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Hamburgs schwimmendes Wahrzeichen: Die „Grüne Lady“


SCHIFF Classic - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 10.02.2020

Als „geborene“ Bremerhavenerin liegt die Rickmer Rickmers sicher an den Landungsbrücken und ist eines der Highlights der Hansestadt. Bis das dreimastige ehemalige Frachtsegelschiff in Hamburg festmachte, hat es einiges erlebt


Es regnet in Strömen, das Schiff rollt stark bei hoher Dünung aus Richtung Süden. Der seit drei Tagen böige Wind hat zugenommen und bläst beständig, die Bramsegel wurden bereits in der Nacht festgemacht.

Am Nachmittag kommt dann das Kommando, bis auf das Großuntermarssegel das gesamte Tuch abzufieren und zu sichern. Wind und See haben weiter stark zugenommen, der Kapitän lässt auf ...

Artikelbild für den Artikel "Hamburgs schwimmendes Wahrzeichen: Die „Grüne Lady“" aus der Ausgabe 2/2020 von SCHIFF Classic. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: SCHIFF Classic, Ausgabe 2/2020

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... Backbord Halsen drehen. Kurz vor Mitternacht weht es orkanartig, als eine hohe Woge die auf die Seite wirft und der geladene Reis übergeht. Die Crew kappt sofort das Großuntermarssegel, aber das Schiff richtet sich nicht wieder auf. Die liegt mehr als 30 Grad nach Steuerbord über, das Wasser steht bis zur Höhe der Großluke.

Es läuft eine mächtige See, die das Schiff überflutet und alles, was nicht vertäut ist, mit sich reißt. Brückenschanzung, Ruderhaus, Kappe und Rettungsboot werden über Bord geschlagen. Herumtreibende, gebrochene Eisen- und Holzteile reißen die Persenningen von den Luken. In Logis und Mitschiffshaus sind die Türen eingedrückt, die Verschanzung an Steuerbord ist verbogen, eine Reihe von Stützen gebrochen und Seewasser fließt in die Ladung. Aber urplötzlich ist die größte Gewalt des Sturms vorüber, der Wind nimmt rasch ab und der Regen hört auf. Die Mannschaft kann mehr Segel setzen und schaufelt etwa 60 Tonnen Reis aus dem Zwischendeck über Bord, das Schiff richtet sich wieder auf. Die nächsten Tage ist die gesamte Crew mit Reparaturen beschäftigt, selbst neue Brassen müssen geschoren werden, weil die alten über Bord gegangen sind.

Nur knapp entkommt die Rickmer Rickmers in der Nacht vom 3. auf den 4. Januar 1906 in einem Taifun rund 400 Seemeilen südöstlich der Insel Mauritius dem Untergang. Bereits zwei Jahre zuvor, im August 1904, verlor das 1896 auf der Rickmers-Werft in Geestemünde gebaute, 97 Meter lange Vollschiff mit querstehenden Rahen an allen Masten während eines Orkans vor dem Kap der Guten Hoffnung seinen Kreuzmast und drohte zu kentern. Die 20-köpfige Besatzung kappte den oberen Teil des dritten Masts und rettete das Schiff mit großer Mühe in den Nothafen Kapstadt. Dort wurde der havarierte dritte Mast ersetzt und das Vollschiff aus Kostengründen zur Bark umgetakelt. Statt Rahsegel trug es dann am hinteren Mast sogenannte Schratsegel (längsschiff stehende Gaffelsegel), die von der relativ kleinen Crew leichter zu bedienen waren. Von nun an fuhr der Frachtensegler also als Bark und kehrte im Dezember 1904, zwei Monate zu spät, nach Bremerhaven zurück.

WEIT GEREIST: Ob Helgoland oder Hongkong in Sicht – die Rickmer Rickmers kennt die großen Meere dieser Erde


WITZIGE GALIONSFIGUR: Der dreijährige Rickmer, Enkel des Firmengründers der Reederei Rickmers, Rickmer Clasen Rickmers, ziert den Bug des Schiffes


VIELE NAMEN: Diese Glocke trug immer den Namen Rickmer Rickmers, aber das Schiff hatte auch andere Bezeichnungen: Max, Flores, Sagres, Santo André


Baunummer 92

Dort, auf der Werft der Reederei Rickmer Clasen Rickmers, war die Rickmer Rickmers im August 1896 vom Stapel gelaufen. Eine eher ungewöhnliche Galionsfigur zierte ihren Bug: Wo bei vielen Schiffen Löwen, Ni- xen oder auch Ritter den aufspritzenden Wellen trotzten, war bei dem stolzen Dreimaster ein kleiner, pausbäckiger Junge im Matrosenanzug zu sehen. Es handelte sich um den dreijährigen Rickmer, Enkel des zehn Jahre zuvor verstorbenen Firmengründers der Reederei Rickmers, Rickmer Clasen Rickmers.

Vater und Reedereierbe Peter Rickmers gab der Baunummer 92 den Namen seines kleinen Sohnes. Die erste Reise führte das Schiff nach Hongkong, wo es Reis und Bambus lud und nach Deutschland brachte. Geführt wurde das Schiff mit der 21-köpfigen Besatzung bis 1899 von Kapitän Hermann Hinrich Ahlers aus Brake, dann übernahmen die Kapitäne Albert Baake (bis 1903), E. L. Kohlmann (bis 1905), H. Schwegmann (bis 1907), D. W. Janssen (bis 1909), Nicolaus Möller (bis 1910) und H. Ahlers aus Elsfleth (bis 30. März 1912). Es unternahm insgesamt zwölf Rundreisen, zumeist über die Vereinigten Staaten nach Fernost, beladen mit Kistenöl von Philadelphia nach Tokio. Noch vor dem Ersten Weltkrieg stieß die Reederei Rickmers aber alle Segelschiffe ab, um sie durch moderne Dampfschiffe zu ersetzen.

Konkurrenz: moderne Dampfer

1912 wurde die im Hafen von Delfzyl liegende Rickmer Rickmers an die Hamburger Reederei Carl Christian Krabbenhöft verkauft und am 15. April unter dem neuen Namen Max in das Hamburger Schiffsregister eingetragen. Unter der Führung von Kapitän Peter Jensen fuhr die Rickmer Rickmers in den nächsten beiden Jahren in der noch Gewinn bringenden Salpeterfahrt nach Chile. Auf dem Hinweg wurde Kohle von Wales nach Chile und zurück Salpeter von Chile nach Europa transportiert.

TECHNISCHE DATEN

HAMBURGER INSTITUTION: Seit 1983 liegt das Schiff an den Landungsbrücken und steht ganz oben auf der Liste der Sehenswürdigkeiten


In neutralem Hafen

Auf der Heimreise von Chile überraschte dann aber 1914 der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Crew. Das Schiff hatte den chilenischen Hafen Iquique, beladen mit Salpeter, am 23. Juni verlassen. Erst Ende August erfuhr Kapitän Jensen von einem schwedischen Segler auf dem Atlantik, dass in Europa seit einem Monat Krieg herrschte und Großbritannien direkt nach Kriegsbeginn ein Handelsverbot gegen Deutschland erlassen hatte.

Ein Durchbruch der Seeblockade war mit einem Frachtensegler undenkbar, und so traf Kapitän Jensen die Entscheidung, den Hafen von Horta auf der zu den Azoren gehörenden Insel Faial anzulaufen, um in diesem neutralen portugiesischen Hafen das Ende des Krieges abzuwarten. Am 17. September 1914 fiel der Anker auf Reede, die Mannschaft blieb beim Schiff. Knapp eineinhalb Jahre später aber, am 23. Februar 1916, beschlagnahmte die portugiesische Regierung alle in ihren bis dahin neutralen Häfen liegenden deutschen Schiffe. Dieser Zugriff, hieß es, sei kein kriegerischer Akt, sondern „im öffentlichen Interesse“. Daraufhin erklärte Deutschland den Portugiesen den Krieg, und am 26. Februar 1916 musste die Besatzung die Max verlassen, die deutschen Seeleute wurden interniert und erst im November 1919 wieder entlassen. Immerhin hatten sie überlebt.

Das konfiszierte Schiff wurde von Portugal den Briten zur Verfügung gestellt. Unter dem Namen Flores transportierte es fortan Kriegsgüter für das Vereinigte Königreich über den Atlantik. Nach Kriegsende wurde der Segler von Großbritannien an die Portugiesen zurückgegeben. Die Frachtraten waren aber trotz fehlender Tonnage aufgrund des Krieges für Segler drastisch gesunken, Dampfschiffe hatten sich endgültig durchgesetzt, und so wurde die Bark zunächst einmal aufgelegt.

DOPPELTE ATTRAKTION: Gemeinsam mit der Alexander von Humboldt II, einem Ausbildungsschiff u.a.der Deutschen Marine und der erste Großsegler, der seit der Barkentine Lili Marleen (1994) in Deutschland gebaut wurde


NICHT BERÜHREN: Die Kombüse ist ein besonderes Schmuckkästchen des Schiffes und darf nur bestaunt, nicht betreten werden


EDLES INTERIEUR: In der für Besucher zugänglichen Offiziersmesse sind exquisite Hölzer verbaut, die Eleganz und Gediegenheit ausstrahlen


Erst 1924 übernahm die portugiesische Marine das Schiff und ließ es auf der Staatswerft Arsenal do Alfeite bei Lissabon für den Nachwuchs zum Segelschulschiff Sagres umrüsten. Der Laderaum wurde zu Wohn- und Schulungsräumen für die Kadetten umgebaut. Im Zwischendeck schliefen die Matrosen in Hängematten. Im Achterschiff lagen die Offizierkabinen rund um die Offiziermesse, die eine Bronzebüste des Prinzen von Sagres zierte. Unter der Back wurden Kombüsen und Bäckerei eingerichtet, die alten Logis verschwanden.

Moderne Anlagen

Im neuen Hospital mit OP-Saal konnten bis zu 14 Mann versorgt werden. Der Großsegler erhielt außerdem elektrische Beleuchtung und Funk sowie moderne nautische Geräte. War auf dem Frachtsegler lediglich eine 23-köpfige Besatzung unterwegs, kam das Segelschulschiff auf insgesamt 186 Offiziere, Unteroffiziere, Mannschaften und Kadetten. Zwar blieben Rumpf, Masten, Rahen und Bugspriet, aber eine gravierende Maßnahme veränderte das Schiff auch von außen: Die Galionsfigur des kleinen Rickmer Rickmers wurde abgebrochen und durch eine Figur des portugiesischen Prinzen Heinrich der Seefahrer ersetzt. Bis heute ist der Verbleib der Figur des kleinen Jungen, des ersten und jetzigen Namensgebers Rickmer Rickmers, ungeklärt. Sie bleibt verschollen.

Vier Monate pro Jahr segelte die Sagres im Rahmen der Kadettenausbildung im Atlantik. Ihre Reisen führten meist nach Madeira und zu den Kapverden, aber auch nach New York oder Buenos Aires. Den Rest des Jahres lag das Schiff auf dem Tejo vor Anker. Im Jahr 1931 wurden zwei 350-PS-Krupp-Dieselmotoren mit den dazugehörenden Hilfsmaschinen als Hilfsantrieb eingebaut. Damit stieg der Komfort des Schulschiffes und es konnte eine Geschwindigkeit von rund zehn Knoten erreicht werden.

Große Aufmerksamkeit bekam die Sagres bei den im Juli 1956 erstmals durchgeführten Tall Ships’ Races, der Langstrecken-Regatta beder Windjammer. Zwei Jahre später triumphierte das portugiesische Schulschiff sogar und schlug das norwegische Schulschiff Christian Radich, Sieger der ersten Auflage, die Mercator und die Flying Clipper. Auf der 1.325 Seemeilen langen Strecke von Brest nach Las Palmas konnte der ehemalige Frachtensegler seine Qualitäten voll ausspielen.

EINE VON VIELEN: Und doch ganz eigen, hat die Rickmer Rickmers ihren festen Platz in der Galerie der Schönen


IN VOLLER PRACHT: Das Schiff steht für das Motto des von Fiete Schmidt gegründeten Hafen-Vereins: „Hamburgs Vergangenheit als Kauffahrtei- und Schiffahrtstadt in lebendiger Erinnerung zu halten“


Erst abgetakelt …

Doch als die Portugiesen 1962 ein neues Segelschulschiff, die ehemalige Albert Leo Schlageter, ebenfalls unter dem Namen Sagres in Dienst stellten, wurde die alte Bark nicht mehr gebraucht und schied aus dem aktiven Flottendienst aus. Das Schiff wurde abgetakelt, die Masten gekappt und unter dem Namen Santo André als Depotschiff im Marinehafen Alfeite genutzt. Dort lag die Hulk als schwimmendes Lagerhaus, bis der Verein „Windjammer für Hamburg e.V.“ 1978 auf das Schiff aufmerksam wurde. Am 4. Dezember 1974 vom Vorsitzenden des Hamburger Hafen-Vereins, Wilhelm „Fiete“ Schmidt, gegründet, hatte der Windjammer- Verein das Ziel, Hamburgs „Vergangenheit als Kauffahrtei- und Schiffahrtstadt in lebendiger Erinnerung zu halten“ und suchte einen Großsegler als Museumsschiff für den Hamburger Hafen. Die Staatsrat Lehmkuhl, eine Bark, die einer Reederei im norwegischen Bergen gehörte, war mit einem Preis von zwei Millionen D-Mark schlichtweg zu teuer.

Den Viermaster Padua, die seit 1960 in Lübeck- Travemünde liegende Passat und die Peking, einen der berühmten Flying-P-Liner der Reederei Laeisz, fasste man ins Auge, doch die Sowjetunion wollte das für ihre Marine unter dem Namen Kruzenstern fahrende Segelschulschiff nicht veräußern. Sogar eine Bergung der stählernen Bark Plus, die in 45 Meter Tiefe vor den Aaland-Inseln lag, wurde erwogen, aber wieder verworfen. Und auch die Verhandlungen für die ehemalige Rickmer Rickmers schlugen fehl. Portugal forderte 430.000 D-Mark für die Hulk – das war den Hanseaten zu viel.

Doch fünf Jahre und etliche Verhandlungen später hatte es „Fiete“ Schmidt geschafft: Der unermüdliche Vereinsvorsitzende fädelte ein Tauschgeschäft ein. Als Gegenleistung für die Santo André bekamen die Portugiesen den Stahl-Gaffelschoner Anne- Linde (heute Polar). Rund 350.000 D-Mark musste der Verein, der sich durch Spenden finanzierte, für Kauf und Ausstattung der Anne-Linde aufbringen.

Nach Übergabe der Papiere erhielt die Rickmer Rickmers ihren ersten Namen zurück. Am 28. April 1983 wurde dafür die heruntergekommene Hulk in Lissabon übergeben und seeklar gemacht. Dann schleppte sie die Baltic der Bugsier-Reederei kostenlos nach Hamburg.

… und dann angekauft

An den Landungsbrücken drängten sich die Zuschauer, nicht nur wegen des 794. Hamburger Hafengeburtstages herrschte Volksfeststimmung. Rund 100.000 Menschen waren gekommen, um am 7. Mai 1983 die Ankunft der Rickmer Rickmers zu erleben. Aus dem Krähennest vom Dach der Landungsbrücken moderierte Carl-Heinz Hollmann die Ankunft und spielte Glockengeläut der Hamburger Kirchen ein. Die ergriffenen Menschen am Ufer sangen die Nationalhymne, Kapellen spielten, Shanty-Chöre sangen, die Schlepper tuteten und jedes Schiff ließ zur Begrüßung nahezu ununterbrochen die Typhone heulen. Einige Tage konnte die Bevölkerung das Schiff beder sichtigen. Danach wurde es an den Europakai der HDW verholt und gedockt. Mit Ultraschallmessungen wurden die Schäden festgestellt. Das Ergebnis: Reparaturen und Umbau zum Museumsschiff kosteten rund sieben Millionen D-Mark.

HOHE AUSZEICHNUNG: Uwe Seeler ist eine von 17 Personen bzw. Organisationen, die sich Ehrenkapitän des Schiffes nennen dürfen


Der Verein rief zur freiwilligen Hilfe auf und ein Stamm von 50 Helfern arbeitete an den Wochenenden. Werftobjektleiter Hermann Prigge zeigte sich zwar vom Zustand des Unterwasserschiffs angenehm überrascht, aber die Außenhaut musste geöffnet werden, um 2.000 Tonnen nassen Sand-, stein- und Stahlballast aus den Tanks holen zu können. Anfang 1984 wurden dann ABMMittel zur Verfügung gestellt, mit denen zwölf arbeitslose Schiffbauer und Schweißer eingestellt werden konnten.

Runderneuerung

Bei den umfangreichen Restaurierungsarbeiten wurden der Rumpf innen und außen konserviert, die Stahlplatten gesandstrahlt, verdickt und gestrichen, ein neues Holzdeck verlegt, die Deckshäuser repariert, die Takelage vervollständigt, Klima- und Lüftungsanlage eingebaut, im Maschinenraum eine der beiden Dieselmaschinen instand gesetzt, die andere durch eine Dampfmaschine ersetzt und der Innenausbau vorangetrieben.

Auf ein Detail legten die Sanierer besonderen Wert: Die Galionsfigur des kleinen Jungen sollte zurück an ihren Platz. Die verwitterte Holzfigur Heinrich des Seefahrers wurde abgenommen und aufgearbeitet, sie ist heute im Museum ausgestellt. Am 20. Oktober 1984 begann dann der Bildhauer Dieter Meyer anlässlich der 24. Deutschen Boots- Ausstellung in Hamburg mit den Arbeiten an einem Duplikat der ursprünglichen Galionsfigur. Als Holz dienten die originalen, ausgemusterten Deckplanken der Rickmer Rickmers. Am 4. September 1987 begrüßte der Erste Bürgermeister Hamburgs, Klaus von Dohnanyi, den Dreimaster an den Landungsbrücken. Zehntausende Zuschauer standen an den Ufern der Elbe und jubelten der von den Schleppern Bugsier 5 und Wilhelmine gezogenen Bark zu. Fontänen spritzende Feuerlöschboote, voll besetzte Hafenbarkassen und Hunderte privater Sportboote begleiteten die Triumphfahrt von Blankenese elbaufwärts an den endgültigen Liegeplatz am Fiete-Schmidt-Anleger. An Bord fand zur offiziellen Übernahme ein Senatsempfang statt.

Die Rickmer Rickmers ist längst zu einem Wahrzeichen der Hansestadt geworden, die „Grüne Lady“ nennen die Hamburger ihren Großsegler liebevoll. Seetüchtig ist das Schiff mit dem charakteristischen grünen Rumpf nicht mehr, den Anleger verlässt es nur noch für Überholungen im Dock, denn auch ein Museumsschiff muss alle sieben Jahre turnusmäßige Inspektionen absolvieren. Zum letzten Mal lösten im August 2016 Werftarbeiter die schweren Riegel an den Ruckfendern, und der Dreimaster wurde mithilfe von zwei Schleppern bis zur anderen Elbseite geschleppt. Im Dock 16 der Werft Blohm + Voss stand die bisher umfangreichste Renovierung an, seit das Schiff in Hamburg lag.

Geld aus dem großen Topf

Bislang hatte die Stiftung Reparaturen immer selbst finanziert, jetzt konnte man erstmals auf öffentliche Gelder zurückgreifen. Die beiden Hamburger Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs (SPD) und Rüdiger Kruse (CDU) hatten sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass aus einem Denkmalschutztopf des Bundes rund 1,9 Millionen Euro bereitstanden.

Der Windjammer konnte umfassend renoviert werden, mit Ultraschall wurde die Stärke des 120 Jahre alten Stahlrumpfs gemessen. Überall dort, wo er weniger als drei Millimeter aufwies, wurden zwölf Millimeter dicke Stahlplatten aufgeschweißt. Außerdem mussten auch die bis zu 47 Meter hohen Masten mit Wanten und Stagen saniert werden und der Gastronomie- und Veranstaltungsbereich wurde aufgewertet.

Seitdem glänzt das einzigartige schwimmende Wahrzeichen wieder an den Landungsbrücken. Doch es kommt Konkurrenz: Ab 2025 soll die Peking am Grasbrook vor dem Neubau des Deutschen Hafenmuseums als Aushängeschild liegen – die Viermastbark ist frei nach dem Gassenhauer ein echter „Hamborger Veermaster“. Denn einen klitzekleinen Makel hat die Rickmer Rickmers für eingefleischte Hamburger halt doch: Sie stammt aus Bremen.

BESUCHERMAGNET Das Museumsschiff

Die Rickmer Rickmers liegt am Fiete-Schmidt- Anleger an den Hamburger Landungsbrücken und kann täglich von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden. Im Herbst 1987 wurde das Schiff in eine neu gegründete Stiftung eingebracht. Diese finanziert sich selbst aus Eintrittsgeldern, Gastronomie oder Veranstaltungen und durch Spenden, erhält also keine Zuschüsse von städtischer oder staatlicher Seite. Ein Besuch lohnt immer: Gäste können das Schiff von oben bis unten erkunden. Zu sehen sind die engen Mannschaftsräume ebenso wie die Offizierskabinen. Große Schautafeln, alte Fotos und nautische Exponate dokumentieren die spannende Geschichte des Frachtenseglers. Im Maschinenraum veranschaulichen eine Dampfmaschine und einer der Krupp-Dieselmotoren die drei Antriebsarten der letzten 100 Jahre – Wind, Dampf, Diesel. An Bord gibt es außerdem wechselnde Ausstellungen zu maritimen Themen sowie ein Restaurant mit hanseatischen Gerichten. Abenteuerlustige können den Großmast hinaufklettern: Über die Wanten geht es bis auf 30 Meter hinauf, von dort genießt man einen tollen Blick über den Hafen. Seit 2006 ist die Rickmer Rickmers offizielle Schiffspoststelle der Deutschen Post mit einem eigenen Sonderstempel. Neuerdings gibt es einen Escape Room mit drei Spielen und vielen Rätseln, die zu lösen sind.

Eintritt: Erwachsene 5 Euro, Kinder 3 Euro Informationen unter: www.rickmer-rickmers.de


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