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HALTUNG: Gemüsesorten für Pferde: Eine Möhre kommt selten allein


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 20.11.2019

Im Winter meinen es viele Pferdebesitzer gut mit ihren Vierbeinern und füttern Möhren, Rote Beete oder Runkelrüben zu. Abwechslung im Trog, Stärkung des Immunsystems – die Argumente liegen scheinbar auf der Hand. Aber was steckt wirklich im Wintergemüse? Was ist für Pferde gesund, was nicht? Ein Überblick.


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Dörte Helms
Die selbstständige, unabhängige Futterberaterin aus Hude in Niedersachsen bietet eine mobile Pferdewaage sowie Vorträge zum Thema Fütterung und Haltung an.www.doerte-helms.de

Prof. Dr. Heiner Westendarp
Der Leiter des Fachgebiets Tierernährung an der Hochschule ...

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Prof. Dr. Heiner Westendarp
Der Leiter des Fachgebiets Tierernährung an der Hochschule Osnabrück ist außerdem Studienfachberater Landwirtschaft, Leiter für den Studienschwerpunkt Pferdemanagement und Sprecher im Master Studienschwerpunkt „Angewandte Nutztierwissenschaften“. Er gehört zahlreichen Fachgesellschaften an.www.hs-osnabrueck.de

Die kalte Jahreszeit ist angebrochen und sie bringt viele leckere Gemüsesorten mit. Rotkohl, Rosenkohl und Kürbis landen auf dem Teller oder im Eintopf, wärmen uns und stärken die Abwehrkräfte für den Winter. Gilt das auch für Pferde? Bevor Sie Ihrem Vierbeiner damit etwas besonders Gutes tun wollen, sollten Sie Folgendes beachten: „Das Pferd hat einen existentiellen Bedarf an Rohfaser aus Raufutter“, erklärt Dörte Helms, zertifizierte und unabhängige Expertin für Pferdefütterung. Im Winter steht jedoch zwangsläufig weniger frisches Gras zur Verfügung. Und nun? „Pferde haben aufgrund der kälteren Temperaturen und der Futterumstellung im Winter einen erhöhten Bedarf an Energie, Mineralien und Vitaminen“, betont Prof. Dr. Heiner Westendarp von der Hochschule Osnabrück. Pferdebesitzer sollten hier durch gezielte Zufütterung die Nährstoffmängel ausgleichen. In erster Linie über Mineral- und, bei Bedarf, Kraftfutter. Saftfutter kann bei der Vitaminversorgung unterstützen und für Abwechslung im eher trockenen Winterspeiseplan sorgen – allerdings nur in Maßen, warnt Dörte Helms. Das Pferd habe zwar sehr feine Geschmackszellen, die die Süße in bestimmten Futtersorten vorziehen, aber auch einen im Verhältnis zu seiner Körpergröße sehr kleinen Magen und ein empfindliches Darmsystem, das nicht wirklich experimentierfreudig sei. „Neuheiten müssen mit Bedacht eingeführt werden, sonst kommt es zu Dysbalancen“, sagt Helms klar.

Möhren

Möhren immer im Ganzen füttern und nicht klein schneiden!

Das steckt drin: Karotten sind der Klassiker unter den Saftgemüsesorten und werden Pferden immer gerne zugesteckt. Ihr hoher Zuckeranteil von bis zu 50 Prozent ist für Pferde mit Stoffwechselkrankheiten ein hohes Risiko: Schon wenige Möhren können EMS, Cushing oder Hufrehe erheblich verschlimmern. Unbestritten wertvoll ist jedoch ihr hoher Anteil an Beta-Carotin (Carotinoid). Der sekundäre Pflanzenstoff sorgt nicht nur für die Farbe der Möhren, sondern steigert auch die Immunaktivität und verbessert die Fruchtbarkeit. Außerdem wird er im Körper in Vitamin A umgewandelt, was im Winter Mangelware ist. In gelben Möhren sind 20 mg/kg Beta-Carotin enthalten, in roten sogar 50 bis 60 mg/kg.

Vorsicht: Rohe Karotten können bei empfindlichen Pferden verdauungsregulierend und leicht abführend wirken. Bei Pferden, die zu Kotwasser oder Koliken neigen, sollten sie deshalb nur in geringen Mengen im Trog landen. Auch eilt Möhren der Ruf voraus, dass sie eine entwurmende Wirkung haben. Aber das ist nicht der Fall! „Möhren sind nicht wurmtreibend und ersetzen auch keine Wurmkur“, warnt Dörte Helms. Möhren neigen außerdem dazu, schnell zu verderben. Vor allem die Lagerung in Säcken, die in vielen Ställen üblich ist, führt zu braunen Flecken und Schimmel. In diesem Fall kann nur noch der ganze Sack entsorgt werden. Wer die Möhren trotzdem verfüttert, riskiert Koliken. Möhren sollte man immer im Ganzen füttern und nicht klein schneiden. Pferde neigen dazu, die Stückchen sonst unzerkaut herunterzuschlucken, was zu einer Schlundverstopfung führen kann.

Wie füttern? Grundsätzlich sind Möhren empfehlenswert. Die maximale Menge liegt bei zwei bis drei mittelgroßen Möhren pro Tag für ein Großpferd, wenn keine Stoffwechselstörung vorliegt.

Futterrüben

Getrocknete Zuckerrübenschnitzel unbedingt mindestens zwölf Stunden vor der Fütterung einweichen!

Das steckt drin: Futter- oder Runkelrüben gibt es in der Pferdefütterung schon seit Jahrhunderten. Sie sind faserreich, bestehen zu 98 Prozent aus Wasser und enthalten außerdem Vitamin C und E sowie leichtverdauliches Pektin, das den Magen-Darm-Trakt positiv beeinflusst. Wichtig ist die Abgrenzung zu Zuckerrüben: In diesen steckt, wenn sie frisch vom Feld kommen, mehr als 20 Prozent Zucker. Diese Menge ist für Pferde schädlich. Die Zähne werden schlecht, das Diabetes-Risiko und die Neigung zu Koliken erhöhen sich. Viele Pferdehalter füttern getrocknete Zuckerrübenschnitzel als Abwechslung zu Raufutter. Darin sind wertvolle Rohfaser, Eiweiß und Calcium enthalten.

Vorsicht: Rübenschnitzel haben eine hohe Wasserbindekapazität. Sie quellen bis auf ihr Vierfaches auf und müssen unbedingt ausreichend – mindestens zwölf Stunden vor der Fütterung – eingeweicht werden. Andernfalls können sie im Verdauungstrakt nachgären und zu Koliken oder Magenrupturen führen. Im Winter deshalb unbedingt darauf achten, dass die eingeweichten Rübenschnitzel nicht zwischendurch einfrieren. Dies unterbricht die Quelldauer und erhöht die Gefahr des Nachgärens.

Wie füttern? Eine Futterrübe pro Tag eignet sich auch als Beschäftigung für Pferde. Vorher gut reinigen, da sich Verschmutzungen häufig in den tiefen Rillen absetzen! Bei der Fütterung von Zuckerrübenschnitzeln auf die Diät-Empfehlungen des Herstellers achten oder melassefreie Rübenschnitzel kaufen.

Rote Beete

Unterstützt – dank hohem Eisengehalt – die Blutbildung.


Das steckt drin: Früher fanden Arbeits- und Zugpferde die tolle Knolle täglich in ihren Futtertrögen vor. Rote Beete gilt nicht nur als leichtverdauliche und leckere Abwechslung im Speiseplan der Pferde sondern auch als wahres Vitaminwunder. Besonders bemerkenswert ist ihr hoher Eisengehalt, der in Kombination mit Folsäure die Blutbildung unterstützt. Die Liste an weiteren gesunden Inhaltsstoffen ist lang: Vitamin A, C und E, B-Vitamine, Magnesium, Calcium, Kalium, Selen und Zink.

Wirkung: Die Inhaltsstoffe unterstützen das Immunsystem, fördern die Wundheilung und sorgen für einen gesunden Aufbau von Knochen und Zähnen. Haut und Schleimhäute werden gestärkt, weswegen Rote Beete besonders für Ekzemer und Allergiker zu empfehlen ist. Der charakteristische rote Farbstoff Betanin wirkt antioxidativ, entzündungshemmend und abwehrstärkend. Außerdem bietet er Zellen und Gefäßen einen Tumorschutz.

Wie füttern? Immer roh. Beim Kochen werden die wertvollen Inhaltsstoffe zerstört. Nicht zu lange lagern, sie neigt zu Pilzbildung. Die empfohlene maximale Dosis liegt bei einer Knolle pro Tag.

Kohl und Kartoffeln

Kohl und rohe Kartoffeln sollten nicht verfüttert werden!

Was steckt drin? Alle Kohlsorten wie Weißkohl, Blumenkohl, Rosenkohl, Rotkohl, Grünkohl und dergleichen haben ein hohes Gasungspotenzial, können den Bauch des Pferdes aufblähen und zu Koliken führen. Kartoffeln wurden zwar in der Nachkriegszeit aufgrund ihres hohen Stärkegehalts häufig als Getreideersatz in der Fütterung eingesetzt, können aber, wenn überhaupt, nur gekocht gegeben werden. Rohe Kartoffeln, Kartoffelschalen und gekeimte Kartoffeln enthalten giftiges Solanin, das bei Pferden zu Darmreizungen, Krämpfen, Koliken und schlimmstenfalls zum Zerfall der roten Blutkörperchen führen kann.

Nicht füttern!
Kohl und rohe Kartoffeln sollten nicht gefüttert werden!

Kürbis

Täglich maximal eine Handvoll füttern

Was steckt drin? Kürbis wird seit einigen Jahren als gesunder Snack für Pferde angepriesen. Aber: Alle positiven Effekte auf die Gesundheit, die dem Kürbis zugeschrieben werden, beziehen sich ausschließlich auf den Menschen. „Zum Kürbis in der Pferdefütterung gibt es kaum Forschungsergebnisse“, erklärt Dörte Helms. Kürbis hat jedoch einige unbestritten gute Eigenschaften: Er hat einen hohen Zuckergehalt, der jedoch kaum in den Blutzucker übergeht. Die so genannte glykämische Last (GL), die die tatsächlich zugeführte Menge an Kohlehydraten einbezieht, ist mit 3 sehr niedrig. Außerdem enthält Kürbis Beta-Carotin, Folsäure, Mineralund Ballaststoffe. Citrullin soll generell durchblutungsfördernd wirken, die Insulinwirksamkeit verbessern und eine positive Wirkung auf die Blase haben.

Wie füttern? Kleine Mengen Speisekürbis, maximal eine Handvoll täglich, können dem Pferd gegeben werden. Schale gut waschen und Strunk entfernen.

Hagebutte

Eignen sich super als Leckerliersatz und als Vierbis sechs-Wochen-Kur!

Das steckt drin: Wildpferde haben die kleinen roten Vitaminbomben schon vor vielen Jahrhunderten gerne gefressen und damit instinktiv ihre Abwehr gestärkt. Fakt ist: Hagebutten enthalten ein Vielfaches mehr an Vitamin C als die vergleichbare Menge Zitronen. Dies wirkt sich nicht nur positiv auf das Immunsystem aus, sondern unterstützt auch den Aufbau des Kollagens in Sehnen, Bändern, Knochen und Gelenken. Die winzigen Früchte sind außerdem prall gefüllt mit weiteren Vitaminen und Vitalstoffen: Die Vitamine A, B, E, K und P sind genauso vertreten wie die Mineralstoffe Calcium, Magnesium, Kupfer, Eisen, Phosphor und Zink sowie Flavonoide und Galaktolipide. Ihr hoher Vitalstoff- und niedriger Zuckergehalt machen Hagebutten zu einem idealen Leckerliersatz für Pferde mit Stoffwechselkrankheiten.

Wirkung: Der Hagebutte werden entzündungshemmende Eigenschaften, eine mögliche Reduktion der Schmerzempfindlichkeit und Förderung der Beweglichkeit nachgesagt. In der Schale stecken Pektine, die sich positiv auf die Verdauung und die Regeneration der Darmschleimhaut auswirken.

Wie füttern? Hagebutten sammeln und schonend einige Tage an einem warmen Ort trocknen, zum Beispiel auf einem trockenen Tuch. „Bei der Maschinentrocknung geht der Gehalt an Vitamin C verloren“, warnt Dörte Helms. Die Früchte auf dem Tuch regelmäßig wenden, damit sie an der Unterseite nicht schimmeln. Danach können sie als Leckerli oder Kur über vier bis sechs Wochen gegeben werden. Die empfohlene Menge liegt bei maximal 100 Gramm täglich für ein Großpferd.
Aber Vorsicht, die Samen enthalten innen kleine Widerhaken, die bei manchen Pferden Juckreiz auslösen können.

Kastanien und Eicheln

Was steckt drin? „In Zeiten großer Futternot wurde häufig versucht, Baumfrüchte wie Kastanien, Eicheln und Bucheckern zu verfüttern“, erklärt Prof. Dr. Heiner Westendarp. Dabei kam es nicht selten zu gesundheitlichen Problemen. „Die Fruchtschale der Rosskastanie enthält Saponine und Glykoside, die für Pferde giftig und sogar tödlich sein können.“ Anzeichen sind Pupillenerweiterung, Unruhe, starker Durst, Kolik, Durchfall, Muskelzucken, Krämpfe und Benommenheit.
Eicheln enthalten Gerbsäuren (Tannine), vor allem in grünen, unreifen Früchten ist die Konzentration hoch. „Tannine binden Nahrungsproteine, Verdauungsenzyme und Eiweiße der Darmschleimhaut, so dass es zu einer eingeschränkten Resorption der Nährstoffe bis hin zu schweren Koliken kommen kann“, warnt Westendarp. Sie können außerdem die Leber schädigen und zu Nierenversagen führen. Vor allem junge Eicheln und Blätter sowie die Rinde sind giftige und für das Pferd gefährliche Pflanzenteile! Nehmen Pferde eine größere Menge Eicheln auf, drohen Verstopfung bis hin zur Lähmung der Muskeltätigkeit im Darm, Gastroenteritis, Durchfall und Appetitlosigkeit.

Nicht füttern! Das Fressen von Rosskastanien und Eicheln sollte man generell verhindern. Die Weide regelmäßig säubern und für ein alternatives Futterangebot sorgen.

Das Fressen von Rosskastanien und Eicheln sollte man generell verhindern!


FOTOS: ADOBE STOCK