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Guten Morgen, BERLIN


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 9/2020 vom 20.08.2020

INSTITUTIONEN IM NIEDERGANG, KULTURPOLITIK OHNE VISION, GALERIEN IN DER KRISE: IST DIE KUNSTSTADT RERLIN WIRKLICH AM ENDE? WAS MACHT EINE LERENDIGE KUNSTSZENE AUS?


EINS, SPURENSUCHS

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Bildquelle: Monopol, Ausgabe 9/2020

Report. KUNSTSTADT BERLIN

Die Rieckhallen hinter dem HAMBURGER BAHNHOF, aktuell bespielt von Katharina Grosse (Ausstellung „It Wasn’t Us“)


Die Einladung war ziemlich lustig. Der Künstler Thomas Demand hatte bei seiner Galerie Sprüth Magers für eine kurzfristige Sommerausstellung seine Kontakte durchtelefoniert und gut 20 Künstler und Künstlerinnen mit Wohnsitz in Berlin versammelt, darunter Tacita Dean, Corinne Wasmuht, Manfred ...

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... Pernice, Anri Sala, Thomas Scheibitz – alles Leute, die seit den 1990er-Jahren von hier aus Karriere gemacht haben, so wie Demand selbst.

Das Ergebnis wirkt wie ein Blick durchs Schlüsselloch: Man kriegt zu sehen, was in den Ateliers der Hauptstadt passiert, während der weltweite Lockdown den internationalen Kunstbetrieb mit kreischenden Bremsen anhielt, das emsige Herumfliegen beendete und alle Bienen in ihren Bau schickte. Thea Djordjadze hat ein Gemälde gemeinsam mit ihrer Tochter gemalt. Thomas Struth ist zu einem alten Sujet zurückgekehrt und zeigt Fotografien von Blumen. Und Sam Durant steuert einen Leuchtkasten mit der Losung dieser Zeit bei: „Another World is Possible“. Nichts hier wirkt illustrativ, und doch ist die Ausstellung auf subtile Weise zeitgemäß in ihrer Fragilität und Offenheit. Und lustig? Ist der Titel: „Local Talent“ hat der Kurator Thomas Demand sie genannt, als habe er es hier mit einem Haufen ambitionierter Kunsthochschüler zu tun statt mit einer Gruppe von Leuten, die mit dafür gesorgt haben, dass Berlin heute, was das Zeitgenössische angeht, als wichtigste Kunststadt Europas gilt.

Doch halt. Muss man nicht eher sagen: galt? Falls es in diesem Frühjahr neben Corona überhaupt ein Thema gab in der Berliner Kunstwelt, dann war es die Frage, ob es endlich Zeit sei, die Rede vom Hauptstadt-Kunstwunder in die Vergangenheitsform zu setzen.

Nun hat die Behauptung, der Berlin-Hype sei vorbei, einen längeren Bart als alle Klischeehipster Neuköllns zusammen. Doch in den letzten Monaten waren die Einschläge schon heftiger als gewohnt. Erst wurde bekannt, dass Friedrich Christian Flick seine hochkarätige Sammlung zeitgenössischer Kunst aus dem Hamburger Bahnhof abzieht, enttäuscht davon, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und das Land Berlin es versäumt haben, die Rieckhallen zu sichern, in die er einst Millionen investierte, damit seine Werke dort gezeigt wurden. Dann drohte die glamouröse Großsammlerin Julia Stoschek, verschnupft wegen mangelnder Aufmerksamkeit durch den Senat, ihr Ausstellungshaus zu schließen. Und schließlich attestierte ein Gutachten des Wissenschaftsrates der größten Kulturinstitution der Stadt, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, unbeweglich und dysfunktional zu sein. Und ihren Museen, dass sie den Anschluss an internationale Entwicklungen verlieren.

Zahllose wütende Suaden erschienen in den Feuilletons, darunter die des Galeristen und Ex-Journalisten Markus Peichl, der der Berliner Kulturpolitik in der „Welt“ ein „Komplettversagen“ vorwarf und die „kulturelle Verzwergung dieser Stadt“ beklagte, in einem Moment, in dem der Lockdown die letzten finanziellen Reserven pulverisiere. Fassungslos nahm man die Recherchen des Journalisten Boris Pofalla zur Kenntnis, der ebenfalls in der „Welt“ akribisch aufschrieb, wie das Land Berlin noch zu Wowereits Zeiten zugelassen hatte, dass der Hamburger Bahnhof gemeinsam mit dem restlichen ehemaligen Immobilienbesitz der Deutschen Bahn an ein privates Unternehmen verkauft wurde, und darauf verzichtete, das Vorkaufsrecht der öffentlichen Hand zu nutzen.


»Wenn man aus der Ferne zuguckt, was in Berlin passiert, dann wirkt das wie Selbstverstümmelung«
- THOMAS DEMAND, KÜNSTLER


„Local Talent“, Ausstellungsansicht Sprüth Magers, Berlin, 2020, kuratiert von THOMAS DEMAND


THOMAS DEMAND


LUCAS CASSO


»Wenn man aus Manhattan kommt, sind die Kosten hier überschaubar« - LUCAS CASSO, GALERIST


Auch später noch hätten die Verantwortlichen mehrere Gelegenheiten zum Kauf des Geländes verstreichen lassen, so berichtet jetzt Thomas Demand, der jahrelang selbst sein Atelier hinter dem Hamburger Bahnhof hatte. Damals wurde er selbst Teil der Künstlergeneration, die Berlin auf die Landkarte setzte. Die letzten zehn Jahre hat er in Los Angeles gelebt. „Und ich muss offen sagen: Wenn man aus der Ferne zuguckt, was in Berlin passiert, dann wirkt das wie Selbstverstümmelung.“ Demand vergleicht die Situation mit London, wo ein fruchtbarer Wettbewerb herrscht zwischen vielen hochkarätigen Institutionen, wo Kuratorinnen und Kuratoren Aufstiegsmöglichkeiten haben genauso wie Künstlerinnen und Künstler, und mit Paris, wo man mitten in einer wirtschaftlich schwierigen Situation wagte, die Rieseninstitution Palais du Tokyo zu gründen. Es wäre schon toll, wenn es in Berlin eine Infrastruktur für die Kunst gäbe, mit bezahlten Jobs für Kuratorinnen und Kuratoren. Und wenn die Institutionen nennenswerte Ankaufsetats hätten, sagt er. Dann wäre man auch nicht so abhängig von den Launen privater Sammler und Sammlerinnen. „Aber ohne Geld und ohne politischen Willen wird es das nicht geben.“

Zurückgekommen ist er trotzdem, er baut sich gerade ein neues Atelier, kurz vor dem Lockdown zog er mit seiner Familie wieder in die Stadt. Berlin, so Demand, sei auch früher schon nicht wegen seiner Institutionen eine starke Kunststadt gewesen, sondern wegen der Künstlerinnen und Künstler, die hier leben und arbeiten. Genau das wollte er zeigen mit seiner aus der Corona-Pause geborenen Sommershow bei Sprüth Magers. „Die Attraktion der Stadt ist diese Möglichkeitsform: dass man hier Dinge machen könnte. Dieses Versprechen bietet die Stadt immer noch.“

Wie stark es noch ist, kann man zum Beispiel an der Geschichte von Lucas Casso ablesen. Seine Galerie Sweetwater liegt am Kottbusser Damm, da wo Kreuzberg immer noch nach Kreuzberg aussieht – jedenfalls unten vor der Tür, wo wie bestellt ein Obdachloser im Eingang sitzt und in seinem Rucksack kramt. Die Galerieräume im ersten Stock des Altbaus sind gerade so perfekt renoviert, dass es nicht nervt, Casso hat eine überraschend nachdenkliche Falte zwischen den Augen und erklärt eloquent das Werk des jungen Amerikaners Morgan Canavan, der mit Skulpturen aus Spielzeugschiffscontainern Fragen der Globalisierung verhandelt. Casso war mal Investmentbanker bei Goldman Sachs in New York. „Cool“, sage ich, weil ich noch nie einen echten Vertreter dieser sagenumwobenen Spezies kennengelernt habe. „Geht so“, antwortet er lachend. Ihm reichte es jedenfalls nach fünf Jahren. 2018 zog er nach Berlin und eröffnete seine Galerie – und es scheint zu laufen. „Natürlich sehe ich, dass auch hier die Preise anziehen, aber wenn man aus Manhattan kommt, sind die Kosten überschaubar“, sagt er. In seinem Umfeld mischen sich amerikanische und internationale Expats mit einigen Deutschen, er fühlt sich getragen von einer Szene, die ihm immer neue interessante Künstler und Künstlerinnenzuspült. Wie alle anderen sorgt er sich angesichts von Corona um die Clubszene, das bunte Ausgeh-Berlin, das für ihn den Reiz der Stadt mit ausmacht. Aber das mit dem Kunstverkaufen, das kriegt er ganz gut hin, auch an viele amerikanische Sammler. „Für mich zeichnet Berlin aus, dass es Kunstinstitutionen auf so vielen verschiedenen Levels gibt, vom kleinen Projektraum über die Kunstvereine bis zu den großen Museen“, sagt er. Im September ist Casso zum ersten Mal beim Gallery Weekend dabei. Bevor ich gehe, frage ich ihn noch, wie alt er eigentlich ist. 29 Jahre. Geboren nach der Wende, zusammen mit dem Mythos der Kunststadt Berlin.

MORGAN CANAVAN und HANNA STIEGELER „Centerless space“, Installationsansicht Sweetwater, Berlin, 2020



»Die Nachbarskinder stehen jetzt immer vor der Tür und sagen: Was ist heute los?«
- MARÍA BERRÍOS, KURATORIN


Einer wie Casso funktioniert als lebender Beweis dafür, dass die Galerienszene der Stadt immer noch in der Lage ist, sich zu erneuern – kein Wunder, dass der exklusive Kreis der Gallery-Weekend-Galerien nicht gezögert hat, ihn aufzunehmen. Wobei in Zeiten von Corona der Kunstmarkt der Stadt seine Energie eh für andere Dinge braucht als für die üblichen Grabenkämpfe. Die Galerien konnten zwar recht schnell nach dem Lockdown wieder aufmachen, doch ihr gewohntes Geschäftsmodell ist erst einmal hinfällig. Galeristinnen und Galeristen schwanken zwischen Erleichterung, dem Hamsterrad der Messen zwischen New York, Hongkong, Basel und Miami entkommen zu sein, und der Sorge um ihre Existenz – und bemühen sich mit ungewohnter Solidarität, gemeinsam Lösungen zu finden. Bei Zoom-Konferenzen tauschte sich der Kreis um das Gallery Weekend intensiver aus denn je, endlich sind auch viele in den Verband der Berliner Galerien eingetreten, die ihn vorher nicht ohne eine gewisse Hochnäsigkeit boykottiert hatten. Und obwohl überhaupt nicht klar ist, wie viele Sammler und Sammlerinnen im September nach Berlin kommen können, haben die Galerien ein hochkarätiges Programm auf die Beine gestellt, von Andreas Gursky bei Sprüth Magers über Barbara Hammer bei KOW, Miriam Cahn bei Meyer Riegger, Isa Genzken bei Neugerriemschneider bis Philippe Parreno bei Esther Schipper.

Das Kuratorenteam der 11. BERLIN BIENNALE: Lisette Lagnado, Agustín Pérez Rubio, María Berríos, Renata Cervetto


MARWA ARSANIOS


Endlich hat das Gallery Weekend in diesem Jahr auch eine substanzielle Förderung des Senats bekommen, was überfällig war. Denn die Galerien sind nicht nur einfach Händler, sie sind wichtige Akteure im künstlerischen Ökosystem der Stadt, sie stellen die nötige Infrastruktur für viele relevante Künstlerinnen und Künstler bereit, sie organisieren die Produktion von Werken, sie vertreten sie auf dem Markt. Und mit ihren Ausstellungen sorgen sie schneller und verlässlicher als die Institutionen dafür, dass man in Berlin den Anschluss behält an die internationalen Debatten und das sehen kann, was in London, Paris oder New York auch gerade wichtig ist.

Allerdings erscheint in diesem Berliner Sommer wohl kaum etwas weiter weg als New York. Und natürlich ist der Horizont des kommerziellen Galeriensystems begrenzt – es gibt auch ein Leben jenseits davon.

„Who is Afraid of Ideology? (Part 3) – Microresistances“, 2020, Videostill


Der Weg führt in den Wedding, wo sich die 11. Berlin Biennale in einem kleinen, hell verglasten Erdgeschossraum in dem Kulturzentrum ExRotaprint eingerichtet hat. Eigentlich hätte die Biennale im Juni eröffnen sollen, jetzt geht es erst am 5. September los – was es bedeutet, angesichts der vielen Beschränkungen durch Corona eine aktuelle Ausstellung mit zahlreichen Akteuren unter anderem aus Lateinamerika zu organisieren, kann man an den etwas müden Gesichtern von María Berríos und Agustín Pérez Rubio ablesen, die sich an diesem Morgen stellvertretend für das vierköpfige Kuratorinnenteam der Biennale Zeit für ein Gespräch genommen haben. Für sie hat die Biennale eh längst begonnen, seit einem Jahr finden in den Räumen im ExRotaprint bereits Ausstellungen und Workshops statt.

Seit ihrer Gründung haben die Kuratoren und Kuratorinnen der Biennale sich Berlin auf unterschiedliche Weise erschlossen, und alle stießen bei ihren Recherchen auf eine jeweils andere Stadt. Zunächst fanden sie das Berlin der Lateinamerikaner. „Schon bei unserer allerersten Veranstaltung kamen um die 80 Leute aus Lateinamerika, von denen wir nicht gewusst hatten, dass sie hier leben. Danach waren sie immer da, wir wurden ein Treffpunkt für sie“, erklärt María Berríos. Für viele aus der Community sei Berlin ein Ort des Exils, sagt sie. Früher waren es die Chilenen, die vor dem Putsch gegen Allende flüchteten, heute sind es linke Intellektuelle und queere Aktivisten, die dem homophoben, kulturfeindlichen Klima unter Bolsonaro in Brasilien entkommen. Und die Jungen strömen an die hiesige Kunstakademie und landeten dort bei Agustín Pérez Rubio im Seminar.

MARWA ARSANIOS „Who is Afraid of Ideology? (Part 2)“, 2019, Videostill


In der Ausstellung, die bei meinem Besuch gerade im ExRotaprint gezeigt wird, begegnet man aber noch einer anderen Community: den Tamilen von Berlin. „Das entstand in Zusammenarbeit mit Sinthujan Varatharajah, einem Geologen, der ganz in der Nachbarschaft wohnt“, sagt Berríos. Die Bilder, Dokumente und Filme erzählen die aberwitzige Geschichte, wie die DDR in den späten 1980er-Jahren während des Bürgerkrieges in Sri Lanka tamilische Geflüchtete – darunter Varatharajahs Eltern – zu Tausenden über den Flughafen Schönefeld einreisen ließ und postwendend als Asylbewerber über die Grenze nach West-Berlin weiterreichte, um die BRD mit der großen Zahl unterDruck zu setzen. Die tamilische Community von Berlin erkor die Räume der Berlin Biennale freudig zu ihrem neuen Treffpunkt. Genauso wie viele Kinder aus der Nachbarschaft, die zu Künstlerworkshops kamen, hier malen und lesen können: „Das sind keine Kinder, die im Sommer irgendwo hinfahren, schon gar nicht in diesem Jahr. Sie stehen jetzt immer vor der Tür und sagen: Wasist heute los? Für uns ist das ein kleines, aber absolut bedeutsames Publikum für unser Programm“, sagt Berríos. Sie wollen keine Hierarchie zwischen „echter Kunst“ und Vermittlung oder Workshops, alles soll gleich wichtig sein.


»Ich glaube nicht, dass die Kunstszene einer Stadt floriert, nur weil man viel Geld hineinpumpt«
- MARWA ARSANIOS, KÜNSTLERIN


„Who is Afraid of Ideology? (Part 3) – Microresistances“, 2020, Videostill


ALONA HARPAZ und JAN KAGE bei der Eröffnung der Ausstellung „Heroica“ im Berliner Projektraum Schau Fenster


Ausstellungsansicht mit der Künstlerin MICHAL RUBENS


Das SCHAU FENSTER in Kreuzberg


JEREMY ISSACHAROFF, israelischer Botschafter, beim Ausstellungsbesuch, hinter ihm Malerei von ALONA HARPAZ und ein Werk von MIKA ROTTENBERG


Es hat sie überrascht, wie gespalten die Berliner Kunstwelt scheint: Auf der einen Seite die „offizielle“ Szene, angedockt an die größeren Galerien, viele Deutsche darunter – Leute wie Thomas Demand und seine „Local Talents“: „Mit dieser Welt gab es eher wenig Überschneidungen für uns“, sagt Berríos. Und auf der anderen Seite die vielen Expats und Migranten, die ihre ganz eigene Welt bilden, und auch eine vielfältige deutschsprachige Off-Szene. Wen sie dort gefunden haben, wird man im September sehen, wenn sich die Biennale in den KW Institute for Contemporary Art, im Gropius Bau und in den Räumen des DAAD ausbreiten wird. Dass kaum jemand, der auf der Biennale vertreten sein wird, bislang in Berliner Galerien ausgestellt hat, heißt nicht automatisch, dass die Betreffenden keine internationale Karriere haben – viele sind anderswo durchaus bekannt. „Vielleicht werden manche aus der Berliner Kunstszene nach der Biennale sagen: Ah, wir kannten diese Künstler und Künstlerinnen gar nicht, aber das sind ja unsere Nachbarn!“, lacht Agustín Pérez Rubio.


Für einen Moment fühlt sich Berlins Kunstszene wirklich an wie ein utopischer Raum


Eine dieser Künstlerinnen ist Marwa Arsanios, die bis vor einigen Jahren in Beirut lebte. Sie hat eine Galerie in Paris, in amerikanischen Museen und auf der Schardscha-Biennale ausgestellt, promoviert in Wien und wohnt seit einem Jahr fest in Berlin, während Beirut von einem beispiellosen ökonomischen Zusammenbruch erschüttert wird. Ich schaue mir ihren letzten Film aus der Serie „Who is Afraid of Ideology?“ an, eine beeindruckende Recherche über ein Dorf nur für Frauen in einer nach der Zurückdrängung des IS wieder von Kurden besiedelten Region Syriens. Arsanios interessiert sich für die Entwicklung einer nachhaltigeren Landwirtschaft von unten, für die Verbindung von Feminismus, Ökologie und Selbstbestimmung in indigenen Gemeinschaften. Wir treffen uns in einem Café am Südstern in Kreuzberg, sie holt sich erst mal ein Eis und wirkt nicht halb so streng, wie sie auf Fotos aussieht. Warum Berlin? „Es gibt eine interessante intellektuelle und künstlerische Szene, viele Freunde, die ich aus verschiedenen Teilen der Welt kenne, leben hier.“ In Beirut, so sagt sie, sei in den Zeiten des ökonomischen Booms viel Geld geflossen. Aber der Hype habe mit seiner neoliberalen kapitalistischen Logik der kulturellen Szene nicht unbedingt geholfen. „Ich glaube nicht, dass die Kunstszene einer Stadt floriert, nur weil man viel Geld hineinpumpt“, sagt sie.

Für die vielen Expats in Berlin, für Intellektuelle im freiwilligen oder erzwungenen Exil ist entscheidend, dass es erschwingliche Orte zum Leben und Arbeiten gibt und dass sie weiterhin relativ großzügig Aufenthaltsgenehmigungen bekommen. Die Corona-Soforthilfen des Senats, die einige Leute in ihrem Umfeld bezogen haben, fand Arsanios großartig. Ein Grundeinkommen für Künstlerinnen und Künstler, das wäre gut, sagt sie noch, bevor sie davonradelt.

CORINNE KITZIS „Ein Lied aus meiner Heimat“, 2019


Ich muss an einen Sommerabend ein paar Tage zuvor denken, als ich gar nicht so weit von hier in einen Haufen angeregt plaudernder Kunstleute geraten war, von denen viele ebenfalls aus dem Nahen Osten stammten: aus Israel. Die Künstlerin Alona Harpaz hatte zur Eröffnung der Ausstellung „Heroica“ in den Projektraum Schau Fenster nach Kreuzberg eingeladen. Harpaz, die ihre Karriere in Tel Aviv gestartet hat, lebt schon lange in Berlin und hat hier in den letzten Jahren mit dem Projektraum Circle 1 der rasant wachsenden israelischen Szene eine Heimat gegeben – was unter anderem den israelischen Botschafter Jeremy Issacharoff in Berlin so begeistert, dass er zu jeder ihrer Eröffnungen kommt, mitsamt Limousine und Security mit Knopf im Ohr. Und während sein Dienstherr Netanjahu zu Hause gerade die Annexion des Westjordanlandes vorbereitet, kann Issacharoff entspannt in diesem Berliner Off-Raum stehen und mit Künstlern und Künstlerinnen plaudern, von denen nicht wenige gerade deshalb in Berlin sind, weil sie die politischen Verhältnisse in Israel nicht ertragen. Dann begrüßt der Botschafter noch Harpaz’ engste Mitarbeiterin mit breitem Lächeln, eine junge Palästinenserin, deren Familie immer noch in den besetzten Gebieten wohnt. Und für einen Moment fühlt sich Berlins Kunstszene wirklich an wie ein utopischer Raum, in dem die noch verwickeltsten politischen Konflikte für einen Moment zurückstehen.


Am längsten bleibe ich an diesem Abend vor dem Video der jungen Israelin Corinne Kitzis stehen


Was also braucht es, damit Berlin ein Möglichkeitsraum bleibt? Vielleicht ist am Ende die Mietpreisbremse, wenn sie denn funktioniert, genauso wichtig wie ein besserer Ankaufsetat für den Hamburger Bahnhof. Und ob Berlin ein Ort der intellektuellen Begegnung bleibt, hängt gleichermaßen am Zustand seiner großen Institutionen wie an der Visa-Praxis der Behörden. Und daran, ob solche Orte wie das Schau Fenster die Corona-Krise und die Gentrifizierung überleben, das sein Initiator Jan Kage nach dem klassischen Berliner Rezept finanziert: viele Getränke bei der Eröffnung verkaufen.

Am längsten bleibe ich an diesem Abend vor dem Video von Corinne Kitzis stehen. Die junge Israelin läuft darin mit Mann und drei Kindern singend die nach irgendeiner Party völlig vermüllte Straße des 17. Juni entlang, das sonnenbeschienene Brandenburger Tor im Rücken. Auf der Tonspur hört man die berühmte israelische Sängerin Sarit Hadad ein Chanson schmettern. Es heißt „Ein Lied aus meiner Heimat“, erklärt mir Harpaz, geschrieben von der Polin Leah Goldberg, und man weiß nicht genau: Ist es eine Liebeserklärung an Polen oder an Zion Israel? Ich kann gar nicht aufhören, diese junge Israelin anzuschauen, die mit leicht ironischem Pathos im Gegenlicht einherschreitet und singend für sich und ihre Familie ihren Raum einfordert. So viele Heimaten gibt es in dieser Stadt. So viel gute Kunst. Und so viele Versionen von Berlin.


Porträts Franziska Rieder

Fotos: © Erik-Jan Ouwerkerk (vorherige Doppelseite). Jens Ziehe, Courtesy KÖNIG GALERIE, Berlin, London, Tokyo/Gagosian/Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien, © Katharina Grosse, VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Timo Ohler, © Thea Djordjadze, VG Bild-Kunst, Bonn 2020, © Sam Durant, VG Bild-Kunst, Bonn 2020. © Franziska Rieder

Fotos: © Franziska Rieder. Diana Pfammatter, courtesy the artists and Sweetwater, Berlin

Fotos: © Franziska Rieder (vorherige Doppelseite). © Franziska Rieder. CourtesyMarwa Arsanios und Mor Charpentier Gallery Paris (3)

Fotos: Shai Levy

Foto: Shai Levy, © Corinne Kitzis