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Haltung bewahren


ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit - epaper ⋅ Ausgabe 4/2015 vom 17.04.2015

Wirbelsäule, Knochen, Gelenke, Muskeln, Bänder, Bindegewebe und Sehnen sind dazu da, uns aufrecht und schmerzfrei durchs Leben zu tragen. Doch 80 Prozent der Deutschen klagen über Rückenschmerzen oder Verspannungen in Schultern und Nacken. Schuld daran sind meist Bewegungsmangel, Stress, Übergewicht und Haltungsfehler.


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Foto: Ayakovlev/iStock/Thinkstock

Ich hab’ Rücken“. Dass der Jammerspruch von Komiker Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer längst Eingang in den deutschen Wortschatz gefunden hat, liegt daran, dass er – obwohl oder gerade weil grammatikalisch katastrophal – den Nagel auf den Kopf trifft: ...

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... Deutschland hat Rücken – und zwar fl ächendeckend. Nach Angaben der Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz gehören Schmerzen im unteren Rücken zu den in Deutschland am häufi gsten angegebenen Schmerzen überhaupt.

Ganz ohne Rückenschmerzen kommt nur etwa ein Fünftel der Deutschen durchs Leben. Alle anderen erwischt es, viele von ihnen schon im besten Alter, zwischen 25 und 50 Jahren. Plötzlich ist der Nacken steif, die Hexe schießt ins Kreuz oder ein dumpfer Schmerz in der Hüfte raubt einem den Schlaf. Manchmal sind die Schmerzen so atemberaubend heftig, dass wir uns nur noch mit Mühe zum Arzt schleppen können. Die Zahl der Rückenschmerzbetroffenen hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen und pegelte sich auf sehr hohem Niveau ein. Rund ein Viertel aller Bundesbürger bekommt laut dem Krankenversicherer Barmer-GEK einmal im Jahr die Diagnose Rückenschmerzen verpasst. Dessen Arztreport 2015 listet nur noch einen zu hohen Blutdruck als häufi gere Diagnose auf.

Zwar versucht die große Mehrheit der Patienten mit Rückenbeschwerden, sich erst einmal selbst zu helfen. Das ist auch sinnvoll, denn meist verschwindet der Schmerz nach wenigen Tagen wieder. Zum Arzt schleppt sich meist nur, wer sich kaum noch bewegen kann oder die Beschwerden nicht los wird. Trotzdem zählen Rückenschmerzen nicht nur zu den häufigsten, sondern auch zu den teuersten Erkrankungen – nicht nur hierzulande, sondern in allen industrialisierten Ländern. Sie sind damit eine enorme Belastung für die Sozialund Gesundheitsversicherungssysteme. Der Löwenanteil entfällt nicht auf die direkten Kosten wie ärztliche Behandlung, Physiotherapie oder Medikamente, sondern zu geschätzt 85 Prozent auf indirekte Kosten, die durch Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit entstehen.

Probleme mit dem Rücken können auch junge Leute haben. Überdurchschnittlich häufig betroffen sind Menschen, die körperlich schwer arbeiten.


Foto: endopack/iStock/Thinkstock

Nicht jeder Besuch beim Arzt führt zu einer Krankschreibung. Hoch gerechnet sind es dennoch rund zehn Millio nen Menschen pro Jahr, denen der Rücken so wehtut, dass sie zeitweise nicht mehr arbeiten können. Deshalb machen in den Statistiken der Krankenkassen Erkrankungen der Wirbelsäule und des Rückens etwa zehn bis zwölf Prozent aller Fehltage aus – je nach Versichertenstruktur der einzelnen Kassen.


Fehltage durch Rückenschmerzen belasten Sozial- und Gesundheitssystem


Das bestätigt auch der von der Techniker-Krankenkasse (TK) veröffentlichte Gesundheitsreport 2015. Danach war die Diagnose Rückenbeschwerden 2014 bundesweit für jeden zehnten Fehltag in deutschen Unternehmen verantwortlich. Durchschnittlich war damit jede Erwerbsperson gut 1,4 Tage aufgrund von Rückenproblemen krankgeschrieben. Betroffene selbst waren mit der Einzeldiagnose Rückenschmerzen laut TK im Schnitt für 17,5 Tage arbeitsunfähig. Besonders lang fehlten Patienten jedoch, wenn die Bandscheiben involviert waren: Sie fehlten häufig 40 Tage und länger am Arbeitsplatz. Das summiert sich: Rund 70 Millionen Arbeitstage fallen jedes Jahr wegen Erkrankungen des Rückens und der Wirbelsäule aus.

Jeder achte Arbeitnehmer scheidet wegen Rückenproblemen vorzeitig aus dem Berufsleben aus, das sind 12.500 Menschen im Jahr. Dahinter steckt in vielen Fällen ein jahrelanger Leidensweg durch Dutzende von Arztpraxen mit zahllosen Behandlungsversuchen, die meist nur kurzzeitig Besserung bringen. Es sind solche chronischen Fälle, die das Budget der Krankenkassen besonders strapazieren, aber auch die Unternehmen teuer zu stehen kommen.

Forscher des Münchner Helmholtz-Zentrums und der Universität Greifswald befragten über 5.000 Rückenschmerzpatienten nach ihren Arztbesuchen und Behandlungen der vergangenen drei Monate. Pro Patient fielen dabei im Schnitt 1.322 Euro an Kosten an. Hoch gerechnet auf ganz Deutschland ergab sich eine jährliche Summe von 22,5 Milliarden Euro. Hinzu rechneten die Wissenschaftler noch den volkswirtschaft lichen Schaden von fast 27 Milliarden Euro, den die Fehltage verursachten; zusammen kommen so fast 50 Milliarden Euro Kosten im Jahr, verursacht durch Rückenschmerzen. Das wären 2,2 Prozent des Bruttosozialprodukts. Allerdings liegt diese Zahl etwa doppelt so hoch wie frühere Schätzungen. Die Unterschiede erklären sich durch andere Schätzmethoden. Doch auch 25 Milliarden Euro Kosten durch Rückenschmerzen wären schon eine mehr als stolze Summe. Angesichts solcher Zahlen fragen sich Betroffene ebenso wie Politiker, Krankenkassen und Betriebe, welche Ursachen diesen Erkrankungen zugrunde liegt. Doch leider lassen sich darauf keine einfachen Antworten finden.


Es gibt keine einfachen Antworten auf die Frage nach den Ursachen


Unser Rücken ist nicht nur die Wirbelsäule. Wenn wir aufrecht gehen, uns strecken, beugen oder drehen, dann wirken Knochen, Gelenke, Sehnen, Bänder, Bindegewebe und Muskeln zusammen. Funktioniert ihr Zusammenspiel gut, ist die Wirbelsäule gar kein so empfindliches Gebilde, wie viele denken. Im Normalfall spüren wir unser Rückgrat nicht. Erst wenn die Rückenmuskulatur schwach oder das Bindegewebe verhärtet ist, kommt es zu schmerzhaften Verspannungen. Ohne Muskeln, Sehnen und Bänder könnte die Wirbelsäule nur drei bis vier Kilo Gewicht tragen. Sind wichtige Muskeln schlecht trainiert, bedeutet das mehr Arbeit für die Wirbelsäule, weil sie deren Aufgaben übernehmen muss und sich dabei schneller abnutzt. Schwächelt ein Teil der Wirbelsäule, dann können bestimmte Muskeln dies ausgleichen. Doch damit wächst die Gefahr, dass diese Muskeln sich überanstrengen und zu Verspannungen neigen. Eine starke, gut trainierte Rücken- und Bauchmuskulatur ist deshalb die beste Vorbeugung gegen die unliebsamen Rückenschmerzen. Umgekehrt ist Bewegungsarmut eine der wichtigsten Ursachen für Probleme mit dem Kreuz.

Eine besonders große Rolle spielen die Bedingungen am Arbeitsplatz. Dazu zählt beispielsweise das Heben schwerer Lasten auf dem Bau, im Krankenhaus oder als Lagerarbeiter, das ewige Sitzen als Lastfahrer oder andere Tätigkeiten, die körperlich stark belastend sind. So werden Beschäftigte aus Berufsfeldern wie dem Bau, der Metallerzeugung, Holzwirtschaft, dem Transport-, Reinigungswesen und der Logistik erwartungsgemäß überdurchschnittlich häufig wegen Rückenproblemen krankgeschrieben.

Doch auch ungünstige Körperhaltungen oder ein schlechtes Klima am Arbeitsplatz können den Rücken belasten. Arbeitgeber sollten deshalb den Arbeitsbedingungen und der Stimmung am Arbeitsplatz mehr Aufmerksamkeit widmen, rät Michael Drupp, Leiter des niedersächsischen AOK-Instituts für Gesundheitsconsulting. „Faktoren wie die Wertschätzung der Mitarbeiter, ein gutes Betriebsklima und gute Angebote der betrieblichen Gesundheitsförderung werden für den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen immer mehr an Bedeutung gewinnen.“

Eine im Sommer 2014 veröffentlichte Umfrage des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) unter mehr als 1.600 Unternehmern und 2.600 Beschäftigten ergab allerdings, dass lediglich knapp ein Viertel der Firmen überhaupt ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) zur Prävention hat – hier gehen vor allem große Unternehmen mit über 1.000 Beschäftigten mit gutem Beispiel voran. Bei kleinen Betrieben mit bis zu neun Mitarbeitern sind es gerade einmal vier Prozent.

Computer und Tablets wirken schon auf Kinder faszinierend. Die körperliche Bewegung kommt dann oft zu kurz.


Foto: Nadezhda1906/iStock/Thinkstock

Auch die altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung ist laut der IAG-Umfrage erst in wenigen Unternehmen ein Thema. Obwohl häufig schlicht und ergreifend das Alter für die Fehltage wegen Rückenbeschwerden verantwortlich ist. Laut aktuellem Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) werden die über 50-Jährigen zwar seltener krankgeschrieben als ihre jüngeren Kollegen, dafür aber dann deutlich länger. „In der Gruppe der 30- bis 34-Jährigen liegt der Durchschnitt bei 8,6 Fehl tagen pro Fall. Bei den 60- bis 64-Jährigen sind dies bereits 21,6 Tage“, sagt Helmut Schröder, Mitherausgeber des AOK-Reports. Diese Entwicklung gehe neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor allem auf das Konto zunehmender Muskel- und Skeletterkrankungen. Auch der Gesundheitsreport 2014 der BKK zeigt: Während der Krankenstand bei fünf der häufigsten Diagnosegruppen (Kreislauf-, Atmungssystem, Verletzungen/ Vergiftungen, Verdauungssystem und psychische Störungen) mit dem Alter erwartungsgemäß leicht zunimmt, steigt er bei Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems mit zunehmenden Lebensjahren sprunghaft an – bei den 60- bis 64-Jährigen auf das Zehnfache im Vergleich zur Altersgruppe der unter 20-Jährigen (siehe Grafik). Angesichts des demografischen Wandels wird sich diese Tendenz in Zukunft sicher noch verstärken.

Allerdings leiden auch schon Kinder unter Rückenschmerzen. Bei den 11- bis 17-Jährigen gehören sie neben Bauchund Kopfschmerzen zu den häufigsten Beschwerden. Das hat die Kinder- und Jugendgesundheitsuntersuchung KiGGS ergeben. Danach besucht etwa ein Viertel der Jugendlichen wegen Rückenschmerzen einmal im Jahr einen Arzt. „Jeder zweite Grundschüler weist deutliche Haltungsschwächen auf“, klagt Dr. Reinhard Schneiderhan, Orthopäde in München und Präsident der deutschen Wirbelsäulenliga. Seine Empfehlung: Bewegung, Bewegung, Bewegung. Die Wirbelsäule und ihre Muskeln entwickeln ihre Fähigkeiten im Kindergarten- und Grundschulalter. Deshalb sollte man den Bewegungsdrang der Kleinen nicht bremsen, sondern fördern. Doch vor allem in der Schule müssen Kinder eher still sitzen. Auch im Schulbus und bei den Hausaufgaben sitzen sie. In ihrer Freizeit haben Kinder kaum noch Platz zum Springen, Toben und Rennen. Fernsehen und Computer bieten zusätzliche Anreize zur körperlichen Untätigkeit. Die Folgen zeigen sich in vielen Statistiken: Kinder haben heute mehr Übergewicht samt Folgeerkrankungen sowie Rückenschmerzen.


Auch seelischer Kummer kann Rückenschmerzen verursachen


Wer wie oft durch ein schmerzendes Kreuz zum Arzt getrieben wird und nicht arbeiten kann, ist regional sehr unterschiedlich, wie der von der Techniker-Krankenkasse veröffentlichte Rückenatlas zeigt. So kommen in Mecklenburg-Vorpommern auf 100 Versicherte stolze 186 Fehltage aufgrund von Rückenbeschwerden. Dagegen sind es in Bayern und Baden-Württemberg gerade mal 112. Wiebke Arps, Beraterin im betrieblichen Gesundheitsmanagement der TK, erklärt die enormen regionalen Abweichungen vor allem mit gesellschaftlichen Strukturen (siehe Interview). „Zum einen blicken die großen Unternehmen im Süden natürlich im Gegensatz zu kleinen Handwerksoder Gastronomiebetrieben im Nordosten auf ein seit Jahrzehnten etabliertes betrieb liches Gesundheits management, zum anderen spiegeln sich auch die Arbeitslosen quote und das Lohnniveau in diesen Zahlen.“ Die Expertin weiß aus Erhebungen, dass diejenigen häufiger krank werden, die keinen sicheren Job oder existenzielle Ängste haben. Die TKStatistik weist denn auch beispielsweise für Arbeitslose und Leiharbeiter vergleichsweise hohe Fehlquoten aufgrund von Rückenbeschwerden aus. Es gibt etliche Hinweise darauf, dass psychosoziale Faktoren – belastende Situationen in der Familie, Stress am Arbeitsplatz, Anspannung, Hilflosigkeit, Versagensangst,

Depression – bei der Entstehung von Rückenschmerzen nicht zu unterschätzen sind. Der Volksmund beschreibt den Zusammenhang zwischen Psyche, Haltungsfehlern und Rückenproblemen in vielen Bildern: Enttäuschte lassen die Schultern, Bekümmerte den Kopf hängen. Menschen haben an ihren Problemen schwer zu tragen und sind von Gram gebeugt. Ein Schicksalsschlag kann einem das Kreuz brechen. Jemand, der uns täuscht oder verrät, fällt uns in den Rücken. Uns allen sitzt manchmal die Angst im Nacken, oder wir neigen dazu, uns zu viel aufzuhalsen. Dagegen zeigen Menschen, die Probleme offensiv angehen und sich von ihnen nicht unterkriegen lassen, einen aufrechten Gang und beweisen Rückgrat.

Studien zeigen, dass 80 bis 90 Prozent aller Patienten mit chronischen Rückenschmerzen gleichzeitig Symptome einer leichten Depression aufweisen.

Foto: Christoph Hähnel/Fotolia.com

Bewegung ist die beste Vorbeugung gegen Rückenbeschwerden, am besten regelmäßig und gezielt trainieren.


Foto: Wavebreakmedia Ltd/Thinkstock

Menschen, bei denen eine Depression diagnostiziert wurde, haben wiederum ein viermal höheres Risiko, dauerhafte Rückenschmerzen zu bekommen. Denn beide Krankheiten schaukeln sich gegenseitig hoch. Depressionen machen antriebslos, fördern den Bewegungsmangel, verstärken die Empfindlichkeit gegenüber Schmerzen. Ein kranker Rücken schränkt körperliche Aktivitäten ein, macht dadurch einsam und verschärft oft die Situation am Arbeitsplatz. Viele Betroffene – und auch Ärzte – nehmen solche psychosozialen Zusammenhänge aber nur ungern zur Kenntnis. Denn dadurch rücken die Schmerzen in die Nähe der Einbildung. Die Kranken haben Angst, als „Spinner“ oder „Psychos“ zu gelten.

Für Arzt und Patient ist es einfacher, nach einer körperlichen Ursache zu suchen, beispielsweise nach maroden Bandscheiben oder schiefen Wirbeln. Doch diese rein medizinische Vorgehensweise taugt in der Regel nicht für die Behandlung von Rückenbeschwerden. Dennoch kommen die meisten Menschen mit chronischen Rückenschmerzen häufiger in die Röhre eines Kernspintomografen als in die Praxis eines Psychotherapeuten. Das ist natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass Fachärzte nur nach bestimmten Diagnosen vergütet werden. Doch einmal angenommen, dass sich ein Orthopäde trotz eines in der Regel vollen Wartezimmers genügend Zeit für ein Gespräch mit seinem Patienten nimmt und dabei herausfindet, dass der aufgrund seiner Rückenbeschwerden eigentlich bei einem Psychotherapeuten besser aufgehoben wäre: Schickt er ihn dorhin, bricht dem Orthopäden eine wichtige Einnahmequelle weg.


In den meisten Fällen gehen die Schmerzen nach ein paar Wochen vorbei


Auch wenn es richtig wehtut: Rückenschmerzen sind zumeist nichts Schlimmes und die Heilungschancen sind gut. In 80 bis 90 Prozent aller Fälle klingen die Schmerzen innerhalb von vier bis sechs Wochen wieder ab – mit oder ohne Behandlung. Schmerztherapeuten sprechen deshalb ungern von einer Volkskrankheit.

Sie sehen Rückenschmerzen erst einmal als Befindlichkeitsstörungen, die zu unserem Leben mit dem aufrechten Gang und unserer Arbeitswelt unvermeidlich dazugehören – ebenso wie eine verschnupfte Nase im Winter. Werden solche leichten Störungen aber als Krankheiten betrachtet, kann ein verhängnisvoller Prozess in Gang kommen: Die Menschen verhalten sich wie Kranke, besuchen regelmäßig den Arzt und geben die Verantwortung an ihn ab. Sie verlieren das Vertrauen in ihren Körper, reagieren auch bei leichten Beschwerden mit übertriebener Sorge und lassen sich behandeln, statt selbst zu handeln. Dennoch müssen Rückenschmerzen als Warnsignal des Körpers ernst genommen werden, vor allem dann, wenn sie immer wieder auftauchen. Doch nur in relativ wenigen Fällen gibt es eine klare Antwort auf die Frage, woher die Schmerzen kommen – zum Beispiel von organischen Erkrankungen oder Bandscheibenvorfällen. Abnutzung dagegen muss nicht zwingend zu gesundheitlichen Problemen führen. Gerade ältere Menschen haben meist im Röntgenbild deutlich sichtbare Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule, ohne deshalb zwangsläufig Beschwerden zu haben. Andererseits können Menschen mit einer kerngesunden Wirbelsäule Rückenschmerzen bekommen.

Ganz wichtig: Der Arzt darf die Patienten nicht ins Bett schicken und lange krankschreiben. Denn das durchaus verständliche Bedürfnis, sich aus Angst vor den Schmerzen so wenig wie möglich zu bewegen, führt zu einem Teufelskreis, der die Schmerzen verstärkt. Um dieses Aufschaukeln zu vermeiden, gilt: raus aus dem Bett, aktiv werden und sich wieder bewegen, sobald die Schmerzmittel wirken. Nur so lässt sich verhindern, dass sich der Schmerz festsetzt und chronisch wird.

Ein Teufelskreis: Schmerzen schränken den Alltag und soziale Kontakte ein. So horcht man noch mehr in sich hinein.


Foto: Alesse/iStock/Thinkstock

Rückenschmerzen – das können Ursachen sein

• einseitige körperliche Belastung
• falsche Bewegungsmuster
• psychische Belastungen, Zeitdruck, Stress
• angeborene organische Schäden
• organische Wirbelsäulenerkrankungen
• falsche Ernährung
• Zwangshaltung des Rumpfes
• körperliche Schwerarbeit
• Übergewicht
• Kompensation ungünstiger Arbeitsplatzgestaltung durch Fehlhaltungen
• Bewegungsmangel
• persönliches Umfeld