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GRUNDLAGEN: »Höheres Menschsein«


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 26.11.2019

Gab es Adel immer schon? Eher nicht, sagt der Historiker Werner Hechberger: Der Stand bildete sich erst im Verlauf desMittelalters heraus. Auch Normalsterbliche hatten die Chance zum Aufstieg.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 6/2019

Oben bleiben
Man geht nicht einfach, man reitet. Königin Elizabeth II. und Prinz Andrew 1964 (linke Seite); Miniatur aus dem »Codex Manesse«, 14. Jh.


SPIEGEL: Herr Professor Hechberger, was ist Adel?

Werner Hechberger: Adel ist ein soziales und kulturelles Phänomen, das in vormodernen Gesellschaften entstand. Modellhaft gehen Historiker davon aus, dass sich Agrargesellschaften irgendwann leisten konnten, einige ...

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... Mitglieder von der normalen Arbeit freizustellen. Diese Leute mussten nicht mehr täglich aufs Feld, sondern übernahmen Spezialaufgaben, die für alle wichtig waren: religiöse oder kriegerische Aufgaben.

Für die Religion waren die Priester zuständig, für die Kriegsführung jene, die später adelig wurden?

Genau, sie sorgten für den Schutz der Gemeinschaft, aber auch für die Expansion des Territoriums. Weil sie dafür Fähigkeiten und Kenntnisse brauchten, genossen sie besonderes An sehen und hatten eine gesellschaftliche Vorrangstellung, die später auch vererbt wurde. Die Familien verfügten dann normalerweise über reichlichen Grundbesitz und konnten auf eine besondere Abstammung verweisen. Auch ein bestimmtes Selbstverständnis gehörte dazu. Schließlich fixierte man das Ganze rechtlich – der Adel im klassischen Sinn war entstanden, so stellt man sich zumindest in der Theorie die Entstehung des Adels vor.

Gibt es in jeder Gesellschaft so etwas wie Adel?

In vielen Gesellschaften dürfte es das Phänomen der frühen Arbeitsteilung gegeben haben, bei der bestimmte Personengruppen einen Vorrang genossen. Der europäische Adel mag ein paar Besonderheiten haben, die ihn vom Adel in anderen Kulturen unterscheidet. Ein rein mitteleuropäisches Phänomen ist er sicher nicht.

Gab es große Unterschiede innerhalb Europas?

Nein, im Gegenteil: Die Gemeinsamkeiten sind sehr groß. Das begründet sich sicher in der gemeinsamen Religion, dem Christentum. Auch die Adeligen selbst waren sich durchaus bewusst, dass es so etwas wie einen europäischen Adel gab, die Netzwerke reichten früh schon über territoriale Grenzen hinaus.

Wann entstand diese Elite?

Einen Adel gab es schon in der Antike: die römische Nobilitas, jene römischen Bürger also, die Grundbesitz hatten und politische Ämter bekleiden konnten. Es gibt einige Historiker, die meinen, dieser Adel habe nahtlos bis ins Mittel -alter fortbestanden, aber das ist umstritten. Sicher wurden einige Vorstellungen übernommen, und wahrscheinlich gab es auch personelle Kontinuitäten, vor allem in den ehemaligen römischen Gebieten, in Gallien etwa. Aus der germanischen Vorzeit, den Gebieten außerhalb des römischen Einflusses, haben wir kaum aussagekräftige Quellen. Die Archäologie weist auf beträchtliche so-ziale Unterschiede in den germanischen Gesellschaften hin – welches Gesellschaftsmodell dahinter stand, ist allerdings unklar. Man geht aber davon aus, dass Familien, die während der Völkerwanderungszeit eine führende Funktion hatten, diese auch danach behielten.

Standesgemäß heiraten
Ehe war das eine, Liebe – oft – das andere. Prinzessin Elizabeth und Prinz Philip 1947 (linke Seite); »Codex Manesse«, 14. Jh.


Ab wann weiß man Konkreteres?

In der Karolingerzeit, ab Mitte des 8. Jahrhunderts, kann man recht eindeutig eine Oberschicht feststellen: eine Personengruppe, die über Ämter und Reichtum verfügt und deren Status schon faktisch erblich ist. Ab dieser Zeit sind dann auch vereinzelt personelle Kontinui -täten nachweisbar. Möglicherweise hängt das mit dem Wandel der Kriegsführung zusammen: In der Merowingerzeit – vom 5. bis zum 8. Jahrhundert – bestanden die Heere wahrscheinlich hauptsächlich aus Fußsoldaten, hier konnten fast alle freien Mitglieder der Gesellschaft problemlos Kriegsdienste leisten. In der Karolingerzeit wurde die Reiterei dominierend, wer nun effektiv kämpfen wollte, musste über großen materiellen Besitz verfügen: Er musste ein Pferd unterhalten, eine Rüstung besitzen, hier konnten viele nicht mehr mithalten, sodass die sozialen Unterschiede größer wurden.

War Kriegertum die einzige Wurzel des Adels?

Eine andere waren möglicherweise Ämter, die vom König verliehen waren. In der fränkischen Zeit sind neben zuverlässigen Gefolgsleuten offenbar auch lokale Machthaber zu Grafen ernannt und damit in die Aristokratie eingegliedert worden.

Ab wann hatten die Aristokraten eine recht -liche Sonderstellung?

Im Hochmittelalter, ab dem 12. Jahrhundert, wurden bestimmte Privilegien rechtlich fixiert. Die sozialen Unterschiede wurden zu verfassungsmäßigen Rangstufen, es bildete sich ein Reichsfürstenstand, der sich schließlich mit den Grafen und freien Herren als Hochadel abgrenzte. Bekannt ist die Heerschild-Ordnung aus dem Sachsenspiegel: Die Besitzer von Lehen wurden in sieben »Heerschilde« eingeteilt, das erste bildete der König oder Kaiser als oberster Lehnsherr. Das zweite und dritte waren geistliche und weltliche Reichsfürsten, das vierte Grafen und freie Herren, darunter kamen rangniedri -gere Vasallen und Dienstleute, die Ministerialen, bis hin zum »Einschildritter«, der Lehen nur empfangen, nicht aber selbst vergeben konnte. Dieses Bild war kein Gesellschaftsmodell, sondern sollte nur lehnsrechtliche Beziehungen systematisch darstellen. Aber es zeigt eben auch die Unterschiede innerhalb des Adels und die Bemühungen, sich vom Nichtadel rechtlich abzugrenzen.

Durften Adelige Bürgerliche heiraten?

Schnelles Wissen

Heiraten zwischen adeligen Familien dienten seit dem Mittelalter dem Aufbau von Netzwerken. Ehen mit Nichtadeligen waren verpönt oder verboten. Als sich im 18. Jahrhundert die Idee der Liebesheirat durchsetzte, regelte das Allgemeine Preußische Landrecht von 1794, unter welchen Bedingungen der adelige Status bei einer Ehe erhalten blieb. Regelungen, die bisher nur für den Hochadel galten, wurden nun auf den gesamten Adel übertragen: Adelige Männer durften ohne Zustimmung von drei Verwandten oder dem Landesherrn keine Ehe mit Frauen aus dem »Bauern- oder geringern Bürgerstande« eingehen. Lediglich Töchter des höheren Bürgerstandes – von öffentlichen Beamten, Gelehrten, Kaufleuten – kamen als Bräute in -frage. Wenn adelige Frauen bürgerlich heirateten, verloren sie ihre Adels -vorrechte, ihr Name wurde aus dem »Gotha« (siehe Seite 133) gestrichen.

Almosen gewähren
Stiftungen für Mittellose, Hospitäler für Arme: Vor allem Adelige betätigten sich karitativ. »Codex Manesse«, 14. Jh.; Lady Diana in Simbabwe 1993.


Weshalb hat sich das Konzept der erblichen Adelsherrschaft durchgesetzt? Aus heutiger Sicht erscheint es ja ziemlich ungerecht.

Es war auch damals nicht die einzige Form, Herrschaft zu organisieren. Schon im Frühmittelalter gab es Herrschaft, die durch Wahl legitimiert war, der Abt im Kloster etwa. Auch der König wurde anfangs gewählt und ab dem Hochmittelalter dann auch die städtischen Regierungen. So gegensätzlich, wie sie scheinen, sind diese unterschiedlichen Formen von Herrschaft aber gar nicht. Herrschaft beruhte auch im Mittelalter nicht auf bloßer Gewalt und reiner Willkür, sondern sie bedurfte immer zumindest teilweise der Zustimmung der Beherrschten, sie musste sich also legitimieren. Und das ist der Adelsherrschaft offenbar gelungen: Sie scheint einigermaßen effektiv gewesen zu sein.

Was waren die Aufgaben des Adels?

Der Schutz der Armen und Machtlosen. Der Schutzgedanke stammt aus der Antike, wurde christlich untermauert und immer wieder betont, er war zentral für die Legitimation des Adels. Vom zehnten Jahrhundert an wurde die Idee ausgebaut zum bekannten Drei-Stände-Schema der Gesellschaft. Nun unterschied man drei Funktionen: die Oratores, also jene, die beten, die Laboratores, die Arbeitenden, und die Pugnatores, die Leute, die kämpfen. Das Schema galt als gottgewollt, und somit war auch die Tätigkeit durch Gott legitimiert.

Auch aufgrund solcher Schemata haben viele Menschen heute das Bild von einer statischen mittelalterlichen Gesellschaft, in der es keine soziale Mobilität gab. So, wie Sie es schildern, war der Adel ja keineswegs eine von Beginn an abgeschlossene Gruppe, sondern es gab Bewegung in der Gesellschaft. War sozialer Aufstieg im Mittelalter doch möglich?

Ich glaube nicht, dass die mittelalterliche Gesellschaft so starr war, wie wir sie heute sehen. Die damaligen Gesellschaftsbilder waren normative Entwürfe: Die Gesellschaft sollte statisch sein. In der Realität war sie es nicht. Aufstieg war immer möglich. Die Ministerialen etwa waren ursprünglich unfreie Dienstmannen, die in der Verwaltung Funktionen ausübten oder Kriegsdienste leisteten. Sie fanden ab dem 12. Jahrhundert Anschluss an den Adel, und ihre Nachkommen bildeten den niederen Adel des späten Mittelalters. Und schon früher, im späten 9. und frühen 10. Jahrhundert, gab es im Adel vielleicht besonders hohe Fluktuation.

Landlust
Man gab sich nicht nur glamourös, auch das Rustikale wurde gepflegt. »Codex Manesse«, 14. Jh.; Prinz Charles mit Jagdgesellschaft 1982.


Wie kam es dazu?

Das späte Karolingerreich wurde von außen bedroht, von Ungarn und Normannen. Einige Quellen berichten von großen Verlusten fränkischer Heere, der bayerische Adel soll fast völlig aufgerieben worden sein. Das ist ganz sicher übertrieben, aber für solche Zeiten liegt die Annahme nahe, dass neue Männer durch Erfolge im Kampf nachrücken konnten und sozial aufstiegen. In Einzelfällen kann man das nachweisen.

Welche Rolle spielten Statussymbole für die soziale Abgrenzung zwischen einfacher Bevölkerung und Adel? Musste man als Adeliger Reichtum oder Besitz demonstrieren oder ein bestimmtes Verhalten zeigen?

Der Historiker Johannes Fried hat mal formuliert: »Adelslos ist es, herrisch aufzutreten.« Die meisten Forscher dürften sich einig sein, dass soziale Abgrenzung durch ein besonderes Verhalten immer schon dazugehört hat. Das ist ja auch logisch: Wer Schutz ausüben will, muss auch deutlich zeigen, dass er notfalls gewaltbereit ist. Seit der Antike grenzte der Adel sich über einen eigenen Habitus ab, über bestimmte Verhaltensnormen: Anfangs spielten militärische Aspekte eine große Rolle. Seit dem 12. Jahrhundert wurden die Normen im Kontext der ritterlich-höfischen Kultur stark verfeinert, nun gab es detaillierte Vorgaben, wie man sich als Adeliger verhalten sollte: Demut, Mäßigung und Höflichkeit waren wichtig, man musste Schach spielen können, den Damen den Hof machen und vieles mehr. Der normale Ritter hat sich sicher nicht brav an diesen Tugendkatalog gehalten, aber das Ideal hatte Auswirkungen auf die Wirklichkeit.

Sie haben anfangs gesagt, dass europäischer Adel und Christentum eng verbunden waren. Welche Folgen hatte das?

Die adelige Vorherrschaft wurde, wie Herrschaft im Mittelalter generell, religiös begründet. Aber das war durchaus ambivalent, und das macht es unglaublich interessant. Denn nach christlicher Lehre sind ja alle Menschen vor Gott gleich, es gibt keine Privilegien. Soziale Unterschiede auf Erden musste man deshalb immer schon rechtfertigen – und nach heftigem Blättern in der Bibel kann man dafür tatsächlich ein paar Stellen finden, die Herrschaft von Menschen über Menschen begründen können. So hat etwa Noah Kanaan, den Sohn seines Sohnes Ham, und dessen Nachkommen dazu verflucht, Knechte von Hams Brüdern zu werden, nachdem Ham seinen Vater betrunken und nackt schlafend gesehen hatte. Aber aus Kreisen des Mönchtums kam immer wieder Kritik am Adel, an seinen Privilegien und an Hierarchien allgemein. In den Bauernunruhen des Spätmittelalters wurde das zur Fundamentalkritik, die sogar die Existenz des Adels gänzlich infrage stellte. Beim eng lischen Bauernaufstand von 1381 soll der Priester John Ball demonstrativ gefragt haben: »Als Adam grub und Eva spann – wo war denn da der Edelmann?« Wenn man auf die Bibel klopft, kann man immer eine Rechtfertigung verlangen.

Was ist eine »Adelsprobe«?

Schnelles Wissen

Die Ahnen- oder Adelsprobe diente seit dem Hochmittelalter dazu nach -zuweisen, dass jemand tatsächlich adeliger Abstammung war. Für den Eintritt etwa in Stifte oder Orden, aber auch für Heiraten wurde eine solche Adelsprobe verlangt. Mindestens wurde der Nachweis von vier standes -gemäßen Ahnen verlangt, doch es konnten bis zu 32 Vorfahren verlangt werden, also eine nachgewiesen adelige Abstammung bis in die Genera -tion der Ururgroßeltern. Als Beweismittel dienten Zeugen oder eidliche Be glaubigungen. Die Adelsprobe war bis ins 19. Jahrhundert hinein üblich.

Wie kommt es, dass der Adel im Spätmittelalter so stark unter Rechtfertigungsdruck geriet?

Der israelische Historiker Gadi Algazi hat vor ein paar Jahren ein interessantes Konzept vertreten: Er fragte, vor wem die Adeligen zu dieser Zeit die Bauern eigentlich schützten. Die Antwort verblüfft: vor den Fehden anderer Adeliger. Aber wenn der Adel vornehmlich Schutz gegen andere Adelige bot, konnte daraus natürlich Fundamentalkritik erwachsen. Ein anderer, vielleicht wichtigerer Grund mag sein, dass im Spätmittelalter alternative Eliten entstanden: Die Kaufleute in den Städten wurden meist durch Leistung reich, nicht durch Herkunft – forderten aber nun eine ähnliche gesellschaftliche Position ein, wie der Adel. Und auch ein Universitätsstudium konnte nun zu sozialem Aufstieg führen.

Wie reagierte der Adel?

Er war nun gezwungen, klarer zu definieren, was ihn eigentlich auszeichnet. Es scheint mir, dass der Adel nun erst recht ein eigenes Bewusstsein, ein eigenes Selbstverständnis als Gruppe ausbildete und sich noch stärker abgrenzte. Nun gab es so etwas wie Jagdverbote für Bauern und Jagdrechte für Adelige, die auch der gesellschaftlichen Unterscheidung dienten. Die Trennlinie zwischen Adel und Bauern wurde nun fast zu einer ideologischen Kampflinie.

Der Adel veränderte sich im Verlauf des Mittelalters massiv, erfand sich auch immer wieder neu. Gibt es einen Gedanken, der sich von Beginn an durchzieht?

Sicher das Selbstverständnis als Elite, die Vorstellung, besser zu sein als die anderen, die Idee vom »höheren Menschsein«, wie es einmal der Historiker Otto Gerhard Oexle genannt hat. Das ist die Grundidee. Das Spezifische am europäischen Adel ist vielleicht der Dienstgedanke: das Bewusstsein, dass man nie automatisch herrscht, sondern einen Dienst leisten soll an der Gesellschaft. Das wäre ja eigentlich auch etwas, auf das man sich heute wieder besinnen könnte.

Kämpfen
Einst zogen Adelige in den Krieg, heute aufs Spielfeld. »Codex Manesse«, 14. Jh.; Prinzen William, Harry beim Polo (rechte Seite).


Was hat das Konzept Adel so erfolgreich gemacht, dass es so lange überdauert hat?

Früher ging man von einer Krise des Adels im späten Mittelalter aus: Es entstanden alternative Eliten, und die Kriegsführung änderte sich, es gab Feuerwaffen, Landsknechtsheere, neue Kampfweisen, der Ritter wurde überflüssig.

Aber diese Krise gab es gar nicht?

Sie führte jedenfalls nicht automatisch zum Niedergang des Adels. Die Forschungen der Adelshistoriker in den vergangenen 20 Jahren haben ganz eindeutig gezeigt: Der Adel ist aus -gesprochen anpassungsfähig. Viele Adelige suchten sich ein anderes Auskommen. Man konnte in der Theorie die Arbeit verachten, den Handel und den Umgang mit Geld – wie es dem adeligen Wertekodex entsprach – aber in der Praxis dennoch erstaunlich erfolgreich im Handel sein. Es gab niederadelige Familien, die wagten sich ins Kreditgeschäft und finanzierten sogar den Landesherrn oder übernahmen Ämter in der Landesherrschaft. Andere wurden Kriegsunternehmer. Nur die extremen Nichtanpasser en -deten als Raubritter – aber sie waren eher die Ausnahme. Der Großteil des Adels reagierte auf die Veränderungen erstaunlich flexibel.

Herr Professor Hechberger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte die Redakteurin Eva-Maria Schnurr

Werner Hechberger, 56, ist Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Koblenz-Landau. Er forscht über das Mittelalter.


Die Wettiner

Die Wurzeln des europäischen Herrschergeschlechts aus Sachsen*