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Gutes Unbehagen


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 02.12.2022
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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 1/2023

Auf einen Blick: Au Backe!

1 Scham und Beschämung spielen im sozialen Miteinander eine große Rolle. Offenbar haben solche Gefühle in westlichen Gesellschaften heute sogar Hochkonjunktur.

2 Anders als in traditionellen Schamkulturen wird Peinlichkeit und persönliches Versagen Einzelner bei uns häufig öffentlich angeprangert, etwa in den sozialen Medien.

3 Scham unterscheidet sich von bloßer Peinlichkeit wie auch von Schuld. Alle drei dienen in verschiedenen Graden der Reparatur von Beziehungen und erfüllen soziale Funktionen.

Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig geschämt? Ich zum Beispiel wäre gern im Boden versunken, als ich einst auf der Geburtstagsfeier eines Bekannten eine mit diesem offenbar verwandte Frau freudig begrüßte: »Sie müssen Tims Mutter sein!« Leider war es seine jüngere Schwester. Autsch, wie peinlich … Aber muss man sich dafür schämen? Nicht unbedingt. Allerdings empfand ich ...

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... das in jenem Moment nicht als verzeihlichen Fauxpas, sondern haderte prinzipiell mit meinem Unvermögen, andere nicht vor den Kopf zu stoßen. Ja, ich gestehe, ich bin sozial manchmal etwas unbeholfen – oder fühle mich zumindest so. Und das beschämt mich.

Solch ein Bekenntnis mag überraschen. Schließlich gilt Scham traditionell als »hässliches« Gefühl – als Zeichen von Schwäche und niedrigem Status. Jedoch scheint sich der öffentliche Umgang damit in den letzten Jahren radikal verändert zu haben. Zum einen bekunden viele Menschen heute durchaus bereitwillig ihre Scham: Ob Flugscham, Fleischscham, Fettscham oder, ganz aktuell, Heizscham, ob Rauchscham, Besitzscham oder Fremdscham – es gibt kaum etwa, dessen man sich nicht schämen könnte, ja sollte. Mancher schämt sich sogar dafür, dass es ihm gut geht, während Millionen rund um den Globus leiden.

Zum anderen scheint es besonders in Online-Medien Mode geworden zu sein, mit dem Finger auf seine Nächsten zu zeigen, um sie zu beschämen. Heerscharen von Usern ereifern sich in den sozialen Netzwerken über jene, die sich (ob tatsächlich oder vermeintlich) dumm aufführen: Seht nur, die Heuchler, Idioten, Egoisten! Kurz: Der Appell »Du solltest dich schämen!« (neudeutsch »shaming«) ist an der Tagesordnung. Nur, warum eigentlich?

UNSER AUTOR

Steve Ayan ist Psychologe und Redakteur bei »Gehirn&Geist«. Tippfehler und sonstige Schnitzer in seinen Artikeln sind ihm zwar peinlich, schämen tut er sich dafür aber nicht.

Für den Philosophen Robert Pfaller von der Kunstuniversität Linz unterscheidet sich die aktuelle Konjunktur des Schämens in den westlichen Gesellschaften deutlich von traditionellen »Schamkulturen« wie der japanischen. Dort blickt man etwa über Verstöße gegen die Etikette tunlichst hinweg. Benimmt sich jemand grob daneben, wird zwar hinter vorgehaltener Hand getuschelt; öffentlich anklagen oder vorführen würde den Betreffenden jedoch kaum jemand. Denn es gilt, den positiven Gegenpart der Scham, nämlich Stolz und Ehre, wenigstens äußerlich zu wahren.

Anders bei uns: Selbst milde Eitelkeiten und Mankos von Mitmenschen werden oft genüsslich ausgebreitet und gegeißelt. So hätte scheinbar jeder einen guten Grund, sich klein zu fühlen – Politiker für ihre Inkompetenz und das politische Hickhack, der Mann auf der Straße für seine dumpfen Vorurteile, Aktivisten für ihre Naivität, Manager für ihre Gier, Medienleute für ihren Narzissmus und so weiter …

Diskretion war gestern

Pfaller sieht die Ursache für dieses »schambasierte Affektgewitter« im Verlust des ehemals verbreiteten Diskretionsgebots. Wir hätten verlernt, das »So-tunals-ob« als Wert zu achten und zu pflegen, weil das alte Ideal der Ehre dem der Authentizität, einem Drang nach dem Echten und Guten gewichen sei. Die »Tyrannei der Intimität«, wie es der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett nannte, lasse uns ständig nach Anzeichen für bloß aufgesetztes Getue und andere Ungehörigkeiten suchen.

In der psychologischen Forschung dominierte lange Zeit ein negatives Bild der Scham. Schon in der Psychoanalyse Sigmund Freuds (1856–1939) spielte die Abwehr von Scham- und Schuldgefühlen eine Hauptrolle beim Entstehen von Neurosen. Laut dem Wiener Seelenkundler sorgen verschiedene Verdrängungsmechanismen dafür, dass wir uns potenziell beschämende Tatsachen nicht eingestehen. Das aus dem Bewusstsein verbannte Wissen über die eigene Unzulänglichkeit rumort jedoch in der Psyche weiter und verursacht Unbehagen.

Auch heutige Forscher gehen davon aus, dass häufiges, starkes Schamempfinden das Wohlbefinden schmälert und sogar psychische Störungen mitbedingen kann. So berichtete ein Mailänder Psychologen- team um Eleonora Volpato 2022, dass besonders schamvolle Menschen eher als andere den irrtümlichen Eindruck haben, jemand rufe ihren Namen. Offenbar fördert die gesteigerte Selbstaufmerksamkeit, die der Scham immer neue Nahrung gibt, solche ichbezogenen akustischen Halluzinationen.

Wie zahlreiche klinische Studien inzwischen belegen, ist Scham auch eine häufige Begleiterscheinung von Depressionen und Angststörungen. Damit ist freilich noch nicht gesagt, was genau hier Ursache und was Wirkung ist: Fördert Scham psychische Probleme oder ist es womöglich umgekehrt – oder beeinflusst ein dritter Faktor wiederum beides?

Die Psychologin June Tangney von der George Manson University in Fairfax (Virginia) ging dieser Frage seit den 1990er Jahren in mehreren Untersuchungen nach. In einer davon beantworteten knapp 500 Studierende eine Batterie von Fragebögen zu ihrem seelischen Befinden, zu typischen Denkmustern sowie zu ihrer Neigung, Schuld oder Scham zu empfinden. Die Teilnehmer lasen unter anderem Szenarios, in denen jemand bei einer Aufgabe versagte oder sich unfair verhielt.

Ich, die anderen und das Gehirn

Die Differenzierung zwischen Gefühlen der Peinlichkeit, der Scham und der Schuld lässt sich auch neuronal nachvollziehen. Da es jedoch bis heute kein standardisiertes methodisches Vorgehen gibt, um diese Emotionen bei Versuchsteilnehmern auszulösen, sind die Ergebnisse von bildgebenden Studien zum Thema oft uneinheitlich.

2016 kam eine zusammenfassende Auswertung von 21 solcher Arbeiten zu dem Schluss, dass Scham am wahrscheinlichsten mit vermehrter Hirnaktivität im dorsolateralen präfrontalen Kortex, im hinteren zingulären Kortex sowie im sensomotorischen Kortex einhergeht. Bei Probanden, die lediglich peinlich berührt sind, feuern meist der ventrolaterale präfrontale Kortex und die Amygdala verstärkt; bei Schuld wiederum der vordere zinguläre Kortex sowie Regionen im Schläfenlappen (hinterer temporaler Kortex) und der Praecuneus im Scheitellappen.

Das Muster der Scham-Aktivierungen spricht dafür, dass hier vor allem die Selbstwahrnehmung involviert ist, während in peinlichen Momenten die unmittelbare emotionale Reaktion der Amygdala im Vordergrund steht. Die Beteiligung eher temporal und parietal gelegener Hirnregionen beim Schuldempfinden lässt auf das Abwägen sozialer Regeln und Normen schließen, die den Abruf von im Gedächtnis gespeichertem Wissen und Assoziationen erfordert.

Bastin, C. et al.: Feelings of shame, embarrassment and guilt and their neural correlates: A systematic review. Neuroscience and Biobehavioral Reviews 71, 2016

Wie peinlich fanden die Probanden das? Wie würden sie sich selbst in einer solchen Lage fühlen?

Gemäß der Auswertung waren Scham-, nicht jedoch Schuldgefühle mit einer erhöhten Depressionsneigung verknüpft. Dies war statistisch unabhängig davon, ob die Betreffenden allgemein Geschehnisse und Kritik eher auf sich bezogen. Vielmehr erwies sich eine Art negative Grundeinstellung als entscheidend: Depressivität und Ängstlichkeit beruhten ebenso wie die Empfänglichkeit für Scham vor allem auf einem Hang zur Selbstabwertung. Schamerleben trägt Tangney zufolge mittelbar zu Depressionen bei, indem es das Selbstbild der Betreffenden schwächt.

Allerdings muss man hier zwischen echter Scham, Schuldgefühlen und bloßer Peinlichkeit (englisch: embarrassment) unterscheiden. In einer schon 1996 veröffentlichten Arbeit des Emotionspsychologen Dacher Keltner, damals an der University of Wisconsin-Madison, sollten sich Probanden an Ereignisse aus ihrem Leben erinnern, in denen eine dieser drei Reaktionen vorgeherrscht hatte. Anschließend gaben die Teilnehmer Auskunft darüber, wie sie mit den Situationen umgegangen waren: Hatten sie sie verschwiegen, Reue gezeigt, sich entschuldigt oder das Vergehen wiedergutmachen wollen?

Laut den Daten waren Gefühle der Peinlichkeit dann die Folge, wenn man gegen bloße soziale Konventionen verstieß: ein Missgeschick, ein sprachlicher Lapsus, eine gerissene Hose oder ein offenes Mikrofon beim Businessmeeting, während man auf dem Klo seine Notdurft verrichtet, sind typische Bespiele.

Schuldgefühle erregte dagegen vor allem der Bruch mit ethischen Regeln oder Normen – etwa lügen, betrügen, anderen mutwillig schaden oder eine persönliche Pflicht verletzen. Beides kann, muss jedoch nicht von Scham begleitet sein. Diese tritt auf, wenn man in den eigenen oder fremden Augen versagt. Dafür bedarf es also eines Ideals oder hohen Anspruchs, an dem man scheitert.

Scham in der Politik: Der Trick der Populisten

Auch manche Politiker arbeiten mit Scham – besser gesagt mit der Aussicht, ihre Anhänger davon zu erlösen. Mit teils dreisten Verleumdungen und Lügen nehmen Donald Trump oder Jair Bolsonaro ihren Wähler die Scham darüber, dass diese offenkundig falsche, teils sogar bösartige, aber eben lieb gewonnene Ansichten hegen. Wenn der damalige US-Präsident zum Beispiel öffentlich erklärt: »Mexikaner sind Vergewaltiger«, denken viele seine Fans: »Genau, endlich spricht es jemand aus! Und wenn der Präsident so was sagt, darf ich es erst recht.« Die häufig erhobene Klage über die »Diktatur des Mainstreams« wurzelt nicht zuletzt darin, dass man sich für so manche uninformierte Meinung nicht schämen will. Populisten erteilen ihren Anhängern quasi Absolution, indem sie ihnen die Scham über ungerechtfertigte stereotype Ansichten nehmen.

Man kann sich entschuldigen, aber nicht entschämen

Konkret heißt das: Rutscht mir beim Sektempfang das Glas aus der Hand und sein Inhalt ergießt sich über das Abendkleid der Nachbarin, so ist das zwar höchst unangenehm; schämen tut sich dafür jedoch nur, wer meint, er habe sich wieder mal zu blöd angestellt – einfach typisch! Und Schuld kommt erst dann ins Spiel, wenn man fahrlässig gehandelt oder großen Schaden angerichtet hat. Auch reagieren wir jeweils durchaus verschieden: Peinlichkeit löst Erröten und Betroffenheit aus, Schuld dagegen einen Impuls zur Wiedergutmachung. Nur Scham lässt einen selbst klein und defizitär erscheinen.

Die Unterschiede zwischen diesen leicht zu verwechselnden Emotionen gehen allerdings noch weiter: Während sich Schuld eher auf einen speziellen Umstand wie eine unfaire Tat oder ein Unterlassen bezieht, lastet Scham auf der Person als ganzer; man fühlt sich insgesamt bedroht. June Tangney bringt das so auf den Punkt: Der Schuldige denkt »Ach, hätte ich doch nur nicht …!«; der Schamhafte dagegen »Ach, wäre ich doch nur nicht …«.

Schuld lässt sich, anders als Scham, meist sühnen und abtragen. »Man kann sich zwar entschuldigen, aber nicht entschämen«, schreibt der Philosoph Pfaller. Und noch etwas ist bemerkenswert: Wir schämen uns mitunter selbst für Dinge, die wir gar nicht zu verantworten haben – wie ein Kind, das sich schämt, wenn sein Name beim Schulfest laut ausgerufen wird, oder Menschen, die sich für zu groß oder klein, zu verwöhnt oder bedürftig halten.

Dass es sich bei Scham und Schuld zwar um verwandte, aber getrennte Emotionen handelt, legen auch Studien mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) und anderer bildgebender Verfahren nahe (siehe »Ich, die anderen und das Gehirn«). Laut einer Überblicksarbeit von Neurowissenschaftlern um Coralie Bastin von der University of Melbourne lassen sich jedoch typische Muster am lokalen Blutfluss in Teilen des Gehirns ablesen: Scham aktiviert demnach vor allem Regionen, die unterschiedliche Aspekte der Selbstwahrnehmung verarbeiten. Schuldgefühle gehen primär mit neuronalem Feuern in Arealen einher, die mit dem Abruf gespeicherten Wissens sowie mit komplexeren Assoziationen betraut sind.

Allerdings spielt nicht nur die Erregbarkeit einzelner Areale, sondern auch deren Zusammenarbeit eine Rolle. Nach Resultaten japanischer Neurowissenschaftler von der Universität T?hoku in Sendai zeigt sich bei Menschen, die sich schnell schämen, in Schnitt eine geringe Dichte der weißen Substanz am vorderen Ende des Schläfenlappens. Diese Region ist für die Kommunikation zwischen weiter verteilten Hirnregionen wichtig. Die weiße Substanz besteht aus Nervenleitungen, über die Neurone aus unterschiedlichen Netzwerken Signale austauschen. Möglicherweise können verschämtere

Die individuelle Schamneigung ist sehr verschieden ausgeprägt

Personen verschiedene Informationen nicht ganz so flüssig miteinander verknüpfen, was ihre Schamreaktionen weniger dämpft.

Wie schon seit Längerem bekannt ist, fällt die individuelle Schamneigung von Menschen sehr verschieden aus. Sie wird oft mit Hilfe des von Tangney und ihren Kollegen entwickelten »Test of Self-Conscious Affect« (kurz: TOSCA) erhoben. Dieser Fragebogen enthält 15 Szenarios mit potenziell schambehafteten Situationen, gefolgt von jeweils vier bis fünf Antworten, denen man mehr oder weniger zustimmen kann. Darunter sind Sätze wie »Ich hätte den Wunsch, mich zu verstecken«, »Ich würde denken: ›Ich bin schrecklich!‹« oder »Ich würde mich klein fühlen … wie eine Ratte«.

Hinweise auf vorauseilendes »Scham-Management«

Eine recht umfassende Validierung des Tests an Studierenden der Arizona State University in Tempe offenbarte 2003, welche Faktoren die Schamneigung beeinflussen können. Laut dem Team um Sandra Woien äußerten junge Leute, die in einem überbehütenden Elternhaus aufgewachsen waren, die eine schwache Selbstwirksamkeitserwartung (wenig Glauben daran, Dinge selbst in der Hand zu haben) sowie geringere Fähigkeit zur Selbstkontrolle zeigten, im Schnitt auch mehr Scham. Die Betreffenden hatten gleichzeitig öfter psychische Nöte.

Auffällig war zudem, dass schamvolle Probanden häufiger anderen die Verantwortung für peinliche Situationen zuwiesen. Dies spreche für ein vorauseilendes »Scham-Management«, so die Forscher. Eben weil sich die Betreffenden schnell persönlich in Frage gestellt sehen, schieben sie ihrem Umfeld vorsorglich den schwarzen Peter zu.

Scham und Schuld messen – aber wie?

Wie man sich leicht denken kann, ist es gar nicht einfach, an das persönliche Moralempfinden von Menschen heranzukommen. Natürlich kann man jemanden einfach fragen, wann, wie oft und weshalb er sich im Alltag schämt. Allerdings ist die Antwort häufig verzerrt. Zum einen steht die »soziale Erwünschtheit« einer ehrlichen Auskunft im Weg; zum anderen könnte es sein, dass wir Art und Zahl unserer Schammomente selbst kaum überblicken oder ihre Bedeutung herunterspielen.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, Probanden Szenarios vorzulegen, in denen jemand mehr oder weniger peinliche oder falsche Dinge tut. Stellen Sie sich etwa vor, Sie würden mit Freunden ausgehen und nach ein paar Gläsern anfangen, über einen nicht anwesenden Bekannten herzuziehen. Oder Sie prahlen nach einer bestandenen Prüfung damit, wie Sie alles nur so aus dem Ärmel schüttelten, ohne dafür gelernt zu haben. Hier ist das Problem eher, dass man sich in Anekdoten, die einen nicht selbst betreffen, unter Umständen nicht so leicht einfühlen kann.

Einen weiteren Ansatz bietet das Verfassen von Erinnerungsprotokollen, die schamvolle Episoden aus dem eigenen Leben schildern. Da solche Berichte auf echten Erfahrungen fußen, ist diese »Schaminduktion« erfolgversprechender. Und, last not least, kann man Probanden in Situationen bringen, in denen sich oft Scham- oder Schuldgefühle einstellen. So teilten Forscher in einer Studie Probanden jeweils in Duos ein, wobei einer dem anderen einen Rat geben sollte. Auf einem Bildschirm blitzte erst ein Punktmuster auf, dann lautete die Frage: Wie viele Punkte waren gerade zu sehen? (Es waren stets 20.) Gab der Ratgeber eine falsche Schätzung ab, der der andere jedoch zu Recht widersprach, so empfand Ersterer meist Scham; wurde die falsche Empfehlung übernommen, waren Schuldgefühle die Folge.

Schamlos shoppen und trödeln?

Mancher schämt sich dafür, kein Geld zu haben, ein anderer, dass er reich ist. Wie eine Studie von 2019 zeigte, können scheinbar spontane »Pop-up-Stores« die Bereitschaft zum Kauf von Schmuck oder Luxusuhren erhöhen. Das Shopping fühlt sich dann für viele Wohlhabende nicht mehr so prätentiös an.

Eine andere Arbeit untersuchte die Gründe, die Menschen dafür angeben, ihre Zeit mit Nichtstun und Videospielen zu vertrödeln: Sie erklären häufig, es fördere die Kreativität, erhalte die Gesundheit oder habe sonstigen Mehrwert. Solche Schutzbehauptungen lindern offenbar die Scham.

Lunardo, R., Mouangue, E.: Getting over discomfort in luxury brand stores: How pop-up stores affect perceptions of luxury, embarrassment, and store evaluations. Journal of Retailing and Consumer Services 49, 2019; Detering, S.: Alibis for adult play: A Goffmanian account of escaping embarrasment in adult play. Games and Culture 13, 2018

Das wiederum deutet auf eine wichtige soziale Funktion der Scham hin: Sie wirkt beschwichtigend und hilft dabei, beschädigte oder gefährdete Beziehungen zu anderen wieder zu festigen. In die gleiche Richtung weisen Ergebnisse einer Untersuchung von 2018, die Psychologen um Ruida Zhu von der Universität Peking durchführten. Sie ließen Probanden an einen Augenblick tiefer Scham in ihrem Leben zurückdenken und diesen schriftlich niederlegen. Anschließend gaben die Teilnehmer Auskunft darüber, welche Gefühle sie mit der Episode verbanden. Im nächsten Schritt wurden sie dann in Teams eingeteilt, die miteinander das Ultimatumspiel spielten.

Bei diesem unter Sozialforschern beliebten Testverfahren teilt je ein Mitspieler eine gegebene Geldsumme (in diesem Fall: zehn Yuan) in zwei Teile auf, und ein anderer darf wählen, ob er den ihm überlassenen Betrag annimmt oder ablehnt – schlägt derjenige ein Angebot aus, gehen beide leer aus.

Scham macht gefügig

Alle Teilnehmer spielten in dem Experiment paarweise reihum – jedoch erst, nachdem (angeblich) jeder die peinlichen Geschichten der anderen gelesen hatte, wie die Forscher einem Teil der Probanden erklärten. Das Prozedere zeigte, wie sehr Scham soziale Aggressionen zu dämpfen vermag: Denn wer glaubte, der andere kenne sein schambehaftetes Geheimnis, der akzeptierte im Schnitt geringere Beteiligungen und war weniger ungehalten, wenn er mit Almosen von nur ein oder zwei Yuan abgespeist wurde.

Vermutlich liegt darin der tiefere evolutionäre Zweck der Scham: Sie sorgt dafür, dass wir uns innerhalb einer Gruppe oder in sozialen Konkurrenzsituationen eher unterordnen und duldsam zeigen, was wiederum die Chance erhöht, die Beziehung zu anderen intakt zu halten oder zu reparieren. Wohl aus einem ähnlichen Grund greifen Menschen in gesellschaftlichen Debatten so gern zum Mittel der Beschämung: Zieht sich der andere nämlich »den Schuh an«, fühlt sich ertappt oder beschämt, so stellt sich häufig der so genannte »chilling effect« ein: Der Empfänger der Scham vertritt seine Position oder Interessen dann zunächst weniger vehement und ist nachgiebiger.

Doch warum soll dieser Zug ins Submissive gut sein? Wäre es nicht besser, man schüttelte die Scham ab und träte stattdessen stolz und selbstbewusst auf ? Wer aus Scham alles mit sich machen lässt, wird doch kaum glücklich, oder?

Jein! Es mag dem westlichen Ideal der Stärke und Durchsetzungskraft entsprechen, dass nur dominante Zeitgenossen, die nie klein beigeben, erfolgreich sein können. Und sicherlich ist das krasse Gegenteil davon, also dauernde, bohrende Scham, kein erstrebenswerter Zustand. Doch allein die Fähigkeit, Scham zu empfinden, fungiert laut Forschern als Alarmanlage, die uns anzeigt, wenn unser Ansehen zu sinken droht, so dass wir ausgeschlossen und benachteiligt werden könnten.

Genau das blüht beispielsweise Narzissten, die zwar für ihr schamloses Treiben oft beneidet werden, in Wahrheit aber meist einen hohen Preis in Form von Ausgrenzung und mangelnder Kooperation dafür zahlen. Mit waschechten Narzissten will kaum jemand enger zu tun haben.

Das Muster dahinter ist an sich nicht ungewöhnlich: Viele soziale Emotionen wie Neid, Missgunst oder eben Scham gewinnen ihre Kraft dadurch, dass sie unangenehm sind und uns motivieren, unser Verhalten gegenüber anderen anzupassen, erklären der Psychologe Keltner und sein Kollege James Gross in einem Übersichtsartikel. Das mit der Scham verbundene Unbehagen ist kein Fehler, sondern hilft dabei, Konflikte zu entschärfen und soziale Probleme zu lösen.

Gemäß dieser so genannten Information-Threat-Theorie dient Scham dazu, die eigene Reputation zu erneuern. Der Auftrag lautet: Vermeide Nachteile, die dir daraus erwachsen, dass dein Ruf in der Gemeinschaft beschädigt ist! Zeige dich geknickt, stimme andere gnädig und stelle so deine Vertrauenswürdigkeit wieder her!

Vermeide Nachteile, die dir daraus erwachsen, dass dein Ruf beschädigt ist!

Wobei man – nebenbei bemerkt – das auch bloß symbolisch tun kann: Wie viele Rituale und Gesten, von der Verbeugung bis hin zur wortreichen Selbstkritik, dienen dem Befrieden von Konflikten, ohne dass eine ehrlich empfundene Scham dahintersteckt? Nicht jedes »Mea culpa!« kommt von Herzen; Menschen tun oft nur so, als schämten sie sich, wenn das opportun erscheint.

Ein Motor für soziale Annäherung und Beziehungspflege

Entgegen der lange Zeit vorherrschenden Sichtweise ist Scham also nicht nur negativ. Sie führt entsprechend auch nicht zwangsläufig dazu, dass die Betreffenden sich sozial zurückziehen, sich abkapseln oder gar depressiv werden. Das fand etwa die Psychologin Ilona de Hooge von der Universität Wageningen in den Niederlanden in mehreren Studien heraus.

Gemäß ihren Befunden geht ein erhöhtes Schamempfinden im Schnitt mit sozialer Annäherung und Zugewandtheit einher, macht kompromissbereiter und anpassungsfähiger – vorausgesetzt, die jeweilige Beziehung zu anderen erscheint reparabel. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn man trotz aller Scham glaubt, es beim nächsten Mal besser machen oder sich geschickter in Szene setzen zu können.

Eine große Metaanalyse von 90 Studien mit insgesamt mehr als 12 000 Teilnehmern bestätigte im Jahr 2015 dieses Fazit auf einem breiten empirischen Fundament. Die Psychologen Colin Wayne Leach von der Columbia University in New York und Atilla Cidam von der University of Connecticut erklärten darin, dass lediglich Menschen, die von besonders tief greifender, pathologischer Scham betroffen sind, die Aussicht auf ein »besseres Ich« versperrt zu sein scheint. In aller Regel unterstützt die Scham uns dabei, das eigene Ver- halten und Ansehen neu zu justieren. Nicht umsonst stellt sich Scham bei Mitgliedern fast jeder sozialen Gemeinschaft ein, wenn jemand aus dem Rahmen fällt und Dinge tut, die sich nicht gehören oder allgemein als falsch gelten. Es ist die Quittung für das Scheitern an eigenen oder fremden Ansprüchen.

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Und auch das dürfte mit ein Grund für die derzeitige Inflation der Scham sein. In unserer modernen Informationsgesellschaft wähnen sich viele Menschen beinahe umzingelt von Ansprüchen verschiedenster Art: klimagerecht leben, sich nicht gehen lassen, nicht rauchen oder ungesund essen, die Bedürfnisse anderer achten, Rücksicht nehmen, »sensibel« sein … Wer davon abweicht, dem sind Schamgefühle entweder fremd oder er nimmt sie halb zähneknirschend, halb billigend in Kauf.

Was folgt aus alldem? Psychoratgeber sind meist voller Tipps, wie man sich von Schamgefühlen befreit. Das mag sinnvoll sein, wenn sie einen laufend (und völlig grundlos) verfolgen. Allerdings ist es gar nicht so erstrebenswert, dem peinlichen Unbehagen ganz zu entfliehen. So befreiend dies auf den ersten Blick wirkt, ein gewisses Maß an Scham zahlt sich in der Regel aus. Denn es ist eine gute Voraussetzung dafür, dass wir sicher durch den sozialen Kosmos navigieren.

LITERATURTIPP

Pfaller, R.: Zwei Enthüllungen über die Scham. S. Fischer, 2022 Philosophische Betrachtung der aktuellen Konjunktur der Scham (siehe Rezension in Gehirn&Geist 12/2022, S. 76)

QUELLEN

Billingham, P., Parr, T.: Enforcing social norms: The morality of public shaming. European Journal of Philosophy 28, 2020

Keltner, D.: Evidence for the distinctness of embarrassment, shame, and guilt: A study of recalled antecedents and facial expressions of emotion. Cognition and Emotion 10, 1996

Leach, C. W., Cidam, A.: When is shame linked to constructive approach orientation? A meta-analysis. Journal of Personality and Social Psychology 109, 2015

Tangney, J. P. et al.: Proneness to shame, proneness to guilt, and psychopathology. Journal of Abnormal Psychology 101, 1992

Volpato, E. et al.: The »common« experience of voice-hearing and its relationship with shame and guilt: A systematic review. BMC Psychiatry 22, 2022

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/2071329