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GRÜNE LEBENSRÄUME


Landlust - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 17.06.2020

Die Gartenstadt Falkenberg am Rande Berlins ist ein gelebtes Kultur- und Gartendenkmal. Die bunt getünchten Häuser mit ihren grünen Gärten wurden schon kurz nach ihrer Erbauung vor rund 100 Jahren als „Tuschkastensiedlung“ bezeichnet.


WELT KULTUR ERBE

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Bildquelle: Landlust, Ausgabe 4/2020

Unter dem Hausbaum von Familie Gärtner spielt sich im Sommer das Leben ab. Sie schätzen das viele Grün in ihrer Siedlung.


Verwunschener Blick: Auf den Wegen in der Gartenstadt eröffnen sich immer wieder neue Perspektiven.


Zur Gartenstadt gehören auch Mehrfamilienhäuser.


Im Sommer wirkt die Gartenstadt noch bunter als sonst.


Im Sommer wirkt die Gartenstadt noch ...

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... bunter als sonst.


Entlang der von Bäumen gesäumten Pflasterstraße reihen sich die farbenfrohen Häuser mit ihren Vor- und Hausgärten aneinander. Im Garten „Am Falkenberg 118“ trägt der Hausbaum jetzt im Sommer reife Früchte: Orangegelb leuchten die Aprikosen zwischen dem üppigen Grün des Gartens und dem Blau des Hauses. Dass die alte Sorte ‘Aprikose von Nancy’ hier wächst, hat schon vor über 100 Jahren ein Berliner Gartenarchitekt bestimmt.

Schnittstelle zwischen Land und Stadt

In allen Hausgärten der Gartenstadt Falkenberg wachsen noch historische Obstsorten am Spalier oder als Hausbaum. Die Gärten der Siedlung und die bunten Häuser stehen seit 1977 unter Denkmalschutz. Seit 2008 gehört die Gartenstadt Falkenberg sogar zum UNESCO-Welterbe (siehe Infotext auf Seite 97). Die Architektur und der Anspruch, einen Lebensraum mit „Licht, Luft und Sonne“ zu schaffen, nahm großen Einfluss auf die Städteplanung des 20. Jahrhunderts. Die auch umgangssprachlich als „Tuschkastensiedlung“ bezeichnete Gartenstadt erstreckt sich über die Straßen „Am Falkenberg“, „Akazienhof“ und „Gartenstadtweg“, die hier am südöstlichen Rande Berlins ab 1913 bebaut wurden. Die Siedlung ist eine Schnittstelle zwischen dem Brandenburger Umland und der Hauptstadt. Man wohnt hier ruhig, abseits der großen Straßen und zwischen viel Grün. Und doch ist die S-Bahn-Station, die einen in einer Dreiviertelstunde ins Zentrum Berlins bringt, nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt. Die Vorzüge des Stadtlebens mit denen des Landlebens zu vereinen, war schon damals die Intention von Bruno Taut, dem Planer und Architekten der Gartenstadt.

Über den Gartenzaun

Nina und Ronny Gärtner wohnen mit ihren beiden Söhnen in der Doppelhaushälfte des Blauen Hauses „Am Falkenberg“. Wie die meisten Gartenstadtbewohner leben sie schon seit vielen Jahren in der Siedlung und fühlen sich mit ihr verbunden. „Zum Leben können wir uns keinen anderen Ort vorstellen“, sagt Nina Gärtner. Die ersten gemeinsamen Jahre wohnten sie in einem kleinen Reihenhaus am Akazienhof, bis die knapp 60 Quadratmeter mit den Kindern zu klein wurden. „Wir hatten Glück, dass wir in das Blaue Haus umziehen konnten, denn die Fluktuation hier ist sehr gering“, sagt sie. Manche Bewohner leben hier schon ihr ganzes Leben lang, das Gemeinschaftsgefühl untereinander ist groß. Einst gab es sogar eine Siedlerzeitung, eine eigene Falkenberghymne und legendäre Siedlungsfeste. Zwar sind viele dieser Traditionen über die Jahrzehnte verloren gegangen, aber der Zusammenhalt ist geblieben. „Man winkt sich über mehrere Gärten hinweg, hält einen Plausch oder leiht sich Werkzeug aus. Als Gegenleistung wird für den Nachbarn ein Stück Fleisch mehr auf den Grill gelegt“, sagt Nina Gärtner.

In der Nachbarschaft kennt man sich – ein Plausch über den Gartenzaun muss sein.


Das intensiv leuchtende Blau kontrastiert zum Weiß der Fensterläden. Zum Eingang führen Stufen hinauf durch den Vorgarten: Die Gartenstadt ist am Hang gebaut.


Um Geld zu sparen, typisierte Bruno Taut die Hausformen und Grundrisse. In einem Reihenhaus am Akazienhof wohnt man auf 60 Quadratmetern über zwei Etagen.


Auch die öffentlichen Grünflächen wurden von einem Gartenarchitekten gestaltet. Der Akazienhof entstand als erster Teil der Siedlung ab 1913.


Einst als Ställe für Kleinvieh genutzt – als Teil des Selbstversorgergartens – dienen die alten Remisen heute oftmals als Gartenschuppen.


Wohnraum für die Seele

Als die ersten Häuser der Gartenstadt 1913 errichtet wurden, lag die Siedlung noch weit vor den Toren Berlins. Der knappe Wohnraum in der Stadt beschränkte sich meist auf mehrgeschossige Mietskasernen und dicht bebaute Hinterhöfe mit wenig Tageslicht. Bruno Taut wollte mit seinen Plänen dieser Entwicklung entgegenwirken und einen fröhlichen Wohn- und Lebensraum schaffen, der zudem auch bezahlbar war. Seine Wohnungen waren lichterfüllt und einladend gestaltet, mit separater Küche und Bad – eine absolute Innovation zu dieser Zeit. Jede Wohnung erhielt zudem einen Garten mit Veranda oder einen großzügigen Balkon, um den Wohnbereich ins Grüne zu erweitern und ein neues Wohngefühl zu schaffen.

Nach englischem Vorbild

Vorbild für die Planung der Gartenstadt Falkenberg war das Siedlungs- und Lebensmodell der englischen Gartenstädte, das 1898 von dem britischen Städteplaner Ebenezer Howard erfunden wurde. Die englische Gartenstadtidee entwickelte Bruno Taut weiter, indem er Häuser nicht geometrisch anordnete, sondern einzelne aus der Reihe tanzen ließ. Am Akazienhof – dem Herzstück der Gartenstadt – gruppierte er die Häuser wie bunte Farbtupfer rechteckig um einen kleinen Platz mit Bäumen. Am Ende der Straße platzierte er ein alleinstehendes Haus nicht zentriert, sondern etwas aus der Sichtachse herausgerückt. Taut ließ seine Gartenstadt zwar kompakt bebauen, gestaltete diese aber dennoch kleinteilig mit unterschiedlichen Haustypen, sodass der Eindruck einer gewachsenen Siedlung entstand.

Farbkontraste spielen mit geometrischen Formen: Der Hauseingang im Gartenstadtweg 29 ist besonders auffällig gestaltet.


Grüne Vorgärten und hölzerne Fensterläden sollten den ländlichen Charakter unterstreichen.


Die knalligen Farben und gewagten Muster waren zur damaligen Zeit eine Provokation.


Spiel mit Farbe

Die Ein- und Mehrfamilienhäuser der Tuschkastensiedlung stehen in kleinen Gruppen, in Reihe oder auch einzeln. Um Geld zu sparen, typisierte Bruno Taut die Grundrisse der Wohnungen. Alle Häuser haben zudem die intensive Farbigkeit gemein – sein wichtigstes Gestaltungsmittel, das gleichzeitig günstig war. Die Fassaden ließ er in leuchtendem Blau, Rot, Gelb, Orange oder Schwarz streichen. In farbigem Kontrast dazu heben sich die lackierten Holzfensterläden, Sprossenfenster, Veranden, Balkone und die Giebeldächer mit den weiß getünchten Schornsteinen ab. Diese außergewöhnliche Farbigkeit wurde damals kontrovers diskutiert, denn Häuserfassaden farbig zu gestalten war zu Beginn des 20. Jahrhunderts absolut unüblich. Wohnhäuser wurden eher aufwendig mit Stuck verkleidet – und waren farblich zurückhaltend in „Materialfarben“ gestaltet. Der damals noch unbekannte Architekt provozierte mit seiner bunten Gartenstadt, die schnell den Beinamen „Tuschkastensiedlung“ erhielt.

Die unterschiedlichen, sich abwechselnden Farben trennen die Reihenhäuser optisch voneinander ab.


Zur Selbstversorgung

Wenn man durch die Gartenstadt spaziert, fallen einem die ungewöhnlich vielen Obstbäume auf. Tatsächlich stand bei der Planung der Siedlung die Selbstbestimmung eines Haushalts durch die Möglichkeit zur Selbstversorgung im Vordergrund. Die Gärten waren in erster Linie zum Anbau von Obst und Gemüse gedacht. Die Remisen, die noch heute in manchen Gärten stehen und als Schuppen oder Gartenhaus genutzt werden, dienten einst als Ställe für Kleinvieh.

Pflanzen als Gestaltungselement

Welch große Bedeutung Bruno Taut den Grünflächen beimaß, zeigt, dass er eigens für deren Gestaltung einen Gartenplaner beauftragte. Ludwig Lesser – Berlins erster freischaffender Gartenarchitekt und späterer Präsident der Deutschen Gartenbaugesellschaft – plante alle öffentlichen Flächen sowie die Vor- und Hausgärten der Siedlung, die bis zu 600 Quadratmeter groß sind. In jedem sollten ein Obst-Hausbaum und verschiedene weitere Obstsorten wachsen. Durch Hecken, Obstspaliere und Kletterpflanzen gliederte er die Gärten und setzte Akzente. Mit der Wahl der Pflanzen griff Lesser Tauts Farbkonzepte der Häuser auf, die je nach Jahreszeit farbliche Stimmungen erzeugen. Um dieses Gartendenkmal zu bewahren, erhält jeder Mieter in der Gartenstadt eine Pflanzliste für seinen Garten. Darauf sind etwa unter den Apfelbäumen Sorten wie ‘Kaiser Alexander’, ‘Landsberger Reinette’ oder ‘Königlicher Kurzstiel’ vermerkt. Geht ein Obstgehölz kaputt, darf es nur durch diese vermerkten historischen Sorten ersetzt werden.

Gärtnerfreuden

Nun könnte man vermuten, die Gärten der Siedlung seien monoton und strikt nach Vorgaben gestaltet. Doch ein Blick über den Gartenzaun zeigt, wie unterschiedlich die Vor- und Hausgärten im Detail sind. Manche Bewohner sammeln Kakteen und Sukkulenten, bei anderen geht es wilder zu. Zwar dürfen in den Gärten keine baulichen Veränderungen vorgenommen werden, auch die Wege und Höhen der Hecken sind vorgeschrieben. „Aber in der Gestaltung mit Stauden, Sommerblumen und Gemüse ist man völlig frei“, sagt Nina Gärtner. Den Balkon bepflanzt sie jedes Jahr mit Weihrauch, zum Schutz gegen Mücken. Und mit allerlei rankenden Sommerblumen. Im Garten stehe der Selbstversorger-Gedanke bei ihr zwar nicht an erster Stelle, „doch wir finden es schön, selbst zu ernten und zu wissen, wo es herkommt“, sagt sie. Ihr ältester Sohn Jonas hat in diesem Jahr erstmalig die Obhut über den „Naschgarten“.
Kartoffeln, Möhren, Bohnen, Tomaten, Kürbis und sogar Melonen wachsen in diesem Jahr in dem Gartendenkmal Am Falkenberg.

Gemüse wird auch heute noch in den Gärten angebaut.


Jeder Garten ist als Denkmal geschützt – Platz für freie Gestaltung ist dennoch.


In dem blauen Doppelhaus wohnt Familie Gärtner. Die weißen Schornsteine und ockerfarbenen Fensterläden unterstreichen die freundliche Atmosphäre.


An vielen Häuserwänden sind Spaliere angebracht: Kletterpflanzen, Wein und Spalierobst rankten hier schon vor 100 Jahren.


DIE GARTENSTADT: DAMALS UND HEUTE

Die Gartenstadt Falkenberg ist die älteste von insgesamt sechs „Siedlungen der Moderne“, die 2008 von der UNESCO zum Welterbe gekürt wurden, da sie „Ausdruck der politischen, sozialen, kulturellen und technischen Fortschrittlichkeit im Berlin der Weimarer Republik“ sind. Für die Berliner Region war dies neben der Museumsinsel und den preußischen Schlössern und Parks von Potsdam-Sanssouci die dritte Welterbe-Auszeichnung. Die sechs Wohnsiedlungen entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zwischen 1913 und 1934, in verschiedenen Berliner Stadtteilen.

IN HÄNDEN DER GENOSSENSCHAFT

Die Gartenstadt liegt im Südosten der Hauptstadt im Bezirk Treptow-Köpenick nahe der Grenze zu Brandenburg und dem malerischen Dahme-Seenland. Es war die erste Siedlung des damals noch unbekannten Architekten Bruno Taut, der als Architekt, Stadtplaner und Sozialreformer seine Ideen umsetzte. Beauftragt wurde er von einer eigens dafür gegründeten gemeinnützigen Genossenschaft, der heutigen „Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG“, die noch immer Eigentümer der Gartenstadt ist. Tauts ursprünglicher Entwurf sah für das 75 Hektar große Gelände mit Hanglage eine Gartenstadt mit 1 500 Wohnungen vor. Doch aufgrund von Bauschwierigkeiten während des Ersten Weltkrieges und der darauffolgenden Weltwirtschaftskrise wurden zwischen 1913 und 1915 nur 128 Wohnungen realisiert.

UMFANGREICHE SANIERUNG

Obwohl die Tuschkastensiedlung schon 1977 unter Denkmalschutz gestellt wurde, verschlechterte sich der Zustand der Häuser während der DDR-Zeit zunehmend. Die farbigen Fassaden waren nicht mehr zu erkennen, Holzbrüstungen fehlten, Eingänge wurden überdacht. 1991 beauftragte die Genossenschaft schließlich die denkmalpflegerische Erneuerung und Sanierung der Häuser. Eine besondere Aufmerksamkeit galt dabei den charakteristischen Farbanstrichen und Farbmustern, aber auch Spaliere, Pergolen, Gartenzäune und Grünflächen wurden wieder rekonstruiert.
Für die denkmalgerechte Wiederherstellung der Gärten und Grünflächen wurde die Urenkelin Ludwig Lessers, Katrin Lesser, die ebenfalls als Landschaftsarchitektin tätig ist, beauftragt.

NEUE GARTENSTADT

Wer Falkenberg heute besucht, wird am „Tor zur Gartenstadt“ zunächst auf einen Neubau treffen. Denn auch wenn die historische Gartenstadt mit ihren Gebäudeensembles unter Denkmalschutz steht, wächst ihre Umgebung weiter. So entstand hier aus einem alten Garagenkomplex ein Neubau mit Gemeinschaftshaus und Wohngemeinschaften. Auch ein Kindergarten wurde in der Tuschkastensiedlung gebaut.
Diese neuen Gebäude standen wie einst die Gartenstadt selbst in der Diskussion: Moderne Fassaden und kühle Farben wirkten inmitten der bunten Siedlung zunächst fremd.
Doch die Neubauten sollten vor allem eins: Lebensraum schaffen und dabei nicht mit dem bestehenden Denkmal optisch konkurrieren.


Fotos: Dominik Wolf, Julia Hofmann (2)