Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

HANDWERK: Heiße Öfen


daheim - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 07.12.2018

Im fränkischen Creußen entstehen Ofenkacheln wie in alten Zeiten


Artikelbild für den Artikel "HANDWERK: Heiße Öfen" aus der Ausgabe 1/2019 von daheim. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: daheim, Ausgabe 1/2019

Eine flaschengrüne Renaissance-Kachel wie diese kennt man von Öfen in alten Wirtshäusern


Der Keramiker Andreas Schwenk schneidet überstehende Ränder an den Kacheln ab


Ein echter Kachelofen ist ein keramisches Kunstwerk


1


2


3


1. Die feinen Muster der Kacheln entstehen in einer Presse.
2. Vor dem Brennen werden die Kacheln gereinigt.
3. Christian Seyffarth holt Rohware aus dem Lager

Der Marktplatz der fränkischen Kleinstadt Creußen liegt verträumt auf einem Hügel. Hinter der Fassade von Nummer 11, 13, 15 und 17 herrscht eine leise ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von daheim. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2019 von WILLKOMMEN: Liebe Leserinnen und Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WILLKOMMEN: Liebe Leserinnen und Leser,
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von UNSER LAND: DIE SCHÖNHEIT DES WINTERS DEUTSCHLAND. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
UNSER LAND: DIE SCHÖNHEIT DES WINTERS DEUTSCHLAND
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von IHR WEG ZU UNS: Unsere Leser schreiben…. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
IHR WEG ZU UNS: Unsere Leser schreiben…
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von DAS LIEBEN WIR!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DAS LIEBEN WIR!
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von TOUR: Unbezahlbar!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TOUR: Unbezahlbar!
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von ANREISE: Großer Bahnhof. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ANREISE: Großer Bahnhof
Vorheriger Artikel
ESSEN & TRINKEN: Schmankerl-Tour
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel LANDSCHAFT: Winterwunderland
aus dieser Ausgabe

... Geschäftigkeit. Ab und an kommt ein Handwerker aus der Tür, die Hose mit einer feinen weißen Staubschicht bedeckt, an den Fingern kleben die Reste grauer dunkler Tonerde.

Die Firma Seyffarth Keramik stellt seit 140 Jahren Ofenkacheln her. Mitten im Ort, nicht irgendwo draußen in einem Industriegebiet. Eine Traditionsmanufaktur, die ein altes Handwerk pflegt, das selten geworden ist. 15 Firmen waren es 1988, fünf sind es heute noch in Deutschland. „Kaminöfen aus dem Baumarkt boomen“, sagt Firmenchef Christian Seyffarth, „aber echte Kachelöfen sind rar.“

Traditionsmuster werden wieder nachgefragt

Tatsächlich ist längst nicht alles, was als Kachelofen bezeichnet wird, wirklich ein Ofen mit Kacheln. Vieles wird mit Naturstein verkleidet oder besteht nur aus Metallteilen. Ein richtiger Kachelofen hingegen ist ein keramisches Gesamtkunstwerk, mit gebrannten Tonkacheln, die dank ihrer Glasur und ihrer filigranen Reliefmuster auch eine Augenweide sind.

70 Modelle hat die Firma Seyffarth im Angebot, rund 80 verschiedene Glasurfarben. Ihre Kunden sind nicht die Endverbraucher, sondern die Handwerker. „Der Ofenbauer kommt auf uns zu“, sagt Christan Seyffarth, „und wir machen ihm einen Vorschlag.“

Sehr zur Freude der Manufaktur werden dabei auch wieder Traditionsmuster nachgefragt. Die flaschengrüne Renaissance-Kachel zum Beispiel. Man kennt sie aus alten Wirtshäusern, den guten Stuben, dem heimeligen Wohnzimmer der Großmutter. Ein Kunde möchte sie für einen frei stehenden Ofen mit Sichtfenster haben, das Modell „Classico Renaissance“. „Ein bisschen Lagerfeuerromantik muss sein“, sagt Keramikingenieur Seyffarth und gibt die Stückliste des Auftrags an die Produktion weiter.

22 auf 22 Zentimeter ist eine Renaissance-Kachel groß. In der Mitte hat sie eine schüsselartige Vertiefung, außen zieren sie ein Blumenkranz und vier Eck-Vignetten mit kleinen Früchten. Seit den 1950er-Jahren hat die Firma das Motiv im Sortiment, eine Eigenkreation im Stil der Renaissance.

1. Mit einer Kelle gießt Anja Böhner die schokobraune Glasur über die Kacheln.


Ein Kachelofen ist eine Anschaffung fürs Leben


Das Erste, was Industriekeramiker Andreas Schwenk für die Herstellung anrührt, ist die richtige Tonmischung. Seit 42 Jahren arbeitet er in der Firma, ein echter Franke, der schon vom Vater von Christan Seyffarth eingestellt wurde. Wie viele Renaissance-Kacheln er schon hergestellt hat? Er zuckt mit den Achseln. Eine Menge jedenfalls!

Das Renaissance-Muster wird passgenau eingedruckt

Im Keller von Hausnummer 15 mischt Schwenk Tone aus dem Westerwald und dem Frankenwald mit Kalk, Wasser und Schamotte. Bei Schamotte handelt es sich um gebrannten und zerteilten Ton, der für die Wärmespeicherung ebenso wichtig ist wie für die Festigkeit der Kachel. Wie eine Wurst wird die Grundmasse dann durch eine Art Fleischwolf gedrückt und anschließend geschnitten.

Danach legt Andreas Schwenk die sogenannte Behaut-Schicht über den Rohling. Sie besteht aus besonders klein gemahlenem Ton, mit einem Korn, das feiner ist als Puderzucker. Es schützt vor Verunreinigungen und garantiert eine perfekte Glasur ohne jeden Makel. Schwenk lässt Grundmasse und Deckhaut durch eine Maschine laufen, die beides verdichtet. Sie erinnert ein wenig an den Schnitzelklopfer in der Metzgerei. Danach halten beide zusammen wie Pech und Schwefel.

Das fertige Ton-Schnitzel geht nun in die Presse. Ganz feucht ist es noch, fühlt sich an wie Knete, ideal, um es zu formen. Dazu hat die Gießerei eine Matrize angefertigt, einen Negativ-Abdruck aus Gips mit dem Renaissance -Muster, das nun pass genau in den Ton eingedruckt wird.

Es zischt leicht, wenn Andreas Schwenk den Hebel senkt. Riecht nach dem Öl, das in der alten grünen Hy - draulikpresse arbeitet. Christian Seyffarths Vater hat sie angeschafft, nachdem in den 1950er-Jahren allmählich von der reinen Handarbeit auf Maschinenfertigung umgestellt wurde.

Die Mischung der Glasuren bleibt ein Firmengeheimnis

Die Pressmaschine hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Nun sind die Feinheiten des Musters zu erkennen und die Form der Kachel, die im Gegensatz zu den flachen Fliesen dreidimensional ist: Es gibt Relief-Vertiefun- gen auf der Außenseite und eine als Rumpf bezeichnete Einfassung auf der Innenseite, die später mit Schamotte-Mörtel ausgekleidet wird. gen auf der Außenseite und eine als Rumpf bezeichnete Einfassung auf der Innenseite, die später mit Schamotte-Mörtel ausgekleidet wird.

2. Rund 80 verschiedene Glasurfarben und fast so viele Modelle hat die Firma im Angebot


Wie ein Bäcker seine Brotlaibe legt Schwenk seine Kacheln auf die Palette. Ab ins Regal mit ihnen zum Trocknen! Mindestens eine Woche müssen sie lagern, bevor sie gebrannt werden können. Denn wenn auch nur noch ein Tropfen Wasser in ihnen ist, droht das Kunstwerk zu bersten. Vor dem Brennen werden die Ränder mit einem Schwamm gereinigt, mit einem Tonmesser zurechtgeschnitten und die Innenseiten mit einem Rumpfklopfer bearbeitet. Seyffarth öffnet die Tür zu einem kleinen Chemielabor. Hier mischt er seine Glasuren selbst. „Firmengeheimnis“, sagt er und verrät nur, dass in die grüne Deckschicht seiner Renaissance-Kachel Kaolin, Quarz, Ton, Eisenoxide und Kupfer wandern.

Die grüne Farbe erhalten die Kacheln erst durchs Brennen

In einer Kugelmühle werden sie dann so fein gemahlen und mit Wasser vermischt, dass sie wie cremige Soßen aussehen. Die Farbe dieser Soße ist braun wie Vollmilchschokolade. Erst durch das Brennen wird sie flaschengrün, weil das Kupfer oxidiert und dadurch sein Erscheinungsbild ändert. Man kennt diesen Prozess von der grünen Patina bei Kupferdächern. Anja Böhner gießt die Schokosoße über die vorgebrannte Kachel. Sie ist die jüngste Mitarbeiterin im Haus. Die Handarbeit macht ihr Spaß, mit geübtem Griff nimmt sie die Kelle und lässt die Rohglasur über die Kachel laufen.

Diese trocknet im Nu, gierig zieht der Ton die Feuchtigkeit aus der Farbe. Jetzt darf die Kachel in den Elektro - Ofen. Bei rund 1000 Grad wird sie elf Stunden gebrannt und muss danach 25 Stunden abkühlen. In einem kleinen Schienenwagen geht die Kachel durchs Feuer. Kunstvoll drapiert und auf ein feuchtes Tonbett gestützt, damit sie nicht mit dem Untergrund zusammenklebt. Wie ein riesiges Kartenhaus sieht der Brennwagen aus, der die komplette Bestellung des grünen „Classico Renaissance“ trägt.

Drei oder vier Wochen dauert es, bis ein Auftrag abgearbeitet ist. Dann gehen die Einzelteile zum Ofenbauer vor Ort, der sie schließlich zusammensetzt. Acht bis zehn Stunden hält ein echter Kachelofen die Wärme, auch wenn sein Feuer längst erloschen ist. „Wir haben zwei Exemplare oben bei uns in der Wohnung“, sagt Christian Seyffarth. 58 Jahre ist er jetzt alt. Ob einer der Söhne den Betrieb übernehmen wird, ist noch offen. „Es wäre schön“, sagt er, „aber es kommt auch auf die wirtschaftliche Situation an.“ Und damit auf die Menschen, die einen guten Kachelofen von einem Kaminofen unterscheiden können. Rund 12 000 Euro wird der „Classico Renaissance“ mit Aufstellung kosten. Eine Anschaffung fürs Leben und eine Wohltat für jeden kalten Winterabend, an dem sich die Menschen nach Wärme sehnen.

KONTAKT: Seyffarth Keramik Marktplatz 11-17, 95473 Creußen Tel. 0 92 70/2 06www.seyffarth-keramik.de