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Großes Talent – am Boden vergeudet


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Flugzeug Classic - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 07.11.2022

Alfred Grislawski

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Bildquelle: Flugzeug Classic, Ausgabe 12/2022

Unbekannte Kameraden: Dieser Pilot sitzt samt Staffelhund auf seiner Bf 109. Er diente in der 9./JG 52, genau wie Grislawski, der sich anfangs ziemlich schwer bei diesem Frontverband tat

Geradezu beschaulich ging es im Leben des Nachwuchsfliegers Alfred Grislawski zu, als er im Juli 1940 zur III./JG 52 versetzt wurde. Diese wurde zur »zur Auffrischung« nach Zerbst verlegt, südlich von Berlin. Den zum fliegerischen Nachwuchs zählenden Gefreiten Alfred Grislawski wies man dabei der 7. Staffel zu, die über Großbritannien innerhalb von zwei Tagen sechs Flugzeugführer verloren hatte. So wurde die 7./JG 52 unter ihrem Staffelkapitän Hauptmann Erwin Bacsila eine Mischung aus einigen »alten Hasen«, die von den schweren Kämpfen mit den britischen Hurricanes und Spitfires berichteten, und noch gänzlich unerfahrenen Neulingen wie eben Grislawski. Und mit einem dieser »alten Hasen«, einem Unteroffizier namens Edmund Roßmann, sollte er eine lebenslange Freundschaft schließen.

Allerdings erlebte Grislawski in Zerbst ern eut auch jene regimetreuen Offiziere, die kei- nen Hehl aus ...

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... ihrer Abneigung gegen den kleinen Gefreiten machten, der sich dem NS-Staat und seinen Institutionen hartnäckig verweigert hatte. Einzig seine unbestreitbaren fliegerischen Leistungen bewahrten ihn vor Schlimmerem. Ihre kleinen und großen alltäglichen Schikanen hielt er aus, dennoch hoffte er insgeheim, es ihnen eines Tages heimzahlen zu können.

Eine solche Gelegenheit bekam er zwar nicht, aber immerhin versetzte man Grislawski im Oktober 1940, nunmehr Feldwebel, zur 9. Staffel des Jagdgeschwaders 52 – eine Erleichterung, denn hier traf er auf vertraute Gesichter: Heinrich Füllgrabe und Hermann Graf kannte er bereits von der Ergänzungsgruppe her.

Gegen England? Von wegen

Doch welche Aufgaben erwarteten Grislawski nun? Der offiziellen Lesart zufolge schützte die III./JG 52 den Luftraum um und über Berlin, wobei böse Zungen behaupteten, dass dies nach den schlechten Erfahrungen über Großbritannien eher der Beruhigung der Piloten diene. Den nächtlichen Luftangriffen des RAF Bomber Commands auf Berlin, die ab August 1940 einsetzten und zunahmen, konnten die Tagjäger ohnehin nichts entgegensetzen. Noch war zumindest die Anzahl der Angreifer überschaubar und auch der Schaden, den sie anrichteten, verhältnismäßig klein, doch die Angriffe wirkten sich vor allem auf die Moral aus und nicht nur die Flugzeugführer der 9./JG 52 wollten unbedingt zur Kanalküste zurück, um es dort dem Gegner »heimzuzahlen«.

Entsprechend groß war auch die Aufregung, als die dritte Gruppe im Oktober 1940 den Marschbefehl erhielt. Selbstverständlich ging die Gerüchteküche davon aus, dass der Weg nach Westen führe und es nun wieder »gegen England« gehe. Damit rechneten dann auch Alfred Grislawski und seine Kameraden, als sich die gesamte III./JG 52 Mitte Oktober nach dem Start in der Luft formierte.

Doch es ging nicht nach Westen, sondern zunächst nach Wien-Schwechat und anschließend nach Ungarn. Erst in Kecskemét, wo die Gruppe zum Tanken zwischenlandete, informierte sie Major Handrick über ihr eigentliches Ziel: Bukarest, die Hauptstadt Rumäniens. Wie in so vielen europäischen Staaten gärte und rumorte es seit Jahrzehnten auch im dortigen Königreich. Die jüngsten Entwicklungen hatten es an die Seite der »Achsenmächte« geführt, die III./JG 52 war Teil der deutschen »Militärmission« in Rumänien, genauer gesagt der von Generalleutnant Wilhelm Speidel geführten »Luftwaffenmission«. Diese sollte die rumänische Jagdfliegerei modernisieren. Und so lehrten Handricks Leute, darunter auch Alfred Grislawski, ihre rumänischen Kameraden unter anderem das taktische Fliegen im deutschen Rotte- und Schwarmsystem, das bei der rumänischen Luftwaffe die alte, aus drei Flugzeugen bestehende V-Formation ablöste, die noch aus der Zeit des Ersten Weltkriegs stammte und die sich die rumänischen Jagdflieger von den französischen abgeguckt hatten.

In Rumänien gern gesehene Gäste

Daneben verbrachten Grislawski und seine Kameraden in Bukarest eine gute Zeit. In Rumäniens Hauptstadt schien der Krieg unendlich weit entfernt, die deutschen Piloten wohnten in einem Hotel und wurden ordentlich bezahlt. In Geschäften und auf den Märkten gab es Köstlichkeiten, die es zu Hause schon seit Langem nicht mehr gab, auch konnte man Musik hören oder Kinofilme sehen, die in der Heimat längst der Zensur zum Opfer fielen. Die deutschen Flieger waren gern gesehene Gäste der rumänischen High Society, aber auch in Kaffeehäusern, Bars, Kinos, Theatern und Restaurants. Im warmen Klima und der entspannten Atmosphäre fühlten sich die deutschen Soldaten der »Militärmission« anfangs wie Urlauber, die es sich gutgehen lassen.

Das galt auch für eine Gruppe von Flugzeugführern der 9. Staffel, die allesamt noch von sich reden machen sollten: Hermann Graf, Alfred Grislawski, Heinrich Füllgrabe und Ernst Süß. Die vier waren unzertrennlich. Sie lernten sich als Kameraden kennen und wurden Freunde. Mit Leopold Steinbatz erweiterte sich alsbald ihr engster Kreis. Und darüber hinaus pflegte Grislawski auch staffelübergreifende Freundschaften zu Edmund Roßmann, Josef Zwernemann und anderen.

Weitab vom sonstigen Kriegsgeschehen erhielt Hermann Graf sogar die Gelegenheit, seiner wahren Leidenschaft zu frönen: dem Fußball. Seine Sportbegeisterung teilte er mit Gotthard Handrick, der bei der Olympiade im Jahr 1936 die Goldmedaille im Modernen Fünfkampf gewonnen hatte. Mit seinem Vorschlag, eine Fußballmannschaft zu formen und ein Spiel zu organisieren, rannte Graf bei Handrick weit offenstehende Türen ein. Graf stellte eine Mannschaft zusammen und der Kommandeur der III./JG 52 unterstützte die Beteiligten in jeder Hinsicht. Sie mussten nicht um sechs Uhr aufstehen, so wie ihre anderen Kameraden, und statt Dienst absolvierten sie ein hartes Training, das Handrick meistens höchstpersönlich leitete.

»Weitab vom Krieg: Das Fußballteam >Deutsche Luftwaffe< spielte in Bukarest vor 30 000.«

Die rumänischen Behörden mussten sie auch nicht lange überreden und so spielte Grafs Team »Deutsche Luftwaffe« in Buka- rests Sportarena gegen Cyclope Buchuresti. 30 000 Zuschauer drängten sich im Stadion und sahen den 2:1-Sieg der deutschen Mannschaft.

Überrascht vom Erdbeben

Doch die vermeintlich heile Welt der deutschen Flieger bekam alsbald erste Risse. Am 24. Oktober, dem Tag, an dem Hermann Graf seinen 28. Geburtstag feierte, erschütterte ein erstes kleines Erdbeben die Hauptstadt von Rumänien. In den nächsten Tagen folgten noch mehrere kleinere und nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatten, gewöhnten sich die deutschen Soldaten beinahe daran. Doch waren diese Anfangserschütterungen kaum mehr als ein wenig Vorgeplänkel, aber am 8. November zeigte die Naturgewalt erstmals ihre wahre Macht und in den beiden folgenden Tagen erreichte die Naturkatastrophe ihren Höhepunkt. Alfred Grislawski befand sich gerade in seinem Zimmer im siebten Stock des Hotel Stanescu, als dessen Fassade in sich zusammenfiel. Sekundenlang blickte er starr vor Schreck ins Freie. Dann rannte er um sein Leben, so wie alle anderen Hausbewohner, die sich in Pyjamas auf der Straße wiederfanden.

"Du kannst fliegen, aber kämpfen kannst du nicht!"

Staffelkapitän Franz Hörnig am 4.8.1941 zu Alfred Grislawski

Doch das nunmehr fassadenlose Hotel Stanescu hielt ansonsten stand, genauso wie das Hotel Buchuresti, das Quartier von Oberleutnant Günter Rall und seiner Staffel. Hingegen fiel das bei der rumänischen High Society und ausländischen Diplomaten beliebte zwölfstöckige Hotel Carlton in sich zusammen und begrub rund 400 Menschen unter sich.

Und auch ansonsten ereignete sich Besorgniserregendes. Ende Oktober 1940 ließ Italiens Diktator Mussolini vom italienisch besetzten Albanien aus schlecht vorbereitete italienische Truppen Griechenland angreifen. Der Feldzug bewirkte nicht nur, dass Großbritannien Truppen nach Griechenland entsandte und damit auf dem Balkan militärisch Fuß fasste, aus italienischer Sicht wurde er auch noch zum Desaster. Die III./JG 52, die man zwischenzeitlich und vorübergehend in I./JG 28 umbenannte, sollte nun die rumänischen Ölfelder von Ploesti bewachen, die wichtigsten Ölvorkommen im Einflussbereich des in dieser Hinsicht rohstoffarmen Deutschen Reichs.

Im Kreuzfeuer des Bürgerkriegs

Zugleich rumorte es auch im Inneren Rumäniens. Unter der Regierung von General Ion Antonescu trat das ursprüngliche Königreich dem »Dreimächtepakt« (Deutsches Reich, Italien, Japan) bei, innenpolitisch regierte der »Staatsführer« mit harter Hand, anderen ging das jedoch noch nicht weit genug. Radikale Kräfte gewannen zunehmend den öffentlichen Raum, einhergehend mit rassistischen Übergriffen gegen Minderheiten, Pogromen und Morden an Kritikern und Andersdenkenden. Um den Jahreswechsel 1940-41 krachten nachts häufig Schüsse in den Straßen Bukarests und wenn die deutschen Flieger morgens durch die Stadt gingen, fanden sie regelmäßig Tote.

Die Konfrontationen gipfelten im Januar 1941 in der »Rebellion der nationalen Legion«, einem nur wenige Tage dauernden, aber blutigen Bürgerkrieg. Kurzfristig gerieten dabei auch Alfred Grislawski und Edmund Roßmann ins Kreuzfeuer. Auf dem Dach ihrer neuen Hotel-Unterkunft genossen sie gerade die Sonne, als jemand auf sie schoss. Sie flohen ins Innere des Gebäudes, wo sie das freundliche Personal darüber aufklärte, dass sie nichts zu befürchten hätten, weil das eine »innerrumänische Angelegenheit« sei. Von offizieller Seite erhielten die Deutschen die strikte Anweisung, sich aus allem rauszuhalten und sich neutral zu verhalten. Gestützt auf Militär und Polizei, schlug Antonescu den Aufstand innerhalb weniger Tage blutig nieder, in der Folge festigte er seine Diktatur.

Die folgenden Ereignisse und Entwicklungen, insbesondere den »Balkanfeldzug« der Wehrmacht und ihrer Verbündeten, erlebte Alfred Grislawski nur als Randfigur. Die III./JG 52 schützte weiterhin die rumänischen Ölfelder, über denen sich noch keine »Feindflugzeuge« blicken ließen. Und während einige Offiziere der dritten Gruppe, unter anderem auch Hermann Graf, bis nach Kreta unterwegs waren, blieb die überwiegende Mehrheit der Mannschaftsdienstgrade in Bukarest zurück. Mit einigem Befremden beobachtete dort Unteroffizier Alfred Grislawski die Veränderungen bei manchen seiner Kameraden. Jagdflieger wie Adolf Galland oder Werner Mölders, die Abschüsse im zweistelligen Bereich erzielten, erlangten eine bis dahin ungekannte Popularität.

Viele aus Grislawski direktem Umfeld wollten es ihnen gleichtun, ebenfalls Luftsiege erzielen, eine gewisse »Roter-Baron-Mentalität« machte sich breit. Doch er selbst war gegen die Lust auf Orden offenbar immun. Daran änderte sich auch nichts, als die III./JG 52 die neue Messerschmitt Bf 109 F-4 erhielt. Dieses Flugzeug war ungleich besser als die alten »Emils«, die man an die Rumänen weiterreichte.

Gekämpft wurde immer anderswo

In den ersten Monaten des Jahres 1941 verlegten immer mehr Luftwaffe-Einheiten nach Rumänien und am 21. Juni verabschiedete sich auch noch Gotthard Handrick von seiner Gruppe, weil er stattdessen das Jagdgeschwader 77 als Kommodore übernahm. Vom Angriff auf die Sowjetunion erfuhren Grislawski, Graf und all die anderen erst am Morgen des 22. Juni. Weil keiner von ihnen mit so etwas gerechnet hatte, wurden sie von dieser Ent- wicklung völlig überrascht. Und während sich die Erfolgsmeldungen der Wehrmacht in den ersten Tagen überschlugen, blieb Grislawski nach wie vor dem Geschehen fern. Seine 9. Staffel wartete weiterhin in Sitzbereitschaft in der Nähe von Bukarest, gekämpft wurde jedoch anderswo – unter anderem über Mamaia am Schwarzen Meer. Hier kamen die anderen Staffeln der dritten Gruppe des JG 52 zum Einsatz und Jagdflieger wie Oberleutnant Günther Rall, Leutnant Kurt Schade oder Unteroffizier Gerhard Köppen erzielten hier ihre Luftsiege.

Der erfolgreichste unter ihnen war jedoch einer von Grislawskis engsten Freunden: Edmund Roßmann. Über Frankreich und bei der »Luftschlacht um England« hatte er seine ersten sieben Luftsiege erzielt, jetzt kamen weitere hinzu. Grislawski, Graf und die anderen lauschten seinen Erzählungen: »Wir trafen auf eine Formation von 14 DB-3 auf ihrem Weg nach Kontanza. Wir waren zu viert. Bei meinem ersten Angriff schoss ich zwei von ihnen ab und mein Katschmarek einen weiteren. Bei meinem nächsten Angriff erwischte ich zwei weitere. Es wurde ein Massaker, nur einer der Bomber entkam!“

Und während die Wehrmacht und ihre Verbündeten von einem Sieg zum nächsten eilten und die anderen Jagdgeschwader ungeheure Abschusszahlen präsentierten – beispielsweise meldete das von Oberstleutnant Werner Mölders kommandierte JG 51 mehr als einhundert Luftsiege innerhalb von nur einem Tag! – saß die 9./JG 52 weiterhin in Pipera in Sitzbereitschaft, weitab von der Front. Unter dieser vermeintlichen Untätigkeit litten diejenigen, die darauf brannten, endlich selbst ins Geschehen einzugreifen. Und die Stimmung besserte sich nicht, als der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, der III./JG 52 auch noch einen »Mangel an Luftsiegen« vorwarf.

Im Abwehrfeuer der Flak

Anfang August war es dann doch so weit: Die dritte Gruppe des Jagdgeschwaders 52 verlegte an die Front. Nach einer Zwischenlandung in Jassy landete sie auf einem großen Flugplatz bei Bila Tserkva, einer großen, rund 80 Kilometer südwestlich von Kiew gelegenen Stadt. Der riesige Grasplatz wuselte vor Leben. Die deutsche Luftwaffe hatte hier mehrere Verbände stationiert, ein breites Spektrum unterschiedlicher Flugzeuge konnte man hier sehen. Noch am Abend ihres Ankunfttages, am 1. August 1941, kam die Gruppe auch sogleich zu ihrem ersten Fronteinsatz: Begleitschutz für Stukas der III./ StG 77 bei einem Angriff auf Kiew. Auf gegnerische Flugzeuge trafen sie dabei nicht, erlebten aber erstmals das heftige Abwehrfeuer der sowjetischen Flak.

Der erste Luftkampf

Drei Tage später erlebte Alfred Grislawski seinen ersten Luftkampf. Wieder einmal begleitete die 9./JG 52 unter ihrem Staffelkapitän Olt. Franz Hörnig Junkers Ju 87 des Stukageschwader 77 bei einem Angriff auf Kiew. Hermann Graf flog mit »Poldi« Steinbatz als Katschmarek, Alfred Grislawski fungierte als Katschmarek von Stabsfeldwebel Hans Klein. Zum ersten Mal erscholl das Wort »Ratas« in ihren Kopfhörern, ein Warnruf, den sie noch oftmals hören sollten. Als »Rata«, auf Deutsch »Ratte«, bezeichneten deutsche Jagdflieger seit dem Spanischen Bürgerkrieg die Polikarpov I-16. Bei ihrer Entstehung war sie ein innovatives Jagdflugzeug, das ihren Gegnern haushoch überlegen war. Das Fahrwerk der I-16 war einziehbar, als kleiner Tiefdecker hatte sie deutliche aerodynamische und sonstige Vorteile gegenüber Typen wie der deutschen Heinkel He 51 oder der italienischen Fiat CR 32.

Doch bei Beginn des Unternehmens »Barbarossa« war sie bereits in die Jahre gekommen und der Bf 109 in Geschwindigkeit und Steigvermögen deutlich unterlegen. In Sachen Wendigkeit hatte sie jedoch immer noch eindeutig die Nase vorne und deutsche Jagdflieger berichteten regelmäßig, wie sich erfahrene »Rata«-Piloten dem sicher geglaubten Abschuss im letzten Moment durch eine rasante Kurve entzogen oder mit einer überraschend engen Kehrtwende ihrerseits zum Angriff übergingen. Die größte Schwachstelle der I-16 war ihre zu leichte Bewaffnung, was so manche von Kugeln durchlöcherte Bf 109 doch noch sicher zu ihrem Platz zurückkehren ließ.

Das alles zeigte sich auch an jenem 4. August 1941, als der geschilderte Schwarm der 9./JG 52 erstmals »Feindberührung« bekam. Hätten die sowjetischen Piloten, so berichteten die deutschen Flieger später, mehr vomtaktischen Fliegen verstanden und wären ihre Maschinen besser bewaffnet gewesen – ganz gleich, ob mit größeren Kalibern oder mit besserer Munition –, Klein, Grislawski, Graf, Steinbatz und ihre Kameraden hätten es mehr als nur sehr schwer gehabt. Für Grislawski war sein erster Luftkampf eine schreckliche Erfahrung. Er hörte das Durcheinander im Funkverkehr und blieb auch bei den wildesten Flugmanövern an seinem Rottenführer Klein dran. Doch von den sowjetischen Jagdflugzeugen bekam er kein einziges zu Gesicht. Er hatte nichts gesehen! Entsprechend harsch fiel auch der Einlauf aus, den ihm sowohl Klein als auch Staffelkapitän Hörnig anschließend verpassten. Der Tenor war einhellig: »Du kannst fliegen, aber kämpfen kannst du nicht! Du musst noch sehr viel lernen!“

"Von den sowjetischen Jagdflugzeugen bekam er kein einziges zu Gesicht – nichts zu sehen !"

Und dies tat Alfred Grislawski. Zwar verliefen seine weiteren Einsätze nicht minder chaotisch und verwirrend, doch alsbald folgte eine erzwungene Ruhephase: Weil sich die technische Ausrüstung der 9. Staffel im Kriegsalltag rasch abnutzte und der mangelhafte Nachschub nicht genügend Ersatzteile heranschaffte, flogen alsbald nur noch die erfahrenen Piloten, die auch Abschüsse erzielten.

Alfred Grislawski gehörte nicht dazu. Eine Schlechtwetterphase verlängerte seine fliegerische Pause zusätzlich, doch er nutzte diese scheinbare Untätigkeit. Minutiös analysierte er seine wenigen bisherigen Einsätze, besprach sie wieder und wieder mit seinen Kameraden, erkannte seine Fehler und zog daraus seine Lehren. Diese Phase, so sagte er im Nachhinein, rettete ihm später das Leben – und war der Beginn seiner Karriere als Fliegerass mit schließlich 133 Luftsiegen. Mehr dazu lesen Sie in einer kommenden Ausgabe vonFlugzeugClassic.