auf viele Dinge verzichten, weil ich ja eine Stimmung mitbringe. Aufgrund meiner Erfahrung kann ich während des Vortrags springen. Ich lese quasi mit zwei Augen. Das eine Auge liest den Text und das andere sieht schon unten, was kommen wird. Und natürlich ist eine Livelesung ein großes Testfeld, um zu gucken, ob ein Text etwas taugt. Man spürt sehr genau, ob das Publikum berührt ist. Ich fand es interessant, dass in dem Moment, als ich von dem Tod des Vaters erzählte – und ich hab da sehr viel gestrichen –, es im Saal richtig ruhig war. Die Kinder sehen das Haus und irgendwann erklärt man, warum Familie Bailey es verkaufen musste. Mehr braucht man gar nicht. Weil alles, was dazwischen passiert, das ist das Dunkle, der Abgrund, die Trauer.

Und die Stimmung änderte sich auch merklich von jetzt auf gleich, denn in einem Moment wurde noch gelacht und plötzlich war es still …
Ja, und dann war da diese besondere Stimmung. Ich empfinde mich als – großes Wort – Medium. Wenn ich auf der Bühne bin, produziere ich Emotionen, aber gleichzeitig bekomme ich von unten etwas. Das ist ein Wechselspiel, die Zuhörer und ich sind dann miteinander verbunden. Hier wusste ich, wenn ich bestimmte Dinge denke und empfinde, wird es das Publikum auch. Das macht mir sehr viel Spaß. Und ich war froh, dass ich spontan noch weiter gekürzt habe. Ein öffentlicher Vortrag ist für mich auch eine Show. Auch wenn es vielleicht um etwas Trauriges geht, im besten Sinne ist es Unterhaltung. Und Unterhaltung bedeutet, ich mach mich auf, höre zu, bin ganz da. Es gibt nichts anderes. Und das ist doch etwas Magisches.

Wie bereiten Sie sich auf die Hörbuchproduktion vor? Lesen Sie das Buch mehrmals? Oder entscheiden Sie vieles aus dem Bauch heraus?
Ich lese das Buch einmal, und wenn es notwendig ist, weil etwa viele Figuren gleichzeitig auftreten, mache ich mir eine farbliche Markierung. Der liebe Gott hat mir ein gewisses Talent mitgegeben. Ein Geschenk, wofür ich nicht viel arbeiten muss. Ich habe sehr schnell eine visuelle Szene vor mir und das Visuelle regt in mir wieder die akustische Interpretation an. Mit anderen Worten, ich muss mich überhaupt nicht vorbereiten, aber man muss jetzt auch dazusagen, ich lese ja auch nicht Aristoteles oder Platon, sondern oft geht es um Abenteuer. Ich sehe ein Buch als eine Partitur. Das Stück wird in dem Moment von dem Interpreten erschaffen, gefühlt, geatmet. Das heißt, man hat Gefühl, Dynamik, macht Pausen … Und dann wird es Musik. Lesen kann jeder selber, es geht um eine Interpretation, um Erzählen. Was ist meine Haltung zum Text? Natürlich kann man sich auch fragen, was hat sich der Autor dabei gedacht? Ich komme eher aus der anderen Ecke, ich versuche, das umzusetzen, was mich daran interessiert, mich ganz persönlich. Egoistisch sozusagen.

Was hat Sie an „Land of Stories“ so interessiert, dass Sie es eingelesen bzw. interpretiert haben?
Ich bekomme ein Buch und habe nur eine Ahnung davon, wie es klingen könnte. Spannend fand ich den Auslöser der Geschichte. Wir sehen Schneewittchen als erwachsene Frau, die selbst Königin ist und sie versucht, das Trauma ihres Lebens aufzulösen: „Alle lieben mich, nur ein Mensch liebt mich nicht.“ Das ist auch eine Anmaßung. Sie kann es nicht aushalten, dass sie von dieser Frau, ihrer Stiefmutter, nicht geliebt wird. Das war eigentlich der Aufhänger, warum ich das gemacht habe. Und dann gibt es auch interessante Figuren, die man so aus Grimms Märchen nicht kennt.

CHRIS COLFER: Land of Stories: Das magische Land 1 – Die Suche nach dem Wunschzauber
Übersetzt von Fabienne Pfeiffer Fischer Sauerländer, 480 Seiten, 18 Euro, ab 10

HÖRBUCH
ungekürzte Lesung mit Rufus Beck, Argon, 720 Min./2 MP3-CDs, 19,95 Euro

HÖRBUCHmagazin verlost dreimal das Hörbuch „Land of Stories: Das magische Land 1 – Die Suche nach dem Wunschzauber“ (Argon), Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!

Mit Märchen kennen Sie sich bestens aus, Sie haben immerhin das Buch „Kinder lieben Märchen“ geschrieben.
Genau. Dafür habe ich mich mit den wichtigsten Märchen und ihrer Bedeutung beschäftigt – wie es auch bei Misses Peters im Roman vorkommt. Es gab mal eine Zeit, da war man der Meinung, Märchen seien zu grausam. Aber sie müssen auch grausam sein, weil sie mündlich vorgetragen werden. Und Kinder empfinden das gar nicht so, sie sehen nicht, dass die Stiefschwestern sich die Zehen abschneiden, damit sie in den Schuh passen. Dieser Vorgang ist so absurd, es ist eine derartige Überhöhung des Horrors, dass es wie ein Filter wirkt bei den Kindern. Sie sehen, die machen einen Wahnsinnsschwachsinn, damit sie in den Schuh passen, und wissen, das funktioniert doch nicht. Der Erwachsene hingegen sieht: Schuh voller Blut. Wenn man es ungefiltert wahrnimmt: Horror. Aber selbst, wenn das Kind den Horror spürt, das Wunderbare daran ist, da ist ja die Mutter, der Vater oder die Großmutter, von denen dieser Horror aufgefangen wird. Es ist ein gemeinsames Erlebnis, Märchen werden nicht allein gelesen. Sie werden vorgetragen. Und die Brüder Grimm haben das wunderbar literarisch zusammengefasst. Der Sinn der Märchen ist, eine Moral weiterzugeben. Gute Märchen haben ganz starke Bilder. Und in „Land of Stories“ geht es weiter, wo es bei Grimms Märchen aufhört. Das ist eine gute Idee.

Nach dem Schulunterricht diskutiert Conner mit seiner Zwillingschwester Alex über die Hausaufgaben. Sie sollen einen Vortrag über die Bedeutung eines Märchens vorbereiten und halten. Conners Interpretationen der Märchen treffen es im Grunde ganz gut. Bei Dornröschen etwa, meint er, sind die Eltern an allem selber schuld, denn mit den Nachbarn darf man es sich eben nicht verscherzen. Hat er damit recht?
Conner hat vollkommen recht, deswegen haben auch alle im Publikum gelacht. Lachen ist auch immer Erkenntnis. Und die Kinder lachen, weil hier jemand etwas ausspricht, was sie vielleicht selbst denken oder gerne gedacht hätten. Sie solidarisieren sich mit Conner, weil er Schule blöd findet. Er hat ganz andere Qualitäten als seine Schwester Alex, die eine Streberin ist. Das ist der große Vorteil des Hörbuchs, weil ich diese Metaebene sehr gut darstellen kann. Dieser genervte Conner und seine Schwester, die immer die Welt verstehen muss. Diese Schnoddrigkeit in seiner Sprache und dieses Akkurate von ihr, sie möchte immer so genau sein und sie hat beinahe ein Überbiss und er redet so vor sich hin(Beck in den Rollen)

Wussten Sie gleich bei der Lektüre, wie alle Figuren klingen müssen? Waren die Stimmen sofort in Ihrem Kopf?
Ich lasse mich sehr stark von dem ersten Moment beeinflussen. Wie Froggy klingt, ist ja zum Beispiel klar, er ist ein Frosch, er hat einen breiten Mund. Das weiß ich sofort. Oder Rotkäppchen, die ist eine Zicke und möchte von allen geliebt werden. Ich habe dann direkt ein Bild vor mir von einem Mädchen, das immer mit dem Kopf wackelt und leicht beleidigt ist. Dann kommt die Stimme von allein. Ich muss mich nicht mehr verbiegen. Es ist eine Begabung.

Auffällig ist, dass Sie die Nebenfiguren stimmlich kontrastreicher angelegt haben.
Die Hauptfigur muss man nicht charakterisieren, denn sie ist die Hauptfigur. Der Held, oder im Theater der König, wird definiert durch die anderen. Die anderen verbeugen sich, sprechen mit gedämpfter Stimme, sie katzbuckeln, und dadurch wird der König zum König. Und in der fantastischen Literatur sind die Nebenfiguren oft überzeichnet. Damit sie etwas hinterlassen, müssen sie auffallen. Schneewittchen, die sieben Zwerge, der böse Wolf, Rapunzel: Sie alle müssen sich natürlich voneinander unterscheiden.

„Land of Stories“ besteht aus sechs Bänden, wie wird es weitergehen?
Das zweite Buch kommt jetzt raus, das ist noch umfangreicher. Ich weiß gar nicht, was Colfer da noch alles erzählen will. Ich bin gespannt. Was eben schön bei Serien ist, ist, dass die Stammbesetzung erst mal klar ist. Wie eine akustische Familie, man kennt die Figuren. Und dann kommen neue hinzu. Ich wollte auch schon immer eine tolle Serie machen wie „Benjamin Blümchen“, die habe ich immer mit meinen Kindern gehört. Klar, als Erwachsener will man dann im Auto auch irgendwann mal was anderes hören. Aber es ist toll. Es gibt immer ein Thema, beispielsweise Verkehrssicherheit, und dann kommt Benjamin – sehr geschickt und wirklich gut gemacht. So was würde ich gerne machen! Wo man sagt: wow, 50 Folgen. Das ist spannend, so etwas mit zu erschaffen.


Foto: Rufus Beck © Carsten Sander