Lesezeit ca. 12 Min.

Gut gemacht!


Logo von Gehirn & Geist
Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 08.07.2022
Artikelbild für den Artikel "Gut gemacht!" aus der Ausgabe 8/2022 von Gehirn & Geist. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 8/2022

Auf einen Blick: Fallstricke des Lobens

1 Von anderen erbrachte Leistungen zu honorieren, indem man ihnen Anerkennung zollt, wirkt häufig motivierend sowie Sinn stiftend und fühlt sich in der Regel für alle Beteiligten gut an.

2 Das gilt jedoch nicht, wenn das Lob herablassend, übertrieben, gespielt oder strategisch eingesetzt wird. Auf »vergiftetes« Lob reagieren Menschen teils traurig, teils aggressiv.

3 Daher sollte man mit Lob weder zu sparsam noch zu freigebig sein und darauf achten, dass es den Gelobten nicht unter Druck setzt oder ungünstiges Verhalten fördert.

Mensch, das hast du ja wieder super hinbekommen!« Wenn es um die zwiespältige Macht des Lobens geht, werden oft solche ironischen Seitenhiebe zitiert. Andere verweisen auf Eltern, die ihre Kinder mit Lob überhäufen, obwohl das Geklimper auf der Gitarre alles anderes als »Wow, toll!« oder die Sandburg nicht wirklich »megaschön« ist. Und ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gehirn & Geist. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Die Kunst des Lobens. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Kunst des Lobens
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Umarmungen mildern Stress – bei Frauen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Umarmungen mildern Stress – bei Frauen
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Gefäßschäden mit direktem Draht ins Hirn. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gefäßschäden mit direktem Draht ins Hirn
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Papas Fürsorge prägt Testosteron des Sohnes. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Papas Fürsorge prägt Testosteron des Sohnes
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Überraschend komplexe Sprache
Vorheriger Artikel
Überraschend komplexe Sprache
Das Denken der anderen
Nächster Artikel
Das Denken der anderen
Mehr Lesetipps

... dann gibt es noch die Mitarbeiter, denen die demonstrative Belobigung vor versammelter Kollegenschaft peinlich ist, weil sie klingt, als habe ein dressiertes Äffchen ein Kunststück vollführt.

Manches Lob schießt nicht nur übers Ziel hinaus, sondern ist regelrecht »vergiftet«, da es eigentlich versteckte Kritik ist. Oder ist das alles halb so schlimm? Ist ein gespieltes Lob am Arbeitsplatz dem Büroklima nicht doch zuträglicher als eine ausgeprägte Schimpfkultur?

Und wirkt das überschwängliche Feiern des Nachwuchses nicht viel warmherziger, als wenn nüchterner Realitätssinn oder gar Tadel regieren? Eines zumindest scheint klar: Manches Lob ist zwar gut gemeint, aber nicht gut gemacht – und nicht unbedingt hilfreich. Deshalb ist richtiges Loben eine hohe Kunst.

Woran liegt das? Zum einen steckt in jedem Lob eine Bewertung. Der Lobende schreibt sich damit selbst die Kompetenz und Befugnis zu, das Gegenüber beurteilen zu können. Und er tut das in der Regel, ohne um Erlaubnis zu fragen, was zugleich einiges über die Beziehung zwischen beiden aussagt: Der Lobende steht mindestens auf Augenhöhe, wenn nicht sogar über dem Gelobten. Deshalb wirkt es beispielsweise deplatziert, wenn die Putzkraft zum Vorstandschef sagt: »Gut gemanagt!«

Zum anderen kann sich Lob auf Verschiedenes beziehen. Man kann eine Tätigkeit loben (»gut gemalt!«), ein Ergebnis (»so ein schönes Bild!«), eine Charaktereigenschaft (»Wie kreativ du bist!«) oder einfach Dinge (»schicke Schuhe«). Je nachdem variiert das Maß der Verantwortlichkeit des Gelobten: Für das Bild ist der Maler selbst verantwortlich, für seine Intelligenz hingegen kaum. Darüber hinaus kann ein Lob auch subjektiv (»Ich finde dein Bild schön«) oder eher objektiv erscheinen (»Das ist ein wirklich schönes Bild«).

UNSER AUTOR

Jan Schwenkenbecher ist Psychologe und Wissenschaftsjournalist in Gießen. Seine Großmutter nannte ihn, obwohl Einzelkind, stets »unser Allerbester«.

Um ein möglichst wirkungsvolles Lob zu formulieren, kommt es also auf die Form an, aber auch auf die Dosis, die Situation und die Beziehung zwischen den Beteiligten. Mit einem simplen »Gut gemacht!« ist es meist nicht getan. Psychologen und Pädagogen machten das Lob in den letzten Jahren zum Objekt wissenschaftlicher Forschung. Aus ihren Arbeiten lassen sich eine Reihe Tipps ableiten, worauf Eltern, Lehrer, Kollegen oder Partner achten können (siehe »Sechs Tipps«).

Erstens sollte Lob möglichst ehrlich und authentisch sein. Das gilt etwa für den Mitarbeiter, bei dem man es sich besser spart, wenn man seine Leistung eigentlich gar nicht toll findet oder ahnt, dass derjenige selbst unzufrieden damit ist.

Vorsicht mit Übertreibungen

Auch mit allzu großzügigem, ungerechtfertigtem Lob an die Adresse von Kindern sollte man vorsichtig sein: Psychologen um Hae In Lee von der Universität Yonsei in Seoul befragten in einer Studie von 2016 mehr als 300 südkoreanische Grundschüler und ihre Eltern dazu, wie angemessen sie das Lob fanden, das Mama und Papa dem Nachwuchs spendeten. Die teilnehmenden Kinder ebenso wie die Erwachsenen schätzten dies jeweils auf einer Skala von 1 bis 7 ein, wobei niedrige Werte für gefühlt zu magere Anerkennung angesichts der erbrachten Leistungen standen, hohe hingegen für übertriebene Lobhudelei.

Wie sich zeigte, hingen die Angaben statistisch mit dem Schulerfolg sowie mit der Depressivität der Kinder zusammen. Ein mittleres, also eher angemessenes Maß an Lob ging mit besseren Noten wie auch größerem Wohlbefinden der Kids einher. Da es sich um Korrelationen bloß subjektiver Bewertungen handelte, blieb die Ursache-Wirkungs-Beziehung zwar unklar – so könnten emotional labile oder schwächere Schüler und deren Eltern das jeweilige Lob falsch einschätzen. Ein leicht übertriebenes Feedback tut Schülern allerdings wohl ganz gut: Bei ihnen lag der optimale Bereich der Lob-Werte um 5, während Eltern einen etwas strengeren Maßstab von 4 bevorzugten.

Sechs Tipps

Lob kann eine tolle Sache sein, die den Empfänger motiviert und sowohl ihm als auch dem Spender guttut. Damit die Wertschätzung nicht deplatziert wirkt oder auf Dauer den falschen Ansporn setzt, gilt es jedoch einiges zu beachten:

1 Loben Sie stärker das Bemühen als das Ergebnis (vor allem bei Kindern)

»Schön, wie du für die Matheklausur gelernt hast.«

»Super, dass du eine Eins in Mathe geschrieben hast.«

2 Zeigen Sie Interesse

»Hast du dieses Bild gemalt? Ist das ein Haus? Unser Haus? Sollen wir zusammen noch ein Bild vom Garten malen?«

»Wie immer ein tolles Bild!«

3 Bleiben Sie ehrlich und übertreiben Sie nicht

«Wow, ein richtig schönes Bild ist das!«

»Das ist ein absolut perfektes Bild!«

4 Zeigen Sie sich dankbar und loben Sie nicht strategisch

»Danke, dass du die Spülmaschine eingeräumt hast. Ich finde es schön, wenn wir uns gegenseitig helfen.«

»Du kannst sooo toll die Spülmaschine einräumen.«

5 Betonen Sie das Kontrollierbare, nicht so sehr den Charakter

»Ich finde es toll, dass du dir so viel Mühe gegeben hast.«

»Wie klug du bist!«

6 Setzen Sie die Lobschwelle nicht zu niedrig an und vergleichen Sie nicht

»Du kannst ja gut die Schnürsenkel binden.« (Wenn das Kind es gerade erst gelernt hat.)

»Super, du bist schneller gerannt als die anderen.«

11 Minuten mit Gehirn&Geist

Die monatliche Sprechstunde mit Redakteur Steve Ayan. Fragen Sie ihn, was Sie schon immer fragen wollten! Kommentare, Anregungen und Kritik sind ebenfalls willkommen. An jedem ersten Donnerstag im Monat um 11 Uhr auf unserem Spektrum-YouTube-Kanal.

www.youtube.com/c/SpektrumDe/videos

Grundsätzlich muss der Nachwuchs erst ein gewisses Alter erreichen, um einzusehen, dass Erwachsene manchmal Dinge sagen, die sie nicht wörtlich meinen; im Schnitt vollziehen sie diesen geistigen Schritt im fünften oder sechsten Lebensjahr. Wie eine Arbeit von Ai Mizokawa von der Universität Nagoya in Japan bestätigte, verunsichert übertriebenes Lob Kinder im Alter von viereinhalb bis knapp sieben Jahren nur dann, wenn sie bereits über eine gut entwickelte »Theory of Mind« verfügen (siehe den Artikel ab S. 20 in diesem Heft).

Falsches Lob macht Kinder traurig

In dem Test sollten die Kinder unter Zeitdruck ein bestimmtes Muster aus bunten Steinen nachbilden, woran vor allem jüngere Probanden meist scheiterten. Dennoch hatten sie kein Problem damit, wenn die Versuchsleiterin ihr Versagen mit »Großartig!« quittierte – sie schrieben das oft kurzerhand dem eigenen Bemühen statt dem effektiven Ergebnis zu. Ältere, gedanklich reifere Kinder fühlten sich nach dem falschen Lob dagegen eher traurig oder nicht ernst genommen.

Das führt uns zu einem weiteren wichtigen Punkt: Gutes Lob betont das Tun, weniger das Resultat. Sicher ist das nicht immer leicht zu trennen; doch hat das eigene Kind beispielsweise eine Mathearbeit geschrieben, ist »Schön, wie du dafür gelernt hast« in der Regel förderlicher als »Super, du hast eine Eins« – zumindest sollte nicht ständig auf das Abschneiden geschielt, sondern auch die Anstrengung auf dem Weg dorthin anerkannt werden. Ersteres schwächt auf Dauer das Interesse am Lernen, und es kann zweitens Kinder zu der Annahme verleiten, sie würden womöglich bloß geliebt und geachtet, wenn sie gute Noten nach Hause bringen.

Zudem lobt man, drittens, tunlichst das, was der Gelobte selbst kontrollieren kann. Nur dann rechnet er sich das Lob persönlich an. Wer ein Kompliment für seine natürliche Haarfarbe bekommt, freut sich vielleicht, kann dies aber kaum als Resultat seines eigenen Bemühens werten, anders als etwa ein Kompliment für einen eleganten Kleidungsstil oder einen trainierten Körper. Laut der Psychologin Carol Dweck von der Stanford University in Kalifornien kann Lob für – kaum kontrollierbare – charakterliche Eigenschaften sogar kontraproduktiv sein: Die Betreffenden glauben dann eher, ihr Leistungsniveau sei kaum veränderlich, was den Ehrgeiz erlahmen lässt. Ein »Wie klug du bist« kann darüber hinaus den Verdacht nähren, man sei vielleicht doch schwer von Begriff, wenn einmal etwas nicht wie gewünscht klappt.

Auch sollte die Formulierung des Lobs moderat gewählt sein. Ein »Wow, das war absolut fantastisch« oder »einfach perfekt« baut Druck auf, dieses Spitzenniveau immer wieder zu erreichen. Wie eine Arbeitsgruppe um den Entwicklungspsychologen Eddie Brummelman von der Universität Amsterdam Anfang 2022 berichtete, kann das bei Kindern mit ausgeprägtem Ego zwar auf fruchtbaren Boden fallen; wer aber weniger vor Selbstbewusstsein strotzt, wird davon unter Umständen entmutigt. Brummelmans Team ließ gut 200 Schüler zwischen acht und zwölf Jahren eine Geschicklichkeitsaufgabe per Virtual-Reality-Brille absolvieren. Anschließend erteilte ein Elternteil der Teilnehmer entweder ein moderates Lob (»gut gemacht!«), ein übertriebenes (»Das hast du unglaublich gut gemacht«) oder schwieg zur Leistung des Nachwuchses. Wie sich zeigte, bestärkte das überschwängliche Feedback besonders selbstbewusste Kinder darin, sich weiter in der VR-Umgebung umzutun – die schüchternen dagegen wollten danach sogar seltener weitermachen, als wenn sie gar keine Rückmeldung erhielten.

Ebenso sollten die Ansprüche an zu Lobendes nicht zu niedrig sein. Denn wer für etwas gelobt wird, was ihm banal erscheint, glaubt womöglich, man traue ihm nicht mehr zu. Ohnehin sollte man Lob gut dosieren, sonst entwertet man den eigenen Zuspruch.

Insbesondere bei Kindern lohnt es sich darauf zu achten, ob das Lob wirklich dazu dient, gewünschte Verhaltensweisen zu fördern. Ab einem gewissen Alter verstehen Kinder durchaus, dass sie eigentlich gar keine so »tollen Spülmaschinen-Einräumer« sind, wie die Eltern zwecks Ermunterung immer wieder behaupten. Das kostet die Lobenden Vertrauen. Auch sollte man sich zurückhalten, wenn dem Nachwuchs eine Sache ohnehin schon Spaß macht. Spielt das Kind gern Handball und man lobt es ständig mit »Wie schön, dass du so viel Handball spielst«, kann die intrinsische Motivation (weil es Spaß macht) in extrinsische umschlagen (den Eltern gefallen wollen).

Und schließlich sollte man beim Loben nicht den Vergleich mit anderen in den Vordergrund rücken. Lenkt man nämlich den Fokus von der Sache auf die Konkurrenz, wird es für den Gelobten womöglich zweitrangig, was er geschafft hat – Hauptsache, er konnte andere übertrumpfen. Und genau das kann einen Druck erzeugen, der weitere Anstrengungen sogar eher hemmt. Darauf deuten unter anderem Studien eines Teams um Jennifer Henderlong Corpus vom Reed College in Portland (USA) hin.

»Wie klug du bist!« kann den Verdacht nähren, man sei vielleicht doch schwer von Begriff

Die Psychologinnen gaben Vier- und Fünftklässlern nach einigen kniffligen Puzzleaufgabe entweder Feedback, das ihr Bemühen herausstellte (»Super, du hast es immer besser hinbekommen«) oder aber ihre Überlegenheit gegenüber Mitschülern (»Du bist besser als die meisten deines Alters!«). Als man die Kinder anschließend selbstständig in einem »Kreativlabor« tüfteln ließ, hatten jene am meisten Interesse, die zuvor nur auf sie selbst bezogenes Lob erhalten hatten. Der soziale Vergleich hingegen – obwohl er sehr positiv ausgefallen war – ließ den Spaß an der Sache stärker erlahmen, als wenn man gar kein Feedback gegeben hatte. Die »intrinsische Motivation«, so die Forscherinnen, leidet unter dem Konkurrenzdruck.

Bei Mädchen war dieser Effekt im Schnitt stärker ausgeprägt als bei Jungen – und bei unsicheren Kindern besonders groß. Auch Experimente mit Erwachsenen konnten dies bestätigen. Vermutlich lässt uns ein »Du bist der/die Tollste!« eher befürchten, wir könnten beim nächsten Mal auf keinen Fall mehr so herausragend abschneiden. Und dann lohnt es sich ja auch gar nicht, sich anzustrengen.

Wer all das berücksichtigt, dessen Lob fühlt sich für den Gelobten meist recht gut an. Denn in der Regel gilt: Menschen lieben Lob. Nur warum eigentlich? Und folgt daraus, dass man ruhig mal etwas übertreiben darf, wenn man jemandem auf diese Weise eine Freude macht?

Zwei Faktoren, die lobbedürftig machen

Laut Eddie Brummelman dürsten längst nicht alle Menschen immer nach Lob, manche sind dafür deutlich empfänglicher als andere. »Zwei Persönlichkeitsmerkmale sind hierbei von besonderer Bedeutung: Narzissmus und das Selbstwertgefühl. Menschen mit narzisstischen Zügen, die von sich denken, sie seien großartig und hätten Anspruch auf eine Art Vorzugsbehandlung, zeigen häufig ein starkes Verlangen, von anderen Menschen gelobt zu werden«, so der Psychologe. Doch ein einfaches Lob genügt den Betreffenden oft nicht. »Sie wollen geradezu gepriesen werden. Fällt ihnen das Lob nicht positiv genug aus, können sie beleidigt, beschämt oder wütend reagieren.«

Umgekehrt kann übertriebenes Lob narzisstische Persönlichkeitszüge verstärken, wie Brummelman in Studien zeigte: Wer sein Kind zu sehr lobt (»das machst du fantastisch!«) und es ständig auf ein Podest hebt – also suggeriert, es sei das beste, größte, klügste oder schnellste –, bewirkt damit leicht, dass es irgendwann genau das denkt. Nur passt das nicht zur Realität, wodurch das Kind notgedrungen Enttäuschungen erlebt, die sein Selbstwertgefühl im Gegenteil schmälern.

Das Selbstwertgefühl einer Person bestimmt mit darüber, wie sie mit Lob umgeht. »Menschen mit geringem Selbstwert denken oft, andere mögen sie nicht, und sie fühlen sich schnell abgelehnt«, erklärt Brummelman. »Sie suchen Lob, um sich bestätigt und wertgeschätzt zu fühlen. Werden sie aber gelobt, lehnen sie das Lob häufig ab oder glauben es nicht, weil es in Diskrepanz zu ihrem Selbstbild steht.«

Brummelman kennt dieses Muster aus Paarbeziehungen. Der eine Partner hat ein geringes Selbstwertgefühl, der andere will ihn aufbauen und lobt. Nur glaubt ersterer dies nicht, sondern unterstellt, dass es nur so dahergesagt sei; er weist das Lob ab und fühlt sich noch kleiner. Ein Teufelskreis.

Viele Menschen wollen nicht bewertet werden

Neben Narzissmus und geringem Selbstwertgefühl gibt es einen weiteren Grund, warum Menschen Lob weniger gut vertragen als andere: »Manche stresst es einfach sehr, gelobt zu werden«, so der Forscher. »Lob ist zwar eine positive Bewertung durch jemand anderen, aber eben immer eine Bewertung. Viele Erwachsene wie auch Kinder wollen lieber nicht bewertet werden.«

Die Mehrheit der Menschen dürfte dennoch für Lob empfänglich sein. Wir sind sozial veranlagt, haben ein starkes Bedürfnis dazuzugehören, und Lob vermittelt genau dieses Gefühl. Wer beim Fußballtraining gelobt wird, fühlt sich akzeptiert. Der »Mitarbeiter des Monats« ist gern Teil des Teams. Und wem applaudiert wird, weil er zig Doppelschichten im Krankenhaus geschoben hat, der freut sich, dass die Gemeinschaft das anerkennt.

Die Psychologin Daniela Renger von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hält soziale Wertschätzung, die sich durch Lob ausdrückt, für eine von drei Formen der Anerkennung, neben Zuneigung und Respekt. Alle drei seien wichtig, damit sich Menschen selbst anerkennen. »Lob steigert die Selbstwertschätzung, also die Wahrnehmung, dass man kompetent, leistungsfähig, wertvoll ist. Zuneigung erhöht die Selbstliebe, und das Gefühl, von anderen als gleichwertig respektiert zu werden, führt dazu, dass man sich auch selbst respektiert.«

Gemeinsam mit ihrem Kollegen David Sirlopú von der Universidad del Desarollo in Chile hat Renger in einer Untersuchung herausgefunden, dass Schüler mit Migrationshintergrund, die soziale Wertschätzung erfahren, ihre eigene Beteiligung im Unterricht durchschnittlich positiver bewerten und zufriedener sind. Wer sich respektiert fühlte, nahm zudem häufiger an schulischen Veranstaltungen teil und hielt sich eher an die Regeln des Miteinanders.

Zudem zeigte Daniela Renger mit zwei Kollegen aus Basel und Louvain-la-Neuve (Belgien), wie soziale Anerkennung vor Burnout schützen kann. Zwei Studien mit mehreren hundert Angestellten ergaben: Je höher die Anerkennung durch Vorgesetzte und Kollegen, desto niedriger das Burnout-Risiko. Zugleich reduzierten Respekt und Wertschätzung emotionale Erschöpfung und steigerten die Arbeitsleistung.

In einer weiteren Arbeit fand ein Team um Renger heraus, wie Gleichheitserfahrungen mit dem Gefühl von Freiheit zusammenhängen. Die Forscher begleiteten Menschen in ihrem Alltag wie auch am Arbeitsplatz. In beiden Kontexten ließ der Respekt, den jemand erfuhr, das Gefühl der Autonomie wachsen. Und mit der Autonomie stieg ebenfalls die Lebens- und die Jobzufriedenheit.

Renger übertrug ihre Ergebnisse in ein Modell, das den Zusammenhang zwischen verschiedenen Formen von sozialer Anerkennung mit Selbstliebe, -wertschätzung und -respekt beschreibt (siehe »Drei Ebenen«). Diese Verbindung erklärt laut Renger, warum lobende Worte und Gesten für uns so wichtig sind: »Soziale Anerkennung liefert uns identitätsrelevante Informationen«, so die Forscherin. »Wir nutzen Bewertungen von außen, um zu verstehen, wer wir selbst sind.« Das Bild, das wir auf diese Weise von uns selbst formen, beeinflusst wiederum stark, wie wir denken, fühlen und handeln. Aus Lob (aber auch Tadel) lernen wir, wer wir eigentlich sind.

Gefühltes »Zuneigungsdefizit«

Doch mitunter bringt Lob Probleme mit sich. »Manche Menschen sind in einer Gier nach Lob gefangen. Sie suchen immer nach dem nächsten Lob, und eigentlich ist keines gut genug«, sagt Renger. Diese Beschreibung passt zu jener, mit der Brummelman narzisstische Züge charakterisiert. Das Problem liege in einer Fehlwahrnehmung, meint die Kieler Psychologin: Die Betreffenden versuchen, ein subjektiv empfundenes Zuneigungsoder Respektdefizit durch fremde Wertschätzung auszugleichen. »Ich vermute, das gibt es in unserer Leistungsgesellschaft immer häufiger. Viele glauben, Respekt sei nur über ständiges Leisten zu erreichen.«

MEHR WISSEN AUF »SPEKTRUM.DE«

Was Menschen antreibt und auf originelle Ideen bringt, lesen Sie in unserem digitalen Spektrum Kompakt »Motivation und Kreativität«:

www.spektrum.de/shop

Diese Gefahr sieht auch Brummelman: »Vielfach erfordert es gar kein Lob, damit sich Menschen bestätigt fühlen. Für das Selbstwertgefühl ebenso zentral sind bloße Wärme und Zuneigung.« Interesse zeigen, Zeit füreinander haben, gemeinsamen Aktivitäten nachgehen. Das gelte besonders für Kinder: »Eltern sollten da sein und ihren Kindern vermitteln, dass sie sie für das schätzen, was sie sind, nicht für das, was sie leisten.«

Das beste Lob für ein gemaltes Kinderbild käme demnach ganz ohne Bewertung aus: »Hast du das gemalt? Ist das ein Vogel neben dem Haus und scheint da gerade die Sonne? Das sieht ja aus wie bei uns im Garten. Sollen wir noch was zusammen malen?« Oft ist Interesse das beste Lob.

Was allerdings nicht heißt, dass wir aufhören sollten, zu loben. Gerade für Kinder ist Lob ein Wegweiser, der ihnen verrät, wie die Welt funktioniert. Probieren die Kleinen Neues aus, bestätigt ihnen jedes »klasse« oder »super«, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Bekommt die Dreijährige etwa einen ersten Ton aus der Flöte – und sei er noch so schief –, bestärkt man sie so darin, dass sie das Instrument korrekt verwendet.

Loben ist also nicht verkehrt – dennoch darf man getrost einen Gang herunterschalten. Um es mit Brummelman zu sagen: »Lob ist nicht der einzige Weg, anderen Zufriedenheit zu spenden. Eine warmherzige, vertrauensvolle Beziehung hilft dabei oft sogar mehr.«

QUELLEN

Brummelman, E.: How to raise children’s self-esteem? Comment on Orth and Robins. American Psychologist 77, 2022

Brummelman, E.: Parental praise and children’s exploration: A virtual reality experiment.

Scientific Reports 12, 2022

Corpus, J. H. et al.: The effects of social-comparison versus mastery praise on children’s intrinsic motivation.

Motivation and Emotion 30, 2006

Mizokawa, A.: Association between children’s theory of mind and responses to insincere praise following failure.

Frontiers in Psychology 9, 2018

Renger, S., Renger, D.: Die Suche nach Selbstrespekt: Wie Anerkennung unser Selbstbild formt.

Vandenhoeck & Ruprecht, 2022

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/2028091