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HABIT IHR UNS SCHON VERMISST?


Der Hund - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 04.03.2020

Der moderne Mensch entwickelte sich vor mindestens 200.000 Jahren. Zecken haben einen kleinen Vorsprung: Sie existieren seit 350 Millionen Jahren. Viel ist über sie schon bekannt, einige Rätsel gilt es noch zu knacken. Wir haben Zecken-Facts gesammelt, mit Experten über aktuelle Entwicklungen gesprochen und nachgefragt: Wie lautet die Prognose für 2020?


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Die momentan älteste bekannte Zecke, Ablyomma birmitum, ist in circa 100 Millionen Jahre altem Burmesischem Bernstein eingeschlossen.


Foto: Dr. Chitimia-Dobler, Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr

Luftdicht eingeschlossen in Bernstein – so haben ...

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... einige Zecken die Jahrmillionen überstanden. Weltweit sind 22 Schildzecken-Exemplare bekannt, 13 davon befinden sich in München. Gesammelt hat sie ein Wissen schaftler-Ehepaar: Dr. Lidia Chitimia-Dobler, Tierärztin und Zeckenexpertin, und Dr. Gerhard Dobler, Mikrobiologe bei der Bundeswehr und Koordinator des Projekts TBENAGER (Tick-Borne Encephalitis in Germany). In diesem untersucht er mit Partnern des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie der Universitäten Hohenheim, Leipzig, München, Hannover und Magdeburg die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Die älteste der Bernsteinzecken hat circa 100 Millionen Jahre auf dem Buckel. Das Verrückte: Sie sieht im Vergleich zu den Parasiten, die unsere Hunde und uns heutzutage plagen, kaum anders aus. „Wir können jede dieser Zecken in Bernstein eindeutig den heute noch vorkommenden Gattungen zuordnen“, sagt Dr. Dobler. Körperlich verändert haben sich die Blutsauger im Laufe der Zeit nur wenig, aber sich wandelnde Lebens bedingungen betreffen auch die erfolgsverwöhnten Krabbler.

Deutschlands Zecken

Momentan sind weltweit ca. 910 Zeckenarten bekannt. Davon kommen etwa 60 in Europa vor und 20 in Deutschland. Auf unsere Hunde abgesehen haben es vor allem der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) und die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus), die zur Gruppe der sogenannten Buntzecken gehört. Beide bevorzugen es eher feucht, was hierzulande in der Vergangenheit durchaus gegeben war. Der Holzbock ist die in Deutschland häufigste Zecke. Er kann Erreger übertragen, die zu Anaplasmose, Borreliose und FSME führen. Die Zahl der Zecken mit den gefährlichen Einzellern, Viren und Bakterien an Bord variiert regional.

Die Auwaldzecke kommt v. a. im Süden und Osten Deutschlands vor, scheint aber auf dem Vormarsch zu sein. Prof. Dr. Christina Strube vom Institut für Parasitologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover untersucht, wie verbreitet verschiedene Zeckenarten sind: „Die vorläufigen Ergebnisse legen nahe, dass die Auwald zecke sich in Deutschland von Ost nach West ausbreitet. Noch vor einigen Jahren war als Grenze Magdeburg bekannt, mittlerweile finden wir diese Art jedoch auch schon bei Hannover.“ Auch die Braune Hundezecke (Rhipicephalus sanguineus) kann gefährliche Erreger in sich tragen, die Hunde zum Beispiel an Babesiose oder Ehrlichiose erkranken lassen. Sie ist vor allem im Mittelmeerraum heimisch und kam bisher eher als unerwünschtes Urlaubssouvenir zu uns. Es wurden aber auch schon Exemplare an Hunden gefunden, die Deutschland nie verlassen hatten. Das legt nahe, dass die Zeckenart bei uns auch überleben kann. Sie nistet sich noch dazu in Wohnungen ein, wo sie auch kalte Winter übersteht.

Rekordjahre, aber warum?

Das ungewöhnlich heiße, trockene Jahr 2018 gilt als „das Rekordjahr“, was die Zeckenzahlen in Deutschland betrifft, und auch 2019 waren sehr viele der Krabbler unterwegs. Es leuchtet ein, dass Blutsauger wie die Braune Hundezecke von hohen Temperaturen und geringen Niederschlägen profitieren können. Aber weshalb gab es so große Ixodes-Populationen, wenn unsere heimischen Zecken Trockenheit nicht mögen? „Eigentlich waren wir davon ausgegangen, dass sie weniger aktiv sein müssten“, sagt Dr. Dobler. „Aber in unseren Studien sehen wir, dass sie einfach ein anderes Verhalten an den Tag legen.“ Dr. Dobler und seine Kollegen sammeln in Bayern allein pro Jahr durchschnittlich 30.000 Zecken, die auf das FSME-Virus untersucht werden. Bisher hielten sich die Blutsauger vor allem in den Übergangszonen von Wald zu Wiesen auf. „Stattdessen treten die Zecken jetzt vermehrt im Wald auf, wo es wohl noch sehr gute Bedingungen gibt“, hat Dr. Dobler beobachtet.

910

Zeckenarten sind aktuell weltweit bekannt.

60

Zeckenarten kommen in Europa vor.

20

Zeckenarten kommen in Deutschland vor. Davon sind vor allem drei an Hunden zu finden: der Gemeine Holzbock die Auwaldzecke und die Braune Hundezecke.

3.000

8

Als Spinnentiere besitzen erwachsene Zecken sowie Nymphen 8 Beine. Als Larven haben sie 6 Beine.

Bis zu 3.000 Eier können weibliche Zecken (Ixodes ricinus) im Boden ablegen, nachdem sie sich vollgesaugt haben.

16

Erst nach 16 bis 24 Stunden werden durch einen Zeckenstich Borrelien übertragen. Das FSMEVirus hingegen kann direkt nach dem Stich von der Zecke in den Menschen gelangen.

85

Zwischen 85 und 90 Prozent aller in Deutschland registrierten FSME-Fälle werden in Baden-Württemberg und Bayern verzeichnet.

’54, ’74, ’90 …

In Jahren, in denen Fußballweltmeisterschaften stattfinden, gibt es weniger Zeckenstiche. Wir schauen die Spiele an und sind daher weniger oft in der Natur unterwegs.

Ein Impfstoff in Arbeit

In einem Projekt der TU Braunschweig und der University of Rhode Island arbeiten Wissenschaftler an einem Impfstoff gegen Ixodes-Zecken für Menschen. Dabei setzen sie auf den Einsatz von Zeckenspeichelproteinen und den Umstand, dass Menschen, die häufig damit in Kontakt kommen, eine Immunität ausbilden. In der Tiermedizin gibt es bereits einen Impfstoff für Rinder gegen Rhipicephalus-Zecken, der auf einem Zeckenprotein basiert. „Dieser Impfstoff zeigt, dass dies auch für Menschen gegen Ixodes-Zecken gelingen könnte“, sagt Prof. Michael Hust von der TU Braunschweig. Nach dem Stich müssen die Zecken mithilfe der Proteine in ihrem Speichel gegen das Immunsystem des Wirts ankommen. Ist dieses schon darauf vorbereitet, kann es schnell reagieren. Die Zecken werden früh erkannt oder fallen von selbst ab und eine mögliche Übertragung von Erregern wird minimiert.

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Mehr auf Seite 70

Vergangenheit und Zukunft

Die Anpassungsfähigkeit der Blutsauger spielt also eine Rolle. Darüber hinaus wird die Zahl der Zecken eines gegebenen Jahres auch von Bedingungen beeinflusst, die bereits in den Jahren zuvor geherrscht haben. Die Zecken, die 2018 so zahlreich vorkamen, entwickelten sich bereits 2016 und 2017. Relevant war dabei nicht nur das Wetter, sondern auch das Nahrungsangebot für Larven und Nymphen, also den frühen Entwicklungsstadien. Gibt es relativ wenige Nagetiere wie Mäuse, wirkt sich das auf die Parasiten aus, wie Dr. Dobler erklärt: „Vor allem die Larven und vor allem Nymphen saugen an Nage tieren Blut. Gibt es wenige Nagetiere, finden viele Larven und vor allem Nymphen keinen Wirt und überwintern ins nächste Jahr. Die Zeckenzahlen sind dann viel höher, als aufgrund der Berechnungen mit dem Wetter der Vorjahre zu vermuten wär

Zuverlässige Vorhersagen zu künftigen Zeckenzahlen zu treffen, ist aufgrund der Komplexität des Zusammenspiels vieler Komponenten dennoch kaum möglich. Noch dazu unterscheiden sich die relevanten Faktoren regional. Dr. Dobler betont: „Es gibt bisher kein wirklich gut anwendbares Modell, um Vorhersagen machen zu können.“ Um in Zukunft genauere Aus sagen über Zusammenhänge von Zeckenpopulationen und sich ändernden Bedingungen wie zunehmender Trockenheit treffen zu können, sind Langzeitstudien nötig.

Stichwort Hyalomma

2018 wurde erstmalig in Deutschland gehäuft von Hyalomma-Zecken berichtet. Diese stammen aus den Steppenregionen des Mittelmeers und Afrikas. Sie sind größer als Holzbock & Co. und gehen aktiv auf Jagd. Vereinzelte Exemplare hierzulande beschrieben Wissenschaftler bereits 2015. Doch 2018 und 2019 traten die Zecken vermehrt auf. Ob sie wirklich Neuankömmlinge waren, die über Zugvögel zu uns gelangten, oder ob sie schon früher bei uns lebten und nur nicht als Hyalomma-Zecken erkannt wurden, steht nicht fest. „Nachdem wir Bilder ins Netz gestellt hatten, sagten viele Leute, dass sie solche Tiere schon früher gesehen, aber für Spinnen gehalten hatten“, erinnert sich Dr. Dobler. Die Erfahrungen aus 2018 und 2019 zeigen, dass neben den schon lange bei uns heimischen Blutsaugern auch die Hyalomma-Zecken unsere Winter gut überstehen. „Nun haben wir einen noch milderen Winter gehabt. Das heißt, wir müssen davon ausgehen, dass ein ordentlicher Teil dieser sich 2019 entwickelten Zecken überlebt hat und 2020 aktiv sein wird“, sagt Dr. Dobler. Sorgen müssen sich Hundehalter deswegen nicht machen: Hyalomma-Zecken bevorzugen Huftiere.

Ganz schön zielstrebig: Während andere Zecken sich auf ihre Wirte abstreifen lassen, wenn diese vorbeigehen, macht sich die Hyalomma-Zecke selbst auf die Jagd.


Der milde Winter 2019/2020 könnte aber auch insgesamt zu geringeren Zeckenzahlen im Frühsommer führen: „Wenn wir schon früh 10 bis 15 Grad haben, sind die Zecken aktiv und vergeuden damit viel Energie“, weiß Dr. Dobler. Ohne genug geeignete Wirte kann es passieren, dass viele Zecken verhungern. „Dann kann es im Mai plötzlich zu einem Zusammenbruch der Population kommen.“ Inwieweit das dieses Jahr zutreffen könnte, bleibt aber abzuwarten.

Plagegeister mit Plagegeistern

Mit einem Großteil der in Deutschland lebenden Zecken haben weder Menschen noch Hunde je Kontakt, da die Blutsauger ökologisch stark eingeschränkt sind. So gibt es Fledermaus- und Taubenzecken oder auch Zecken, die nur in Mäusebauten leben. Diese Vielzahl von Nischen bedeutet auch, dass die Zecken nicht konkurrieren. Allerdings können sie selbst Opfer von Parasiten werden: „Bestimmte Schlupfwespen legen ihre Eier in Zecken, die sich dort entwickeln“, erklärt Dr. Dobler. Zudem können Pilze Zecken befallen. Deswegen gibt es auch Forschungsansätze, die den Einsatz eben solcher Pilze zur Bekämpfung der Blutsauger untersuchen.

Stichen vorbeugen

Bisher existiert kein Impfstoff, der gegen jede Zeckenart wirksam sein könnte. Es gibt aber sehr wohl einen Impfstoff, der gegen Stämme aller drei in Europa relevanten Borrelien-Arten wirkt. Die Erstimpfung bei Welpen kann ab der 12. Woche erfolgen. Vor allem Hundehalter in Zecken-Risikogebieten sollten sich mit der Option eingehend beschäftigen. Gegen andere Infektionen, wie Anaplasmose, Babesiose und Ehrlichiose, sind keine vorbeugenden Immunisierungen erhältlich. Die Zeckenabwehr, regelmäßiges Absuchen des Hundes und möglichst schnelles Entfernen der Zecken (herausziehen, nicht drehen) sind daher extrem wichtig.

FSME-Risikogruppe Hundehalter

Gegen die gefährliche FSME ist für Menschen sehr wohl ein Impfstoff erhältlich und die Impfung laut Dr. Dobler empfehlenswert: „Bei der Borreliose und anderen Zeckeninfektionen haben wir Möglichkeiten der antibiotischen Therapie. Bei der FSME leider nicht. Wenn jemand erkrankt, ist es immer ein schicksalhafter Verlauf und kann medikamentös nur symptomatisch beeinflusst werden.“ Das Risiko für Hundehalter, an FSME zu erkranken, ist hoch, schlichtweg weil sie häufiger und länger in der Natur sind, wo Zecken sie erwischen können. Hunde erkranken nur selten an FSME. Wenn die Erkrankung aber klinisch auffällig wird, verläuft sie schwer oder sogar tödlich.

In Bayern und Baden-Württemberg werden zwischen 85 und 90 Prozent aller menschlichen FSME-Fälle Deutschlands registriert. Die Forscher beobachten allerdings einige Wandel, die sie noch nicht erklären können: „Wir sehen, dass sich die FSME in bestimmten Regionen ausbreitet“, sagt Dr. Dobler. „Vor allem in den Gebieten nördlich des Alpenkamms werden zunehmend FSME-Fälle registriert. Dort gab es vor zehn bis fünf Jahren praktisch noch gar keine Fälle.“ Unterfranken sei noch vor 15 Jahren der FSME-Hotspot Bayerns gewesen. Dort sei die FSME heute fast verschwunden. In Sachsen, Niedersachsen und Teilen Nordrhein-Westfalens habe es 2019 ungewöhnlich viele FSME-Fälle gegeben. „Wir beobachten intensiv, ob die FSME weiter nach Westen vordringt und die Fälle in diesen Regionen häufiger werden oder ob das einmalige Ausreißer waren“, sagt der FSME-Experte. Ob Sie also in einem der „klassischen“ Risikogebiete zuhause sind oder nicht, schützen Sie sich und Ihre Hunde und beugen Sie konsequent vor.


Foto: shockfactor.de/stock.adobe

Foto: Robert Koch Institut