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GUTES TUN: Die Avantgarde aus dem Urwald


der pilger - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 25.02.2021

Im Amazonasgebiet haben kleine indigene Gemeinschaften einen Weg gefunden, im Regenwald Früchte anzubauen und ihn gleichzeitig zu schützen. Misereor, das Werk für Entwicklungszusammenarbeit, unterstützt sie dabei.


Artikelbild für den Artikel "GUTES TUN: Die Avantgarde aus dem Urwald" aus der Ausgabe 1/2021 von der pilger. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: der pilger, Ausgabe 1/2021

Die Arbeitsweise Dona Antonias und ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreiter findet zunehmend Beachtung, schafft Lebensgrundlagen und Perspektiven. Unser Bild rechts zeigt Dona Antonia mit ihrem Ehemann.


Wenn Doña Antonia Lurici vor ihren Gemüsebeeten sitzt und zwischen Bohnen, Kürbissen oder Tomaten jätet, während hinter ihr die Baumriesen des Urwaldes aufragen, dann ist die Bäuerin nur ein ...

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... winziger Teil eines großen Systems. Doch ein entscheidender: Indem indigene Gemeinschaften vom Wald leben, mit und in diesem einzigartigen Organismus aus Entstehen und Vergehen, schützen sie ihn. Ohne sie gäbe es die Regenwälder hier im Norden Boliviens vielleicht gar nicht mehr. Mehr als ein Viertel des gesamten Amazonasgebiets könnten bis 2030 verloren sein, schätzen Experten. Welche Dimensionen dieser Urwald hat, können wir uns manchmal nur schwer vorstellen. Er ist nicht nur viel größer als alle Wälder, die wir aus Europa kennen, sondern auch höher und dichter: Über 80 Meter ragen manche Baumkronen in den Himmel hoch, im Altbau wären das fast 25 Stockwerke. Es herrscht eine riesige Artenvielfalt: Wo hier rund 12.000 unterschiedliche Baumarten stehen, sind es in Deutschland 77. Der Regenwald ist außerdem unglaublich fruchtbar: Maniok, Ananas, Bananen, Guaven, Papaya, Kakao, Kaffee oder Palmenarten wie Asaí und Majo, die bei uns als Superfood vermarktet werden, wachsen neben Zedern, Eichen, Mahagoni, Teakbäumen und verschiedenen Heilkräutern. Auf mehreren Ebenen wuchern Pflanzen, die auf, in und mit anderen Pflanzen in Symbiose leben. Alles scheint hier miteinander verwachsen. Auf jeder Etage wimmelt es, vom dichten Gesträuch auf dem Boden über das Gestrüpp in der Mitte bis hinauf in die Baumkronen leben unzählige seltene Tierarten.

Ob Doña Antonia beschneidet oder veredelt, eine oder viele Pflanzensorten sät, nach dem Roden abbrennt oder Baumstämme, Äste und Blätter liegen lässt, all das sind Entscheidungen, die das empfindliche Ökosystem des Regenwaldes nachhaltig beeinflussen – und aus dem Gleichgewicht bringen können. Der Wald aber bildet die Lebensgrundlage für indigene und kleinbäuerliche Gemeinschaften, er ist existenziell. Deshalb können sie sich einen ausbeuterischen Umgang mit den natürlichen Ressourcen nicht leisten.

Zukunftsperspektiven schaffen mitten im Wald

„Früher haben wir einfach alles abgebrannt, um auf den freien Flächen Reis, Yucca und Bananen anzubauen“, erklärt Doña Antonia. Heute kann sie das nicht mehr verstehen. Eine der Folgen war, dass der Boden nach wenigen Jahren unfruchtbar wurde und neu gerodet werden musste. Denn wenn alte Bäume, Blätter und Zweige nicht liegen bleiben, können sie den Boden nicht düngen. Wenn es zu wenige unterschiedliche Gewächse gibt, die ihr Wurzelwerk tief in der Erde verankern, dann laugt der Boden aus und erodiert. „Jedes Jahr leiden wir hier unter Überschwemmungen“, führt Doña Antonia aus, was dann passierte. Die Fluten verdarben die Früchte und Pflanzen, sie verfaulten einfach. Ist die Ernte vernichtet, müssen einige Familienmitglieder anderswo Geld verdienen, um die Familie durchzubringen. Ihre Arbeitskraft fehlt später beim Anbau. So gerät das ganze System durcheinander, Gemeinschaften zerreißen.

Die ersten, die gehen, sind die jungen Leute. Sie suchen sich Arbeit in großen Städten, wenn ihnen das Leben im Regenwald keine Perspektiven für die Zukunft geben kann. Dort gibt es viele wie sie, so viele, dass ihre Arbeitskraft kaum etwas wert ist. Solche Geschichten nehmen fast immer denselben Ausgang: Am Ende landen die jungen Leute in den Slums der Vororte, die sich in ständig wachsenden Ringen um die Stadtzentren ziehen. Sie halten sich mit Gelegenheitsjobs am Leben. Ihre Kinder werden in Armut aufwachsen. Dass auch Doña Antonia große Angst davor hatte, dass ihr Sohn und ihre Tochter der Gemeinschaft eines Tages für die Stadt den Rücken kehren, kann man nur ahnen. Darüber spricht sie nicht. Ich kann sie auch nicht fragen, denn wegen der Coronapandemie ist es nicht möglich, die Menschen vor Ort zu treffen.


„Es geht um die Harmonie mit der Natur, um den Schutz der natürlichen Ressourcen.“
Grundsatz der Agroforstwirtschaft


Reis, Mais, Yucca, Bananen, Bohnen und viele andere Früchte werden im Schatten des Regenwaldes angebaut, ohne ihn zu zerstören.


Die Gebiete sind abgeschottet. Nur über ein kompliziertes System aus übermittelten Fragen und Videobotschaften kommt die Kommunikation zustande. Was sie aber erzählt: Ihr Mann musste die Familie oft tage- oder wochenlang verlassen, um als Tagelöhner woanders Geld zu verdienen. Es wäre wohl wie bei so vielen nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Kinder sich aufgemacht hätten, um woanders eine Zukunft zu suchen. Vielleicht war Doña Antonia deshalb so fest entschlossen, etwas am Schicksal ihrer indigenen Community zu ändern und die Sache in die Hand zu nehmen. Ein Umdenken in den indigenen Territorien findet schon länger statt. Doch wirklichen Wandel brachten Versammlungen und Workshops, in denen es um eine schonende Waldwirtschaft und bessere Vernetzung der verstreuten Gemeinschaften geht. Organisiert werden sie zum Beispiel von der lokalen kirchlichen Organisation Caritas Reyes in Nordbolivien, Projektpartner des Hilfswerks Misereor.

Die Inhalte werden mit Gemeinden im Regenwald gemeinsam entwickelt. Mitarbeiter der Caritas und Teilnehmer teilen ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander, tauschen sich über Methoden aus und überlegen gemeinsam, welches Werkzeug angeschafft werden könnte. Seit Doña Antonia und ihr Mann Leoncio sich in Workshops und Versammlungen ihrer Gemeinde engagieren, kommt die Familie ohne Brandrodung aus. „Ich säe heute eine Vielfalt von Pflanzen: Reis, Mais, Yucca, Bananen, Feigenbananen, Bohnen, Canavalia-Hülsenfrüchte. Ich hätte nie geglaubt, dass das alles keimt. Doch die Mitarbeiter der Caritas haben uns die neuesten Techniken gezeigt, wie man die Qualität der Ernte verbessert, indem man Landwirtschaft im Einklang mit dem Wald betreibt und dabei die Umwelt schützt.“ Die Lebensqualität in dem Örtchen Guaguauno in der Gemeinde Reyes nördlich des Regierungssitzes La Paz ist durch die sogenannte „Agroforstwirtschaft“ deutlich gestiegen. Sie bedeutet ein Zurück zu der Lebensweise, die Indigene im Amazonas traditionell pflegten, bevor der Kapitalismus den Wald zum Supermarkt erklärte.

Die Menschen wissen zu schätzen, dass sie im und vom Regenwald leben. Das Prinzip basiert auf den Erfahrungen der indigenen Gemeinschaften. Die Produktion im Einklang mit der Natur inspiriert inzwischen auch Experten in Ländern des industrialisierten Nordens.


„Die Menschen hier sind natürlich ziemlich mittellos und brauchen unsere Hilfe“, sagt Franco Calle Patroni, der seit fünf Jahren bei Caritas Reyes arbeitet und selbst aus der Gegend kommt. Trotzdem haben die Indigenen auch etwas sehr Wertvolles, nämlich das Wissen, dass es auch anders geht: dass die Natur als Lebensraum einen ganz anderen Stellenwert haben kann, als unsere technisierten und industrialisierten Gesellschaften sich vorstellen können. Dass sich auch zu Bäumen, Insekten, Bächen und Steinen Beziehungen aufbauen lassen und man sie so sacht und behutsam behandeln kann, als gehörten sie zur Familie. Deshalb schätzt man bei der kirchlichen Organisation die Weltanschauung der Regenwaldbevölkerung, denn sie gibt neue Impulse für die westliche Lebensweise, die an ihre Grenze gekommen ist. So lernen die Workshopleiter selbst ständig dazu.

Der Regenwald ist wertvoller als Geld

Doña Antonia hat genau die Erfahrung gemacht, dass ihre Sichtweise des Waldes als ein lebendiger Organismus geachtet wird. Besonders stolz ist sie darauf, dass sie zu einer Reise nach Florianópolis in Brasilien eingeladen wurde, um sich dort mit anderen Bäuerinnen auszutauschen. Dabei ging es auch um ein solidarisches und enges Miteinander auf dem Weg zu einer Produktionsweise im Einklang mit dem Wald und der Natur. Dieses Gefühl, sich mit den eigenen Ideen einbringen zu können, ernst genommen zu werden, eine Stimme zu haben, nicht allein zu sein mit ihrer Weltanschauung, bedeutet der Indigenen viel. Die neuen Denkanstöße hat Doña Antonia zurück in ihre Gemeinschaft getragen.

Das ist das Prinzip: Auf der einen Seite betreiben Bauern wie Antonia ihren Landbau im Wald so minimalinvasiv und schonend wie möglich. Auf der anderen Seite sind sie weit über ihre Gemeinschaften hinaus vernetzt und tauschen international ihr Knowhow aus. Vielleicht gehören sie damit schon zu einer neuen Avantgarde, die eine progressive Lebensweise verkörpert. Weil sie inmitten und von der Natur leben und damit ganz direkt von ihr abhängig sind, bekommen Indigene und Kleinbauern Veränderung durch den Klimawandel sofort zu spüren. Die Verletzlichkeit des Waldes wird zu ihrer eigenen Verletzlichkeit. Der Klimawandel ist für Doña Antonia keine zukünftige Bedrohung, sondern längst da.

Die Kirche steht an der Seite der Menschen und der kleinen selbstbestimmten Gemeinschaften, die nach neuen Wegen einer nachhaltigen Produktion von Lebensmitteln suchen – im Einklang mit der Schöpfung.


„Ernährungssouveränität“ ist aus diesem Grund existenziell. Sie bedeutet, dass die Bevölkerung durch die Vielfalt ihrer Produkte unabhängig leben und sich gesund ernähren kann. „Ich bin Mitglied einer Frauenkooperative“, erzählt Doña Antonia. „Wir sind 20 Frauen aus fünf verschiedenen Gemeinschaften. Gemeinsam lernen wir, wie wir Milch und Früchte weiterverarbeiten können, die uns früher einfach schlecht geworden wären.“

Das Kleine kann Großes bewirken

Die Ernährungssouveränität hat in der Gemeinde einen umfassenden Umbruch mit sich gebracht. Während früher die Familienväter irgendwo anders einen schlecht bezahlten Job als Saisonarbeiter annahmen, um Geld für zusätzliche Nahrungsmittel zu verdienen, mussten die Familienmütter neben der Versorgung der Kinder, dem Kochen und Wäschewaschen auch noch die landwirtschaftliche Produktion allein stemmen. Heute ist die eigene Nahrungsmittelproduktion so vielseitig, dass fast nichts dazu gekauft werden muss. Im Gegenteil: Sie wirft Überschüsse ab, von deren Verkauf die Familie gut leben kann.

Tatsächlich bietet die Waldparzelle Doña Antonia mittlerweile alles, was sie für ein gutes Leben braucht: „Die vielfältigen Produkte, die wir hier auf natürliche und nachhaltige Weise produzieren, sind gut für unsere Gesundheit.“ Doch das wichtigste ist für die zähe Frau, dass sie mit Mann und Kindern zusammen arbeiten kann. Ihr Land bestellen sie gemeinsam: „Wir sind als Familie vereint, wir reden über alles, wir planen gemeinsam, was wir wie und wo anbauen. Wir leben wirklich im Überfluss durch die Gemeinschaft und die Vielfalt an Pflanzen, die wir hier auf engstem Raum haben“. Die beiden Kinder sind inzwischen erwachsen, sie haben das Dorf nicht verlassen. Wäre die Geschichte von Doña Antonia an dieser Stelle zu Ende, wäre es ein Happy End. Doch so einfach ist es im Amazonas nicht. Von allen Seiten wird der Regenwald und mit ihm die kleinen selbstbestimmten Gemeinschaften bedroht, denn auf dem Weltmarkt ist er viel Geld wert. Der indigene Anspruch auf Bodenrechte wird da schnell zur Auslegungssache. Großunternehmen holzen die Bäume in großem Stil ab, um Monokulturen von genmanipulierter Soja anzubauen oder riesige Rinderzuchten zu betreiben. Solche Flächen fressen sich immer weiter in den Urwald hinein. Auf den ausgelaugten Böden wächst kaum noch etwas, das Land wird anfällig für Überschwemmungen und den Klimawandel. Die Regierung plant immer neue Großprojekte, gewaltige Stauseen, die alles überfluten würden. Erdgasfelder mitten im Urwald.

„Wir sind leider untereinander noch nicht gut genug organisiert, um dem etwas entgegenzusetzen“, ist Doña Antonia klar. „Das müssen wir ändern“, sagt sie. Irgendwie macht ihre anpackende Art zuversichtlich, dass jemand wie sie die gigantische Abholzung der Wälder doch noch aufhalten kann.

Es geht! Anders

Mit der diesjährigen Misereor-Fastenaktion unter dem Motto „Es geht! Anders“ lädt das Hilfswerk für Entwicklungszusammenarbeit zu einer Neuausrichtung unserer Lebensweise ein. Beispielland ist in diesem Jahr Bolivien. Die Menschen im dortigen Amazonastiefland teilen die Vision einer Lebensweise, die bei der eigenen Würde, der Kraft der Gemeinschaft und dem Respekt vor der Natur ansetzt – Vorbild auch für uns. Für die Unterstützung dieser Arbeit und weiterer 1.900 Partnerorganisationen ist Misereor auf Unterstützung angewiesen. Kontakt: www.fastenaktion.misereor.de


Fotos: REYES / MISEREOR