Lesezeit ca. 13 Min.
arrow_back

Gut gemeint


Logo von Gehirn & Geist
Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 05.11.2021

Artikelbild für den Artikel "Gut gemeint" aus der Ausgabe 12/2021 von Gehirn & Geist. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 12/2021

ABSOLUTION IM SUPERMARKT? | Nach dem Kauf von Bioprodukten neigen Versuchspersonen mitunter eher dazu, egoistisch zu handeln. Laut Forschern liegt das an unserem Hang zum »moralischen Lizensieren«.

Auf einen Blick: Das Pendel zwischen Gut und Böse

1 Wer ethische Verhaltensnormen und Werte hochhält, handelt dennoch nicht immer entsprechend. Zu den Gründen zählen Psychologen, dass sich Menschen oft für ihre »gute Taten« belohnen oder darauf ausruhen wollen.

2 Dieses moralische Lizensieren tritt vor allem auf, wenn der soziale Druck hoch ist, auf be- stimme Weise zu agieren – etwa ökologisch zu leben oder zu helfen. Hat jemand dies erfüllt (oder meint es), schwindet sein Elan.

3 Das Phänomen lässt sich verschieden erklären: mit Ermüdung, mit einem Wunsch nach Kompensation oder mit einem vermeintlich moralischen Selbstbild. Einfache Wenn-dann-Regeln mindern den Effekt.

Papaaa – ist jemand, der schlägt, ein böser Mensch?« Mit solchen Fragen bringt mich meine fünfjährige Tochter regelmäßig in die Bredouille. »Na ja«, druckse ich, »schlagen ist nicht gut, das weißt du. Aber wer das macht, ist ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gehirn & Geist. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 12/2021 von Die Krux mit der weißen Weste. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Krux mit der weißen Weste
Titelbild der Ausgabe 12/2021 von Menschen lassen sich nicht zu etwas verleiten, was sie nicht wollen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Menschen lassen sich nicht zu etwas verleiten, was sie nicht wollen
Titelbild der Ausgabe 12/2021 von Ärger macht zu Unrecht verdächtig. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ärger macht zu Unrecht verdächtig
Titelbild der Ausgabe 12/2021 von Warum Kinder Brokkoli hassen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Warum Kinder Brokkoli hassen
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
»Neurone bilden ständig neue Allianzen«
Vorheriger Artikel
»Neurone bilden ständig neue Allianzen«
Wie Achtsamkeit wirkt
Nächster Artikel
Wie Achtsamkeit wirkt
Mehr Lesetipps

... vielleicht nur gerade wütend und weiß sich nicht anders zu helfen.«

»Gestern auf dem Spielplatz war ein Mann, der hat einen Jungen geohrfeigt.«

»Das war bestimmt der Papa des Jungen. Man sollte das nicht tun, aber deshalb muss der Papa kein böser Mensch sein. Vielleicht meinte er es sogar gut.« »Gut?!« Die Kleine sah mich ungläubig an.

Zugegeben, meine Antwort überzeugte mich selbst nicht so recht. Doch wie erklärt man einem Kind, dass nicht nur böse Menschen Schlechtes tun? Dass es zum Beispiel auch aus Unsicherheit, übertriebenem Ehrgeiz, aus Furcht zu scheitern oder aus einer Art Unfehlbarkeitsillusion geschehen kann. Oder glauben wir etwa ernsthaft, wer Gutes will, könne gar nicht das Gegenteil bewirken?

In Märchen und Filmen wimmelt es von unverbesserlichen Schurken, weil uns das die Welt leichter erklärbar macht. So lassen sich die Ursachen des Bösen rasch ad acta legen. Denn wären Gewalt, Betrug oder Bevormundung nicht nur das Ergebnis niederer Motive, sondern könnte selbst der Wohlmeinendste zu solchen Mitteln greifen – unser Leben wäre auf einmal ganz schön kompliziert. Doch warum soll das Leben einfach sein, nur weil wir uns das wünschen?

Jeder kennt Fälle, wo es jemand sehr gut meint – und eben deshalb scheitert. Eltern, die ihr Kind vor allen Gefahren abschirmen und so Ängste und Unsicherheit fördern. Lehrer, die derart verständnisvoll sind, dass ihre Schüler sie an der Nase herumführen. Jugendliche, die vor lauter Drang, die Welt zu retten, über diese Welt verzweifeln. Oder Ratgeber, die andere einlullen, statt sie zu eigenständigem Denken anzuleiten.

Laut einem englischen Sprichwort ist der Weg in die Hölle mit guten Absichten gepflastert. Denkbare Gründe dafür gibt es viele: Verschließen edle Motive uns die Augen vor den negativen Folgen unseres Tuns? Immunisieren sie gegen Zweifel und Kritik? Sorgen sie unter Umständen selbst dafür, dass wir gar nicht so moralisch handeln?

Für Letzteres sammelten Verhaltensökonomen und Psychologen in den letzten Jahren verblüffende Belege. Das Phänomen wird unter dem Begriff »moral licensing« zusammengefasst (siehe »Kurz erklärt«). Von moralischem Lizenzieren spricht man, wenn sich jemand durch gewisse Handlungen in seiner Identität als moralischer Mensch bestärkt sieht – und prompt dem gegenteiligen Impuls folgt, nach der Devise: »Ich kann es mir leisten!«

Bonuspunkte fürs Klimagewissen

Derjenige verweigert dann etwa eine gemeinnützige Spende, schummelt oder denkt eher in Stereotypen. Oder steigt in den Ferienflieger, weil er zuvor Bonuspunkte für ein reines Klimagewissen sammelte. Manche Fluglinien nutzen diese Tendenz aus, indem sie mit Baumpflanzaktionen und anderem CO2-Ablasshandel werben.

Den Effekt des moralischen Lizensierens beschrieben erstmals Benoit Monin und Dale Miller 2001. An der Princeton University legte das Forscherduo Probanden verschiedene Aussagen vor, denen man entweder zustimmen oder die man ablehnen konnte. Darunter waren einige frauenfeindliche Thesen. Wer diesen widersprach und sich für Gleichberechtigung stark machte, wollte aber im Anschluss eine offene Stelle in einem typischen Männerberuf eher ungern mit einer Frau besetzen. Die eben noch geforderte Emanzipation war plötzlich unerheblich.

Eine weitere Studie stammt von Nina Mazar und Chen-Bo Zhong von der University of Toronto. In ihrem Versuch sollten die Teilnehmer eine Einkaufsliste zusammenstellen, für die neben Bioprodukten auch klassisch industriell hergestellte Lebensmittel zur Wahl standen. Anschließend – und vermeintlich ohne Zusammenhang mit dem Einkauf – absolvierten die Teil-nehmer ein Strategiespiel am Computer. Siehe da: Werbesonders »nachhaltig« geshoppt hatte, betrog nun vermehrt zum eigenen Vorteil.

Seither wurde das Prinzip mehrfach empirisch bestätigt. Eine Metaanalyse von Irene Blanken und ihren Kollegen aus dem Jahr 2015, in die 91 Studien einflossen, attestierte dem moralischen Lizensieren eine klar nachweisbare Wirkung mittlerer Stärke (siehe »Die Krux mit den Effekten«). Philipp Simbrunner und Bodo Schlegelmilch von der Universität Wien zogen in einer kulturvergleichenden Auswertung 2017 das Fazit, dass es hierbei auf die jeweils dominierenden ethischen Normen ankommt. Mit anderen Worten: Wo es viel zählt, sich als guter Mensch auszuzeichnen, schwingt das Pendel umso stärker in die Gegenrichtung zurück.

Demnach sind US-Amerikaner für moralischen Kredit im Schnitt empfänglicher und lassen nach einer barmherzigen Tat die Zügel oft schleifen. Auf Grund des in den USA verbreiteten religiösen Ethos habe es dort einen hohen Stellenwert, seinen ethischen Charakter zu beweisen, so die Forscher. Im stärker säkularen Westeuropa fällt das Lizensieren dagegen schwä-cher aus, und in Südostasien ist es mitunter gar nicht zu beobachten. Das scheinbare Paradox: je größer der Druck, gut zu sein, desto stärker der Drang nach Kompensation.

Die Krux mit den Effekten

Psychologische Zusammenhänge nach dem Muster »x fördert y« haben eine große Schwäche: Sie treten längst nicht immer zu Tage, sondern nur mit gewisser Wahrscheinlichkeit und Macht (Fachleute sprechen von der Effektstärke). Das liegt daran, dass menschliches Verhalten stets vielen variablen Einflüssen unterliegt.

Auch in Bezug auf das moralische Lizensieren schlagen durchaus regelmäßig Versuche fehl, das Phänomen in kontrollierten Experimenten nachzuweisen. Es ist beispielsweise denkbar, dass manche Menschen unempfänglich dafür sind, während bei anderen nach erbrachten oder bloß imaginierten guten Taten der moralische Elan stark nachlässt. Je nachdem, welche Persönlichkeiten bei der zufälligen Auswahl von (oft nicht sehr vielen) Probanden zusammenkommen, fallen die Ergebnisse entsprechend positiv oder negativ aus.

Hinzu kommt, dass Forscher bevorzugt über signifikante Effekte berichten, während so genannte Nullbefunde – Studien, bei denen sich nichts nachweisen ließ – eher in der Schublade verschwinden. Diesen Publikations-Bias (von englisch bias = Verzerrung) sehen die Psychologen Niclas Kuper und Antonia Bott auch in der Literatur zum moralischen Lizensieren am Werk. Das Gleiche gilt jedoch für die meisten psychologischen Effekte, zumindest die überraschenden.

Wichtig ist es laut Kuper und Bott, auf genügend große Stichproben zu achten, in denen sich individuelle Unterschiede zwischen den Probanden herausmitteln, sowie den kulturellen Hintergrund zu berücksichtigen. Studien aus Nordamerika ergaben einen statistisch stärkeren Hang zum moralischen Lizensieren als etwa solche aus Europa (siehe Grafik).

Kuper, N., Bott, A.: Has the evidence for moral licensing been inflated by publication bias? Meta-Psychology 3, 2019

KULTURELLER EINFLUSS | Jeder rote Punkt steht für eine empirische Studie zum moralischen Lizensieren. Im grau markierten Korridor auf der jeweils rechten Seite sind statistisch signifikante Bestätigungen des Effekts zu finden. Wie man sieht, liegen Studien mit nordamerikanischen Probanden häufiger in diesem Bereich, während Arbeiten aus Europa breiter streuen.

KURZ ERKLÄRT:

DISKONTINUIERLICHES DENKEN Künstliches Trennen von Kategorien bei Phänomenen oder Eigenschaften, die in Wahrheit fließend ineinander übergehen. Solches Schwarz-Weiß-Denken ist beliebt, weil es die Welt vereinfacht, wird aber der Realität kaum gerecht. So gibt es etwa zwischen bewusst und unbewusst, rational und irrational, wie auch zwischen Gut und Böse vielfältige Abstufungen und Mischformen.

MORALISCHES LIZENSIEREN Hat eine Person ethisch gehandelt, erinnert sie sich an solches Tun oder plant sie es für die Zukunft, so schwindet paradoxerweise oft der Wunsch, weiter auf diese Weise zu agieren. Diese Kompensation kann bis zum Gegenteil wie unfairem Verhalten oder offen geäußerten Stereotypen reichen. Voraussetzung dafür ist meist, dass eine starke soziale Norm für das jeweilige Handeln existiert, durch deren Erfüllung man sich in seiner moralischen Identität bestärkt fühlt.

Nun könnte man fragen: Ist das denn so tragisch? Immerhin muss man erst Gutes tun, bevor man sich eine Portion Unmoral genehmigt. Allerdings füllt sich unser gefühltes Moralkonto bereits, wenn das gute Werk bloß imaginär ist. So verlegen wir es gern in die Zukunft – und sind hier und jetzt egoistisch, weil wir es irgendwann bestimmt wettmachen.

Die Psychologinnen Jessica Cascio und Ashby Plant von der Florida State University befragten in mehreren Experimenten Studierende dazu, ob sie bereit wären, etwas Geld (genauer gesagt, den Gegenwert eines Mittagessens) an Hilfsbedürftige abzugeben oder Blut zu spenden. Später ging es um die Bereitschaft derjenigen, klimaneutral zu leben. Nun waren die zuvor Spendenfreudigen auf einmal weniger engagiert als nicht so hilfsbereite Teilnehmer.

In einem weiteren Szenario äußerten die eben noch generösen Probanden vermehrt rassistische Vorurteile und gaben einen Job bei der Polizei eher einem Weißen als einem Schwarzen. Dabei mussten sie die legitimierende Spende gar nicht konkret ins Auge fassen; die Betreffenden brauchten sich weder zu registrieren noch eine E-Mail-Adresse anzugeben. Die vage Zusage »ich gebe etwas« genügte. Eine Rolle spielt allerdings auch, wie sehr man der gefühlten Mehrheit entspricht.

Forscher um Fanny Lalot, heute an der Universität Basel, erklärten Studierenden vor einem analog aufgebauten Test, lediglich 17 Prozent ihrer Kommilitonen würden es befürworten, wenn auf dem Campus ausschließlich nachhaltige Produkte angeboten würden. Nun wollten jene, die an ihr früheres umweltfreundliches Verhalten erinnert wurden, weiterhin ebenso agieren, sie äußerten konsistente Absichten. Nicht so, wenn vermeintlich 82 Prozent der Peers »pro Klima« eingestellt waren: Wer schon Verzicht geübt oder sich für die Umwelt engagiert hatte, zeigte sich dann von der Anstrengung ermattet. Offenbar fördert Gruppendruck mitunter gegenläufige Tendenzen.

Die Erklärung der Wissenschaftlerinnen: Zwar erzeugt eine starke Norm zunächst den Wunsch, gemäß dieser zu handeln. Meint man jedoch, seine Pflicht getan zu haben, erlaubt man sich eher eine Verfehlung. Ohne den äußeren Druck unterbleibt dieses Aufrechnen – und damit das Selbstlizensieren.

Häufig schaffen wir es sogar, uns über die Zugehörigkeit zu anderen auf die eigene Schulter zu klopfen. Eine Arbeitsgruppe um Marijn Meijers und Edith Smit von der Universität Amsterdam untersuchte in einer Reihe von Arbeiten, ob Menschen sich selbst Absolution erteilen, wenn man ihren Lebenspartnern vorbildliches Verhalten attestiert. Die Teilnehmer lasen zunächst Texte, in denen man ihre »bessere Hälfte« zum Beispiel dafür lobte, dass sie Strom sparen oder den Plastikmüll reduzieren wolle. Zu den eigenen Ambitionen in Sachen Klimaschutz befragt, fiel das Engagement allerdings mau aus. Ganz so, als dachten diejenien: Wenn einer in der Familie schon aktiv war, muss ich ja nicht mehr! Waren die angeblichen Umweltengel hingegen nur entferntere Bekannte, blieben die ökologischen guten Vorsätze erhalten.

Sich von den »guten Seiten« unserer Nächsten eine Scheibe abschneiden

In die umgekehrte Richtung wirkt sich soziale Zugehörigkeit übrigens kaum aus: Wurde der Partner als Umweltmuffel beschrieben, spornte das die Probanden nicht etwa zu klimafreundlichem Verhalten an. Meijers und Smit glauben, dass sich Menschen zwar gern etwas von den guten Seiten ihrer Nächsten abschneiden, um damit ihr moralisches Selbstbild zu frisieren. Agiert der andere jedoch weniger löblich, betrifft das einen selbst ja nicht – warum sollte man da in die Bresche springen?

Dieses stellvertretende Lizensieren fällt insgesamt etwas schwächer aus als das nach eigenem Handeln. Dennoch benutzen wir die »guten Menschen« in unserem Umfeld tendenziell zur Rechtfertigung, warum wir selbst gerade nicht so tugendhaft zu sein brauchen. Das widerspricht einer früheren Sichtweise von Moralpsychologen. Lange gingen sie davon aus, dass Vorbilder sowie der Appell an Werte grundsätzlich eher konfor-mes Verhalten fördern. Die Idee liegt durchaus nahe: Erinnere ich mich daran, dass Solidarität oder Nachhaltigkeit für mich und die meinen wichtig sind, sollte ich sie in Zukunft weiter hochhalten.

Diese Annahme stützte sich unter anderem auf Befunde des amerikanisch-israelischen Psychologen Dan Ariely. Er hatte gezeigt, dass US-Bürger weniger zum Betrug neigten, wenn sie zuvor die Zehn Gebote rekapituliert hatten. Eine andere Studie hatte ergeben, dass Menschen gegenüber ihrer Autoversicherung zutreffendere Angaben zum eigenen Fahrverhalten machen, wenn sie zuvor Ehrlichkeit geloben.

Inzwischen steht der internationale bekannte Schummelforscher Ariely allerdings selbst im Verdacht, geschummelt zu haben. Wichtige Datensätze aus der Versicherungsstudie erwiesen sich im Nachhinein als falsch, wobei unklar blieb, wer genau dafür verantwortlich war. Und das Experiment zur moralsteigernden Wirkung der Zehn Gebote ließ sich in Wiederholungsversuchen nicht replizieren.

In Märchen und Filmen wimmelt es von Schurken, weil das die Welt leichter erklärbar macht. So lassen sich die Ursachen des Bösen rasch ad acta legen

»Ethische Normen zu aktivieren, hebt zwar grundsätzlich die Bereitschaft, sich demgemäß zu verhalten«, sagt die Psychologin Lalot. »Doch es gibt auch die Neigung, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen.« Ihre Kollegin Ayelet Fishbach von der University of Chicago erklärt das mit einer bestimmten mentalen Perspektive: dem Fokus auf Erfolg, also auf den persönlich geleisteten Beitrag. Wenn man sich auf sein Engagement etwa für den Klimaschutz oder für eine gerechte Welt konzentriert, statt das übergeordnete Ziel in den Blick zu nehmen, wächst der Drang zu kompensieren.

Mitunter hat das, was wir uns als Verdienst anrechnen, mit der Sache selbst allerdings nicht viel zu tun. In den sozialen Medien pocht heute ein Heer von Moralwächtern auf korrekten Sprachgebrauch oder kanzelt fragwürdige Meinungen ab. In Zeiten der »wokeness« (von englisch woke = hellhörig, aufmerksam) ist es beliebt, sich durch kritische Posts oder Spott als aufrechter Kämpfer für das Gute zu positionieren. »Das Internet erleichtert es, sich moralisch zu entrüsten«, sagt Lalot. Doch das sei oft ein billiger Ersatz für tatsächliches moralisches Handeln.

Gemeinsam mit Lalot und anderen veröffentlichte Peter Gollwitzer, ein deutscher Psychologe, der seit vielen Jahren an der New York University forscht, eine Arbeit zur identitätsstiftenden Wirkung guter Taten. Laut der so genannten Selbstergänzungstheorie, die Gollwitzer bereits in den 1980er Jahren entwickelte, beäugen Menschen ihr eigenes Handeln besonders aufmerksam, wenn sie sich einem verbindlichen Ziel verpflichtet fühlen – etwa dem, ein toller Vater oder ein guter Mensch zu sein. Entdecken sie dann Anzeichen dafür, dass sie auf diesem Weg bereits weit vorangekommen sind, stellt sich häufig ein Gefühl der Vervollkommnung (completeness) ein.

Wie das Team um Lalot und Gollwitzers 2019 zeigte, sind stark präsente Normen gepaart mit früherem konformem Verhalten ein Nährboden für das Selbstlizensieren: Der Wunsch, »grün« zu leben, nimmt ab, wenn es dem allgemeinen Anspruch entspricht und man sich in dieser Weise bereits hervortat. »Menschen lassen eher locker, wenn sie sich am Ziel wähnen«, erklärt Gollwitzer. Hinzu kommt die Imagepflege nach außen – das »Polieren des eigenen Heiligenscheins«, wie er es nennt. Habe ich mein Engagement demonstriert, kann ich mich zurücklehnen.

Belohnung, Ermüdung oder Selbstgerechtigkeit

Insgesamt, so der Forscher, sei das moralische Lizensieren aber noch zu wenig verstanden. Es lasse sich zwar empirisch beobachten, doch die näheren Mechanismen dahinter blieben bislang unklar. Ob die moralische Identität, der Wunsch nach Belohnung oder bloße Ermüdung dahinterstecken, müssen erst weitere Untersuchungen zeigen. Vielleicht hat das Phänomen durchaus verschiedene Quellen, je nach der konkreten Situation und Persönlichkeit.

Das stellvertretende Lizensieren verweist auf die kollektive Dimension des Ganzen. So sind wir gegenüber Institutionen oder Gruppen, denen wir grundsätzlich hohe Moral zuschreiben, oft gnädiger als sonst. Das Vertuschen von sexuellem Missbrauch in der Kirche, wie er in den letzten Jahren zu Tage trat, war in diesem Ausmaß wohl nur möglich, weil viele Geistliche das Unrecht ignorierten oder gar deckten, um ihre Gemeinschaft, die doch dem Seelenheil der Menschen diene, nicht zu beschädigen.

»Ethische Normen zu aktivieren, hebt zwar grundsätzlich die Bereitschaft, sich demgemäß zu verhalten. Doch es gibt auch die Neigung, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen«

Fanny Lalot, Psychologin an der Universität Basel

MEHR WISSEN AUF »SPEKTRUM.DE«

Wie die Eigenwahrnehmung unser Handeln beeinflusst, lesen Sie im digitalen Spektrum Kompakt »Das Selbst Die Facetten unseres Ichs«:

www.spektrum.de/shop

Fatal daran ist, dass die Duldung der »Sünder« das gute Werk selbst sabotiert. Andere blicken über die Untaten mancher Regime hinweg, um ihren Traum von einer besseren Gesellschaft nicht zu gefährden; oder sie erklären die Not von Menschen achselzuckend zum Preis eines freien Wirtschaftssystems. Hier wie dort heiligt das Ziel (fast) alle Opfer.

Kurzum: Wenn Menschen mit hehren Motiven scheitern, schreiben wir das bevorzugt den Umständen und einer individuellen Willensschwäche zu. Man möchte abnehmen, überwindet aber den inneren Schweinehund nicht. Man will helfen, ist aber gerade zu abgelenkt. Mitunter gründet die Ursache jedoch auch darin, dass uns gute Intentionen vermeintlich von Schuld freisprechen.

Welche Lehre lässt sich aus dem moralischen Lizensieren ziehen? Wie kann man es begrenzen? Fanny Lalot hält es für wichtig, sich die eigenen Werte und Ziele vor Augen zu führen. »Wenn Menschen weniger daran denken, was sie getan haben, als daran, was ihnen wichtig ist, kann das den Effekt reduzieren.«

Gollwitzer ist da skeptischer: »›Ist mir wichtig‹ genügt nicht«, sagt der Psychologe. Allzu kreativ seien wir etwa darin, unser Nichtstun zu rechtfertigen. Sicher kann ich einem Freund die Wahrheit verschweigen – etwa, dass er betrogen wurde –, weil ich meine, er vertrüge sie schlecht. Vielleicht verschanze ich mich aber auch nur hinter dem noblen Motiv, um der unangenehmen Pflicht zu entgehen, Tacheles zu reden.

Gollwitzer entwickelte das Konzept der Durchführungsintentionen (implementation intentions) – einfache Wenn-dann-Regeln, die nicht nur beim Abnehmen oder Sporttreiben helfen, sondern auch moralisch konsistentes Handeln fördern. Denn sie ersparen es einem, über das Wann und Warum des Handelns nachzudenken. Eine solche Wenn-dann-Regel könnte lauten: Wenn ich einen Spendenaufruf erhalte, gebe ich etwas. Oder: Wenn ich Gemüse einkaufe, dann nur von regionalen Produzenten.

Zudem kann es helfen, den Wert der eigenen Taten nicht zu hoch zu hängen. Betrachtet man Hilfsbereitschaft, Spenden oder Stromsparen nicht als besondere Leistung, sondern als selbstverständlich, verfällt man weniger in Hochmut.

Und schließlich könnten wir uns gelegentlich daran erinnern, dass Gut und Böse gar keine festen Schubla-den sind. Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins beklagte in einem gleichnamigen Aufsatz von 2011 die »Tyrannei des diskontinuierlichen Denkens« (siehe »Kurz erklärt«): Wir sortieren gern Dinge in vermeintlich sauber getrennte Schubladen ein, die eigentlich fließend ineinander übergehen. Was für das Erwachsensein, das angeblich mit dem 18. Geburtstag beginnt, oder die Schwelle zwischen bewussten und ungewussten Prozessen gilt, treffe in gleicher Weise auf unsere moralischen Maßstäbe zu. Gut und Böse bilden kein Entweder-oder, sondern existieren in vielerlei Abstufungen und sind enger miteinander verquickt, als uns lieb ist. Was man etwa daran sieht, dass gute Absichten manchmal ins Gegenteil umschlagen. H

LITERATURTIPP

Dawkins, R.: The tyranny of the discontinuous mind. The New Statesman, 19. Dezember 2011 Richard Dawkins’ lesenswerter Essay über die Fallstricke des Schubladendenkens

QUELLEN

Cascio, J., Plant, E. A.: Prospective moral licensing. Does anticipating doing good later allow you to be bad now? Journal of Experimental Social Psychology 56, 2015

Lalot, F. et al.: Compensation and consistency effects in proenvironmental behaviour:
The moderating role of majority and minority support for proenvironmental values. Group Processes & Intergroup Relations 21, 2018

Meijers, M. H. C. et al.: Taking close others’ environmental behavior into account when striking the moral balance? Evidence for vicarious licensing, not for vicarious cleansing. Environment and Behavior 51, 2019

Monin, B., Miller, D. T.: Moral credentials and the expression of prejudice. Journal of Personality and Social Psychology 81, 2001

Simbrunner, P., Schlegelmilch, B. B.: Moral licensing: A culture-moderated meta-analysis. Management Review Quarterly 76, 2017

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1935991