Lesezeit ca. 5 Min.

HAPPY END ‒ ARTZ GOLF 928: LIEBE: AUF DEN ZWEITEN BLICK


Porsche Fahrer - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 11.09.2020

Dieser Golf ist ein 928 – einer von zweien, denen der Tuner Günter Artz ein Kompaktwagen-Kleid in Größe XXL überzog. Auch so kann ein VW-Porsche aussehen!


Artikelbild für den Artikel "HAPPY END ‒ ARTZ GOLF 928: LIEBE: AUF DEN ZWEITEN BLICK" aus der Ausgabe 6/2020 von Porsche Fahrer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Porsche Fahrer, Ausgabe 6/2020

Von all seinen irren Schöpfungen waren Günter Artz die vordergründig normalsten immer am liebsten. Jene, die sich nicht gleich zu erkennen gaben. Dennoch wirkt es aus Frisierer-Sicht schräg, dass vor 40 Jahren kein Extrem-Käfer mit RS-Technik oder 924 Turbo Kombi das teuerste Angebot im Tuning-Katalog war, sondern ein Porsche 928 in Golf-Optik für fantastische 150.000 Mark.

In den Internet-Foren und im Wunschdenken der Fans kursierten immer wieder ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Porsche Fahrer. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2020 von LESERBRIEFE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von NEWS: LE MANS 1970 ? DER ERSTE SIEG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEWS: LE MANS 1970 ? DER ERSTE SIEG
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von SPRECHEN SIE PORSCHE?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SPRECHEN SIE PORSCHE?
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von MADE BY PORSCHE ? CAYENNE GTS: FREIHEIT, DIE ICH MEINE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MADE BY PORSCHE ? CAYENNE GTS: FREIHEIT, DIE ICH MEINE
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von TITELSTORY – RUF CTR ANNIVERSARY: Vogel frei. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TITELSTORY – RUF CTR ANNIVERSARY: Vogel frei
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von FAHRBERICHT ? 911 TARGA 4 TYP 992: MITTEN IM LEBEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FAHRBERICHT ? 911 TARGA 4 TYP 992: MITTEN IM LEBEN
Vorheriger Artikel
TUNING – 911 TURBO „GRUPPE B”: RELOADED!
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel LITERATUR
aus dieser Ausgabe

... größere Stückzahlen, wohl auch befeuert durch das PR-Genie Günter Artz himself, aber tatsächlich entstanden nie mehr als zwei Golf 928. Einen 928 S Kombi baute Artz 1982 ebenfalls, doch im Vergleich zum Achtzylinder-Golf wirkte dieser beinahe konventionell.

Die Marke Porsche stand immer wieder im Zentrum des ebenso kreativen wie handwerklich sauberen Schaffens des Günter Artz, was schon wegen der technischen Verwandtschaft der beiden Marken Porsche und Volkswagen nahelag. Als Geschäftsführer des VW-Autohauses Nordstadt in Hannover erfand er 1969 den „Nordstadt- Express”, einen viertürigen VW 411 mit 911-Motor; erstmals wurde einem Typ 4 Faszination zugesprochen. 1972 kombinierte Günter Artz das Chassis eines 914/6 mit der Karosserie eines Käfer 1302 und dem 190-PS-Motor eines 911 S, um kurz darauf das Triebwerk eines 911 Carrera RS 2.7 zu installieren. Publikumswirksamer ging es nicht, selbst wenn der ganz große, effektheischende Auftritt stets unterblieb.

Golf Plus: 21 Zentimeter breiter als das kompakte VW-Original, darüber hinaus aber betont unauffällig. Die Dimensionen sorgen für Verwirrung.


Der Golf 928 ist ein gutes Beispiel dafür. Auf Fahrgestell und grundlegende Karosseriestruktur eines verunfallten 928 baute Günter Artz 1979 den ersten, ein Jahr später den zweiten XXL-Golf – so kunstvoll, dass erst mal alles serienmäßig wirkt. In Wirklichkeit ist er 21 Zentimeter breiter und gut 30 Zentimeter länger als die VW-Vorlage. „Porsche 928 mit Karosserieteilen vom VW Typ 17 und Autohaus Nordstadt, Hannover” steht im Fahrzeugbrief. Hersteller: Porsche. Typ: Golf. Klingt kompliziert, beschreibt aber exakt, wie fließend die Grenzen zwischen beiden Modellen sind.

TATSÄCHLICH BAUT ARTZ NUR ZWEI EXEMPLARE

Die Faszination des Gesamtkunstwerks muss der Betrachter entdecken wollen. Was er sieht, ist ein großer Golf I, was lange unbemerkt bleibt, ist der 928 darunter und darin. Es ist Liebe auf den zweiten Blick.

Dem VW reicht der Porsche bis zur Gürtellinie. Motor, große Teile des Fahrwerks, der komplette Innenraum sind 928. Darüber spannt sich die Karosserie im Golf-Look. Kühlergrill, Stoßstangen – 1979 trug der Nordstadt-Golf noch US-Stoßfänger aus Metall –, Motorhaube, Dach (mit Schiebedach!) und Heckklappe sind verbreitert, die Kofferraumklappe in Übergröße ist aus zwei normalen zusammengeschweißt. So viel wiegt sie in etwa auch. Selbst Volkswagen- und Golf-Schriftzug kleben beim ersten Test am Heck.

Die Querlenker der Vorder- und Hinterachse hat das Autohaus Nordstadt modifizieren müssen, Front- und Heckscheibe sind Sonderanfertigungen. Nur die Türen sind unverändert, fallen jedoch auf Kopfhöhe der Passagiere in ein zweites Schloss. Die Motorhaube trägt ebenfalls zwei Schlösser – bei gestoppten 232 km/h Spitze, 1979 im Test mit dem Peiseler-Rad ermittelt, zöge sie der Fahrtwind wohl aus der Verankerung, gäbe es nur ein Schloss.

Dass der im betont unauffälligen Grau-Metallic lackierte Nordstadt-Golf 70 Kilogramm mehr wiegt und trotz deutlich vergrößerter Stirnfläche 2 km/h schneller ist als ein serienmäßiger 928, stellt dessen Aerodynamik kein gutes Zeugnis aus. Tatsächlich beweisen spätere Versuche im VW-Windkanal, dass der Golf 928 einen besseren cW-Wert als der Porsche 928 hat. Den Spoiler an der Front, auf den der 928 noch warten muss, besitzt der Nordstadt-Golf bereits 1979.

Dafür ist er beinahe unwirklich teuer. 6000 Mark hat allein die Form der Frontscheibe gekostet. Nach anfänglich vornehmer Zurückhaltung wird der Preis für den Golf 928 mit 150.000 Mark angegeben. Dafür gibt es ein Jahr später bei Porsche zwei neue 928 S mit 300 PS starkem 4,7-Liter-V8! Den Umbau zum über 260 km/h schnellen 928 Shooting Brake bietet Artz ein paar Jahre später für vergleichsweise günstige 30.000 Mark an.

Wundert es also, dass nur zwei Exemplare entstanden? Das zweite Auto mit der Technik des weiterentwickelten 928 S – früher grün, dann grau, heute schwarz lackiert – kaufte der reiche Bremer Holzhändler Louis Krages. Unter dem Pseudonym John Winter siegte Privatfahrer Krages 1985 mit dem Ioest-Team auf Porsche 956 in Le Mans. Ein anspruchsvoller 300-PS-Golf passte da ins Bild.

Artz Golf 928

Motor: wassergekühlter ohc-V8-Motor Typ M28/01
Zylinder: 8
Bohrung x Hub: 95,0 x 78,9 mm
Hubraum: 4474 ccm
Leistung: 177 kW (240 PS) bei 5500/min
Drehmoment: 350 Nm bei 3600/min
Verdichtung: 8,5: 1
Gemischaufbereitung: Bosch K-Jetronic
Kraftübertragung: Hinterradantrieb
Getriebe: Porsche-Fünfganggetriebe Typ G28/03
Karosserie: selbsttragende Coupé-Karosserie aus Stahlblech
Fahrwerk: Einzelradaufhängung, Doppel-Querlenker, Schraubenfedern mit Stabilisator (vorn), Doppel-Querlenker, Längsschubstreben, Schraubenfedern mit Stabilisator (hinten)
Bremsen: innenbelüftete Scheiben rundum
Radstand: 2500 mm
Spur: 1540 mm (vorn), 1500 mm (hinten)
L x B x H: 4025 x 1820 x 1420 mm
Räder/Reifen: 7 J x 16 mit 225/50 VR 16
Leergewicht: 1520 kg
Zul. Gesamtgewicht: k. A.
Höchstgeschwindigkeit: 232 km/h
Beschleunigung 0‒100 km/h: 7,6 s
Tankinhalt: 86 l
Stückzahl: 2
Bauzeit: 1979‒1980
Preis: 150.000 Mark


NACH ANFÄNGLICH VORNEHMER ZURÜCKHALTUNG WIRD DER PREIS FÜR DEN GOLF 928 MIT 150.000 MARK ANGEGEBEN. DAFÜR GIBT ES ZWEI NEUE 928 S!


ÄUSSERLICH EIN GOLF, KLAR! ABER SO BREIT?

Dieser Golf 928 Nummer 2, eine Zeit lang Günter Artz’ Alltagsauto, gehört heute einem Sammler in Rheinland- Pfalz, Nummer 1 steht wieder beim zweiten Erstbesitzer – 1981 verkaufte Nordstadt das Auto, über 30 Jahre später kehrte es zum Käufer zurück.


ARTZ GOLF NUMMER 1 STEHT WIEDER BEIM ZWEITEN ERSTBESITZER – 1981 VERKAUFTE NORDSTADT DAS AUTO, ÜBER 30 JAHRE SPÄTER KEHRTE ES ZUM KÄUFER ZURÜCK.


Statt Grau trägt der Wagen Schwarz, das Erscheinungsbild ist für unvorbereitete Betrachter verwirrend: Hier steht ein Golf, der aber irgendwie anders ist. Natürlich ist er breiter als ein zarter Golf I, aber er sieht diesem eben verdammt ähnlich. Wie groß muss die Konfusion bei anderen Verkehrsteilnehmern gewesen sein, wenn sich der muskulöse Kompaktwagen mit mehr als 200 Sachen auf der linken Spur seinen Weg bahnte!

Innen ist der Artz Golf ganz 928. Cockpit, Türverkleidungen und die bequemen Sessel der ersten Reihe wurden übernommen, auch die Rücksitzanlage fand ihren Platz. Bei umgelegten Lehnen entsteht hinten ein wirklich großer Laderaum.

Für das Fahren gilt das Gleiche. Das hier ist ein 928! Mit rauchiger Note legt sich der 240 PS starke V8 ins Zeug, das Schaltgetriebe verschiebt den Charakter in Richtung Sportwagen – erstaunlich, wie agil und stark das Ganze auch nach über 40 Jahren noch wirkt. Die Sitzposition ist jedoch eine ganz andere. Anstatt sportlich weit unten sitzen Fahrer und Beifahrer deutlich erhöht, mehr auf als im Auto. Das ist betont komfortabel und sorgt im Zusammenspiel mit dem unverstellten Blick auf alle vier Ecken der Karosserie für eine erstaunliche, weil dem Original-Entwurf des 928 völlig abgehende Übersichtlichkeit. Mehr Platz auf allen Plätzen gibt es auch – praktischer war ein VW-Porsche nie.

DER BESITZER – DINO PANNHORST

Für Dino Pannhorst (40) ist der Artz Golf ein Begleiter aus frühesten Kindheitstagen, für Vater Rainer war er ein ausgefallenes, aber auf den ersten Blick kaum auffälliges Zeichen des Erfolgs. 1979 hatte Pannhorst sen. ein Unternehmen für Papierentsorgung gegründet, 1981 kaufte er beim Autohaus Nordstadt in Hannover den ersten von zwei 928 im Golf-Kleid – erstmals zugelassen am 9. April 1979 und mittlerweile ein durch Artikel in auto, motor + sport sowie Road & Track weltberühmter Gebrauchtwagen. Auf das Kennzeichen H-PH 202 folgten GT-PR 7 und eine lange Reise durch die Hände von Liebhabern exotischer Fahrzeuge. Mehr als 30 Jahre später veröffentlichte Dino Pannhorst (www.pannhorst-classics.de) alte Bilder des Artz Golf bei Instagram und kam so in Kontakt mit dem aktuellen Besitzer aus Hamburg. Heute gehört der 928 im Golf-Kleid wieder zur Familie.


Fotos: Roman Rätzke