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Haben die Anti-Corona-Maßnahmen uns mehr genutzt oder geschadet?


raum&zeit - epaper ⋅ Ausgabe 227/2020 vom 26.08.2020

Auch wenn die strengen Corona-Maßnahmen langsam wieder gelockAuch gelockert werden, sitzt uns der Schreck noch in den Knochen. In fast allen europäischen Ländern herrschten Lockdown oder Ausgangsbeschränkungen. Schulen, Kindergärten, nicht systemrelevante Geschäfte mussten schließen. Altenheime und Pflflegeeinrichtungen wurden zu Hochsicherheitstrakten. Wir durften unsere Freunde und Familienangehörige nicht mehr besuchen. Was hat das mit uns gemacht? Waren die Maßnahmen aus Sicht der Psychoneuroimmunologie angemessen?


Psychoneuroimmunologie

Artikelbild für den Artikel "Haben die Anti-Corona-Maßnahmen uns mehr genutzt oder geschadet?" aus der Ausgabe 227/2020 von raum&zeit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: raum&zeit, Ausgabe 227/2020

raum&zeit-Interview mit Prof. Dr. Dr. Christian Schubert, ...

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... Innsbruck, von Angelika Fischer, Wolfratshausen


© Maridav/Adobe Stock

raum&zeit: Die politisch verordneten Maßnahmen im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes sollten die Ausbreitung von Sars-CoV-2 verlangsamen und unserer Gesundheit dienen. Sie brachten viele Menschen jedoch auch in psychische Ausnahmesituationen. Zu welchen psychischen Problemen mit unter Umständen ernsten gesundheitlichen Folgen haben die verordneten Maßnahmen zum Infektionsschutz bisher geführt?

Prof. Dr. Dr. Christian Schubert: Prinzipiell ist es so, dass während Epidemien die Zahl von Menschen mit psychischen Störungen höher ist als sonst. Zusätzlich zur realen (Todes)Angst, aber auch irrationalen Ängsten/Angsterkrankungen und weiteren psychiatrischen Auffälligkeiten wie Depressionen und Zwangserkrankungen sind die verordneten Maßnahmen zum Infektionsschutz und die damit einhergehende Covid-19-Krise mit verschiedenen daraus erwachsenen Stresssituationen verbunden. Durch die Quarantäne wurden viele Menschen, die sowieso schon an ihrer sozialen Isolation litten, noch mehr isoliert. Dies kann ein Grund für die Entstehung von Depression sein. Der Druck auf Familien wuchs ebenso durch die Quarantäne, Kinder konnten nicht ihrer natürlichen Entwicklung mit Schule, Spiel und Sport nachgehen, sondern mussten sich unnatürlicherweise in ihren Wohnungen aufhalten. Dort wiederum dürften einige von ihnen auf Eltern getroffen haben, die selbst enorm gestresst waren. Entweder durch die Mehrfachbelastungen, die aus Home-Office und Kinderbetreuung erwuchs, oder aus der Tatsache, dass in weiterer Folge Kurzarbeit, Jobverlust und Arbeitslosigkeit drohen. Mit all den damit einhergehenden psychischen Reaktionen wie Existenzangst, Depression und Aggression. Hier liegt es nahe anzunehmen, dass die Gewalt in den Familien während der Quarantänezeit anstieg.

Gewalt und Traumata

r&z: Um welche Formen von Gewalt handelt es sich hierbei? Prof. Sch.: Einerseits handelt es sich um die Gewalt gegen sich selbst in Form von gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen wie erhöhtem Alkohol- und Rauchkonsum, schlechtem Essen und wenig Bewegung. Die Rate der Suizidversuche ist in manchen Teilen der USA innerhalb von vier Wochen auf Werte geschnellt, die sonst im ganzen Jahr zu verzeichnen sind. Andererseits kam es vermehrt zu Gewalt gegenüber den Familienmitgliedern, mit denen man zum Teil auf engstem Raum zusammenleben musste. Diese ist nachgewiesenermaßen in der Quarantänezeit angestiegen. Damit verbunden die Traumatisierung der Schwachen und Hilflosen. Gerade Kinder sind besonders anfällig, nachhaltige gesundheitliche Folgen nach emotionalen, körperlichen und sexuellen Traumatisierungen zu entwickeln. In manchen Teilen Deutschlands haben sich die Gewaltdelikte in den Familien während des Corona-Shutdowns verdoppelt. Das Immunsystem von Kindern ist noch in Entwicklung begriffen. Kommt es hier zu schwerer psychischer Belastung, kann sich diese über die stressverarbeitenden Systeme des kindlichen Organismus auf die Immunaktivität auswirken. Die zelluläre Immunreaktion ist vermindert, die Gefahr von viralen Infektionen steigt an. Viele Kinder dürften also paradoxerweise mit geschwächter Immunität aus der Covid-19-Krise kommen und nun selbst anfällig gegenüber dem Virus geworden sein. Das gilt natürlich auch für gestresste Erwachsene.

Univ.-Prof. Dr. Dr. Christian Schubert

Arzt, Psychologe, Psychotherapeut, Universitätsprofessor an der Medizinischen Universität Innsbruck, Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie (PNI) an der Univ.- Klinik für Med. Psychologie Innsbruck, Mitbegründer der Arbeitsgruppe für Psychoneuroimmunologie des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM), Vorstandsmitglied der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM) http://www.christian-schubert.at/

r&z: Sind noch weitere negative Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit durch die Anti-Corona-Maßnahmen zu befürchten?

Prof. Sch.: Die Forschung hat zeigen können, dass mit jeder traumatischen Erfahrung, die Kinder erfahren, ein Lebenszeitverlust von etwa drei Jahren verbunden sein kann. Traumatisierte Kinder haben ein erhöhtes Risiko, im Erwachsenenalter schwere Entzündungserkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, der Lunge, der Leber, des Darms usw. zu entwickeln, da es über die Störung ihres Stresssystems langfristig zu gefährlichen Entzündungsanstiegen kommen kann. Diese Folgen können durch eine Psychotherapie abgemildert werden. Allerdings kostet das den Staat Geld, das er nun wohl nach all den gesetzten Maß- nahmen gegen die Pandemie nicht mehr in dem Ausmaß haben wird. Dann gibt es noch die Angst der Vorerkrankten in die Klinik oder zu Ärzten zu gehen, um sich medizinisch versorgen zu lassen. Das hat nicht in der Weise stattfinden können, wie es nötig gewesen wäre. Auch hier sind langfristige Gesundheitsfolgen zu befürchten. Zusammen genommen lässt sich annehmen, dass die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des SARS-CoV-2 der Bevölkerung langfristig mehr Lebensjahre kosten werden als das Virus selbst.

r&z: Überraschender Weise ist die Zahl der Herzinfarkte in der Corona-Krise gesunken. Woran liegt dies Ihrer Meinung nach?

Prof. Sch.: Ja, die Anzahl der Herzinfarkte ist sogar um 40 Prozent gesunken. Jedoch lässt sich diese Entwicklung als paradox sehen und bei paradoxen Erscheinungen in der Medizin steckt häufig die Psyche dahinter. Zum Beispiel dass die Menschen aus Angst vor Covid-19 nicht in die Klinik gingen und kardiologische Beschwerden lieber übergingen, sie anderen Ursachen zuschrieben, vielleicht sogar Covid-19 selbst. Oder aber die vielen „fehlenden“ Herzinfarkte auf den kardiologischen Stationen waren nun in anderen Abteilungen zu finden, wo sie dann auch als Covid-19-Todesfälle verzeichnet wurden. Kritiker wenden ja ein, dass Covid-19 hauptsächlich Vorerkrankte, also auch Herzerkrankte, versterben ließ.

Chance für neues Denken?

r&z: Unter ganzheitlichem Blickwinkel bieten Herausforderungen im Außen immer die Möglichkeit, sich innerlich noch mehr zu heilen. Bot die psychisch für viele Menschen sehr schwierige Situation von daher auch Potenzial?

Interview-Tipp

Ergänzend finden Sie ein raum&zeit- Video-Interview mit Univ.-Prof. Dr. Dr. Christian Schubert über folgenden Link auf unserem Youtube-Kanal: https://youtu.be/ wR4U7gAURXI

Herausfordernd für alle Beteiligten: Homeoffice mit kleinem Kind.


Prof. Sch.: Definitiv. Zumindest hat man als gestresste Person, ich zähle mich da leider dazu, sehr schön sehen können, wie wunderbar ein Leben ohne die vielen zumeist hausgemachten Verpflichtungen sein kann. Alles war im Shut- und Lockdown. Dabei hat sich meine Natur erholt. Ich habe das an psychischen und körperlichen Reaktionen gemerkt. Ich fühlte mich befreit. Ich finde auch die derzeitige Situation unglaublich anregend für den Geist. Ich denke viel nach und gebe Interviews. Die Entspannung gilt auch für unsere Umwelt. Man denke an die auftretenden Wildtiere in den Großstädten, das Aufklaren des Himmels über luftverschmutzten Erdbereichen. Ich fürchte aber, dass die Covid-19-Krise noch nicht das war, was uns alle wirklich zum Umdenken und anders Handeln bringen kann. Dazu war sie dann doch zu schwach. Eher glaube ich an das Gegenteil: Die Gesellschaft wird noch stärker als davor am Gängelband der Industrie hängen. Man hat ja deutlich gesehen, wie die Angst der Bevölkerung vieles ermöglicht hat, die Einschränkung der Grundrechte, ein prinzipielles Ja zur Impfung, ein gewachsener Zuspruch jenen Politikern, Mediziner und Medienleuten gegenüber, die uns die Covid-Krise eingebrockt haben. Von besserer Welt also keine Spur.

Der menschlichere Weg Schwedens

r&z: Schweden ging in der Krise einen Sonderweg. Was war dort anders? Hat die Regierung dort mehr Achtung vor der Selbstverantwortung der Bürger? Wie ist dort die Bilanz?

Prof. Sch.: Schweden hat, wenn man so sagen will, als Reaktion auf das neuartige Corona-Virus ein, in Bezug auf Harald Walach von der Medizinischen Universität Poznan, Polen, anderes Narrativ verwendet: Der Bevölkerung wurde zugestanden, selbstverantwortlich darauf zu achten, dass jene Menschen geschützt werden, die alt und krank sind, während alle anderen, vor allem die Jungen, eine Herdenimmunität entwickeln sollten. Wie bei allen Projekten war auch dieses nicht fehlerfrei. Man merkte erst durch die Funktionsbelastung des Systems, dass die ökonomisierte und schlecht ausgerüstete Pflegebranche nicht darauf vorbereitet war, ihre Senioren angemessen zu schützen. So starben mehr alte Menschen als man erwarten konnte. Aber nochmals: Indem man den Menschen nicht unnötig verängstigte und das Gefühl vermittelte, völlig hilflos einem Killer-Virus ausgesetzt zu sein, sondern den Wirt, also den Menschen als verantwortungsbewusster Experte für seine Gesundheit in den Mittelpunkt stellte, war der Weg der Schweden ein menschlicherer. Eine ausgewogene Risikokommunikation, die auch die Resilienz des Wirts in die Rechnung miteinbezieht, stärkt wie auch die Selbstverantwortung und -wirksamkeit gerade jene Immunfaktoren, die bei der Abwehr des Corona-Virus von entscheidender Bedeutung sind. Anders Tegnell sollte den Nobelpreis für Medizin bekommen, das wäre ein schönes Zeichen für eine bessere Medizin.

Brandbeschleuniger Angst

r&z: Hätten die Regierungen vor der Verordnung der Maßnahmen zum Infektionsschutz Ihrer Meinung nach die Einschätzungen von Psychologen beziehungsweise Psychoneuroimmunologen stärker berücksichtigen müssen?

Prof. Sch.: Ohne Frage, das hätten sie tun müssen. Dann wäre deutlicher geworden, dass die Konfrontation mit dem neuartigen Corona-Virus eine weitaus komplexere Situation ist, die mit diversifizierteren Maßnahmen zu begegnen gewesen wäre. Es geht doch nicht nur um das Virus! Oder genauer: Es geht doch nicht nur um den biologisch-stofflichen Anteil vom Virus. Das Konzept der „epidemischen Psychologie“ geht davon aus, dass mit rasanter Geschwindigkeit beim ersten Auftreten von Infektionsfällen Millionen von Menschen über diverse Medien psychologisch infiziert werden. Schnell geraten Menschen in Angst und Panik und schnell beginnen sie Ursachen für die Epidemie zu suchen. Das kann dann soweit führen, dass auch Minderheiten für den Ausbruch verantwortlich gemacht werden, oder Ausländer. Diese Stigmatisierung oder gegebenenfalls Diskriminierung kann dann über Stress und eine damit verbundene Immunsuppression das Risiko für weitere Infektionen und Erkrankungen erhöhen. Ein Teufelskreis, eine Art Brandbeschleunigung, die zum Ausbreiten einer Pandemie beitragen kann. Dass dies von den Beraterstäben, den Regierungen und den Medien nicht berücksichtigt wurde, ist charakteristisch für die eklatant verfehlte Risikokommunikation. Im Gegenteil, es wurde auch noch Angst geschürt, wohl um die Bevölkerungen in Hinblick auf die Maßnahmen gefügig zu machen und auch um die wahrscheinlich selbst aus Angst so drastischen Maßnahmen rechtfertigen zu können. An der Feierlaune der Menschen nach dem Lockdown sieht man bereits, wie kurzsichtig und eindimensional agiert wurde. Die Menschen, vor allem die Jungen, nehmen die Regierungsmaßnahmen nicht ernst - zu sehr klafft auseinander, was angedroht wurde und wie die Erkrankungsrealität dann aussah.


Anders Tegnell sollte den Nobelpreis für Medizin bekommen, das wäre ein schönes Zeichen für eine bessere Medizin.


Buchtipp

Christian Schubert: „Was uns krank macht - was uns heilt: Aufbruch in eine neue Medizin. Das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele besser verstehen“, Korrektur Verlag, 2019, geb., 24,-€, ISBN: 978- 3950447668

Für viele plötzlich eine drängende Frage: (Wie) geht es beruflich weiter?


© fotogestoeber/Adobe Stock

r&z: Haben Sie den Eindruck, dass psychosomatischen Aspekten in unserem Medizinsystem generell zu wenig Bedeutung beigemessen wird?

Prof. Sch.: Ja, natürlich. Über 300 Jahre ist es nun her, dass man Körper und Seele trennte, um in der Medizin Fortschritte zu erlangen. Noch heute wird der Mensch wie eine Maschine gesehen und behandelt. In Diagnostik, Klinik und Forschung. Ein Desaster. Diese maschinenideologische Sicht in der Medizin wird von einer Reihe von erkenntnistheoretischen Irrtümern geprägt. Dualismus, Reduktionismus, Mechanizismus, Objektivismus etc. Psychosomatik kann hier nicht angemessen integriert werden. Sie führt in der Medizin immer noch ein Randdasein. Das betrifft natürlich auch artverwandte Disziplinen wie die Psychoneuroimmunologie. Charles Rosenberg, der Medizinhistoriker, geht davon aus, dass Pandemien, wie wir sie gerade im Rahmen der Covid- 19-Krise erleben, die ganzen Missstände einer Weltsituation schonungslos offenlegen, eine Art Stresstest, bei dem alle so reagieren, wie sie wirklich sind. Und die Medizin hat so reagiert, wie sie wirklich ist, nämlich dualistisch, indem das größere Ganze des Menschen, seine Komplexität nicht mitbedacht wurde. Die derzeitige Form der Aufklärung in der Medizin ist längst veraltet, wir brauchen eine neue Aufklärung, das hat mir die Covid-19-Krise nochmals drastisch vor Augen geführt. Dafür bin ich ihr auch immens dankbar.

Für eine Kultur der Akzeptanz

r&z: Was, denken Sie, ist der Grund dafür, dass sich das mechanistische Menschenbild so hartknäckig hält?

Prof. Sch.: An erster Stelle der Mensch selbst. Wir brauchen eine neue Kultur der Akzeptanz und Integration von Komplexität in unser Leben. Die Natur ist komplex. So denken wir aber nicht, so sind wir nicht erzogen und so gehen wir auch nicht miteinander um. Wenn ich von Komplexität in der Medizin spreche, dann meine ich unbewusste Prozesse und nicht-lineares Denken. Viele psychisch belastete Menschen, vor allem die Traumatisierten, werden aufgrund ihrer unbewussten Widerstände nicht angemes- sen, nämlich mit Hilfe von Psychotherapie behandelt. Psychotherapie ist für sie ein Teufelszeug, das ihnen Angst macht, ihre Traumata aufdeckt. Eine Medizin, die Körper von der Seele spaltet, und diesen Menschen keine Alternative anbietet, einen sanften, empathischen Zugang zu ihren traumatischen Erlebnissen ermöglicht, ist falsch. Sie ebnet den Weg für den Missbrauch in der Medizin, zum Beispiel durch die Industrie und die Ökonomisierung. Medizin muss sich an allererster Stelle um den Menschen bemühen. Das tut sie viel zu wenig, schon seit längerer Zeit.

r&z: Wie könnte die Entwicklung zu einem ganzheitlicheren Selbstverständnis und Menschenbild in unseren Gesellschaften gestärkt werden? Was würden Sie sich wünschen?

Prof. Sch.: Ich würde mir wünschen, dass Psychodynamik und Systemtheorie als Pfeiler einer neuen Medizin Anerkennung finden. Dass das Unbewusste und die nicht-lineare Dynamik ihren zentralen Platz in der Medizin erhalten. Dann würden wir uns endlich befreit sehen von dumpfen Tendenzen der Medizin, etwa, dass wir verzweifelt nach dem Verum-Effekt eines Medikaments suchen, wo dieser doch - ich zitiere gerne nochmals Harald Walach - untrennbar auf den Schultern des Riesen, nämlich des Placebo- Effekts sitzt. Wir würden Medizinstudenten nicht mit 90 Prozent Detailwissen über die Körperphysiologie konfrontieren, sondern 90 Prozent Psychologie, Soziologie, Philosophie, Psychoanalyse und Kulturwissenschaften lehren. Wir würden die medizinische Forschung revolutionieren, indem wir das Design der randomisierten kontrollierten Studie (RCT), welches die Komplexität menschlichen Lebens völlig negiert, endlich auf den wissenschaftlichen Müllhaufen werfen und neue, ganzheitliche Forschungsansätze implementieren.

Die Autorin

Angelika Fischer (M. A.), geb. 1969, Redakteurin bei raum&zeit, hat in München Neuere Deutsche Literaturwissenschaft studiert, ist Physiotherapeutin und Heilpraktikerin (Psychotherapie).