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GUT BEDACHT


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Servus in Stadt & Land - Österreich Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 28.10.2022

HANDWERK IN BAYERN

Artikelbild für den Artikel "GUT BEDACHT" aus der Ausgabe 11/2022 von Servus in Stadt & Land - Österreich Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Servus in Stadt & Land - Österreich Ausgabe, Ausgabe 11/2022

Das hält. Einträchtig liegen alte und neue Holzschindeln nebeneinander auf dem frisch gedeckten Dach. Sie halten ohne einen einzigen Nagel, nur mithilfe von Steinen, den ?Schwaarstoa?.

Schwindlig derf dir ned wern“, sagt Robert Keilhofer, Bauer aus Ramsau bei Berchtesgaden, während er hinaufschaut zum Holzschindeldach seiner Almhütte, wo schon seine beiden Töchter Ursula, 18, und Rosina, 13, zusammen mit ihrem Bruder Peter (sprich: „Bäda“), 21, artistisch herumturnen, als wären sie muntere Oachkatzl.

Aber weit gefehlt: Nicht jugendlicher Übermut hat die drei Geschwister auf das Dach steigen lassen, sondern eine jahrhundertealte Bauernarbeit am Ende des Almsommers, wenn morsche und brüchige Holzschindeln, die viele Jahre Stube und Stall brav vor den Unbilden des Bergwetters geschützt haben, ausgewechselt werden, ehe der Winter ins Land zieht. Darum flattern gerade Holzplatten wie schwarze Untertassen vom Dach.

„Da heißt’s Obacht geben und den Kopf eiziahgn“, sagt Robert Keilhofer lachend. Der Kaser des 64-Jährigen – die Bezeichnung Kaser rührt nicht von „Käse“, ...

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... sondern vom lateinischen der Hütte – gehört zur Kammerlingalm. Ein Weidegrund, der am steilen Hang unterhalb des mächtigen Kammerlinghorns (2.484 m) liegt und vor rund 650 Jahren dem Bergwald durch Rodung abgerungen wurde. Das Besondere an diesem auf 1.300 Metern gelegenen Almgebiet auf österreichischem Boden: Es wird, ebenso wie die benachbarte Litzlalm und die Kallbrunnalm, gemeinsam von bayerischen und Pinzgauer Bauern betrieben.

„Deswegn war die Grenz für uns nie eine Grenz“, sagt Robert Keilhofer, der als 22-Jähriger den 1796 errichteten Wolfpeter-Hof im Ramsauer Ortsteil Antenbichl übernommen hat. Von dort sind es stolze 14 Kilometer, die beim Almauftrieb im Frühjahr gemeistert werden wollen.

DEN KÜHEN PRESSIERT’S

Aber weil „die alten Kiah wissen, dass da ein frisches Almgras wachst, roasn de da nauf, da pressiert’s dene, da komm ich kaum hinterher“. So überwinden Bauer und Vieh auch in weniger als vier Stunden 500 Höhenmeter.

Im Sommer fährt Robert – er ist der letzte der Ramsauer Bauern, der sein Vieh noch auf die Alm treibt – jeden Abend über den historischen Hirschbichl-Pass, vorbei an den anderen elf Kasern zur hintersten Hütte – das ist seine, und die steht seit 75 Jahren an ihrem Platz. Er melkt seine 14 Kühe, übernachtet im Kaser, melkt in der Früh ein zweites Mal. Dann geht’s ins Tal, wo auf seinem Hof das Tagwerk wartet.

„Es ist die ursprünglichste Art des Dachdeckens, überall auf der Welt. Sie kommt ohne einen einzigen Nagel aus.“

Robert Keilhofer, Almbauer

Erst jetzt im Herbst, wenn die Kühe wieder wohlbehalten runtergetrieben wurden, hat er genügend Zeit, das Dach „umzuschindeln“. Mit von der Partie ist Roberts Bruder Schorschi, 60, von Beruf Elektriker. Losgehen tut’s in aller Herrgottsfrüh. Deshalb hat es sich Ursula, die 18-Jährige, gestern extra verbissen, „auf die Stanz“ zu gehen, „weil“, sagt sie seufzend, „mir das Aufstehen heut Früh sonst zu mühselig worn wär“.

Fürs leibliche Wohl sorgt an solch einem Tag Kathi. Und weil die Bäuerin ausgezeichnet kocht, freuen sich alle schon in der Früh aufs Mittagmachen.

ERST EINMAL HEISST ES ANPACKEN

Kaum an der Hütte angekommen und ohne dass lange ausgetüftelt werden muss, wer was macht, balanciert ein jeder über ein fußbreites Brett aufs Dach. Im Nu hat sich Schorschi einen leicht 15 Kilo schweren Stein gegriffen, um ihn am Rand des Daches sachte abzusetzen. „Ohne die Schwaarstoa könnt der Wind mir nix, dir nix die Schindeln hochheben“, erklärt er und schnauft dabei ein bisschen. Wie Herbstblätter würden die Schindeln durch die Luft wirbeln und der Hütte ihre schützenden Abdeckung rauben.

Geredet wird nicht viel, weil „wer Kraft zum Reden hat, der arwad ned gscheid“, klärt uns Ursula augenzwinkernd über das stumme Werkeln auf. So hat auch keiner von Roberts fleißigen Helfern ein Auge für die prächtige Kulisse an diesem goldenen Spätherbsttag.

Der Himmel lacht azurblau herab, die Nebel der Saalach steigen aus dem Hintertal auf, Hochkranz (1.953 m) und Litzlkogel (1.625 m) grüßen von links und von rechts. Aufgehalten wird der Blick in der klaren Luft erst von den Leoganger Steinbergen mit ihren schneeig angezuckerten Spitzen.

Mittlerweile ist auch der Bauer aufs Dach gekraxelt. Er schiebt die langen Holzstangen, die die Steine vorm Runterkugeln bewahren, zur Seite.

Jede einzelne Schindel wird nun in die Hand genommen und sorgsam überprüft. Moos und Flechten werden abgeklopft, hie und da kommt ein verlassenes Wespennest zum Vorschein. „Wenn ich die Schindeln gegeneinanderschlag, dann hör ich’s am Klang, ob sie noch was taugen“, verrät Ursula. Der ist bei denen, die „morschig“ sind, deutlich dumpfer, sie werden ausgemustert, die guten hingegen auf dem Dach gestapelt. Und von solchen, die nur partiell schadhaft sind, wird der gute Teil abgetrennt und wiederverwendet, der schlechte taugt als Brennholz, denn nach alter Bauerntradition wird nichts verschwendet.

ALLE VIER JAHRE WIRD UMGEDREHT

„Im Idealfall“, erklärt Bauer Robert, „kann so eine Schindel viermal braucht wern, weil wir nämlich versetzt eindecken.“ Das heißt, dass nur ein knappes Drittel des armlangen Fichtenholzes – der sogenannte Vorschub – dem Wetter ausgesetzt ist, der Rest verschwindet unter dem Dach. Und die Unterseite ist sowieso vor Schnee und Regen gefeit. Alle vier Jahre wird die Schindel umgedreht, bis alle Seiten ausgedient haben. Die Rillen im Holz wirken wie kleine Kanälchen, in denen das Wasser entlang der Fasern vom Dach läuft, und dennoch bleibt genügend Luft dazwischen, sodass die Gerüche – etwa wenn die Tiere bei schlechtem Wetter „hütteln“ – durch das Dach abziehen können.

„Es ist die ursprünglichste Art des Dachdeckens überall auf der Welt“, sagt Robert Keilhofer. „Sie kommt ohne einen einzigen Nagel aus.“ Nägel wären für die Bauern früher unerschwinglich gewesen, und so ist nichts starr befestigt – jede Schindel bleibt beweglich, und trotzdem hält’s.

„Ganz dicht ist ein Schindeldach aber nie“, sagt Robert, deshalb hat er eine Unterschicht aus Dachpappe aufgebracht, damit kein Tropfen Wasser in die Almhütte dringt. Freilich hätte er seine Hütte auch gleich mit Blech decken können – wie sein Nachbar –, „aber des wär nix für mi, weil ein Blechdach schäwad, wenn’s regnt. Da verstehst dein eignes Wort nimmer. Und im Sommer werd’s hoaß wie a Bratpfanna.“

ES GEHT HAND IN HAND

Noch während der Schorschi die letzten unbrauchbaren Schindeln vom Dach wirft, wuchtet Ursula schon die neuen – hell und harzig duftend sind sie – bündelweise aufs Dach zu Mutter Kathi.

Mit dem Eindecken wurde an der Dachkante begonnen, jetzt arbeitet man sich viertelmeterweise voran. Wenn eine Schindel passend gemacht werden muss, setzt sich Robert rittlings auf die alte Goaßbank – „an der sind schon a etla Quadratmeter Schindeln gmacht worn“ –, wo er mit dem Reifmesser die Seiten und wenn nötig die Oberfläche der Schindeln bearbeitet. Mit einer kleinen Hobelmaschine unten am Hof macht er heutzutage die Schindeln immer dann, wenn er welche braucht. Früher dagegen gab es eine separate Schindelkammer: Im Winter, wenn die Bauern Zeit hatten, wurden dort gewerkt.

Um die 8.000 Holzschindeln hat so ein Dach, eine halbe Dachseite hat Roberts Familie heute geschafft. Es ist eine anstrengende Arbeit, und am Abend „dean ’s Kreiz und de Knia weh“, sagt Ursula. Aber das Gefühl, wenn das Dach gedeckt ist, sei herrlich. „Außerdem“, sagt Robert, und sein Blick geht versonnen rundumadum, „de Tradition muaß weiterleben – denn was wärn wir ohne Tradition?“