Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 11 Min.

Gustloff – Goya – Steuben: Vor 75 Jahren TOD IN DER OSTSEE


SCHIFF Classic - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 16.12.2019

Die Flüchtlingsschiffe Wilhelm Gustloff, Goya und General von Steuben sanken 1945 nach Treffern sowjetischer U-Boote. Es waren menschliche Katastrophen apokalyptischen Ausmaßes, die jedoch immer im historischen Zusammenhang gesehen werden müssen


Artikelbild für den Artikel "Gustloff – Goya – Steuben: Vor 75 Jahren TOD IN DER OSTSEE" aus der Ausgabe 1/2020 von SCHIFF Classic. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

REALISTISCHES SZENARIO: Der Film Die Gustloff von 2008 zeichnete in vielen Sequenzen ein historisch korrektes Bild – wie hier bei der Einschiffung von Flüchtlingen auf der Wilhelm Gustloff


Foto: ZDF/Joseph Vilsmaier/UFA

5 kurze Fakten

ZEIT: 1945
ORT: Ostsee
GRUND: Evakuierung
VERLAUF: Versenkung
EREIGNIS: Schiffskatastrophe

NUR VORÜBERGEHEND: Flagge der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 7,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von SCHIFF Classic. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Zeit für Eisbrecher. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zeit für Eisbrecher
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Buchtipp: Mythos und Wirklichkeit von U 96. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Buchtipp: Mythos und Wirklichkeit von U 96
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Kaperei und Handelskrieg in Nord- und Ostsee: „To copenhagen“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kaperei und Handelskrieg in Nord- und Ostsee: „To copenhagen“
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Bei Wind und Wetter: In Stürmen zu Hause. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bei Wind und Wetter: In Stürmen zu Hause
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Geheimnisvolle Mission der Kriegsmarine: Letzter Auftrag für U 234. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Geheimnisvolle Mission der Kriegsmarine: Letzter Auftrag für U 234
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von „Herbert, da darfst du einsteigen“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Herbert, da darfst du einsteigen“
Vorheriger Artikel
Buchtipp: Mythos und Wirklichkeit von U 96
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Kaperei und Handelskrieg in Nord- und Ostsee: „To copenhage…
aus dieser Ausgabe

... KdF-Schiffe, die mit Kriegsbeginn zu Wohn- und Lazarettschiffen umfunktioniert wurden und damit auch diese Flagge verloren


Foto: Interfoto/Hermann Historica

Mit der Landung amerikanischer, britischer und kanadischer Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 begann die Endphase des Zweiten Weltkriegs in Europa. Gleichzeitig hatte die Rote Armee an der Ostfront zu einer neuen Großoffensive angesetzt; am 29. Juli erreichte sie die Rigaer Bucht. Nun wurde auch die Ostsee, bis dahin faktisch ein deutsches Binnenmeer, zum Kriegsgebiet.

Die näher rückenden sowjetischen Truppen bedrohten auch die U-Boot-Ausbildung in der östlichen Ostsee. Nach hohen U-Boot-Verlusten hatte der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Großadmiral Karl Dönitz Ende Mai 1943 die Geleitzugschlachten im Atlantik abgebrochen. In der letzten Kriegsphase erzielten die deutschen U-Boote nur noch Gelegenheitserfolge, während ihre Verluste weiter stiegen.

Daran konnte auch die Entwicklung der neuen, modernen U-Boote vom Typ XXI und XXIII nichts mehr ändern. Ihr Einsatz kam viel zu spät, um noch eine entscheidende Rolle im Seekrieg spielen zu können.

Halten um jeden Preis!

Dennoch hatte Dönitz die Hoffnung auf eine erneute U-Boot-Offensive nicht aufgegeben und noch 1944 ein umfangreiches U-Boot-Bauprogramm initiiert. Die Ostsee war das einzige Seegebiet, in dem die neuen U-Boote in Ruhe erprobt und die Besatzungen ausgebildet werden konnten. Aus diesem Grund war Dönitz wie Hitler ein entschiedener Verfechter einer unnachgiebigen Verteidigung der Ostfront ohne Rücksicht auf Verluste, obgleich sein eigener Stab den Rückzug nach Westen empfahl.

Trotz erbitterter Gegenwehr konnte die Wehrmacht den Vormarsch der sowjetischen Truppen nur verlangsamen, aber nicht aufhalten. Im September 1944 eroberte die Rote Armee das Baltikum zurück. Zugleich begann die Evakuierung von deutschen Soldaten, Verwundeten und Flüchtlingen über See. Der erste große Einsatz dieser Art fand im September 1944 statt, als ungefähr 50.000 Wehrmachtangehörige und 85.000 Zivilisten aus Reval abtransportiert wurden. Dabei besaß der Transport von Verwundeten und militärischen Gütern Priorität; nur wenn an Bord noch Platz war, durften Flüchtlinge überhaupt mitfahren.

Hitler und die NS-Führung hatten mittlerweile jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren. Es galt die Parole „Halten um jeden Preis“. Jugendliche und alte Männer schickte man unausgebildet und unzureichend bewaffnet als sogenannten „Volkssturm“ an die Front und „verheizte“ sie sinnlos. Die Verluste stiegen auf beiden Seiten ins schier Unermessliche; allein in den letzten fünf Kriegsmonaten fielen je eine Million deutsche und sowjetische Soldaten.

Auch die deutsche Zivilbevölkerung litt schrecklich: Der durch das gnadenlose Vorgehen der SS und der Wehrmacht in dem rassistisch motivierten Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion gesäte Hass schlug nun durch blutige Racheakte von Rotarmisten auf die Deutschen zurück.

Die deutsche Niederlage war nur noch eine Frage der Zeit. Entschlossen setzte die Rote Armee am 15. Januar 1945 zum Schlussangriff auf das Deutsche Reich an. Bereits am 27. Januar erreichten die sowjetischen Verbände nahe Elbing die Ostseeküste und unterbrachen damit die Verbindung zwischen den deutschen Truppen in Ost- und Westpreußen. Nach wie vor versuchte die Wehrmacht mit zäher Verbissenheit, den sowjetischen Ansturm aufzuhalten, um die Zivilbevölkerung in ihrem Rücken zu schützen. Zynisch hatte die NS-Führung auf diesen Verteidigungswillen spekuliert, als sie die rechtzeitige Evakuierung der deutschen Ostgebiete verbot. Wegen dieser starrsinnigen Durchhaltepolitik mussten viele Menschen erst inmitten der Gefechte des letzten Kriegswinters die Flucht antreten.

Fünf Millionen Menschen

Unter der deutschen Zivilbevölkerung löste der Vormarsch der Roten Armee Anfang 1945 eine regelrechte Flüchtlingslawine aus; bis Ende Januar waren fünf Millionen Frauen, Männer und Kinder auf dem Weg nach Westen. Manche flohen in Trecks über Land oder über das zugefrorene Frische Haff, wobei viele durch brechendes Eis oder sowjetische Tiefflieger ihr Leben verloren. Andere versuchten, ein Schiff zu finden, das sie über die Ostsee in Sicherheit bringen würde.

Allerdings war das Handeln der Marineführung bis in die letzten Kriegstage hinein nicht von dem Gedanken an die Rettung von Flüchtlingen bestimmt, sondern vom Weiterführen des bereits verlorenen Krieges. Der Transport von Verwundeten und militärischen Gütern besaß nach wie vor oberste Priorität. Nicht Großadmiral Dönitz, wie häufig behauptet, sondern den Verantwortlichen vor Ort, die häufig sogar gegen ihre Befehle handelten, verdankten die rund 1,2 Millionen über See Geretteten ihr Leben.

„SCHIFF DER LEBENSFREUDE“: Die Wilhelm Gustloff entstand im Auftrag der DAF (Deutsche Arbeitsfront) als erstes „Kraftdurch-Freude“-Schiff für 25 Millionen Reichsmark


Foto: SZ-Photo/Scherl

TOD IM SCHLAF: Das Schwimmbad im untersten Deck diente während der letzten Fahrt als Notunterkunft für Marinehelferinnen; hier detonierte um 21:16 Uhr der erste Torpedo von S 13


Foto: SZ-Photo

UMGERÜSTET: Im September 1939 war die Wilhelm Gustloff Lazarettschiff und ab November 1940 Wohnschiff der 2. U-Boot-Lehrdivision in Gotenhafen


Foto: SZ-Photo/Scherl

IM MASCHINENRAUM: Der Leitende Ingenieur bei einem Gespräch im „Bauch“ der Gustloff, vermutlich Anfang der 1940er-Jahre


Foto: SZ-Photo/United Archives/Mauritius Imag

IM FRIEDEN: Im März 1938 unternahm das KdF-Schiff unter Kapitän Karl Lübke seine erste Kreuzfahrt


Foto: SZ-Photo/Imagno/Austrian Archives

DAMPFER DEUTSCHLAND: Verbrachte insgesamt 69.379 Menschen in den Westen und wurde am 3. Mai 1945 Opfer von Bomben in der Neustädter Bucht


Foto: Sammlung GSW

VOLLTREFFER: Nach einem Bombenangriff sowjetischer Schlachtflugzeuge sinkt dieser Frachter auf der Reede von Hela, die Besatzung konnte sich im letzten Augenblick retten


Foto: Sammlung GSW

MIT ÜBER 7.000 MENSCHEN: Um 19 Uhr des 16. April 1945 verließ die Goya die Hela-Reede in Richtung Westen; diese Aufnahme zeigt den Frachter mit Tarnanstrich 1942


Foto: picture-alliance/WZ-Billdienst

KAM DURCH: Hansa, ebenfalls ein Flüchtlingsschiff, sollte ursprünglich mit der Wilhelm Gustloff auslaufen, blieb aber wegen Maschinenschadens im Hafen und gelangte einen Tag später unbehelligt nach Westen


Foto: Sammlung GSW

SELTENES STÜCK: Weiße Tellermütze eines der 426 Besatzungsmitglieder der Gustloff


Foto: Interfoto/Hermann Historica

Angesichts des raschen sowjetischen Vormarsches beschloss die deutsche Marineführung, die U-Boot-Ausbildungseinrichtungen und das dazugehörige Personal, vor allem die für die neuen U-Boote vom Typ XXI ausgebildeten Besatzungen, nach Westen zu verlegen. Am 23. Januar erteilte Admiral Hans-Georg von Friedeburg mit dem Kennwort „Hannibal“ den Marschbefehl.

Bereits am 25. Januar hatte die 1. Unterseeboot-Lehrdivision von Pillau aus die Verlegung in die Häfen rund um die Lübecker Bucht abgeschlossen. Auch die Besatzungen der Wilhelm Gustloff und der Hansa, der beiden Wohnschiffe der 2. Unterseeboot-Lehrdivision in Gotenhafen, dem heutigen Gdynia, erhielten den Befehl, diese wieder seetüchtig zu machen.

Der Untergang

Von März 1938 bis August 1939 hatte das am 5. Juli 1937 in Hamburg vom Stapel gelaufene Passagierschiff Wilhelm Gustloff für die NSFreizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) zahlreiche Kreuzfahrten nach Madeira, Italien und Norwegen unternommen. Wenige Tage nach dem Kriegsbeginn wurde die Wilhelm Gustloff zum Lazarettschiff umgerüstet und im November 1940 nach Gotenhafen verlegt, wo das Schiff fortan – mit einem grauen Tarnanstrich versehen – als schwimmende Kaserne diente.

Nach der langen Liegezeit musste man das Schiff in den letzten Januartagen 1945 in aller Eile wieder seetüchtig machen und die Maschinenanlage instand setzen. Zugleich erhielt die Gustloff zusätzliche Rettungsmittel und zur Abwehr von Fliegerangriffen mehrere Zwei-Zentimeter-Flugabwehrkanonen in Vierlingslafetten.

Am 26. Januar 1945 begann die Einschiffung. Unter den ersten Personen, die den Befehl erhielten, an Bord der Wilhelm Gustloff zu gehen, um sie in den Westen zu evakuieren, waren Angehörige der 2. Unterseeboot-Lehrdivision. Hinzu kamen Marinehelferinnen, Schwerverwundete sowie eine unbekannte Anzahl von Flüchtlingen. Am 30. Januar 1945 verließ die Wilhelm Gustloff gegen Mittag Gotenhafen, um Kurs auf die Ostsee zu nehmen.

An Bord drängten sich wohl mehr als 10.000 Verwundete, Flüchtlinge sowie Marineangehörige. Anstatt wie vorgesehen von vier Sicherungsfahrzeugen begleiteten lediglich das Torpedoboot Löwe und ein Torpedofangboot die Wilhelm Gustloff, wobei das Torpedofangboot aber bald wegen einer Havarie den Hafen von Hela anlaufen musste. Am Abend wurde die Wilhelm Gustloff von drei Torpedos des sowjetischen U-Bootes S 13 unter dem Befehl von Kapitän 3. Ranges (Korvettenkapitän) Alexander Marinesko getroffen und begann sogleich zu sinken. Juristisch betrachtet war die Torpedierung kein Kriegsverbrechen, da die Wilhelm Gustloff als Truppentransporter laut Kriegsvölkerrecht als legitimes Angriffsziel galt.

Das Torpedoboot Löwe und das zu Hilfe geeilte Torpedoboot T 36 bargen so viele Menschen wie möglich aus dem eiskalten Wasser der Ostsee, mussten aber schließlich ablaufen, um nicht selbst unter Beschuss zu geraten. Auch der in der Nähe befindliche Schwere Kreuzer Admiral Hipper mit 1.500 Verwundeten an Bord musste wegen der U-Boot-Gefahr weiterfahren. Später bargen andere Schiffe noch rund 200 weitere Überlebende. Der Untergang der Wilhelm Gustloff forderte mindestens 9.000 Todesopfer; nur 1.252 Menschen überlebten die wohl größte Schifffahrtskatastrophe aller Zeiten. Das Wrack liegt bis zum heutigen Tag auf dem Grund der Ostsee und gilt inzwischen als geschütztes Seekriegsgrab.

Die Wilhelm Gustloff blieb nicht das einzige Opfer von S 13. Am 10. Februar versenkte das sowjetische U-Boot den Passagierdampfer General von Steuben. Das 1922 unter dem Namen München vom Norddeutschen Lloyd in Dienst gestellte Passagierschiff kam im Zweiten Weltkrieg als Wohnschiff, Truppenund Verwundetentransporter zum Einsatz. Gegen Ende des Weltkriegs diente es dann ebenfalls zur Evakuierung von Verwundeten und Flüchtlingen nach Westen. Am 9. Februar 1945 war die Steuben mit einer unbekannten Zahl von Verwundeten und Flüchtlingen an Bord in Begleitung des Torpedobootes T 196 von Pillau in Richtung Kiel ausgelaufen. Kurz vor 1 Uhr morgens am 10. Februar torpedierte das sowjetische U-Boot S 13 nahe Stolpmünde das Passagierschiff – es sank innerhalb von 15 Minuten. Dabei starben mindestens 1.100 Menschen, rund 660 Schiffbrüchige konnte man retten.

Ständige Angriffe

Unentwegt gingen die Transporte weiter. Vom 11. bis 18. März wurde das seit dem 7. März eingeschlossene Kolberg evakuiert. Ebenfalls am 7. März hatte der sowjetische Angriff auf den Raum Gotenhafen und Danzig begonnen, wo sich ungeheure Menschenmassen ballten, die sich vor der Roten Armee hierher gerettet hatten. Am 23. März begann der entscheidende Großangriff auf die Stadt. Zu diesem Zeitpunkt waren rund zwei Millionen Flüchtlinge und Verwundete in Danzig eingekesselt. Unter den ständigen Angriffen sowjetischer Flugzeuge schiffte man die Männer, Frauen und Kinder auf Frachtern und Passagierschiffen in Danzig, Gotenhafen und Hela ein. Insgesamt gelangten auf diese Weise rund 1,2 Millionen Verwundete und Flüchtlinge über den Seeweg nach Westen. Allein der Dampfer Deutschland hatte auf seinen Fahrten am 23. und am 28. März 1945 jeweils mehr als 11.000 Menschen an Bord.

Nach dem Fall Gotenhafens am 28. März und Danzigs am 30. März setzte die Marine die Einschiffungen bis zur deutschen Kapitulation von der Halbinsel Hela aus fort; allein zwischen dem 21. März und dem 10. April 1945 transportierten Schiffe von Hela aus mehr als 150.000 Verwundete und Flüchtlinge nach Dänemark und Schleswig-Holstein. Die Lage der Deutschen war immer verzweifelter. Am 10. April kapitulierte Königsberg und am 15. April durchbrachen die sowjetischen Truppen die deutsche Verteidigungslinie in Samland. Nach dem Zusammenbruch der Front flohen Soldaten und Zivilisten vor der heranrückenden Roten Armee in Richtung Westen. Gleichzeitig setzten die sowjetischen Truppen zum Angriff auf die Reichshauptstadt Berlin an.

IM VERGLEICH: Wiking-Schiffsmodelle von Queen Mary, Bremen, Cap Arcona und Wilhelm Gustloff


Foto: Interfoto/Hermann Historica

WARTEN AUF SCHIFFE: Die Osthäfen waren in der Endphase des Krieges dauerüberfüllt – ob in Pillau, Danzig, Gotenhafen oder auf der Halbinsel Hela


Foto: ullstein bild

LETZTE HOFFNUNG: Auch dieses Foto aus dem Film Die Gustloff gibt den Ansturm auf das Flüchtlingsschiff realistisch wieder


Foto: ZDF/Conny Klein

2002 ERSTMALS BETAUCHT: Sonarbild der in etwa 76 Meter Tiefe liegenden Goya


Foto: Sammlung Ulrich Restemeyer

Ungeachtet der zunehmenden U-Bootund Luftangriffe blieben die Evakuierungstransporte weiter bestehen, wobei es immer wieder Verluste gab. Am 16. April wurde auch der Transporter Goya versenkt. Die Kriegsmarine hatte das 5.230 Bruttoregister-tonnen große norwegische Frachtschiff im April 1940 beschlagnahmt und es zunächst als Truppentransporter und Zielschiff für die U-Boot-Ausbildung genutzt. In den letzten Kriegsmonaten setzte sie es, mit einigen Flakkanonen bewaffnet, für Evakuierungen aus den deutschen Ostgebieten ein.

Vom Kriegsrecht gedeckt

Ihre fünfte Fahrt wurde der Goya zum Verhängnis. Bereits während der Einschiffung in Hela traf eine Bombe den Frachter. Dennoch lief das Schiff am 16. April 1945 gegen 19 Uhr zusammen mit dem Dampfer Kronenfels und dem Wassertanker Ägir sowie den Minensuchern M 256 und M 328 als Geleitschutz aus. Kurz vor Mitternacht trafen zwei Torpedos des sowjetischen U-Boots L 3 unter Kapitänleutnant Wladimir Konowalow die Goya, die innerhalb von sieben Minuten sank. Mehr als 7.000 Soldaten und Zivilisten kamen dabei ums Leben, nur etwa 180 Schiffbrüchige konnte man aus der eiskalten Ostsee retten. Ebenso wie die Wilhelm Gustloff und die Steuben galt die Goya nach dem Kriegsvölkerrecht als ein Truppentransporter.

Mitte April rückten die sowjetischen Angriffsspitzen auf Stettin vor, weshalb die Deutschen nun auch Swinemünde evakuieren mussten; 35.000 Menschen schafften es auf die noch fahrtüchtigen Schiffe und so nach Kopenhagen. Am 30. April 1945 beging Hitler in der Reichskanzlei Selbstmord und entzog sich damit der Verantwortung für den von ihm mutwillig begonnenen Krieg. Kurz zuvor hatte er Großadmiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt.

AUS GLÜCKLICHEN TAGEN: Das Passagierschiff General von Steuben des Norddeutschen Lloyd liegt in Venedig vor Anker


Foto: SZ-Photo/Scherl

HUMANE GESTEN: Vielfach waren es Kommandanten vor Ort, die auch gegen den Befehl Flüchtende aufnahmen


Foto: ZDF/Conny Klein

Nachdem dieser vom Tod Hitlers erfahren hatte, berief er in der Marineschule in Flensburg-Mürwik eine „geschäftsführende Reichsregierung“ ein. Am 4. Mai erklärte Dönitz gegenüber dem britischen Feldmarschall Montgomery die deutsche Teilkapitulation in Nordwestdeutschland, Dänemark und den Niederlanden. Damit wollte Dönitz Zeit gewinnen, um so viele Soldaten und Flüchtlinge wie möglich aus dem Osten zu evakuieren. Dementsprechend wurden am Morgen des 5. Mai die außerhalb der deutschen und dänischen Hoheitsgewässer befindlichen Frachter und Kriegsschiffe noch einmal nach Osten geschickt, wo sie insgesamt 45.000 Flüchtlinge an Bord nahmen und nach Kopenhagen evakuierten.

Doch erst am 6. Mai 1945, nur zwei Tage vor der bedingungslosen Kapitulation, erteilte Dönitz den Befehl, der Rettung von Menschen die höchste Priorität zu geben. Alle verfügbaren Schiffe wurden daraufhin nach Osten in Marsch gesetzt, um so viele Flüchtlinge wie möglich an Bord zu nehmen; bis zum 8. Mai gelangten 111.000 Soldaten und 6.300 Verwundete mit dem Schiff nach Westen – aber nur 5.400 Flüchtlinge. Am Tag der Kapitulation liefen letztmalig deutsche Zerstörer und Torpedoboote nach Hela, um Flüchtlinge und Wehrmachtangehörige an Bord zu nehmen, die sie am 9. und 10. Mai in Schleswig-Holstein anlandeten. Als letzte Transporte fuhren am 8. Mai 65 kleine Fahrzeuge mit 14.400 Menschen aus Libau und 61 Fahrzeuge mit 11.300 Soldaten aus Windau nach Westen aus. Als letztes Flüchtlingsschiff erreichte am 14. Mai der Weichselkahn Hoffnung Flensburg.

Nach offiziellen Zahlen wurden in den letzten 115 Tagen des Kriegs mindestens zwei Millionen Menschen auf rund 700 Passagierschiffen, Frachtern, Fähren, Schleppern und Kriegsschiffen in den Westen, vor allem nach Dänemark und Schleswig-Holstein, evakuiert. Der Historiker Michael Salewski bezeichnete dies einmal als die „größte und erfolgreichste Operation der Kriegsmarine“. Neueste Forschungen gehen jedoch davon aus, dass diese Zahlen geschönt sind. Vermutlich wurden nur etwa 900.000 Flüchtlinge und 350.000 Verwundete über See gerettet. Etwa ein Zehntel der für die Evakuierung eingesetzten Schiffe fiel gegnerischen Angriffen zum Opfer, rund 25.000 Menschen verloren dabei ihr Leben.

Zu den höchsten Verlusten kam es bei den Versenkungen der Schiffe Wilhelm Gustloff, Steuben und Goya, bei denen insgesamt rund 20.000 Menschen starben. Im Marine-Ehrenmal in Laboe erinnern ein eigener Raum und ein Bullauge der Wilhelm Gustloff an die „Rettung über die Ostsee“ und die Menschen, die dabei den Tod gefunden haben.

Zwiespältige Bilanz

Ohne die gewaltige Leistung sowohl der Befehlsstellen als auch der Besatzungen der beteiligten Schiffe schmälern zu wollen, bleibt die Bilanz dieser größten maritimen Evakuierungsaktion der Geschichte zwiespältig: Hätte die deutsche Marineführung rechtzeitig den Schwerpunkt auf die Evakuierung gelegt, hätte sie viel mehr, vielleicht sogar alle Flüchtlinge retten können. So gerieten drei bis vier Millionen Deutsche in den Machtbereich der Roten Armee – Opfer des von Hitler begonnenen Krieges und der aggressiven Expansionspolitik Stalins. Bis 1950 wurden etwa 12,5 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben, unzählige starben bei Pogromen oder auf dem entbehrungsreichen Marsch nach Westen.

KURZKRITIK

Der ZDF-Zweiteiler Die Gustloff begeisterte 2008 das deutsche und österreichische Publikum. Auch heute noch weiß das Drama zu fesseln, auch weil das Schiffsunglück ähnlich realistisch dargestellt wurde wie in Titanic. Das reale Geschehen hat Regisseur Joseph Vilsmaier mit fiktiven Einzelschicksalen verknüpft, gespielt u.a. von Heiner Lauterbach, Valerie Niehaus und Kai Wiesinger.

WILHELM GUSTLOFF

GERETTET: Diese deutschen Flüchtlinge waren in Kopenhagen zwar in Sicherheit, doch die Lager waren hoffnungslos überfüllt – Ratlosigkeit griff um sich


Foto: ullstein bild

ANFANG VOM ENDE: Der erste Torpedo traf das Schwimmbad der Wilhelm Gustloff im untersten Deck (siehe Seite 15)


Artists Impression: Peter H. Block

ÜBERLEBT: Zwei Zeitzeugen (Mitte) vor einem Modell der Steuben – zwei von nur 660 Schiffbrüchigen