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Habt den Mut zu lieben!


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emotion - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 06.04.2022

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Bildquelle: emotion, Ausgabe 5/2022

Vor zehn Jahren haben wir schon mal zum Interview zusammengesessen. Du hattest gerade die Biografie deines verstorbenen Mannes, des Filmregisseurs und -produzenten Bernd Eichinger, veröffentlicht, und hast gesagt, eine Beziehung würde dann funktionieren, wenn die Neurosen zueinanderpassen. Stimmt das noch?

Das ist ein Zitat von Woody Allen, und ich glaube, es gilt für alle Beziehungen, ob in der Liebe oder in Freundschaften. Stell dir vor, jemand steht unter Stress und die Art, wie er sich schützt, triggert beim Gegenüber ein altes Trauma. Dafür kann der Gestresste nichts. Gegen solche Verletzungen gewöhnen wir uns Verteidigungsmechanismen an. Passen die aber nicht zueinander, gerät man immer wieder in toxische Situationen.

Bevor es dazu kommt, verliebt man sich ja erst mal. Diesen Zustand be-schreibst du als die irrsinnigste Phase unseres Liebeslebens überhaupt.

Verliebtsein ist ein ...

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... monomanisches Unterfangen. Die Saiten unseres Herzens werden aufs Äußerste gespannt. Das Objekt unseres Verliebens wird zum Licht unseres Lebens und zugleich zum potenziellen Zerstörer allen Glücks.

Klingt aufregend!

Ist es auch. Mit Mitte zwanzig habe ich mich schnell verliebt, aber je älter ich werde, desto empfindlicher und dünnhäutiger werde ich. Unseren Baukasten aus Erinnerungen und Erfahrungen mit dem von jemand anderen zusammenzubauen ist eine Herausforderung.

Was macht das so fordernd?

Der ultimative Neurotiker ist ja Hamlet, der sich nie entscheiden kann, to be or not to be, weil er glaubt, allwissend zu sein. Wir denken oft, unsere Erfahrungen geben uns den Zugriff auf eine Allwissenheit. Aber wir werden nie alles wissen.

Ist das gut oder schlecht?

Dass wir immer wieder vor Rätseln stehen, ist ja gerade das Großartige an der Liebe. Deshalb gibt es unzählige Ratgeber; selbst religiöse Schriften wie die Bibel sind nicht zuletzt Anweisungen, wie wir mit komplexen Gefühlen umgehen können. Aber auch sie schützen nicht vor der alltäglichen Grauzone des menschlichen Miteinanders, durch die wir uns durchtasten müssen. Manchmal haben Außenstehende einen klareren Blick, aber es bleibt ein Suchen und Abwägen.

Kann man eigentlich beschließen: Ich möchte mich wieder verlieben?

Schwierig. Passender finde ich: Ich möchte mich für andere Menschen interessieren, mich für sie öffnen und meine vermeintliche Allwissenheit hinterfragen. Wären wir Burgfräulein, dann hieße das, die Brücke ein Stück herunterlassen, aber dann bloß nicht auf den Ritter auf dem weißen Pferd warten, der einen vorm Übel der Welt retten soll. Den perfekten einen gibt es genauso wenig wie den perfekten Weg zum Glück. Es gibt immer nur den nächsten Schritt. Liebe ist nie etwas Definitives, sondern ein ewiger Balance-Akt. Und es gibt auch kein ultimatives Happy End.

Du beschreibst die Ehe als Performance-Kunst. Wie meinst du das?

Diesen Balance-Akt, den führt man ja nicht nur mit-und füreinander auf, sondern immer wieder auch für andere. Ganz abgesehen davon, dass für viele eine Partnerschaft immer noch ein Statussymbol darstellt, sehe ich die Ehe als eine Art lebendes Kunstwerk, mit uns selbst als Schöpfern. Wie ein Mensch hat diese Kreatur ein Erscheinungsbild, Geheimnisse, unterdrückte Gefühle, Angewohnheiten, Ängste, Vorlieben, Begehren und ein Sexualleben. Bei vielen weiß man nicht, wie sie ihre Ehe überhaupt überleben. Wieso sie das einander antun, und doch humpeln sie weiter.

 Dabei gibt es ja die Option, fast jedem Wahnsinn Einhalt zu gebieten.

Magst du dich selbst in deiner Beziehung?

Kennst du René Polleschs Theaterstück „I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung“?

Ich liebe René Pollesch! Er ist so grandios darin, die toxischen Ewigkreisläufe moderner Beziehungen zu beschreiben. Wir entwickeln Mechanismen, wie wir die Welt wahrnehmen, interpretieren und voraussagen. Und wenn die nicht zueinanderpassen, führt das immer wieder zu Drama. Ich finde, da passt Sokrates ganz gut: „Das unreflektierte Leben ist nicht lebenswert.“ Besonders in einer Beziehung. Wie kann ich den alten Mustern und Reaktionen entkommen? Wie kann ich in einer Beziehung leben, in der ich nicht nur den anderen mag, sondern auch mich selbst?

Wann hast du für dich herausgefunden, wie die Liebe funktioniert?

Ein paar Jahre bevor ich meinen Mann geheiratet habe, steckte ich in einer Crash-Beziehung und habe damals den Schauspieler Jeff Bridges interviewt. Als ich ihn gefragt habe, wie das geht, dass er schon mehr als 30 Jahre verheiratet ist, erklärte er mir das so: „Wenn du am Anfang einer Beziehung stehst, dann sagst du dir: Das ist meine Grenze. Wenn er oder sie die überschreitet, dann ist es vorbei. Aber wir sind nun mal Menschen, wir machen Fehler. We are human. Humans fuck up. Also wird dein Partner die Grenze früher oder später überschreiten, und dann musst du dich entscheiden: Ist die Beziehung jetzt vorbei – oder steckst du deine Grenze jetzt ein Stück weiter? Wenn man als Paar über die Jahre die Grenzen immer etwas weiter steckt, dann ist die Liebe irgendwann grenzenlos.“ In dem Moment fiel das Licht aus, und ich war wie elektrifiziert. Da habe ich verstanden: Bedingungslose Liebe ist kein Zustand, sondern immer wieder eine Entscheidung, die Überwindung braucht, Vergebung ... Dabei ist es manchmal – und auch das habe ich von Jeff Bridges – sehr viel einfacher, dem anderen zu vergeben als sich selbst.

Die Liebe ist so kompliziert, dass genau solche Erkenntnisse weiterhelfen.

Ja, manchmal sind es tatsächlich die einfachsten Sätze. In einer Lebenskrise hat mir die E-Mail eines Freundes geholfen, der einfach nur schrieb: „This too shall pass.“

Auch das wird vorbeigehen. 

Ja. Die Mail kam zum richtigen Zeitpunkt. Auch der beiläufige Kommentar eines Taxifahrers, der behauptet, das Wichtigste in Beziehungen sei es, „locker zu bleiben“, kann den richtigen Nerv treffen. Das alles können kleine Anker sein. In Stresssituationen habe ich ein Bild, an das ich mich erinnere, und kann damit mein Nervensystem wieder runterfahren.

Verlieben ist das Gefühl: Alles ist offen

Woran denkst du dann?

An einen Spaziergang am Cap d’Antibes in Frankreich, den ich immer mache, wenn ich da bin. Der Blick in die Wellen, der Geruch, die Sonne. Damit kann ich mich schnell beruhigen. Oder ich denke an meine Großmutter und stell mir vor, dass sie hinter mir steht. In diesem einen Augenblick ist dann alles still.

Noch mal zu den Grenzen: Fändest du es okay, wenn dein Partner ungefragt deine E-Mails oder Chats liest?

Auf keinen Fall! Ich würde in die Luft gehen, wenn jemand meine E-Mails lesen würde. Ich finde Datenschutz in der Beziehung extrem wichtig. Ich bin da wahnsinnig gern privat.

Was meinst du damit?

Ich will nicht alles teilen, brauche Gedanken und Erinnerungen nur für mich. Wenn ich von mir erzähle, dann freiwillig. Das Grundgesetz gilt auch zu Hause.

Gab es eine schmerzhafte Lektion, bei der du viel gelernt hast?

Ich hatte mal eine Beziehung mit einem Alkoholiker. Es war die Hölle, gleichzeitig eine der lehrreichsten Erfahrungen überhaupt. Man will unterstützen, helfen, kontrollieren und vergisst dabei leicht, dass das Gegenüber eine erwachsene Person ist und kein Kind. Und das sollte man nie vergessen, wenn man in einer Beziehung ist.

Gibt es einen Beziehungszustand, den du erstrebenswert findest?

Von meiner Freundin Karin, die sich im Zwischenmenschlichen auskennt, habe ich gelernt: Ähnlich wie im kreativen Prozess will man auch in einer Beziehung in den Flow geraten. Nur, wie gelangt man dahin? Sie glaubt, dass Angst und Erwartungen den Flow kaputt machen. Der Trick sei es, immer wieder zu versuchen, das Gegenüber im Moment wahrzunehmen. Sich ohne Ballast neu zu begegnen. Ich bin keine Expertin, im Gegenteil, aber ich denke gern über die Liebe nach. Im Sinne von: Ich mache mir meine eigenen Schwachpunkte und Erwartungen bewusst. Wie kann ich in den Flow geraten, was muss ich vermeiden, was würde ich gern erreichen?

Du schreibst, eine andere Freundin habe den Tod deines Mannes mit einem Reitunfall verglichen: Er sei das schönste und aufregendste Pferd gewesen, dem du je begegnet bist, es habe dich abgeworfen und dir fast das Genick gebrochen. Seither würdest du dich nicht mehr aufs Pferd trauen, sondern auf dem Ponyhof der erotischen Liebe im Kreis reiten.

Eine super Metapher, oder? Immer schön im Kreis, das ist eine sichere Angelegenheit, bei der man sich nicht wehtut, die aber langweilig werden kann. Bei mir war es dieses eine große Event, der überraschende Tod meines Mannes. Aber wir alle haben ja Verletzungen oder Traumata. Aber man kann sich immer mal wieder fragen, ob man auf dem Ponyhof richtig aufgehoben ist oder ob man Lust auf einen Ausritt hat.

Wonach ist dir gerade?

Keine Ahnung, was als Nächstes kommt. Während der Pandemie war ja nicht viel los, aber bei mir im Inneren ist viel passiert. Das Buch zu schreiben und mich dabei mit mir selbst auseinanderzusetzen, hat mir gutgetan. Ich fühl mich recht stabil und hab Lust auf die Welt.

Was hältst du vom Online-Dating?

Ich finde es schrecklich, sich selbst als Objekt so anzubieten. Mir kommt das vor wie im Supermarkt. Für viele Menschen funktioniert das ja sehr gut, aber für mich ist das nichts.

Warum?

Ich liebe dieses Gefühl, das eigene Begehren nicht genau benennen zu können, dass alles offen ist. Auf diesen Apps muss man sich ständig definieren – was für ein Stress! Meine pommersche Großmutter hatte für so eine ungebremste Zielstrebigkeit einen Ausdruck: „Der Mann muss ins Haus, und wenn das Klavier raus muss.“ Das hat sie mit einem Augenrollen zwischen zwei Zigarettenzügen gesagt. Bei der Erinnerung muss ich heute noch lachen. Was soll ich sagen? Ich liebe mein Klavier!

Du leitest jedes Kapitel mit einem Song ein. Beschreibt einer deinen aktuellen

Liebeszustand? „Suffragette City“ von David Bowie oder „The Next Episode“ von Dr Dre. Oder „Tomorrow Never Knows“ von den Beatles, das ist möglicherweise der beste Popsong, der je geschrieben wurde.