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GYSI CONTRA VAATZ – EIN LINKER UND EIN KONSERVATIVER DEBATTIEREN: Das bewegte Leben des Erich H.


SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 22/2019 vom 23.05.2019

Das Thema Vor genau 25 Jahren starb SED-Chef Erich Honecker im Exil in Chile. Anlass für unsere Kolumnisten zu einer kritischen Betrachtung


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Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 22/2019

Gregor Gysi


Der Linke aus Berlin

Gregor Gysi, 71, Die Linke, Präsident der Europäischen Linken und Mitglied des Deutschen Bundestags für Die Linke

Mit Erich Honecker bleibt das Scheitern des Staatssozialismus in der DDR untrennbar verbunden. Er steht mit seiner politischen Karriere für einen der sehr vielen Nachteile einer Diktatur – das Fehlen des demokratischen Wechsels. Dadurch kam er Anfang der Fünfzigerjahre ins Politbüro und wäre ohne die Erhebung der Bevölkerung ...

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... 1990 mit Sicherheit noch mal für fünf Jahre zum Generalsekretär der SED bestimmt worden. Einflüsse und Ideen von unten und von außen kamen kaum an die Machtzentrale heran. Auch deshalb musste die DDR zusammenbrechen. Entscheidend dafür, dass das System vor dem Selbstbefreiungsdrang der Menschen implodierte, war neben der Unfähigkeit, den ökonomischen Wettbewerb mit dem Westen zu gewinnen, vor allem die Unfähigkeit der SED-Führung und Honeckers im Besonderen, die Reformen in der Sowjetunion, die Demokratie als Chance und nicht als Bedrohung wahrzunehmen. Es wäre falsch, ihn, der aktiv gegen den Hitlerfaschismus kämpfte, für alle Übel dieser Welt verantwortlich zu machen, wie es der teilweise unwürdige Umgang mit ihm nach seinem Sturz, in der Gerichtsverhandlung gegen ihn bis zu seiner Ausreise nach Chile nahelegte. Der Versuch, Wohnungsnot mit einem Wohnungsbauprogramm zu lösen, steht für den sozialen Anspruch seiner Politik, die allerdings zu wenig von der Wirtschaftskraft der DDR getragen war. Die Mauer, deren Grenzregime er maßgeblich mit verantwortete, war mit den Toten und Verletzten sichtbarster Ausdruck der Blockkonfrontation, mit der sich auch der Westen immer mehr arrangierte, je länger sie stand. Für den Osten allerdings markierte sie das Versagen bei dem Versuch, eine menschliche soziale demokratische Alternative zum Kapitalismus zu wagen. Erich Honecker ist wesentlicher Teil dieses Versagens, das bis heute fortwirkt.


„… die Unfähigkeit Honeckers, Demokratie als Chance und nicht als Bedrohung wahrzunehmen“


Der Verfolgte

Der 1912 geborene Bergarbeitersohn wurde als kommunistischer Untergrundkämpfer 1935 von der Gestapo verhaftet. Er saß bis 1945 in Nazi-Haft. DDRForscher Martin Sabrow nimmt Honecker vor dem Vorwurf, er habe sich mit Aussagen gegen Kommunisten sein Leben erkauft, in Schutz: „Dieser Teil seines Lebens kann auch demjenigen Respekt abnötigen, der für seinen politischen Weg wenig Sympathie empfindet.“

Honecker als FDJChef Anfang der 50er


Honecker als Politbüromitglied bei DDR-Grenzern kurz nach dem Mauerbau 1961


Der ehrgeizige Partei-Stratege und Mauerbauer

1946 war Honecker einer der Mitgründer der sozialistischen Jugendorganisation FDJ und wurde deren Vorsitzender. Er galt als Organisationstalent. 1958 stieg er ins Politbüro des ZK der SED auf und war als der ZK-„Sekretär für Sicherheitsfragen“ maßgeblicher Mitorganisator des Baus der Berliner Mauer 1961. Seit Mitte der 60er-Jahre sägte er am Stuhl seines langjährigen Förderers Walter Ulbricht und wurde 1971 als dessen Nachfolger selbst SED-Chef.

Honecker mit dem sowjetischen Staatsund Parteichef Leonid Breschnew 1979


Der Staats- und Parteichef

Seit 1971 an der Macht, startete er ein Wohnungsbauprogramm und wollte auch die Versorgungslage verbessern. Er scheiterte – auch weil es mit der Sowjetunion bergab ging. Deshalb richtete er die Wirtschaft der DDR auf Exporte in den Westen aus. Die Verfolgung Andersdenkender und das Mauerregime gingen unter ihm weiter. Ein Triumph war sein Besuch in Bonn 1987 (Foto). Die vom sowjetischen Parteichef Gorbatschow seit 1985 betriebene gesellschaftliche Liberalisierung lehnte er ab.

Der Gestürzte

Unter dem Druck der friedlichen Revolution zwang ihn das Politbüro am 18. Oktober 1989 zum Rücktritt. 1991 floh er nach Moskau, erlebte dort den Untergang der Sowjetunion. 1992 stellte er sich der deutschen Justiz, stand mit anderen SED-Größen wegen der Mauertoten vor Gericht. Schwer krebskrank, wurde er 1993 entlassen und durfte nach Chile ausreisen

Honecker und Stasi-Chef Mielke 1992 auf der Anklagebank


Eine DDR-Fahne schmückte bei der Trauerfeier 1994 seinen Sarg


Der Exilant

In Chile warteten schon Ehefrau Margot, seine mit einem Chilenen verheiratete Tochter Sonja und die Enkel Vivian und Roberto auf ihn. In einem von den Honeckers gekauften Haus lebte er bis zu seinem Tod am 29. Mai 1994. Seine Frau Margot starb 2016. Beide wurden eingeäschert. Laut Enkel Roberto haben sie bis heute kein Grab. Das enthüllte er 2018 in seinem im Insel-Verlag erschienenen Buch „Ich war der letzte Bürger der DDR“, in dem er mit einigen Privat-Fotos (rechts) Einblick in das kurze Exil-Leben Honeckers gab.

Mit Ehefrau Margot 1993 bei einem Ausflug in den chilenischen Anden


Arnold Vaatz


Der Konservat i ve aus Sachsen

Arnold Vaatz, 63, 1989 Mitgründer des Neuen Forums in Dresden, heute CDU-Politiker aus Sachsen und einer der Vize-Vorsitzenden der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion

Ludwig Erhard war Vater der sozialen Marktwirtschaft, deren Erträge die Kosten der Wiedervereinigung deckten. Franz Josef Strauß erzwang das Verbot einer völkerrechtlichen Anerkennung der DDR durch das Bundesverfassungsgericht und rettete so die Rechtsgrundlage für die deutsche Einheit. Imre Nagy 1956 und Alexander Dubček 1968 versuchten, ihre Länder zu demokratisieren. Bei allem, wofür sich diese Personen einsetzten, stand Honecker auf der Gegenseite. Als den Ostdeutschen nach dem erfolglosen Volksaufstand vom 17. Juni 1953 nichts weiter übrig blieb, als mit den Füßen abzustimmen, sperrte Honecker sie ein, indem er den Mauerbau leitete. Als Ulbricht klapprig genug war, schob er ihn beiseite. Fasziniert schrieb der West-Historiker Sabrow: Honecker habe eine „Machtfülle wie kein anderer Herrscher in der jüngeren deutschen Geschichte“ erlangt, „Ludendorff und Hitler eingeschlossen“. Einige verehren eben Diktatoren. Fleißig wird das Heldenelement in Honeckers Leben ergraben: „Und trotzdem bleibt da ein Rest von Respekt / Es haben dich die verfluchten Faschisten / Elf Jahre in Brandenburg eingesteckt.“ So dichtete Biermann. „Alle Achtung!“- möchte man sagen. Nur: Honecker kannte solche Biermannsche Art von Respekt kaum und verdient ihn deshalb selber auch nicht: Seinem Knastkumpel Robert Havemann, den die Nazis zum Tode verurteilten, brummte er in der DDR 20 Jahre Berufsverbot und drei Jahre Hausarrest auf. Aber ob Honecker nun eine große Leuchte war oder nicht – offenbar ist sein Todestag für viele ein geistiger Wallfahrtstermin. Für jene, die – wie seine Parteinachfahren im Bundestag – so tun, als seien sie nun Demokraten, aber ausweislich ihrer Sympathie für die Castros, Maduros und Assads schon morgen genau dort weitermachen würden, wo Honecker aufgehört hat, wenn man sie nur ließe.


„Honecker kannte solche Art von Respekt kaum und verdient ihn deshalb auch selber nicht“