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HÄNGEPARTIE ÜBER DEM ABGRUND


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 30.08.2021

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Artikelbild für den Artikel "HÄNGEPARTIE ÜBER DEM ABGRUND" aus der Ausgabe 9/2021 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 9/2021

Der Wind war an diesem Aprilmorgen so stark, dass Wayne Boone auf der Autobahn Mühe hatte, den Sattelschlepper in der Spur zu halten. Er arbeitete bei einem Papierrecycling- Unternehmen in Suffolk im US-Bundesstaat Virginia und fuhr mit seinem leeren Anhänger auf der Interstate 64 nach Virginia Beach. Dort würde er Ladung abholen.

Der 53­Jährige wechselte auf die linke Spur Richtung Osten. Er befand sich jetzt auf der G. A. Treakle Memorial Bridge, einer vierspurigen Klappbrücke, die den südlichen Arm des Elizabeth River überquert und von den Einheimischen nur I­64 High Rise genannt wird. Hier oben konnte der Sturm seine ganze Kraft entfalten, nichts stand ihm im Weg – außer den Fahrzeugen. Der Regen hämmerte gegen die Windschutzscheibe des Trucks. Der Wind wurde immer stärker. Boone ging vom Gas und ließ einige Wagen überholen. Wäre er nur schon auf der anderen Seite.

In der Mitte der ...

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... Brücke, 20 Meter über der Flussmündung, wird der Straßenbelag aus Beton von einem Stahlgitter abgelöst. Selbst bei normalen Wetterverhältnissen kommen Fahrzeuge hier leicht ins Rutschen. Als die Vorderräder des Lkw auf das glatte Metall rollten, erwischte eine starke Böe die Fahrerseite.

Wayne Boone hatte das Gefühl, als schwebe der Lkw für einen Augenblick in der Luft, bevor er auf die rechte Fahrbahn geworfen wurde. Die Fahrerkabine prallte rechts außen gegen das Schutzgeländer und zerfetzte die Metallbarriere, die den Lkw vor dem Sturz in den Fluss bewahrte. Er versuchte, den Laster wieder unter Kontrolle zu bringen. Dann stellte sich sein unbeladener Anhänger quer und rutschte schräg zum Fahrerhaus nach links weg.

Die Räder reagierten nicht. Der Laster schlingerte unkontrolliert rund 60 Meter weiter. Eine zweite Windböe, noch heftiger als die erste, blies von unten durch das offene Stahlgitter, traf mit voller Wucht auf die Fahrerseite der Kabine und hob diese über den Brückenrand. Dort blieb das Führerhaus hängen.

Boones Hoffnung schwand, lebend herauszukommen. Die Fahrerkabine hing über dem Fluss.

Leutnant Chad Little, 49, von der Berufsfeuerwehr Chesapeake, war auf dem Weg zu einem Reanimationskurs, als eine ungewöhnliche Nachricht auf dem Navi seines SUVs erschien: „Lkw hängt über Brücke.“ Der 49­Jährige war nur eineinhalb Minuten vom Unfallort entfernt, schaltete Sirene und Blaulicht ein und raste zur High Rise.

Der Verkehr auf der Brücke stockte. Little kam nur bis zum Metallgitterabschnitt der Klappbrücke. Er stieg aus, wobei er sich gegen den starken Wind stemmen musste, und ging die rest lichen 70 Meter zu Fuß.

Über Funk gab er einen ersten Lagebericht durch. Die Fahrerkabine des Sattelschleppers hing über das Geländer, der Anhänger stand noch auf der Brücke. Der schwere Stahlrahmen war an der Stelle, wo der Anhänger an die Kabine gekuppelt war, abgeknickt. Die Kabine baumelte in einem 90­Grad­ Winkel über dem Fluss. Motor, Haube und Kraftstofftanks mussten bei dem Aufprall ins Wasser gefallen sein. Drei Meter unterhalb der Fahrbahn war der Fahrer in der Kabine eingeschlossen.

„Das wird eine technisch hochkomplexe Rettungsaktion“, urteilte Little – ein Einsatz für „Rescue 15“, ein Team aus speziell ausgebildeten Feuerwehrleuten und Notfallmedizinern. Diese kommen zum Einsatz, wenn das Schlimmste passiert: ein Erdbeben, der Einsturz eines Gebäudes, ein Bombenattentat oder eine andere Katastrophe. Dann forderte er das größte Feuerlöschboot in der Region an. Bei einem solchen Sturm mussten sich auch unter der Brücke Einsatzkräfte bereit halten, falls etwas – oder jemand – abstürzen sollte.

In der Zwischenzeit hatte einer der Umstehenden einen Auffanggurt, wie sie Dachdecker tragen, über den Rand der Brücke geworfen. Polizeibeamte und Zivilisten standen in einer Reihe und hielten das Seil wie bei einem einseitigen Tauziehen. Trotz ihrer Hilfsbereitschaft musste Little ihnen erklären, dass der Fahrer wahrscheinlich in den Tod stürzen würde, wenn sie ihn ohne geeignete Ausrüstung aus der Kabine zögen. Bevor das Rescue­15­Team den Mann herausholte, müsste es eine Spezialausrüstung für eine Seilrettung verankern.

Das erste Drehleiter­Fahrzeug traf von der nach Westen führenden Brückenseite ein, wo der Verkehr noch rollte. Die Feuerwehrleute legten zunächst Ketten über die Betonschutzwand zwischen den west­ und ostwärts führenden Fahrbahnen und verankerten ihr Fahrzeug an den Hinterreifen der Fahrerkabine.

Wayne Boone wusste, dass er eigentlich tot sein müsste. Die Fahrerkabine hatte das Schutzgeländer durchbrochen und hing nun in der Luft – alles war so schnell gegangen. Wieso lebte er noch? Der hintere Teil der Kabine hatte sich am Brückenrand verhakt und hatte den Sturz aufgehalten. Im Sitz angeschnallt hing er 20 Meter über dem rauschenden Elizabeth River. Jede Sturmböe ließ die Kabine hin und her schaukeln. Ewig würde die Fahrerkabine nicht mehr standhalten. Schwerkraft und Sturm waren auf Dauer stärker.

Blut lief ihm in die Augen. Er war verletzt, doch er spürte den Schmerz nicht. Er zwang sich, einen klaren Kopf zu bewahren. Wenn er hier lebend herauskommen wollte, musste er sich abschnallen. Viel Bewegungsspielraum gab es nicht. Durch die gesprungene Windschutzscheibe schaute er auf das bedrohlich dunkle Wasser unter ihm. Die Scheibe konnte durchbrechen, sobald er sich darauf abstützte, und er würde in die Tiefe stürzen. Da hörte er Stimmen durch das Heulen des Windes: „Es hält nicht mehr lange!“

„Ich muss mich abschnallen“, dachte Boone, löste den Gurt und versuchte, sich am Sitz festzuhalten, rutschte aber sofort gegen die Scheibe. Sie gab im Rahmen nach.

JEDES MAL, WENN ER MIT DEN FÜSSEN GEGEN DIE SCHEIBE STÖSST, GIBT SIE NACH

Er kletterte zurück, hielt sich dabei am zerbrochenen Armaturenbrett fest und schnitt sich die Hände auf. Immer wieder rutschte er ab. Jedes Mal, wenn er mit den Füßen gegen die Scheibe stieß, gab sie weiter nach. Das nächste Mal konnte das letzte Mal sein. Mit letzter Kraft zog er sich zwischen den Sitzen durch und zwängte sich hinter den Fahrersitz. Er hatte nur wenige Zentimeter Platz – die mussten reichen.

Minuten verstrichen – für Boone fühlten sie sich an wie Stunden –, bis er die näher kommenden Sirenen hörte. In seinen Ohren klangen sie wie Engelsgesang. Irgendwo in der Kabine klingelte sein Telefon. Was hätte er dafür gegeben, jetzt eine menschliche Stimme zu hören, doch er fand das Handy nicht.

Von der Brücke aus warf ihm jemand einen Auffanggurt zu. Boone griff durchs offene Fahrerfenster und zog ihn zu sich herein. Mehr schaffte er nicht. Er war so geschwächt und desorientiert, dass er nicht wusste, wie er den Gurt anlegen sollte.

der notruf ging um 8.43 Uhr beim Spezialrettungsdienst Rescue 15 ein. Die drei Dienst Habenden – Brad Gregory, 57, Justin Beazley, 25, und Mark Poag, 43 – sprangen in den Rüstwagen und fuhren Richtung Unfallort. Unterwegs gingen sie verschiedene Rettungsszenarien durch, um festzulegen, welche Seile sie brauchen würden und wo sie die Ausrüstung am besten positionieren sollten.

Doch zunächst wartete eine banale Herausforderung auf sie: Ein Meer aus roten Bremslichtern leuchtete ihnen von der Brücke entgegen. Auf einer normalen Straße hätten die Fahrzeuge Platz gemacht. Doch bei dem maximal 60 Zentimeter breiten Seitenstreifen konnten die Wagen nicht ausweichen. Beazley stieg aus, klopfte an Fensterscheiben und bat einige Fahrer, so weit zur Seite zu fahren, dass die Einsatzkräfte schrittweise vorrücken konnten. Für den Lkw-Fahrer wurde die Zeit knapp.

Da sich hinter ihnen die Reihen wieder schlossen, konnten sie nicht zurücksetzen, um die Gegenspur Richtung Westen zu nehmen, die die Polizei bereits geräumt hatte. Mehrere Hundert Meter vor dem Unfallort war klar, hier ging es nicht weiter. Beazley schnappte sich Gurtzeug und Seil sowie weiteres Gerät und ließ sich von der „Drehleiter 12“ mitnehmen, die auf der geräumten Fahrbahn zum verunglückten Laster unterwegs war.

Seine Kollegen Poag und Gregory suchten in ihrem Wagen die restliche Ausrüstung zusammen – weitere Seile, einen Flaschenzug sowie ein Sicherungsgerät, um die Ausrüstung vor Ort zu verankern. Dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg. Der Wind wurde stärker. Regen und Graupel prasselten auf sie ein und durchnässten sie bis auf die Haut. Rund ein Dutzend Leute waren ausgestiegen, trotzten dem wütenden Sturm und harrten am Rand der Brücke aus.

Gregory, Poag und die Feuerwehrmänner der Drehleiter überlegten sich einen Plan: Beazley sollte sich von der ausgefahrenen Leiter zum Lkw-Fahrer abseilen, die Tür öffnen, den Fahrer an seinem Gurt befestigen. Dann würden beide hochgezogen und in Sicherheit gebracht werden. Inzwischen hatte die Windgeschwindigkeit 80 km/h erreicht, die Böen wurden stärker. Obwohl die Einsatzkräfte Schulter an Schulter arbeiteten, mussten sie brüllen, um sich im heulenden Sturm zu verständigen.

Beazley trat an den Rand der Brücke und versuchte, sich ein Bild von der Situation zu machen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Die Fahrerkabine schien nur noch am seidenen Faden zu hängen.

Justin Beazley legte seinen Auffanggurt an und überprüfte Seil und Schlaufen. Sie würden ihn mit einem hochgelegten Ankerpunkt sichern, damit er nicht in den Fluss fiel, sollte etwas schiefgehen. Der Leiterfahrer positionierte die ausgefahrene Leiter über dem verunglückten Sattelzug und stellte sie fest. Normalerweise wird bei so starkem Wind keine Leiter ausgefahren. Durch den Wind könnte das Fahrzeug ins Schwanken geraten und das Metall verschleißen. Theoretisch könnte eine Böe den Wagen sogar umwerfen. Doch dies war eine besondere Situation.

Zusammen mit einem anderen Feuerwehrmann war Poag für die Steuerung des Flaschenzugsystems zuständig, das an der Leiter befestigt war. Beazley wurde mit seinem Gurtzeug am anderen Ende eingehängt. Sie hoben Beazley über den Brückenrand.

Während der Feuerwehrmann sich abseilte, wurde er zum Spielball des Sturms. Hätte er sich nicht am Fahrerhaus festgehalten, wäre er gegen die Brücke geschleudert worden. Der Plan war, die Tür zu öffnen, um den Fahrer herauszuholen. Doch damit würde er zu viel Druck auf die Kabine ausüben. Eine Rettung war nur durch das Fenster möglich.

Der Feuerwehrmann sah, dass Boone wohl unter Schock stand. Eine Stunde lang hatte er auf den Tod gewartet. Jetzt war der Lkw-Fahrer völlig erschöpft. Doch beim Anblick seines Retters war ihm die Erleichterung anzusehen. „Ich bin Justin“, rief Beazley ihm zu. „Und Sie?“

Beazley hörte die Antwort des Fahrers kaum. „Wir holen Sie hier raus“, sagte er und reichte ihm das Gurtzeug durch das offene Fenster. Schritt für Schritt erklärte er ihm, wie er es anlegen sollte.

Ungeschickt griff Boone nach der Ausrüstung und versuchte, den Anweisungen zu folgen, war aber so geschwächt, dass er bei seiner Rettung nicht mitarbeiten konnte. Mit aller Kraft stemmte sich Beazley gegen den Wind, der mit Sturmböen von 80 bis 100 km/h an ihm und der Kabine zerrte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als in die Kabine zu klettern.

Er zwängte sich durch das Fenster. Schnell und präzise führte er Boones Arme und Beine durch die Schlaufen des Gurtzeugs, befestigte ihn am Seilsystem, das beide sicher miteinander verband. Dabei sprach er beruhigend auf den Fahrer ein. „Keine Sorge. Sie schaffen das“, sagte er, griff nach dem Flaschenzug und hievte sich und den blutenden Boone in den peitschenden Wind hinaus. Poag und ein zweiter Feuerwehrmann zogen sie hoch. Als der Fahrer und sein Retter am Brückenrand auftauchten, brach die wartende Menge in Jubel aus. Drei Ersthelfer zogen die Männer sicher über das Geländer.

Sanitäter führten den verletzten Mann zu einem Krankenwagen, während der Sturm weiter wütete. Trotz der Sicherungsketten hob eine Windböe den leeren Anhänger erneut in die Luft und schob ihn über die Fahrbahn. Die Feuerwehrleute beeilten sich, den Bereich zu räumen.

Boone wurde ins Norfolk Sentara General Hospital gebracht. Dort versorgte man seine Platzwunden und Verletzungen im Gesicht, an Nacken, Schulter und Knien. Sein rechtes Ohr hatte es am schlimmsten erwischt – es war fast vom Kopf abgetrennt worden, doch die Ärzte konnten es retten.

Der 53-Jährige war zu keinem Zeitpunkt in Panik geraten. Er hatte sein Schicksal angenommen. Dann war ein Fremder gekommen und hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt, um ihn zu retten. Die Jubelschreie, die ausbrachen, als der Feuerwehrmann ihn in Sicherheit gebracht hatte, hatten ihn tief berührt. In einer Welt, die zuweilen feindselig und einsam war, gab es Menschen, die sich um andere kümmerten. Boone fühlte große Dankbarkeit.

Als sie sicheren Boden unter den Füßen gespürt hatten, streckte Beazley ihm die Hand entgegen. Boone, von Natur aus zurückhaltend und körperlich wie seelisch erschöpft, ergriff die Hand seines Retters und hoffte, diese Geste würde alles ausdrücken, was er nicht sagen konnte.

Edle Retter

Niemand wird es müde, sich helfen zu lassen. Helfen aber ist eine Handlung der Natur. Werde daher nicht müde, dir helfen zu lassen, indem du anderen hilfst.

Marc aurel, röM. Kaiser u. philosoph (121–180)

Der Rettende fasst an und klügelt nicht. Johann WolFgang von goethe, dt. dichter (1749–1832)