Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Gut für dich, schlecht für mich


vivanty - epaper ⋅ Ausgabe 87/2021 vom 09.07.2021

Artikelbild für den Artikel "Gut für dich, schlecht für mich" aus der Ausgabe 87/2021 von vivanty. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Hunger nagt, ein kurzes Zaudern und dann die Qual der Wahl. Richtig glücklich würde jetzt das Croissant mit Nougatfüllung machen. Vernünftig wären Karottensticks mit Quark. Vielleicht der Kompromiss: Vollkornbrot belegt mit Käse? Es mag sich um ein Luxusproblem handeln, doch nicht selten kann das tägliche Ringen um die Ernährung mitentscheiden über ein gesundes, langes Leben oder einen frühen Tod. Die Hälfte der Deutschen ist übergewichtig, bei vielen entgleist der Stoffwechsel im beständigen Überangebot an Leckereien. Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch Krebs gehören zu den Folgen.

Jahrzehntelange Forschung, unzählige Studien und Ratgeber haben daran nicht viel geändert. Wie kann es gelingen, weniger zu essen, ohne dass ständige Gelüste plagen? Ob Low-Carb, Low-Fat, High-Protein - kein Konzept brachte bislang einen durchschlagenden Erfolg. Mit einem Vorstoß haben Ernährungsforscher nun ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,29€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von vivanty. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 87/2021 von „Demut gebietend und erhebend zugleich, kaum etwas in der Natur flößt uns so viel Ehrfurcht ein wie der Anblick von Bergen.“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Demut gebietend und erhebend zugleich, kaum etwas in der Natur flößt uns so viel Ehrfurcht ein wie der Anblick von Bergen.“
Titelbild der Ausgabe 87/2021 von Tipps gegen matte Gläser aus der Spülmaschine. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Tipps gegen matte Gläser aus der Spülmaschine
Titelbild der Ausgabe 87/2021 von Raus aus der Sonne: Akku vom E-Bike vor Hitze schützen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Raus aus der Sonne: Akku vom E-Bike vor Hitze schützen
Titelbild der Ausgabe 87/2021 von Wohnen im Garten: Stilvolle Leuchten für den lauen Sommerabend. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wohnen im Garten: Stilvolle Leuchten für den lauen Sommerabend
Titelbild der Ausgabe 87/2021 von Weil es einfacher ist: Sogar Grtenbesitzer setzen auf Topf-Obst. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Weil es einfacher ist: Sogar Grtenbesitzer setzen auf Topf-Obst
Titelbild der Ausgabe 87/2021 von Husch husch insTöpfchen: Wie man Gefäße richtig bepflanzt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Husch husch insTöpfchen: Wie man Gefäße richtig bepflanzt
Vorheriger Artikel
Bock auf Widder
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Das Brot der Zukunft
aus dieser Ausgabe

... zumindest eine Ursache des Scheiterns ausgemacht: Die Vorstellung von Ernährungsregeln, die für alle gelten, ist falsch.

Wie falsch, das zeigten erstmals 2015 Forscher am israelischen Weizmann Institute of Science. Sie klebten 800 Probanden einen Sensor auf den Arm und konnten so kontinuierlich die Schwankungen des Blutzuckers messen. Eine Woche lang notierten die Versuchsteilnehmer akribisch alle Bestandteile ihrer Mahlzeiten und bekamen zusätzlich standardisierte Testmahlzeiten. Dass es dabei individuell unterschiedliche Reaktionen geben würde, war klar. Doch wie groß die Unterschiede sein würden, damit hatte niemand gerechnet. „Das war eine Riesenüberraschung, Unterschiede von diesem Ausmaß hätten wir nie erwartet”, erinnert sich Christian Sina, der das Institut für Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum in Lübeck leitet.

In der noch umfangreicheren „Predict-Studie”, die britische und amerikanische Forscher in diesem Sommer veröffentlicht haben, wurde der Befund bestätigt und erweitert. Wissenschaftler vom King's College in London und der Harvard Medical School in Boston untersuchten bei mehr als 1.000 Probanden über zwei Wochen die Reaktionen auf standardisierte oder alltägliche Mahlzeiten. Sie ermittelten dabei neben Blutzuckeranstieg und der Ausschüttung von Insulin auch den Anstieg bestimmter Fettstoffe im Blut, den Triglyzeriden. Wiederum zeigte sich: Auf ein- und dieselbe Mahlzeit gab es tausend verschiedene Reaktionen, die oft im Widerspruch zu dem standen, was wir über Ernährung zu wissen glauben.

So haben zum Beispiel viele Hungergeplagte gelernt, Lebensmittel mit einem hohen glykämischen Index zu meiden, die den Blutzucker stark ansteigen lassen. „Flatten the curve” gilt auch im Blut: Ein hoher Blutzuckeranstieg führt zu vermehrter Insulinausschüttung, die den Blutzucker später absacken lässt, was wiederum Hungergefühle auslöst. Vollkornbrot beispielsweise hat einen niedrigen glykämischen Index und gilt daher als langfristig sättigender.

Das Problem dabei: Den glykämischen Index der verschiedenen Lebensmittel haben Wissenschaftler ermittelt, indem sie aus den Reaktionen von zehn Probanden einen Durchschnittswert gebildet haben. In Wahrheit ist für manche Menschen Weißbrot günstiger als Vollkornbrot, manche reagieren auf ein Butterbrot besser als auf eins mit Quark. „Wir haben unter unseren Probanden Weißbrottypen, Vollkorntypen und Müslitypen gefunden”, sagt Christian Sina, der auf dem Gebiet ebenfalls forscht. Der Ernährungswissenschaftler und Publizist Nicolai Worm hat eine besonders verblüffende Eigenschaft seines eigenen Stoffwechsels entdeckt: Ein Glas Wein, zum Abendessen getrunken, dämpft bei ihm den Anstieg des Blutzuckers. „Das ist in der Literatur gänzlich unbekannt”, sagt er und lacht.

Wie der Zucker- und Fettstoffwechsel eines Menschen auf eine Mahlzeit reagiert, hängt nach den Analysen der Forscher nur zum Teil von der Zusammensetzung ab, sondern auch von einer Vielzahl weiterer Faktoren. Die Rolle der Gene scheint dabei längst nicht so groß, wie früher angenommen, denn selbst eineiige Zwillinge mit identischem Erbgut reagierten in der Predict-Studie unterschiedlich. Im Gegenzug spielt die Zusammensetzung der Darmbakterien eine weit bedeutendere Rolle als gedacht. Das Mikrobiom, das dabei hilft, den Nahrungsbrei abzubauen, ist offensichtlich eng und untrennbar mit Stoffwechselwegen im menschlichen Körper verbunden. Zudem hängen die Stoffwechselreaktionen auch davon ab, zu welcher Uhrzeit man eine Mahlzeit einnimmt - und auch hier verhält es sich bei jedem Menschen etwas anders. Regeln wie „nach 18 Uhr nichts mehr essen” mögen für manche sinnvoll sein, für andere nicht.

Warum sich dann nicht gleich auf das eigene Gefühl verlassen? Weil vielen Menschen beim intuitiven Essen eine evolutionär durchaus sinnvolle Gefräßigkeit in die Quere kommt. „Grob geschätzt ist die Hälfte der Menschen in Deutschland metabolisch gesund und hat daher mit Ernährung kaum Probleme” sagt Christian Sina. „Aber die andere Hälfte ist bereits übergewichtig und besitzt damit mindestens ein sehr hohes Risiko für ernährungsbedingte Erkrankungen - diese Menschen könnten von einer datenbasierten, individuell angepassten Ernährung profitieren.”

Sowohl die israelische als auch die britische Arbeitsgruppe haben inzwischen aus Millionen Datenpunkten mithilfe einer selbstlernenden KI Algorithmen entwickelt, die anhand von Blut- und Stuhlproben und persönlichen Angaben Ratschläge für eine personalisierte Ernährung generieren. Aus beiden Projekten sind kommerzielle Angebote entstanden, bei denen die Kunden Angaben über sich machen, Stuhlproben und nach den Mahlzeiten genommene Blutproben einschicken.

Auch Christian Sina hat zusammen mit einem Forschungskollegen eine Firma gegründet, die den Service „Million Friends” anbietet. Die „Millionen Freunde” spielen auf die Darmbakterien an, die unseren Stoffwechsel so entscheidend prägen. Die Kunden geben auch hier Stuhlproben ab, allerdings kommt noch keine KI zum Einsatz. Stattdessen verlässt man sich bei dem deutschen Projekt vor allem auf die kontinuierliche Messung des Blutzuckers während der Mahlzeiten, mittels eines Sensors, den die Kunden am Arm tragen.

Ob eines der Produkte geeignet ist, Übergewicht und Krankheit entgegenzuwirken, dafür gibt es noch keinen Beweis. „Wir wissen gar nicht, ob der individuell unterschiedliche Anstieg des Blutzuckers wirklich klinisch relevant ist”, kritisiert Bernhard Watzl vom Max Rubner-Institut, der dort den Bereich „Physiologie und Biochemie der Ernährung” leitet. Doch auch wenn kommerzielle Anwendungen noch verfrüht sein mögen, hält auch Watzl die Predict- Studie für zukunftsweisend. Ähnlich scheint man das auch in den USA zu sehen. Die National Institutes of Health haben gerade eine Forschungsstrategie für die nächsten zehn Jahre ver-öffentlicht, die das Konzept einer personalisierten Ernährung vorantreiben soll. Allein im letzten Jahr hat die Behörde 1,9 Milliarden Dollar für Projekte auf dem Gebiet bewilligt.

Bei einer personalisierten Ernährung geht es nicht nur ums Dickwerden. Nicht nur auf Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß reagieren Menschen höchst unterschiedlich, sondern auch auf die Mikronährstoffe in Obst und Gemüse. Menschen, die viel Pflanzliches zu sich nehmen, sind im Schnitt gesünder und leben länger, das weiß man aus vielen epidemiologischen Beobachtungsstudien. Doch gibt es hier wirklich eine Kausalität, oder sind die Gemüseesser vielleicht aus anderen Gründen gesünder? Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler, die Wirkung der „sekundären Pflanzenstoffe”, die sich in Zellkulturen und Tierexperimenten zeigen, auch im Menschen zweifelsfrei nachzuweisen. „In den letzten 20 Jahren haben wir – wie viele Kollegen – immer wieder Enttäuschungen erlebt”, sagt Sabine Kulling, die am Max Rubner-Institut eine Arbeitsgruppe leitet. Ein bestimmtes Gemüse oder eine einzelne Substanz zeigt eine Wirkung in einer Studie, die sich bei weiteren Untersuchungen nicht bestätigt.

Woran das liegen könnte, darauf ist Sabine Kulling erst in den letzten Jahren gekommen. Sie untersuchte, was im menschlichen Körper mit Isoflavonen geschieht, die in Sojaprodukten vorkommen. Isoflavone haben eine leicht hormonähnliche Wirkung, und man sagt ihnen eine günstige Wirkung auf den Fettstoffwechsel, die Knochenfestigkeit und das Krebsrisiko nach. Sabine Kulling und ihr Team haben herausgefun- den, dass Menschen diese Pflanzenstoffe auf höchst unterschiedliche Weise verstoffwechseln. Bei manchen zirkulieren sie eine Weile im Blut, bei anderen findet man nur biologisch kaum wirksame Abbauprodukte. Der Grund ist auch hier die unterschiedliche Zusammensetzung der Darmbakterien, so konnte Kulling nachweisen. Ganz ähnlich verhält es sich mit Resveratrol, das in manchen Obstsorten und Rotwein vorkommt und bereits als Anti-Aging Substanz vermarktet wird.

Ein Fazit, das Kulling aus ihrer Forschung zieht: „Ich würde niemals Geld für Nahrungsergänzungsmittel ausgeben oder einseitig bestimmte Lebensmittel bevorzugen und mir davon Gesundheit erhoffen.” Besser sei es, eine möglichst große Vielfalt an pflanzlichen Lebensmitteln anzustreben. Die Revolution in unserer Ernährungsweise, sie wird wohl noch eine Weile auf sich warten lassen.