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Gruß aus Rom


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 25.09.2018

Bei der Eroberung Konstantinopels im Vierten Kreuzzug wüteten Christen gegen Christen –Papst Innozenz III. schritt nicht ein. Der Gewaltakt riss einen Graben zwischen den Kirchen in Ost und West.


Der Anblick, der sich am 13. April 1204 in Konstantinopel bot, war apokalyptisch. Niketas Choniates, ein orthodoxer Christ und zeitweise Finanzverwalter der Metropole, konnte kaum an sich halten, als er die Qualen beschrieb: »Das Unheil kam über jedes Haupt. In den Gassen war Weinen und Jammern, die Straßen erfüllte Klagen und Geheul, aus den Kirchen tönte Wehgeschrei, Männer seufzten, Frauen schrien, überall ...

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... wurden Leute verschleppt, versklavt, gezerrt, aus den Armen ihrer Lieben gerissen.«

Innozenz III. war einer der mächtigsten Päpste des Mittelalters. Zu Beginn seiner Amtszeit rief er zum Vierten Kreuzzug auf, der nie in Jerusalem ankam.


Die Angreifer hausten mit geradezu abartiger Brutalität: »Sie nahmen allen alles, Geld und Gut, Haus und Gewand.« Kreuzfahrer nannten sie sich – aber sie vergewaltigten Frauen, auch Nonnen. Und sie schändeten Kirchen. In der Hagia Sophia, so der Chronist, wurde der Altartisch »von den Plünderern zerstückt und verteilt«, dazu »auch der ganze Kirchenschatz«. Schaudernd erzählt Choniates, wie die Plünderer eine Prostituierte auf den Thron setzten, die ein vulgäres Lied sang.

Die christlich-orthodoxen Bewohner Konstantinopels waren schockiert. Das hatten sie von Glaubensbrüdern niemals erwartet. Täter und Opfer waren Christen. Schlimmer noch: Die Plünderer kamen mit dem Segen des Papstes.

Selbst als Stadtbewohner den Angreifern Kreuze und Ikonen entgegenhielten, zügelte das nicht deren Zerstörungswut. Überdies legten die Hitzköpfe auch noch Brände. Einer ihrer Anführer, Gottfried von Villehardouin, ein Adliger aus der Champagne, notierte: »Die Stadt fing an, Feuer zu fangen und gewaltig zu brennen.« Am Ende, so der Kreuzfahrer, habe es in Konstantinopel »mehr niedergebrannte Häuser« gegeben, »als es Häuser in den drei größten Städten Frankreichs gibt«. Drei Tage dauerten die Plünderungen.

Trotz der Gräuel, die sie angerichtet hatten, so Villehardouin, waren die Kreuzfahrer stolz – hatten sie doch »die stärkste Stadt der Welt« bezwungen. Konstantinopel zählte damals wohl 400000 Einwohner. Sie war tatsächlich die bedeutendste und modernste Metropole der bekannten Welt.

Was hatte den Groll der Angreifer so ausufern lassen? Wie hatte es zu dem fatalen Überfall kommen können? Die Ursprünge des grausamen Geschehens liegen tief.

Seit im Jahr 395 das Oströmische Reich entstanden war, hatten sich die Kirchen in Ost und West entfremdet. Die Spannungen wuchsen, als wenig später der Bischof von Rom als Papst den Vorrang gegenüber allen sonstigen Patriarchen beanspruchte. Immer mehr theologische Zwistigkeiten vergällten das Klima.

Offen vollzogen war der Bruch zwischen Byzanz und Rom, als ein päpstlicher Abgesandter 1054 eine Bulle auf den Altar der Hagia Sophia legte, die den Patriarchen von Konstantinopel exkommunizierte. Der Bannfluch bezeichnete die orthodoxe Kirche als »Quelle aller Häresien«.

So sah Papst Innozenz III. in Konstantinopel kaum mehr als eine Hauptstadt von Häretikern, als er 1198 zum Vierten Kreuzzug rief. Das Kirchenoberhaupt war gerade erst, im Januar 1198, mit 37 Jahren ins Amt gewählt worden, was den Dichter Walther von der Vogelweide skeptisch werden ließ: »Owê, der bâbest ist ze junc: hilf, hêrre, dîner cristenheit.«

Die Kreuzfahrer raubten in Konstantinopel sogar Reliquien wie diese kostbar eingefassten Teile des »Heiligen Kreuzes«. Ritter Heinrich von Ulmen entwendete es aus der kaiserlichen Palastkapelle, heute wird die »Limburger Staurothek « im Diözesanmuseum in Limburg aufbewahrt.


Den Deckel der »Limburger Staurothek « zieren Engel in byzantinischer Hoftracht (untere Reihe) und Christus (obere Reihe Mitte), flankiert von Maria und dem Erzengel Michael (oben rechts) sowie Johannes dem Täufer mit dem Erzengel Gabriel (oben links). Das kostbare Reliquiar wurde um 964 von einem hohen byzantinischen Beamten gestiftet.


Der junge Papst war extrem statusbewusst – heute gilt er als einer der einflussreichsten Kirchenoberen des Mittelalters. Sein Wille zur Macht auch im weltlichen Bereich zeigte sich schon von 1198 an beim Thronstreit im Heiligen Römischen Reich. Nach einer Doppelwahl des Staufers Philipp von Schwaben und des Welfen Otto IV. nutzte Innozenz den Konflikt zwischen den beiden deutschen Herrschern, um seinen Einfluss auszuweiten, und bestand darauf, bei der Entscheidung mitzuwirken.

Der Papst spielte Philipp und Otto gegeneinander aus, in einer Art Kaisercasting, in dem beide Anwärter um die Gunst des Papstes buhlten. Geradezu unterwürfig versprach Otto dem Bischof von Rom »mit aller Treue und Demut Unterordnung, kindliche Liebe und Ergebenheit«. Im Oktober 1209 krönte Papst Innozenz Otto IV. in Rom zum Kaiser. Zu den »grundsätzlichen Zielen« des Papstes gehörte, so der Historiker Gerd Althoff, »in vorderster Linie die Gehorsamsfrage«. Macht war diesem Papst wichtiger als die Klärung dogmatischer Probleme.

Auch der Kreuzzug zu Beginn seiner Amtszeit war für Innozenz ein Mittel, seinen Führungsanspruch über die christliche Welt geltend zu machen. Der Kreuzzugsgedanke würde für seine Regentschaft eine entscheidende Rolle spielen, er weitete die Pilgerfahrten gegen vermeintliche Ketzer später auch auf innereuropäische Kriegszüge aus, etwa gegen die Albigenser in Frankreich oder die Mauren in Spanien.

Zur Rückeroberung Jerusalems rief er 1198 allerdings noch nicht aus einer Position der Stärke auf. Das zeigte sich bereits in seinen ersten Kreuzzugsbriefen. Darin fehlte das Datum, wann die Fahrt beginnen sollte. Verbündete fand der Papst vor allem in Nordfrankreich und Deutschland unter Grafen und Rittern. So rekrutierte ein päpstlicher Werber den Grafen Balduin von Flandern und Hennegau, der zu einem der wichtigsten militärischen Führer des Unternehmens avancierte.


Der Angriff auf die christliche Stadt Zara war mit der Kreuzzugsidee nicht zu begründen – er sollte vor allem die Kassen füllen.


Auch der mittelrheinische Graf Berthold von Katzenelnbogen und Konrad von Krosigk, Bischof von Halberstadt, »nahmen das Kreuz«, wie es damals hieß. Was noch fehlte, waren Geld und eine Flotte.

Dafür sollte die aufstrebende Handelsmacht Venedig sorgen. Gesandte um den späteren Chronisten Villehardouin einigten sich im Jahr 1201 mit dem greisen Dogen von Venedig, Enrico Dandolo. Die Kreuzritter schlossen mit den Venezianern einen Vertrag über den Transport von 33500 Kämpfern per Schiff.

Die Stadt stellte 200 Schiffe zur Verfügung, alte und neue. Diese Leistung, die Venedig auf 85000 Mark in Silber bezifferte, konnten die klammen Kreuzfahrer allerdings nicht bezahlen. Wie prekär das geplante Unternehmen war, zeigte sich daran, dass statt der 33500 erwarteten Kämpfer nur rund 10000 aus vielen Teilen Nordwesteuropas in der Lagunenstadt eintrafen.

Absagen ließ sich der Kreuzzug nicht mehr; ein Scheitern hätte für Venedig den Ruin bedeutet. So sann Dandolo, den der Besitz der heiligen Stätten herzlich wenig interessierte, auf nähere Ziele. Er sorgte dafür, dass die Kreuzfahrer die Stadt Zara an der Adria einnahmen, die dem ungarischen König unterstand.

Dieser Angriff auf eine christliche Stadt war mit der Kreuzzugsidee nicht zu begründen; er sollte vor allem die Kassen füllen. Um zögerliche Ritter zu ermuntern, schloss sich auch der Doge selbst dem Zug an, der sich 1202 von Venedig aus einschiffte.

Nach rund vier Wochen erreichten die Kreuzfahrer Zara. Nach zweiwöchiger Belagerung stürmten und plünderten sie den Ort, der sich Venedig unterwerfen musste. Es war ein fataler Präzedenzfall: Aus christlichen Rittern waren Räuber geworden.

Zwar exkommunizierte der Papst die Plünderer. Doch als sie ihm scheinbar reumütige Gesandte schickten, hob er den Bann wieder auf. Das war auch im Sinne des Dogen von Venedig. Denn Dandolo betrachtete den Raubzug gegen Zara nur als Mittel zum Zweck. Er wollte langfristig die venezianische Vormachtstellung im östlichen Mittelmeer sichern.

Die Kaisermacht in Konstantinopel war ein Hindernis auf diesem Weg. Nun bot sich Venedig die einmalige Gelegenheit, unter der Flagge des Kreuzes die Konkurrenz der Byzantiner auszuschalten.

Deren Stellung bröckelte. Ihr Staat war durch lange Machtkämpfe ausgehöhlt. Die Flotte war in üblem Zustand, das Heer geschwächt und die Währung durch Münzverschlechterung angeschlagen. Prunksucht am Hof hatte dazu ebenso beigetragen wie der Protz von Provinzfürsten.

Die Kreuzfahrer planten nichts Geringeres als einen Regimewechsel am Bosporus. An Bord ihrer Armada hatten sie einen Anwärter auf den Thron: Alexios Angelos, Sohn des vom eigenen Bruder gestürzten Kaisers Isaak II.

Am 7. April 1203 segelten sie von Zara los. Als das westliche Heer am 24. Juni Konstantinopel erreichte, versuchten dessen Anführer zunächst, über die Wiedereinsetzung des in Konstantinopel inhaftierten Kaisers Isaak zu verhandeln. Als die Byzantiner sich weigerten, stürmten die Kreuzfahrer im Juli 1203 erstmals Teile der Stadt, noch ohne Übergriffe gegen die Bewohner.

Die Heerführer setzten den kranken Isaak wieder ein und drängten ihn, seinen Sohn Alexios IV. zum Mitkaiser zu machen. Der wurde damit zum faktischen Herrscher. Die Söldner kehrten auf ihre Schiffe zurück. Die Einwohner Konstantinopels, gewöhnt an Bürgerkrieg und Putsche, sahen in dem Umsturz anfangs nur einen weiteren Machtwechsel innerhalb des Systems. Doch bald sprach sich herum, dass die beiden Kaiser bloß Vasallen der westlichen Interventen waren.

Vierter Kreuzzug
von 1202 bis 1204Balduin II., Venedig u. a.

Auch diese Ikone mit dem Bild des Erzengels Michael war eine Beute der christlichen Plünderer in Konstantinopel. Sie liegt heute in der Schatzkammer des Markusdoms in Venedig.


Die Ritter sahen in den Byzantinern nicht mehr Glaubensbrüder, sondern mörderische Verräter.


Daraufhin formierte sich Widerstand. Im Januar 1204 stürzten einige Byzantiner Isaak und Alexios und brachten den Traditionalisten Alexios V. an die Macht. Der ließ seinen Namensvetter umbringen. Nun wurde die Luft knapp auch für politische Kompromisse zwischen den Kreuzrittern und der Elite von Konstantinopel.

Die Ritter sannen auf Rache. Sie sahen in den Byzantinern nicht mehr Glaubensbrüder, sondern mörderische Verräter. Und der Doge erkannte die Chance, den Handelskonkurrenten Konstantinopel militärisch zu erdrosseln. Am 9. April begannen die Kreuzritter den zweiten Sturmangriff auf die Stadt. Vier Tage später floh Alexios V.; der Widerstand brach zusammen.

Drei Tage lang hausten die Söldner nun hemmungslos in der alten Hauptstadt. Trunken von Hass und dem Inhalt erbeuteter Weinfässer tobten sie sich aus. Auch Konrad von Krosigk, der Bischof von Halberstadt, griff zu. Das Beutegut aus Byzanz, das er in den Dom seiner Stadt bringen ließ, bildet bis jetzt den Grundbestand des Halberstädter Domschatzes, einschließlich der byzantinischen Weihbrotschale, des kostbarsten Stücks.

Beutekunst aus Byzanz zierte auch die Fassade des Markusdoms von Venedig. Die Quadriga lebensgroßer vergoldeter Bronzepferde über dem Hauptportal von San Marco etwa schmückte einst das Hippodrom von Konstantinopel.

Den Geplünderten verordneten die Sieger eine Art Marionettenregime, das »Lateinische Kaiserreich «. Ein willfähriges Gremium aus sechs Venezianern und sechs Vertretern des Kreuzheeres rief im Mai 1204 den 32-jährigen Kreuzritter Balduin von Flandern zum Kaiser aus. Die Krönung vollzog der von den Siegern als »Patriarch« inthronisierte Venezianer Thomas Morosini.

Papst Innozenz verurteilte zwar später die Gewalttaten bei der Eroberung Konstantinopels. In seinen Briefen an das Kreuzheer aber zeigte er sich begeistert vom Sieg – konnte man doch in dem neuen, auf Rom ausgerichteten Staat am Bosporus die Überwindung des Schismas erblicken. Entsprechend wertete Innozenz den Sieg der Lateiner als »Werk der Vorsehung, die so die Kircheneinheit wiederherstellen wollte«, wie der vatikanische Kirchenhistoriker Wilhelm de Vries schreibt.

Allerdings nahm man im Vatikan das Problem nicht ernst genug, dass das neue Regime von Roms Gnaden keine Basis im orthodoxen Volk hatte.

Laut Georg Ostrogorsky, einem der besten Kenner der Geschichte Ostroms, »ertrug die byzantinische Bevölkerung die lateinische Fremdherrschaft nur mit äußerstem Widerwillen«. Dank tatkräftiger Mithilfe von Flüchtlingen aus Konstantinopel gründeten Byzantiner im Nordwesten der heutigen Türkei das orthodoxe Kaiserreich von Nikaia. Dessen Truppen besetzten 1261 Konstantinopel; das »Lateinische Kaiserreich « brach nahezu widerstandslos zusammen. So entstand das Byzantinische Reich noch einmal, für knapp zwei Jahrhunderte, bis die Truppen des osmanischen Sultans Mehmed II. es 1453 endgültig auslöschten.

Der fatale Vierte Kreuzzug führte »zu einer geistigen Spaltung zwischen Ost und West, die nicht mehr zu heilen war«, urteilt der Byzanz-Forscher Ralph Johannes Lilie. Grigorios Larentzakis, ein orthodoxer Theologe, sieht die »katastrophalen Folgen« vor allem im Religiösen, in der »Besiegelung des endgültigen Schismas zwischen der Ost- und der Westkirche«.

Tatsächlich wirkt die Erstürmung von Byzanz bis heute nach. Der staatliche russische Fernsehsender »Rossija« (Russland) strahlt immer wieder einen Dokumentarfilm aus mit dem Titel »Der Untergang des Imperiums. Die Lektion von Byzanz«. Dessen Autor Tichon, Metropolit von Pskow und Porchow im Nordwesten Russlands, ist ein konservativer Geistlicher mit besonderer Nähe zu Wladimir Putin.

In seinem 2007 gedrehten Film bezeichnet der Würdenträger Russland als »geistigen Nachfolger von Byzanz«. Und er polemisiert gegen »Barbaren aus Brüssel, London, Paris und Nürnberg«. Der »Hass des Westens auf Byzanz«, so der Kirchenmann, »setzt sich bis heute fort«. Russland, so seine Mahnung, könne »ausschließlich als Imperium existieren«.

Niemand unter den päpstlich gesegneten Rittern, die 1204 in Konstantinopel zu Freibeutern wurden, konnte ahnen, dass der fatale Raubzug am Bosporus derart lange nachwirken würde – bis in die politischen Polaritäten unserer Gegenwart.