Lesezeit ca. 5 Min.
arrow_back

Hallo, Leben, hier bin ich!


Logo von myself
myself - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 13.10.2021

Artikelbild für den Artikel "Hallo, Leben, hier bin ich!" aus der Ausgabe 11/2021 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Damals lief noch alles wie geschmiert: Pamela Spitz in ihrem heiß geliebten Ford Consul Coupé ?72 auf Formentera, wo sie ihre Jugend verbrachte.

Das Wahrzeichen der Stadt, die 38 Meter hohe Statur „Cristo Redentor“, hatte ich immer noch nicht aus der Nähe gesehen, obwohl ich schon so oft in Rio de Janeiro war. Also beschloss ich, mich auf den Weg dorthin zu machen. Die Wanderung führte von einem Stadtpark hinauf durch den Dschungel in das bucklige Gebirge aus schwarzen Felsen. Ich hatte mir extra einen regnerischen Tag ausgesucht, um nicht von Gangmitgliedern der angrenzenden Favelas überfallen zu werden, bei schlechtem Wetter bleiben die nämlich lieber zu Hause. Dafür gab es einen anderen Nachteil: Überall krochen Schlangen aus ihren überf luteten Höhlen, darunter auch eine extrem giftige Korallenotter. Sie blieb mitten auf dem Weg liegen, ich kam nicht an ihr vorbei – rechts eine Felswand, links ein Abhang –, aber umkehren wollte ich auch nicht. Also blieb ich still stehen und wartete. Was für eine verrückte Vorstellung, jetzt hier vom ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von myself. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2021 von Willkommen!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Willkommen!
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von Horoskop. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Horoskop
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von myselfdigital. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
myselfdigital
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von Unsere Lieblinge im November. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Unsere Lieblinge im November
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Living Talk
Vorheriger Artikel
Living Talk
Genießen Talk
Nächster Artikel
Genießen Talk
Mehr Lesetipps

... Nervengift einer kleinen Schlange getötet zu werden, dachte ich. Angst hatte ich nicht, denn dass ich nicht alt werden würde, wusste ich da längst.

Fünf Jahre ist es her, als ich von einer Neurologin in Berlin die Diagnose Morbus Parkinson bekam, eine unheilbare Krankheit. Damals war ich 41 Jahre alt. Und ich dachte daran, wie ich aus der Arztpraxis auf die Straße trat und eine unheimliche Erleichterung spürte, mir keine Gedanken mehr um die Altersvorsorge machen zu müssen. Von meinem Mann lebte ich getrennt, Kinder hatte ich auch nicht. Ich wusste gleich, von nun an wollte ich das Leben bis zum Äußersten und in jeder Hinsicht genießen. Solange es eben ginge. Ich begann, Pläne und Vorhaben in die Tat umzusetzen, von denen ich immer nur geträumt hatte. Neue Sprachen und das Schachspielen lernen, aber vor allem: reisen. Meinen Job als freie Fotoredakteurin konnte ich schließlich von überall aus machen.

„Immer häufiger begab ich mich in gefährliche Situationen“

Eines meiner ersten Ziele war Israel, um endlich meinen jüdischen Wurzeln väterlicherseits nachzuspüren. Die anfängliche Schroff heit der Israelis entpuppte sich später als eigentümliche Herzlichkeit, die direkte Art der Kommunikation traf genau mein Bedürfnis, wenig zu reden und nicht ständig nett sein zu müssen. Ich wollte auch Palästina kennenlernen, die andere Seite des Nahostkonf likts, und quartierte mich in einem Hostel in Ramallah, im Westjordanland, ein. Ich buchte einen Arabisch-Kurs, aber anstatt zu lernen, erkundete ich lieber die Gegend. Tagelang ließ ich mich treiben, vorbei an halb fertigen Gebäuden aus Beton und herum streunenden Hunden. Beobachtete bei Tee und gefüllten Dattelkeksen das geschäftige Leben im Stadtzentrum. Eine seltsame Spannung lag in der Luft, man merkte in jedem Augenblick, dass dieser Versuch eines normalen Alltags extrem zerbrechlich ist. Abends kroch ich angezogen unter die dünne Bettdecke, die eisige Kälte pfiff durch die undichten Fenster, eine Heizung gab es nicht. Ich wollte nach Hause, in mein warmes Bett, meine beheizte und großzügige Altbauwohnung – und ärgerte mich über mich selbst, dass ich mich wie eine verwöhnte Göre verhielt. Die Menschen hier hatten es schwerer als ich, mussten tagtäglich versuchen, unter schwierigen Umständen ein halbwegs normales Leben zu führen.

Es mag seltsam klingen, aber das half mir, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen, lenkte mich von meiner Krankheit ab und schützte mich davor, in Selbstmitleid zu verfallen. Vielleicht begab ich mich deshalb immer häufiger in gefährliche Situationen. Es tat gut, mein Schicksal zumindest für ein paar Momente wieder selbst in der Hand zu haben. Einmal streifte ich nachts durch die unbeleuchteten Gassen von Ramallah, begegnete Männern, die mich neugierig ansahen, ich senkte den Blick und beschleunigte meinen Schritt. Ein anderes Mal, ich war spontan dem Berliner November entf lohen, befand ich mich auf einem Teilstück des 1000 Kilometer langen Wanderweges, genannt Shvil, in der israelischen Negev-Wüste – genauer gesagt: in einer Felsspalte, unter mir ein 300 Meter tiefer Abgrund. Beim Abstieg war ich stecken geblieben, ich konnte mich nicht mehr bewegen. Mit beiden Händen und letzter Kraft zog ich mich an einem über mir befestigten Eisengriff wieder hoch, zerrte so lange an meinem Rucksack, bis er endlich nachgab und ich, völlig aus der Puste, aus der Spalte zurück auf die Plattform kletterte. Wie belebend!

Immer wieder suchte ich die wilde einsame Natur auf, um dort wochenlang alleine rumzureisen. Neuseeland, Costa Rica, Paraguay, Montenegro – ich war an so wunderbaren Orten. Dafür war ich einerseits dankbar, andererseits gab es auch Momente, in denen mich die Schönheit der Natur schier überwältigte – und mir das Wissen, wie begrenzt meine Zeit sein würde, die Luft nahm.

Ich erinnere mich, wie ich durch die tiefschwarze isländische Vulkangesteinswüste wanderte, hin- und hergerissen zwischen düsteren Gedanken und der Faszination für diese entrückte Landschaft. Ich hörte meine Schritte auf dem kargen Boden, und irgendwann dachte ich an gar nichts mehr, sondern marschierte einfach vor mich hin, losgelöst von Zeit und Raum. Ein paar Stunden später verwandelte sich die Landschaft in ein saftiges Grün: mit moosbewachsenen Ebenen, zerklüfteten Felsformationen und Wasserfällen. An einer Quelle tauchte ich den Kopf ins eiskalte Wasser, füllte meine Flasche auf und fühlte mich so im Einklang mit der Natur wie nie zuvor.

„Es war eine andere Welt, aber eine, in der ich mich wohlfühlte“

Genauso gerne war ich aber auch unter Leuten. Einmal checkte ich an der Westküste Sardiniens, nach zwei Wochen im Zelt, spontan in einem Fünf-Sterne-Golfresort ein. Am Pool machte ich es mir auf einer Liege bequem, döste bei Easy-Listening- Musik, schwamm – und beobachtete die (meist) älteren Gäste dabei, wie sie sich zwar langsam und vorsichtig bewegten, ihre Gebrechen aber auch mit Humor und Weisheit ertrugen. Ich fühlte mich ihnen nahe. Der Verlust des Geruchs-, aber vor allem des Gleichgewichtssinnes, klassische Symptome von Parkinson, hatten auch mich langsamer und vorsichtiger werden lassen. Nun gehöre ich zu ihnen, dachte ich. Eine andere Welt, aber eine, in der ich begonnen hatte, mich wohlzufühlen.

Heute wache ich jeden Tag mit dem Gedanken auf, was für ein tolles Leben ich habe und wie dankbar ich dafür bin. Trotz, oder besser aufgrund, meines ständigen Begleiters, den ich Mr. Parkinson nenne. Er wird mich zwar nie mehr verlassen, aber er brachte mir auch Momente, die ich ohne ihn nie erlebt hätte. Vor allem lehrte er mich das Leben so zu lieben, wie es vielleicht nur ein Schicksalsschlag kann. ❚